Die Serie The Sopranos ist zum einen eine Familienserie, zeigt aber auch realistische Mafiastrukturen und psychoanalytische Ansätze. Immer wieder gelangt man beim Schauen in ein „moral never-never land“, da man einerseits mit Mafiaboss Tony Soprano sympathisiert, obwohl er andererseits im Grunde unmenschliche und äußerst gewalttätige Dinge ausführt oder ausführen lässt.
Dass eine Identifikation mit der Figur so gut möglich ist, liegt zum einen an der Erzählstruktur der Serie – wir als Zuschauer kennen Tony besser als jeden anderen –, zum anderen aber auch an der Darstellungsweise der Gewalttaten. Meist sind es „anonyme“ Morde und über die Opfer wird nicht weiter berichtet. Oftmals wirkt die Gewalt auch absurd komisch. Durch die ironisierte Darstellung der Gewalt und die unpassenden Musikuntermalung wird eine ästhetische Distanz aufgebaut und somit die Gewalt abgeschwächt. Solche Inszenierungen entstehen in fast jeder Episode, um die Brutalität abzuschwächen.
Andererseits gibt es auch sehr konkret gezeigte Morde, insbesondere die von Tony selbst ausgeführten, die auch trotz etwaiger abschwächender Maßnahmen nicht so einfach „verdaut“ werden können. Beispiele hierfür wären die Szenen in „College“, als Tony Fabian Petrulio erdrosselt, die Erschießung von „Big Pussy“ in „Funhouse“ oder auch der Mord an Christophers Angreifer in „From Where To Eternity“. In der Episode „Employee Of The Month“ hingegen hofft der Zuschauer quasi , Dr. Melfi würde Tony den Vergewaltiger ausliefern. Die entstandene und nicht ausgeführte „Blutlust“ wird in der darauf folgenden, brutalen Episode wieder relativiert.
Gewalt an sich ist omnipräsent in dieser Serie. Von daher ist es schwierig, die Thematik einzugrenzen. Diese Arbeit wird vor allem von dem Charakter Tony und dessen Hang zur Gewalt handeln. Verschiedene Blickwinkel auf die Gewaltdarstellung sollen in der Hausarbeit – beschränkt auf die ersten drei Staffeln – diskutiert werden. Gibt es Probleme beim moralischen Verständnis des Charakters Tony durch die verschiedenen Darstellungsformen oder wird es eher gefestigt?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Formen der Gewaltdarstellung in der Serie
2.1 „Pilot“: Die distanzierte Gewalt
3. Mafia versus Familie: Gewaltdarstellungen als Spiegelbild von Tony Sopranos Ambivalenz
3.1 „College“: Die Kollision von Mafia und Familie
3.2 „Funhouse“: Ein alter Freund muss gehen
3.3 „From Where To Eternity“: Das „moral never-never land“
4. Retter in der Not versus Rassist : Die Infragestellung von Tony Sopranos Moral
4.1 „Employee of the Month“ und „Another Toothpick“ : Ehre und Rache als Rechtfertigung der Gewalt
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ambivalente Darstellung von Gewalt in der US-amerikanischen Erfolgsserie „The Sopranos“. Dabei fokussiert sie sich primär auf die Figur des Protagonisten Tony Soprano und analysiert, wie die Serie zwischen der Identifikation mit ihm als Familienvater und der Distanzierung durch seine Rolle als Mafiaboss und Mörder oszilliert, um ein komplexes moralisches Spannungsfeld für den Zuschauer zu erzeugen.
- Analyse der verschiedenen Formen von Gewaltinszenierungen (ironisiert vs. erschreckend)
- Untersuchung des Konflikts zwischen Mafiastrukturen und dem Privatleben der Familie
- Evaluation der Zuschaueridentifikation mit einem moralisch fragwürdigen Protagonisten
- Betrachtung der psychologischen Dimensionen und der Rolle des Glaubens
Auszug aus dem Buch
3.1 „College“ (1.05): Die Kollision von Mafia und Familie
Tony fährt mit seiner Tochter Meadow nach Maine, um zukünftige Colleges anzuschauen. Schon gleich zu Beginn ist Meadow neugierig und fragt ihren Vater nach seiner sehr begrenzten College-Vergangenheit und warum er das nie in Betracht gezogen hat. Diese Folge ist auch insofern interessant, da sie sehr viel Screentime von Vater und Tochter zeigt, was sonst kaum und nicht in dieser Intensität der Fall ist. Meadow ahnt, dass ihr Vater nicht wie andere normale Väter ist. Deutlich wird dies im Gespräch im Auto, wo sie ihn abrupt und direkt fragt, ob er in der Mafia wäre. Offenbar hat es noch nie vorher die Gelegenheit gegeben, ungestört zu fragen ohne dass Tony ausweichen kann. Er streitet zunächst alles ab, redet von seinem Job im „waste management“, gibt aber auch zu, er verdiene ein wenig mit „gambling“ und „stocks“ dazu. Überhaupt scheint er sehr überrumpelt zu sein und keinen genauen Gedanken zu fassen. Meadow scheint ihrem Blick nach zu urteilen nicht überzeugt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Facetten der Serie ein und thematisiert das moralische Dilemma der Zuschauer, die sowohl Sympathie für Tony Soprano empfinden als auch von seiner gewalttätigen Natur abgestoßen werden.
