Ethnopolitik in Indonesien. Bildung einer Nation und das Pancasila Prinzip


Hausarbeit, 2012
9 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Indonesien – ein multiethnischer und multireligiöser Staat

3 Bildung der indonesischen Nation
3.1 Integration der ethnischen Gruppen
3.2 Politische Hintergründe der Bildung einer nationalen Einheit
3.3 Das Pancasila Prinzip als Staatsideologie

4 Fazit

Literaturliste

1 Einleitung

Was bewegt verschiedene Völker mit einer unterschiedlichen Geschichte und Kultur dazu, sich zu vereinen? Was genau sind die Hintergründe und die Hindernisse auf dem Weg zu einer Einheit und einer Nation? In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit der Ethnopolitik Indonesiens unter dem Schwerpunkt der Bildung der indonesischen Nation nach der jahrhundertelangen Herrschaft der niederländischen Kolonialmacht, sowie mit dem Pancasila Prinzip als nationale Ideologie des neuen Staates. Doch was genau ist Ethnopolitik? Es kann als Politik von einem Staat gegenüber seiner Bevölkerung, Eingeborenen als auch Minderheiten oder Migranten im eigenen Land gesehen werden. Weshalb sich ausgerechnet Indonesien sehr gut für die Erforschung dieses Gebiets eignet, will ich in dieser Arbeit darstellen und auch einige Zahlen in Statistiken leichter verständlich machen. Zunächst möchte ich einen Einblick in die ethnische und religiöse Vielfalt Indonesiens geben. Dann behandle ich die Politik Indonesiens zur Zeit der Bildung des indonesischen Nationalstaates und erläutere die auftretenden Schwierigkeiten dieser gewaltigen Aufgabe. Zum Schluss beschäftige ich mich mit der Pancasila als einheits-tragendem Element der indonesischen Politik, welches bis zum heutigen Tag in Kraft ist. Im Fazit lege ich noch einige eigene Überlegungen zu diesem Thema dar.

2 Indonesien – ein multiethnischer und multireligiöser Staat

Indonesien ist kein homogener Staat. Seine Vielfalt erklärt sich schon bei der Betrachtung der geographischen Gegebenheiten der Region. Das Staatsgebiet umfasst 17.508 Inseln, welche sich über 5.400 km von West nach Ost erstrecken. Die demographischen und die ökonomischen Ungleichgewichte zwischen den einzelnen Regionen sind gewaltig und bestimmen auch die nationale Politik. Die nationale Einheit zu erhalten, ist damit die höchste Priorität der indonesischen Politik. Die inneren Inseln Java, Bali, Madura sind dicht besiedelt, die äußeren Inseln dagegen teilweise fast menschenleer. Diese Unterschiede spiegeln sich auch im Bruttosozialprodukt der verschiedenen Landesteile. So erscheint Indonesien als Land mit einem weit entwickeltem, ökonomisch starkem Zentrum und unterentwickelten, dünn besiedelten äußeren Gebieten (Schmitz 2003: 39). Wissenschaftler sind sich einig, dass es mindestens 300 verschiedene ethnische Gruppen gibt, das indonesische Außenministerium nennt 583 verschiedene Dialekte und Sprachen. Die Anzahl der Sprecher verteilt sich ungleichmäßig auf die Ethnien. Es gibt 100 Mio. Javaner, auf den Außeninseln gibt es lediglich kleine Sprachgemeinschaften mit nur einigen Hundert Sprechern. Javaner machen 45 Prozent der gesamten Bevölkerung aus, darauf folgen Sundanesen mit 14 Prozent, Maduresen mit 7,5 Prozent, „Küstenmalaien“ mit 7,5 Prozent und andere Sprachgruppen mit 26 Prozent (Schmitz 2003: 40). All diese Sprachgemeinschaften sind getrennt durch große geographische Entfernungen, ihre Kultur und Sprache und ihren Entwicklungsstand und gleichzeitig vereint im indonesischen Staat (Schmitz 2003: 40-41). Eine Ethnie ist laut Schmitz eine soziale Gruppe, zu deren geteilten Merkmalen „Abstammung, Sprache Geschichte, Religion, Kultur“ gehören. „Die Mitglieder einer Ethnie glauben im Allgemeinen an eine gemeinsame Abstammung und Geschichte, die erklärt, warum sie sich kulturell von anderen Gruppen unterscheiden“. (2003: 27), „ethnische Identität ist also die Folge sozialer Interaktionen zwischen Gruppen. Daraus folgt: Ethnische Identitäten können sich verändern, sie sind wandel- und formbar“. (2003: 29). Der Islam umfasst mit 87,5 Prozent den größten Anteil der Bevölkerung, darauf folgt mit 7,4 Prozent das Christentum, mit zwei Prozent der Hinduismus, 0,9 Prozent gehören dem Buddhismus an, 0,8 Prozent dem Konfuzianismus und 1,4 Prozent einer anderen Religion. Damit ist Indonesien der größte muslimische Staat der Welt. Dennoch ist es keine islamische Nation, da die nationale Identität nicht auf der Religion gründet. Die Muslime bilden keinen einheitlichen Block, da die Formen des Islam sich zu stark voneinander unterscheiden (Schmitz 2003: 45). Die Aufgabe des indonesischen Staatsoberhauptes ist es folglich, eine Nation aus dieser multiethnischen und multireligiösen Gesellschaft zu formen (Suryadinata 1998: 69).

