Die Bedeutung transgenerativer Weitergabe von Traumata für das Bindungsverhalten von Kindern


Bachelorarbeit, 2017

64 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Definition Traumata
2.1 4 Traumaerfahrungen nach Franz Ruppert
2.1.1 Existenztrauma
2.1.1.1 Exkurs: Existenztraumata und ihre Wirkungen in folgende Generationen
2.1.2 Verlusttrauma
2.1.2.1 Exkurs: Verlusttraumata und ihre Wirkungen in folgende Generationen
2.1.3 Bindungstrauma
2.1.3.1 Exkurs: Bindungstraumata und ihre Wirkung in folgende Generationen
2.1.4 Bindungssystemtrauma
2.1.4.1 Exkurs: Bindungssystemtraumata und ihre Wirkung in folgende Generationen
2.2 Besonderheiten bei Kindern

3. Transgenerative Weitergabe
3.1 Definition Generation
3.1.1 Die Mehrgenerationenperspektive
3.2 Leiden ohne zu wissen warum
3.2.1 Erschwerende Faktoren und Abmildernde Faktoren
3.3 Transgeneralität in der Bindungstheorie

4. Was ist Bindung?
4.1 Das Konzept der Feinfühligkeit
4.2 Beschreibung der Muster nach J. Bowlby und M. Ainsworth
4.2.1 Die sichere Bindung
4.2.2 Die unsicher-vermeidende Bindung
4.2.3 Die unsicher-ambivalente Bindung
4.2.4 Die desorganisierte Bindung
4.3 Bindung und Trauma
4.3.1 Bindungsstörungen

5. Den Teufelskreis durchbrechen
5.1 Zusammenhänge und Lösungswege
5.1.1 Ursachen und Symptome der trangenerativen Traumaübertragung nach Baer und Frick-Baer
5.1.1.1 Das Posttraumatische Stresssyndrom
5.2 Die Verarbeitung der transgenerativen Traumata
5.2.1 Therapie von traumatischen Bindungsverhalten und Traumata allgemein
5.3 Bindungstherapeutisches Vorgehen bei Kindern und Erwachsenen
5.4 Traumapädagogik für Kinder

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der transgenerativen Weitergabe oder Übertragung von Traumata. Wie verhalten sich Kinder traumatisierter Menschen, wenn es um Bindung oder Beziehungsaufbau geht? Wie verhalten sich die Eltern, die ein Trauma erlitten? Gibt es einen Zusammenhang innerhalb der Generationen? Kann man das, was die Großmutter als Kind erlebt hat, heutzutage noch in sich tragen? Es gibt einige Studien über das erlittene Trauma des Holocaust einer ganzen Generation und spätere Berichte ihrer Kinder. Diese durchlitten einige Erfahrungen diffus nochmal. Entweder durch Erzählungen der Eltern oder auch durch Schweigen und Verdrängung. Jedoch lagen trotzdem unausgesprochene Emotionen im Raum.

Zu Beginn möchte ich die Begrifflichkeit Traumata erläutern und verschiedene Arten von Traumata vorstellen. Hierbei möchte ich einige Fallbeispiele zur Veranschaulichung mit einbringen. Wie und wann setzt sich ein Trauma bei einem Menschen fest? Funktioniert dies immer auf die gleiche Art? Oder liegt es an der individuellen Traumaverarbeitung eines jeden Einzelnen.

Des Weiteren soll der Begriff transgenerative Weitergabe definiert werden. Was sind eigentlich Generationen und wie kommt es unter den Generationen zu diesem unerklärlichen Transfer des Verhaltens, oder der unausgesprochenen Emotionen Ist dies alles nur Vererbung? Wie jedoch vererbt man ein erlebtes Trauma? Durch Erzählungen an die Kinder und Kindeskinder?

Das Zusammenspiel, erfahrenes Trauma und das daraus resultierende, vielleicht unbewusste Verhalten der Bindungspersonen, steht damit im Vordergrund. Ich möchte herausfinden, wie genau die Weitergabe funktioniert und ob es Möglichkeiten gibt, die Weitergabe abzumildern. Welche Faktoren könnten hier eine Rolle spielen? Gibt es Möglichkeiten, bewusst Verhaltensweisen, welche durch eventuelle Traumata entstehen, zu regulieren oder zu steuern?

Kann man dadurch Einfluss auf die Bindung zu seinem Nachwuchs nehmen? Wie kann Generationen von Menschen geholfen werden, diesen Kreislauf der Übertragung zu unterbrechen, denn oft verdrängen diese ein erlebtes Trauma.