2. Die Formen der Gewaltdarstellung in der Serie: Dieses Kapitel erläutert, wie sich die Serie durch die Entidealisierung des Gangster-Mythos auszeichnet und den Zuschauer durch wechselnde, teils ironisierte Gewaltdarstellungen herausfordert.
2.1 „Pilot“: Die distanzierte Gewalt: Am Beispiel der Pilotfolge wird aufgezeigt, wie durch spezifische Erzählweisen und ästhetische Distanz die Gewalt in der Serie zunächst abgemildert oder ironisiert wird.
3. Mafia versus Familie: Gewaltdarstellungen als Spiegelbild von Tony Sopranos Ambivalenz: Hier wird der zentrale Konflikt zwischen der familiären Rolle Tony Sopranos und seiner kriminellen Tätigkeit beleuchtet, die das moralische Zentrum der Serie bildet.
3.1 „College“: Die Kollision von Mafia und Familie: Das Kapitel analysiert, wie die Reise mit der Tochter Meadow den Kontrast zwischen Tonys Wunsch nach einem normalen Familienleben und der brutalen Realität der Mafia verdeutlicht.
3.2 „Funhouse“: Ein alter Freund muss gehen: Diese Analyse widmet sich dem Verrat und der Hinrichtung von Pussy Bonpensiero und zeigt, wie schwer es Tony fällt, den strengen Ehrenkodex der Mafia gegen einen Freund auszuüben.
3.3 „From Where To Eternity“: Das „moral never-never land“: Es wird untersucht, wie die Rolle der Religion und der Glaube nach dem Tod von Christopher Moltisanti eine neue Ebene in das Verständnis der familiären Verhältnisse einbringen.
4. Retter in der Not versus Rassist : Die Infragestellung von Tony Sopranos Moral: Dieses Kapitel hinterfragt die moralische Integrität Tonys, indem es seine Machtausübung jenseits der direkten Gewaltanwendung betrachtet.
4.1 „Employee of the Month“ und „Another Toothpick“ : Ehre und Rache als Rechtfertigung der Gewalt: Anhand dieser Episoden wird diskutiert, wie Rachegelüste und Rassismus das Bild des „sympathischen Monsters“ Tony Soprano nachhaltig erschüttern.
5. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Unmöglichkeit einer einfachen moralischen Einordnung von Tony Soprano und unterstreicht die Einzigartigkeit der Serie durch diese bewusste moralische Ambivalenz.
Schlüsselwörter
The Sopranos, Tony Soprano, Gewaltdarstellung, Mafia, Familienserie, Moral, Ambivalenz, Identifikation, College, Funhouse, Religion, Rache, Ethik, Charakterstudie, Fernsehserie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit analysiert die ambivalente Darstellung von Gewalt in den ersten drei Staffeln der Serie „The Sopranos“ und untersucht, wie der Protagonist Tony Soprano als Mafiaboss und Familienvater gleichzeitig Sympathie und Abscheu beim Zuschauer hervorruft.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Analyse?
Zentral sind die Wechselwirkungen zwischen dem Mafia-Milieu und dem Familienleben, die psychologische Tiefe des Charakters Tony Soprano, die unterschiedlichen Inszenierungsformen von Gewalt sowie der moralische Zwiespalt des Zuschauers.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die Komplexität und moralische Ambivalenz der Hauptfigur Tony Soprano zu ergründen und aufzuzeigen, wie die Serie es schafft, den Zuschauer trotz der gezeigten Grausamkeiten zur Identifikation mit dem Protagonisten einzuladen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine medienwissenschaftliche Analyse, die verschiedene Episoden der Serie als Fallbeispiele nutzt, um theoretische Konzepte der Gewalt- und Charakterdarstellung auf die Serie anzuwenden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Gewaltformen, den Kontrast zwischen Mafia-Kodex und Familienleben sowie die Infragestellung der Moral des Protagonisten, illustriert anhand konkreter Episoden wie „College“, „Funhouse“ und „Employee of the Month“.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind die „moralische Ambivalenz“, die Identifikation mit dem Anti-Helden, die Verknüpfung von Mafia-Kodex (Omertà) und familiärer Identität sowie die ironische versus schockierende Gewaltdarstellung.
Wie geht die Serie mit der Identifikation des Zuschauers mit einem Mörder um?
Die Serie manipuliert die Identifikation, indem sie Tonys „menschliche“ Seite als Familienvater und Leidender zeigt, während sie gleichzeitig schockierende, gewalttätige Taten inszeniert, die den Zuschauer zwingen, seine eigene moralische Position zum Protagonisten ständig neu zu hinterfragen.
Welche besondere Rolle spielt die Folge „Employee of the Month“ für das Verständnis der Arbeit?
Diese Episode ist entscheidend, da hier eine zivile Figur, Dr. Melfi, zur zentralen Leidtragenden wird. Ihre Entscheidung, Tony Soprano nicht als „Rächer“ einzusetzen, verdeutlicht die Grenze zwischen ziviler Moral und dem gewalttätigen Machtapparat der Mafia.
- Arbeit zitieren
- Marina Küffner (Autor:in), 2009, Soldier, Mobster, Familyman. Tony Soprano in den Fängen der Gewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454831