Bereits im 18. Jahrhundert kritisierte der Sprachforscher Jakob Johann Hemmer die Struktur des adnominalen possessiven Dativs (im Folgedenden apD), der insbesondere seit Bastian Sicks "Der Dativ ist dem Genitv sein Tod" ein beliebtes Forschungsgebiet in der Linguistik geworden ist. Konstruktionen wie "dem Dozenten sein Lieblingsthema", die von Grammatiken und Sprachpflegern als redundant und unästhetisch bezeichnet werden, halten sich trotzdem aufgrund ihrer Funktionalität in der gesprochenen Sprache. Der Aufbau des apDs ist in der bisherigen Forschung detailliert ausgearbeitet worden. Er besteht aus einer DP, die den Besitzer, den Possessor, beschreibt, und einer NP, die durch ein Possessivpronomen eingeleitet wird und das Besitze ausdrückt, das Possessum. Auch die Reanalyse als Entstehungsmöglichkeit des apDs ist zu weiten Teilen einheitlich dargestellt. Darüber, ob die Konstruktion des apDs nur–wie ursprünglich–auf belebte Besitzer Anwendung findet, oder ob der Anwendungsbereich im heutigen Deutsch auch auf unbelebte Entitäten in der Dativphrase erweitert werden kann, herrscht allerdings Uneinigkeit.
In dieser Arbeit soll untersucht werden, inwiefern von einer Extension der Anwendungsbereiche des apDs gesprochen werden kann. Exemplarisch wird sich die Arbeit mit der Erweiterung von lediglich belebten Possessoren auf unbelebte beschäftigen. Um zu untersuchen, ob der Grammatikalisierungsprozess des apDs fortgeschritten ist, wird im Folgenden zunächst eine kurze Vorstellung der Struktur gegeben, aus der auch die Funktionalität des apDs hervorgeht. Daraufhin wird die diachrone Entstehung durch Reanalyse zeigen, wie sich der apD bis zum gegenwärtigen Gebrauch entwickelt hat. Anschließend wird der bisherige Forschungsstand zum Possessor und seinen Eigenschaften dargestellt. Es folgt eine Korpusanalyse, aus der hervorgehen soll, ob sich unbelebte Possessoren in apD-Strukturen finden lassen. Die Ergebnisse werden dann ausgewertet und ein abschließendes Fazit resümiert die Erkenntnisse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der adnominale possessive Dativ
3. Reanalyse
4. Eigenschaften der Dativphrase
5. Korpusanalyse
5.1 Gestaltung der Suchanfragen
5.2 Ergebnisse
5.3 Auswertung und Diskussion
6. Fazit und Ausblick
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Struktur und den Gebrauch des adnominalen possessiven Dativs (apD) im Deutschen, wobei insbesondere der Aspekt der Belebtheit des Possessors im Zentrum der Analyse steht, um zu prüfen, ob eine Erweiterung der Anwendung auf unbelebte Entitäten vorliegt.
- Syntax und Struktur des adnominalen possessiven Dativs
- Diachrone Entwicklung durch Reanalyse-Prozesse
- Empirische Korpusanalyse anhand der Daten des Instituts für Deutsche Sprache
- Semantische Klassifizierung von Possessoren
- Untersuchung der Belebtheitsbeschränkung bei apD-Konstruktionen
Auszug aus dem Buch
2. Der adnominale possessive Dativ
Der adnominale possessive Dativ wie beispielsweise dem Dozenten sein Lieblingsthema setzt sich aus einer Dativphrase und einer weiteren substantivischen Konstituente zusammen, die mit einem Possessivpronomen eingeleitet wird. Die Dativphrase drückt den Possessor aus. Dasjenige, was besessen wird, das Possessum, ist das Kopfsubstantiv (vgl. Zifonun 2003: 97). Das Possessivpronomen stimmt in Genus und Numerus mit dem Possessor überein (vgl. ebd.: 102f.). Es kann aber auch zu dialektalen Abweichungen kommen, wenn für einen femininen Possessor der Stamm sein als Possessivpronomen verwendet wird: der Mutter seine Haube (vgl. Henn-Memmesheimer 1986: 132). Im Beispiel ist der Possessor feminin, das einleitende Possessivpronomen allerdings maskulin oder neutrum. Sie sind also nicht genuskongruent. Die Konstruktion ist auf die 3. Person im Singular und Plural beschränkt, sodass Ausdrücke wie *mir mein oder *dir dein auszuschließen sind (vgl. Zifonun 2005: 30). Der Possessor darf also nicht mit dem Sprecher oder seinem direkten Gegenüber identisch sein.