2. Definition Traumata

Laut Baer bedeutet Trauma so viel wie Wunde und stammt aus dem Altgriechischen. Es wurde als medizinische Begrifflichkeit für schwere körperliche Verletzung mit schockartigen Folgen eingeführt. In der Psychologie und Psychotherapie erweiterte man Traumata schließlich als schwere seelische Verletzung.1 Traumatisierte Menschen haben etwas verloren: Träume, Hoffnungen, Angehörige, Heimat oder Selbstverständlichkeit im Leben. Übersetzen kann man den Begriff somit mit seelischer Verletzung aus verschiedensten Gründen.

War das Trauma ursprünglich nur ein Produkt mechanischer Gewalteinwirkungen, versteht man heute in der Bevölkerung darunter eher eine „Erschütterung des seelischen Gleichgewichts“. In der Vergangenheit wurden zum Beispiel Kriegsheimkehrer nur auf körperliche Folgen ihres Einsatzes untersucht. Heute gilt die Aufmerksamkeit ebenso den psychischen Überresten, ihrer Erlebnisse oder Kriegstaten. Freud umschreibt die Begrifflichkeit „Trauma“ als ein Erlebnis, dass der Seele innerhalb kurzer Zeit einen sehr großen Zuwachs an Reizen bringt. Die Aufarbeitung missglückt häufig in normal gewohnter Weise.2 „Hinsichtlich der psychoanalytischen Definition des Begriffs Trauma – zumindest soweit er im Sinne des sogenannten Stress- oder Schocktraumas bei Erwachsenen verstanden wird – herrscht erstaunliche Übereinstimmung. Ein Stresstrauma ist ein äußeres Ereignis, das die

Reizschranke des Ich durchbricht und die autonomen, integrativen, adaptiven Abwehrfunktionen des Ich außer Kraft setzt.“3

Ein Trauma ist ebenso ein Prozess des Erlebens und der Beziehungen. Baer beschreibt Trauma als leiblichen Prozess, welcher sich als Erlebensprozess auch biologisch-neuronal im Gehirn vollzieht. Wird eine Information als existenziell bedrohlich eingestuft, tritt ein Notfallprogramm ein. Das Überleben des Menschen wird von einem Mechanismus im Gehirn gesteuert, welcher solche Situationen individuell einschätzt. Die Amygdala, ein neuronales Teilsystem, überprüft die eingehenden Gefahren als potenzielle Bedrohung oder eben nicht. Früher wäre z.B. das Brüllen eines Säbelzahntigers eindeutig als existenzielle Bedrohung eingestuft worden. Unser vegetatives Nervensystem alarmiert den Alarm-Stress-Modus, um entweder gegen den Säbelzahntiger zu kämpfen, oder zu fliehen.4 Es gibt etliche Traumaarten mit verschiedenen emotionalen Kernhintergründen und Konflikten, welche in den folgenden Punkten erläutert werden sollen.

Bei den meisten traumatischen Ereignissen, gibt es laut Baer, kaum Möglichkeiten sich zu wehren oder zu handeln. Sie haben alle ein gleiches Merkmal: Ohnmachtsgefühle und Hilflosigkeit. Deswegen bleiben viele Opfer in ihrer Ohnmacht erstarrt. Diese Anspannung oder Erregung kann sich somit nicht abbauen.5

Diese Reaktion und somit auch ein Trauma, erleiden auch Menschen, welche nicht unmittelbar betroffen sind, sondern das Trauma diffus durch Bindungspersonen erfahren. Dies entspricht der trangenerativen Weitergabe von Traumata. Was dies genau bedeutet, wird in den nächsten Punkten erläutert. Außerdem möchte ich versuchen, einen Zusammenhang zwischen Bindungsaspekten und übertragenden Traumata, darzulegen.

2. 1 Vier Traumaerfahrungen nach Franz Ruppert

Ruppert beschreibt, dass es aus seiner Sicht keine psychischen Erkrankungen gibt, denen nicht ein psychisches Trauma zugrunde liegt. Er unterscheidet psychische Traumata in seiner praktischen Arbeit nach unterschiedlichen Ursachen, die unterschiedliche Strategien der Bewältigung und Symptome mit sich ziehen. Jede Traumaart benötigt somit auch eine spezielle, therapeutische Behandlung. Die Klassifikation beruft sich bei Ruppert auf: Existenztraumata, Verlusttraumata, Bindungstraumata und Bindungssystemtraumata. Er erklärt ebenso, dass die Erfahrung eines Traumas, Menschen in eine konfliktreiche Lage bringt. Was er auch unternimmt, es gelingt dem Betroffenen oft nicht mehr, seine sozialen und familiären Beziehungen angemessen zu gestalten. Stattdessen verstrickt er andere in seine ungelösten Konflikte und verstrickt sich schneller in die Konflikte anderer hinein.6

2.1.1 Existenztrauma

Jedermann weiß, dass die schlimmste Erfahrung, die ein Mensch machen kann, die Berührung mit dem Tod ist, also Todesangst. Man sieht eine Gefahr, oder bemerkt die Ausweglosigkeit einer Situation und kann nichts dagegen tun. Manchmal kann man durch kurze Sekunden der Gefahr, z.B. auf der Autobahn, erahnen, wie es wirklich ist, wenn jetzt das eigene Fahrzeug kollidiert wäre. Schon allein diese Kurzerfahrung, als Anfang einer lebensbedrohlichen Gefahr, fällt einem noch Tage danach immer wieder ins Bewusstsein. Wie extrem ist es dann erst in wirklich lebensbedrohlichen Situationen?

