Ausgangs des fünften Kapitels seiner Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis) hat Heidegger einen Teilabschnitt unter dem Titel „Der Zeit-Raum als der Abgrund“ eingeschoben. Dieses fünfte Kapitel korreliert dem Anspruch der Beiträge nach der sogenannten fünften Fügung der Seinsfuge, deren Genese Heidegger seinsgeschichtlich auseinander zu legen trachtet, und es firmiert als Die Gründung. Um die Problematik des Zeit-Raums als Abgrund innerhalb der „Gründung“ als Fügung weiter einzukreisen, so lässt sich mit Seubert mutmaßen, dass die Frage nach dem Zeit-Raum ebenso wie die Frage nach dem Wesen der Wahrheit als „Entfaltungen“1 einer Initialfrage, nämlich „nach dem Dasein in seinem Verhältnis zum geschichtlichen Seinsgeschehen“2 anzugehen sei. In diesem Dreischritt des Fragens organisiert sich Heideggers emphatische Auffassung der Gründung als ein Doppelgeschehen im Ereignis: So sehr es dann einerseits das Seyn ist, das sich in eigendynamischer Bewegung dem Dasein zuwerfend ereignet und dieses Dasein als seinen Grund im Sinne etwa von „Heimstatt“ gründet, so sehr bleibt es dem Dasein aufgegeben, denkerisch- vorbereitend diese Gründungs-Stätte aller erst mitzugründen. Diese interne Doppelung der „Gründung“ hat Heidegger an früher Stelle des gleichnamigen Kapitels klar gestellt:
1. Der Grund gründet, west als Grund (vgl. Wesen der Wahrheit und Zeit-Raum).
2. Dieser gründende Grund wird als solcher erreicht und übernommen.“ 3
Im Zuge der Diskussion des Zeit-Raums als Ab-grund wird nachzuzeichnen sein, welche Figur der Einheit sich dieser doppelten Grundgebung verbindet.
Inhaltsverzeichnis
O.) Hinführung zum Problem des „Zeit-Raums als Ab-grund“ in Heideggers Beiträgen zur Philosophie (Vom Ereignis)
I.) Die Konzeption des „dreifach gestreuten Gründens“ in Vom Wesen des Grundes als Vorverständigung über den Begriff des Ab-grunds in den Beiträgen zur Philosophie (Vom Ereignis)
II.) „Sicheröffnen des Sichverbergenden“. Rekonstruktion zentraler Gedankengänge aus Heideggers Bestimmung des Zeit-Raums als Ab-grund
II.1) „Wahrheit als Grund“. Die Verschränkung von Seins- und Wahrheitsfrage im Konzept des Zeit-Raums als Ab-grund
II.2) Fügungen des „zögernden Sichversagens“. Über einige sprachliche und sachliche Paradoxien im Beiträge – Kapitel „Der Zeit Raum als der Ab-grund“
II.3) Über den Zeit-Raum als Entrückungs – Berückungs- Gefüge und die Genese der differenten Zeitigungweisen
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Heideggersche Konstruktion des „Zeit-Raums als Ab-grund“ innerhalb der „Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)“. Das primäre Ziel besteht darin, die komplexe Verschränkung von Seins- und Wahrheitsfrage sowie die Struktur des Gründungsvollzugs zu analysieren, wobei die Arbeit insbesondere der Frage nachgeht, wie sich Raum und Zeit aus diesem ursprünglichen Ab-grund prozessual entfalten.
- Die seinsgeschichtliche Problematik der „Gründung“ und deren Transformation vom Aufsatz „Vom Wesen des Grundes“ zu den „Beiträgen“.
- Die Analyse des Zeit-Raums als „Ab-grund“ und dessen Funktion als Einheitspunkt von Zeitigung und Räumung.
- Die Untersuchung der paradoxen Struktur des „zögernden Sichversagens“ und der damit verbundenen Entrückungs- und Berückungsbewegungen.
- Die kritische Auseinandersetzung mit philosophiegeschichtlichen Traditionen der Raum-Zeit-Vorstellung.
Auszug aus dem Buch
II.2) Fügungen des „zögernden Sichversagens“. Über einige sprachliche und sachliche Paradoxien im Beiträge – Kapitel „Der Zeit Raum als der Ab-grund“
Neben und gleichsam in der Erhellung der Einheit von Seins- und Wahrheitsfrage, welche die Geschiedenheit der Seins- von der Wahrheitsdimension gerade nicht ausschließt, sondern vorbereitet, ist eine zweite gedankliche Linie sichtbar, die im Teilkapitel Der Zeit-Raum als der Ab-grund von Heidegger angedeutet wird.