3 Bildung der indonesischen Nation

3.1 Integration der ethnischen Gruppen

Die nationale Integration der ethnischen Gruppen ist angesichts der gewaltigen Unterschiede zwischen den Regionen eine Überlebensfrage für den Indonesischen Staat, Verfassungsauftrag und Leitmotiv der Politik (Schmitz 2003: 45). Sie muss sich auf ökonomischem, sozialem, kulturellem und politischem Gebiet vollziehen. Die kulturelle Integration beabsichtigt eine Homogenisierung, d.h. Angleichung der Kulturen mit dem Ergebnis einer nationalen, anstatt einer ethnischen Identität (Schmitz 2003: 22-23). Größtes Hindernis der Herausbildung einer Nation wären zu starke Bindungen und Loyalitäten an die ethnische Gemeinschaft. Es entsteht somit ein Konflikt zwischen Tradition, d.h. die Zugehörigkeit zu einem Stamm, und der Moderne, d.h. der Nation. Es gilt ethnische Konflikte und Abspaltungen von Regionen zu verhindern, um den Erhalt der Nation zu gewährleisten. Staatliche Integrationspolitik weckt paradoxerweise in vielen Fällen erstmals ein ausgeprägtes ethnisches Bewusstsein und gefährdet somit die nationale Einheit (Schmitz 2003: 25-26). Die indonesischen Politiker sahen die Nation als Modernität und Fortschritt und „Ethnizität“ als Tradition und Rückschritt. Die ökonomischen und technischen Entwicklungen sollten sich auf die Einheit stützen (Schmitz 2003: 48).