Einige Beispiele für solche lebensbedrohlichen Gefahren sind laut Ruppert unter anderem Naturkatastrophen, wie Erdbeben, Feuer, Wasser, Stürme oder auch Unfälle mit dem Auto, der Bahn, Flugzeug und Schiff. Ebenso

Terroranschläge oder viele verschiedene Todesgefahren und Angriffe auf das eigene Leben in Kriegssituationen.7 Denkt man da zurück an Erzählungen über Bombenangriffe der Großeltern oder Eltern, läuft es einem manchmal kalt den Rücken herunter. Geht hier am Wochenende heutzutage mal ein Probealarm der Feuerwache mit Sirene los, überkommt einen sofort das Gefühl, wie es damals wohl war, wenn die Sirenen kreischten.

Auch in Zeiten des Friedens erleben viele Menschen Existenztraumata, beschreibt Ruppert weiter. Hierbei geht es dann um Überfälle, Entführungen, Vergewaltigungen oder sonstige Gewalttaten, die Todesangst hervorrufen, weil man absolut wehrlos ist. Lebensgefährliche Erkrankungen wie Krebs oder Aids, reichen qualitativ auch an ein Existenztrauma heran, da sie ebenso lebensbedrohlich sind. Eine solche Diagnose versetzt den Menschen in einen Schockzustand. Man ist wie betäubt. In solchen Situationen, macht man die Erfahrung, völlig machtlos über das eigene Leben zu sein. Der emotionale Grundkonflikt, besteht im nicht retten können, nicht wissen wie man handeln kann.8

Die Traumatheorie des Franz Ruppert besagt, dass „ davon auszugehen ist, dass sich in der Existenztrauma-Situation ein Persönlichkeitsanteil ausbildet, der das Trauma erlebt und in sich speichert. Dieser Persönlichkeitsanteil wird nach dem Überleben der Traumasituation ins Unbewusste abgedrängt bzw. vom Rest der Persönlichkeitsstruktur abgespalten, um insgesamt ein Weiterleben zu ermöglichen.“9 Liest man diese Passagen, denkt man an eigene unangenehme oder vielleicht sogar lebensbedrohliche Situationen. Ähnliche Gefahren oder Momente im Leben erinnern sofort an diese Traumata. Auch wenn man das Trauma eventuell verdrängt hat, steigt jedoch ein ungutes Gefühl oder eine Art von Panik in hoch.

[...]


1 Vgl. Baer, Udo u. Frick-Baer, Gabriele: Wie Traumata in die nächste Generation wirken; 4. Auflage 2014; Semnos Verlag; S.18

2 Vgl. Freud, Sigmund: Die Fixierung an das Trauma; das Unbewusste; 1915; in: Berna-Glantz, Rosmarie u. Dreyfus, Peter (Hrsg.) Jahrbuch der Psychoanalyse; Trauma, Konflikt, Deckungserinnerung; Arbeitstagung d. Psychoanalytischen Vereinigungen 4-8. April 1982 in Murten; Stuttgart - Bad Cannstatt: frommann-holzboog 1984, S.13

3 Berna-Glantz, Rosemarie u. Dreyfus, Peter (Hrsg.): Jahrbuch der Psychoanalyse; Trauma, Konflikt, Deckungserinnerung; 1984; S. 102

4 Vgl. FN1; S. 20

5 Vgl. Baer, Udo u. Frick-Baer, Gabriele: Wie Traumata in die nächste Generation wirken; 4. Auflage 2014;SemnosVerlag;S.20

6 Vgl. Ruppert, Franz: Trauma, Bindung und Familienstellen; Klett-Cotta Verlag, Stuttgart: 3. Auflage 2008;S.94

7 Vgl. FN6; S.97

8 Vgl. FN6, S. 97

9 Vgl. FN6, S. 98

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung transgenerativer Weitergabe von Traumata für das Bindungsverhalten von Kindern
Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Abt. Hannover
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
64
Katalognummer
V454938
ISBN (eBook)
9783668877511
ISBN (Buch)
9783668877528
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, weitergabe, traumata, bindungsverhalten, kindern
Arbeit zitieren
Cornelia Eger (Autor), 2017, Die Bedeutung transgenerativer Weitergabe von Traumata für das Bindungsverhalten von Kindern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454938

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