Raum und Zeit, so Heidegger, verlaufen getrennt voneinander und sind doch verankert im Zeit-Raum als ihrem gemeinsamen Ursprung, sie „wesen“ folglich eher als dass sie „sind“. Raum – und Zeitbegriff werden dynamisiert in dem Sinne, dass man von Zeitigung und Räumung als je unterschiedenen Fügungsweisen eines „zögernden Sichversagens“ sprechen könnte. Allerdings bleibt dieser Zeitigungs- bzw. Räumungsvorgang in Heideggers Ausführungen erklärungsbedürftig und eigentümlich dunkel. Zwar nimmt Heidegger an, dass „die Zeitigung als diese Fügung des Sichversagens (des zögernden) [...] ab-gründigerweise den Entscheidungsbereich“ gründet, welcher wiederum mit der „Augenblicks“ - Konzeption korrespondiert, von der noch zu handeln sein wird. Diese sprachliche Gleichung von Zeitigung und Fügung des „zögernden Sich-Versagens“ wird jedoch in einem unmittelbar folgenden Passus uneindeutig gemacht, wenn nämlich Letzteres sich als etwas erweist, woraus „das [...] Wegbleiben des Grundes, seine Abgründigkeit“ bloß „gestimmt“ sind:
„Das [...] Wegbleiben des Grundes, seine Abgründigkeit, ist gestimmt aus dem zögernden Sichversagen, zeitigend und räumend, entrückend und berückend zumal. Das Einräumen gründet und ist die Stätte des Augenblicks. Der Zeit-Raum als die Einheit der ursprünglichen Zeitigung und Räumung ist ursprünglich selbst die Augenblicks-Stätte, diese die ab-gründige wesenhafte Zeit-Räumlichkeit der Offenheit der Verbergung, d.h. des Da.“
Zusammenfassung der Kapitel
O.) Hinführung zum Problem des „Zeit-Raums als Ab-grund“ in Heideggers Beiträgen zur Philosophie (Vom Ereignis): Dieses Kapitel führt in den Begriff der „Gründung“ als Doppelgeschehen im Ereignis ein und thematisiert Heideggers Kritik an der philosophiegeschichtlichen Tradition von Raum und Zeit.
I.) Die Konzeption des „dreifach gestreuten Gründens“ in Vom Wesen des Grundes als Vorverständigung über den Begriff des Ab-grunds in den Beiträgen zur Philosophie (Vom Ereignis): Hier wird untersucht, wie Heideggers frühere Ausführungen zum Wesen des Grundes die seinsgeschichtliche Problematik der „Beiträge“ vorbereiten, indem das Dasein in seiner Freiheit als Ab-grund neu verstanden wird.
II.) „Sicheröffnen des Sichverbergenden“. Rekonstruktion zentraler Gedankengänge aus Heideggers Bestimmung des Zeit-Raums als Ab-grund: Dieser Hauptteil analysiert die radikale Neubeschreibung der Wahrheit als „Ab-grund“ und deren Konsequenzen für das Seinsgeschehen, wobei das „zögernde Sichversagen“ als zentrales Spezifikationsmerkmal dient.
Schlüsselwörter
Heidegger, Beiträge zur Philosophie, Zeit-Raum, Ab-grund, Ereignis, Gründung, Seinsgeschichtlichkeit, Wahrheit, Zeitigung, Räumung, zögerndes Sichversagen, Dasein, Entrückung, Berückung, Ontologische Differenz
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine interpretierende Lektüre von Heideggers Kapitel „Der Zeit-Raum als der Ab-grund“ aus dem Werk „Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)“ und beleuchtet dessen philosophische Tiefenstruktur.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen der Begriff der „Gründung“, das Verhältnis von Wahrheit und Sein sowie die Neubeschreibung von Raum und Zeit als prozessuale Phänomene.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist die Rekonstruktion von Heideggers Ab-grund-Konzeption, um aufzuzeigen, wie Raum und Zeit als Resultate eines ursprünglichen, sich entziehenden Seinsgeschehens verstanden werden müssen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit folgt einer interpretierend-rekonstruktiven Methode, die Heideggers Begriffe textimmanent analysiert und durch komparative Bezüge zu anderen Schriften des Autors sowie Forschungsliteratur expliziert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Bestimmung des Zeit-Raums als Ab-grund, der Verschränkung von Seins- und Wahrheitsfrage sowie der Analyse der „zögernden“ Bewegungen von Entrückung und Berückung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie „Zeit-Raum“, „Ab-grund“, „Ereignis“, „Sichversagen“ und „Gründung“ bilden den begrifflichen Kern der Untersuchung.
Was bedeutet Heideggers Konzept der „dreifach gestreuten Gründung“ in Bezug auf den Ab-grund?
Es verweist auf die Struktur, in der Weltentwurf, Eingenommenheit im Seienden und ontologische Begründung ineinandergreifen, wobei der Ab-grund als das notwendige Fundament dieser Gründung fungiert.
Wie unterscheidet der Autor zwischen „Entrückung“ und „Berückung“?
„Entrückung“ wird primär als zeitigende Bewegung (Ek-sistenz) in die Künftigkeit oder Vergangenheit gedeutet, während „Berückung“ die räumende Teilbewegung (In-sistenz) als „Einräumung“ und unverfügbare Schenkung bezeichnet.
Warum spielt das „zögernde Sichversagen“ für das Verständnis des Zeit-Raums eine so tragende Rolle?
Weil es das Prinzip ist, durch das sich das Sein entzieht und gerade in diesem Entzug Raum und Zeit für das Dasein erst konstituiert, ohne als festes, vorfindliches Objekt zu fungieren.
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- Thomas Ebke (Author), 2005, Zwischen Abgrund und Abgrund. Interpretierende Lektüre des Kapitels "Der Zeit-Raum als der Abgrund" aus Heideggers "Beiträgen zur Philosophie (Vom Ereignis)", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45496