3.2 Politische Hintergründe der Bildung einer nationalen Einheit

Die revolutionäre Phase von 1945 bis 1949 prägte die indonesische Politik bis Mitte der 60er Jahre. Die Ursachen lassen sich noch bis zur niederländischen Kolonialherrschaft zurückverfolgen. Hinzu kam eine seit dem 20. Jahrhundert wachsende nationale Bewegung, welche schließlich in der staatlichen Unabhängigkeitserklärung vom 17.08.1945 ihren Höhepunkt fand. Starker Nationalismus und der Wille zur Unabhängigkeit waren der Grund hinter dem langjährigen Kampf um deren Verteidigung. Auseinandersetzungen mit der niederländischen Kolonialmacht und die Anstrengungen das vorherrschende System zu beseitigen trugen zum Herausbilden eines Zusammengehörigkeitsgefühls und dem Verlangen nach einem Einheitsstaat bei (Wessel 1996: 35). Bedeutsamer für die indonesische Identität ist nach indonesischer Ansicht weniger die Herrschaft der niederländischen Kolonialmacht, als vielmehr der Kampf gegen sie. In der Verfassung von 1945, Artikel 32, ist die Entwicklung einer nationalen Kultur als Aufgabe der Regierung festgeschrieben und gilt bis in den heutigen Tag (Schmitz 2003: 42-43). Bhineka tunggal ika, Einheit in der Vielfalt, war das neue Motto des indonesischen Staates (Schmitz 2003: 41). Im Mai bis August 1945 gab es Auseinandersetzungen zwischen Nationalisten, welche einen säkularen, d.h. weltlichen Staat anstrebten und den Muslimen, die einen Islamstaat gründen wollten. Daraus entstand ein historischer Kompromiss, welcher sich im ersten Prinzip der Staatsideologie der Pancasila ausdrückte. Die Formulierung des Glaubens an einen einzigen Gott gibt keiner Religion den Vorrang. Die neue Verfassung und die Pancasila bildeten damit wichtige ideologische Grundlagen, mit denen das Zusammenleben der unterschiedlichen Gruppen ermöglicht werden sollte. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass 1945 bis 1965 die Herausbildung der indonesischen Nation im Vordergrund stand. Fast jede Bevölkerungsschicht nahm daran teil, elitäre und unterprivilegierte Schichten, Mehrheiten und Minderheiten. Und obwohl Krisen durch die Glaubens- und Interessensgegensätze entstanden und sogar zum Bürgerkrieg führten, fiel der neue Einheitsstaat nicht auseinander. Das Feindbild des niederländischen Kolonialismus war eine große Motivation für den Aufbau und Zusammenhalt der Einheit (Wessel 1996: 35). Wichtigste Kanäle für die Verbreitung der nationalen Kultur waren und sind die Massenmedien und das Bildungssystem. Oftmals erheben sich Vorwürfe gegen eine Javanisierung der Kultur, da die javanische Kultur eine besonders ausgeprägte Rolle in der indonesischen Politik und somit in der Konstruktion der nationalen Kultur einnimmt. Javanisierung bezeichnet „einen Prozess, durch den javanische kulturelle Normen zu nationalen Normen gemacht werden“, aber auch die „Dominanz von Javanern in wichtigen Posten in Politik und Verwaltung“. Sicher ist, „dass Java das kulturelle, politische und wirtschaftliche Herz der indonesischen Nation ist“. (Schmitz 2003: 43). Die javanische Dominanz innerhalb der entscheidungs-fällenden Elite betrug während der Revolutionsperiode 50 Prozent (Brown 1994: 128). 1978 bildeten die Javaner bereits 80 Prozent der Militärelite. 14 von 15 der regionalen und territorialen Befehlshaber der äußeren Inseln waren Javaner (Brown 1994: 129). Manchmal als Beweis für politische Ungerechtigkeit gewertet, sollte es eher als direktes Ergebnis der einseitigen, durch ethnische Bevorzugung gezeichneten Ausrichtung der indonesischen Politik der damaligen Zeit gesehen werden (Brown 1994: 128). Eine negative Konsequenz des Kampfes um die Einheit war, dass der Erhalt des Einheitsstaates als Instrument gegen politischen Gegner missbraucht wurde, deren Aktivitäten jederzeit als Einheit gefährdende Handlungen gewertet werden konnten. Der Einheitsstaat war damit nicht immer nur das Ergebnis freier Willensentscheidung. Die Streitkräfte waren als „Geburtshelfer und Verteidiger“ des neuen Staates zu einer politischen Zentralfigur aufgestiegen. Diese Sonderrolle des Militärs prägte neben der Ideologie der Pancasila die Zeit bis 1965 (Wessel 1996: 36). Nachdem ein gescheiterter Putschversuch 1965 das Ende der Herrschaft Präsident Sukarnos einläutete, wurde Suharto schließlich am 21.03.1968 zum Präsidenten der Republik gewählt (Schmitz 2003: 157). Das neue autoritäre Regime, orde baru (Neue Ordnung) unter Indonesiens neuem Präsident Suharto, gestützt auf Militär und Bürokratie, hatte als oberste Priorität die politische Stabilität und wirtschaftliches Wachstum. Die Entwicklung war der zentrale Beweg- und Legitimationsgrund (Schmitz 2003: 46-47).

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Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Ethnopolitik in Indonesien. Bildung einer Nation und das Pancasila Prinzip
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Orient- und Asienwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
9
Katalognummer
V454924
ISBN (eBook)
9783668866140
ISBN (Buch)
9783668866157
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ethnopolitik, indonesien, bildung, nation, pancasila, prinzip
Arbeit zitieren
Lidia Tyurina (Autor), 2012, Ethnopolitik in Indonesien. Bildung einer Nation und das Pancasila Prinzip, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454924

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