Die gesamte Konstruktion ist syntaktisch frei und kann somit die Funktion von Subjekt, Dativobjekt und Akkusativobjekt im Satz übernehmen. Auch als Teil eines präpositionalen Ausdrucks kann der apD fungieren: Für dem Hans seinen Hut habe ich fünf Mark bezahlt. Lediglich in einem (oder als) Genitivobjekt oder -attribut können apDs nicht verwendet werden, was logisch ist, da der apD eine Ersatzform des Genitivs ist (vgl. ebd.: 31). Die apD-Konstruktion ?Wir gedenken [dem Bruder seines Kindes] ist demnach fragwürdig. Da das Verb gedenken im gegenwärtigen Deutsch dennoch häufig mit dem Dativ gebildet wird, mag der Satz akzeptabel erscheinen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik des adnominalen possessiven Dativs und Darlegung des Forschungsinteresses bezüglich der Belebtheit von Possessoren.
2. Der adnominale possessive Dativ: Definition und syntaktische Charakterisierung der apD-Konstruktion sowie deren funktionale Abgrenzung im deutschen Sprachgebrauch.
3. Reanalyse: Erläuterung des sprachhistorischen Prozesses der Reanalyse als treibende Kraft hinter der Entstehung und Entwicklung der apD-Strukturen.
4. Eigenschaften der Dativphrase: Zusammenfassung des Forschungsstandes zu den semantischen Merkmalen der Possessoren, insbesondere der Frage nach der Belebtheitsbeschränkung.
5. Korpusanalyse: Detaillierte Darstellung der Methodik, der Ergebnisse sowie der anschließenden Auswertung der sprachlichen Daten aus dem DGD-Korpus.
6. Fazit und Ausblick: Abschließende Bewertung der Ergebnisse und Diskussion möglicher zukünftiger Forschungsansätze zur Entwicklung des apD.
Schlüsselwörter
adnominaler possessiver Dativ, apD, Sprachwissenschaft, Syntax, Reanalyse, Korpusanalyse, DGD, Possessor, Possessum, Belebtheit, Grammatikalisierung, Dialektologie, deutsche Sprache, Genitiversatz, Dativphrase
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der syntaktischen Struktur und dem Gebrauch des sogenannten adnominalen possessiven Dativs (apD) im Deutschen, einer Konstruktion, die oft in der Umgangssprache anzutreffen ist.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Felder sind die formale Struktur der apD-Konstruktion, deren Entstehungsgeschichte durch Reanalyse sowie die semantische Analyse der darin vorkommenden Possessoren.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu untersuchen, ob die apD-Konstruktion, die traditionell mit belebten Possessoren assoziiert wird, auch auf unbelebte Entitäten erweitert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Verfasserin führt eine empirische Korpusanalyse auf Basis der Datenbank für Gesprochenes Deutsch (DGD) durch, ergänzt durch eine theoretische Auseinandersetzung mit der Fachliteratur.
Was genau wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des apD, die historische Herleitung durch Reanalyse, die Darstellung der Korpusdaten und die methodische Auswertung der gefundenen Belege.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie adnominaler possessiver Dativ, Syntax, Korpusanalyse, Reanalyse, Belebtheit und Grammatikalisierung definieren.
Bestätigt die Korpusanalyse die Erweiterung auf unbelebte Possessoren?
Nein, die Korpusanalyse konnte keine Belege für unbelebte Possessoren in apD-Konstruktionen finden, was die Belebtheitsbeschränkung in der Praxis untermauert.
Welche Rolle spielt die Reanalyse für das Verständnis des apD?
Die Reanalyse erklärt, wie aus einem ursprünglich adverbialen Dativ durch eine syntaktische Verschiebung und semantische Neuinterpretation eine adnominale possessive Konstruktion entstehen konnte.
- Citar trabajo
- Nina Löwenzahn (Autor), 2018, Eine Untersuchung der Dativphrase in apD-Konstruktionen unter besonderer Berücksichtigung des Aspekts der Belebtheit, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/454975