Eleonore von Aquitanien und der englisch-französische Dualismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1. Zum Thema
1.2. Zum Thema in der Forschung
1.3. Zu den Quellen

2. Ludwig VII. und Eleonore
2.1. Eleonore - ein hochadeliges Fräulein
2.2. Francorum regina et Aquitanorum ducissa

3. Heinrich Plantagenet und Eleonore
3.1. Ein Grundstein für das angevinische Reich
3.2. Vasall und Lehnsherr im Kräftemessen

4. Die englisch-französischen Beziehungen: Ausblick

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

1.1. Zum Thema

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem englisch-französischen Dualismus im 12. Jahrhundert und den daraus erwachsenden Problemen für die gesellschaftliche und politische Entwicklung Westeuropas. Als Ausgangspunkt dient hierbei die Person der Eleonore von Aquitanien, die durch ihre Ehen mit Ludwig VII., dem französischen König, und Heinrich II., dem englischen Monarchen, gleichsam im Brennpunkt dieses Dualismus stand. Es wird hierbei nicht versucht, ein detailliertes Porträt Eleonores zu zeichnen. Vielmehr wird nur auf solche Ereignisse in ihrer Biographie eingegangen, die bedeutsam für das besondere Verhältnis Frankreichs und Englands zu dieser Zeit erscheinen. Ein abschließender Ausblick versucht den Zusammenhang zwischen der Weichenstellung im 12. Jahrhundert mit der späteren - nationalen - Entwicklung beider Länder aufzuzeigen.

Die Bedeutung Eleonore von Aquitaniens als Teil der Geschichtskultur[1], d.h. als Faktor im „kommunikativen Prozeß historisch-politischer Identitätsfindung und Verständigung“[2], wird besonders deutlich, wenn man sich vor Augen führt, wie wenige Frauen des Mittelalters einer größeren - über den Rand der Universitäten hinausgehenden - Öffentlichkeit auch heute noch bekannt sind. Abgesehen von den zahlreichen wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Publikationen zu Eleonore, hat hieran wohl vorallem das seit dem 13. Jahrhundert[3] anhaltende Interesse von Lyrik und erzählender Prosa an ihr einen großen Anteil.[4] Auch die filmische Umsetzung verschiedener Sichten auf diese Frau und ihre Zeit - wie beispielsweise in dem von Anthony Harvey 1968 gedrehten Spielfilm The Lion in Winter - hat diese Stellung weiter befestigt.

Sind sich auch Zeitgenossen wie Nachgeborene darüber einig, daß Eleonore von Aquitanien eine herausragende Persönlichkeit darstellt, so ist doch die Wertung ihrer Person und ihres Handelns äußerst divergent. Das Spektrum reicht hier von der Bezichtigung als „meretrix “[5] bis zur Würdigung als „a formidable woman [...] who [...] strongly influenced the politics of both France and England in the 12th century“[6].

1.2. Zum Thema in der Forschung

Zahlreich sind die Publikationen zu Eleonore von Aquitanien, hat sich doch die Historiographie - besonders die englische und französische - seit dem 13. Jahrhundert mit ihr beschäftigt[7]. Die sozio-kulturellen Veränderungen im Europa des 20. Jahrhunderts, wie etwa die Frauenemanzipationsbewegung, haben die Bewertung ihrer Person und ihrer gesellschaftlichen Rolle jedoch seither verändert, bzw. haben das starre Bild von der skandalumwitterten, unmoralischen Intrigantin aufgebrochen und wieder den historischen Fakten angenähert. Diese Tendenz ist schon um 1900 mit A. Richards Arbeit über die Grafen von Poitou[8] erkennbar und bis dato wohl am umfangreichsten in den Arbeiten E.R. Labandes[9] verwirklicht. Auf die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufkommenden Frage, ob die Fachwissenschaft, in einer Zeit in der man eine zunehmende Geschichtsverdrossenheit festzustellen meinte[10], sich selbst genügen oder sich mit ihren Ergebnissen einem möglichst breiten Publikum öffnen solle, antwortete besonders die französische „Annales-Schule“ - und die in ihrer Tradition stehenden Historiker - zu Gunsten des Publikums. R. Pernouds hat hier zu Eleonore von Aquitanien ein sowohl ausgezeichnet lesbares, als auch der emotionalen, erlebnisweltlichen Seite der Königin und der anderer Führungseliten ihrer Zeit nachspürendes Buch verfaßt.[11] Wie D. Laube feststellt, wird der „ Frage nach einer möglichen moralischen Unzulänglichkeit“ der Eleonore in der jüngeren Literatur allgemein keine Bedeutung mehr beigemessen: „Sie ist ganz in den Hintergrund getreten zugunsten der Stellung, die Eleonore in der französischen und englischen Geschichte des 12. Jahrhunderts einnimmt.“ Haben sich eine Reihe von AutorInnen bei der Würdigung dieser Stellung auch gelegentlich davontragen lassen, so liegen doch mittlerweile eine ganze Reihe ausgewogener Studien vor. Als eine der jüngsten Veröffentlichungen ist hier ein Buch von A. Weir[12] zu nennen, die - wie Pernoud - versucht, die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit einem breiteren Publikum zugänglich zu machen - sich dabei allerdings mehr auf Eleonore selbst konzentriert als ihre französische Kollegin.

Zu dem schwierigen Verhältnis zwischen England und Frankreich in jener Zeit, das wesentlich in der Lehnsabhängigkeit des englischen vom französischen König gründete, entstanden eine Reihe von Publikationen vornehmlich englischer und französischer Provenienz. So sieht beispielsweise G.H. Gaillard im 18. Jahrhundert hier Gründe für die anhaltende Rivalität beider Staaten.[13] „[I]n der Absicht, zweien aufgeklärten Nazionen den Vorteil zu zeigen, den sie aus ihrer beiderseitigen Freundschaft ziehen können, will [er] ihnen die Geschichte ihres Haßes und der Irrtümer ihrer Zeit darlegen.“[14] In seiner Bemühung um den europäischen Frieden ist es so ein recht modernes Buch.

Auch deutsche Beiträge erscheinen zum Thema. 1923 publiziert E. Marcks seine - unter dem Schatten des Versailler Vertrags verfasste - Studie zum anglo-französischen Verhältnis, das er im Mittelalter durch „die Gemeinschaft beider“ geprägt sieht, „wenn auch überwiegend nur eine Gemeinschaft durch Unterwerfung“[15] konstatiert werden kann. Mit Blick auf Deutschland nach Versailles fragt Marcks: „Wie kann England diese Dinge hinnehmen? Kann England sich aus Europa zurückziehen?“[16] Etwas später widmet sich I. Wolff in einer grundlegenden, jedoch vom politischen Klima im NS-Staat nicht unberührt gebliebenen Arbeit dem anglo-französischen Dualismus.[17] In jüngerer Zeit erfolgt die Beschäftigung mit dieser Problematik vornehmlich aus einer europäischen Perspektive oder im Rahmen größerer Gesamtdarstellungen zur Geschichte Englands bzw. Frankreichs.[18]

1.3. Zu den Quellen

An Selbstzeugnissen und Artefakten der Eleonore ist nur weniges auf uns gekommen - einige von ihr verfaßte bzw. diktierte Briefe[19][20] gehören dazu. Über ihre Handlungen als Königin geben Urkunden, Verwaltungsschriftgut (wie die englischen Pipe Rolls) und Chroniken aus dem capetingischen und dem angevinischen Einflußbereich Auskunft. Zu den Ereignissen vor und während Eleonores Zeit als französische Königin sind, neben anderen, vorallem die Vita Ludovici grossi regis des Abtes Suger von Saint-Denise, die Chronik der Abtei von Morigni und die Historia ecclesiastica des Cluniazensermönches Orderic Vital aufschlußreich. Für alle drei spricht die zeitliche Nähe zum Geschehen; es darf allerdings auch nicht vergessen werden, daß sowohl Suger als auch Orderic nicht unparteiisch berichten. War es Sugers Ziel, Ludwig VII. zu verherrlichen, so ist Orderics Loyalität eher mit dem englischen König Heinrich I.

Nach der Hochzeit mit Heinrich II. findet sich Eleonore vorallem in Werken der anglo-normannischen Historiographie, die unter diesem englischen König besonders befördert wird und gedeiht. Heinrich von Huntingdons Historia Anglorum ist hier besonders hervorzuheben, weil sie für den Erzählzeitraum von 1128 bis 1154 reklamiert, nur Informationen aus erster Hand verarbeitet zu haben. Für das späte 12. Jahrhundert liefert die Gesta regis Henrici secundi, deren Autor bisher nicht sicher bestimmt werden konnte, aber wohl die Stellung eines höheren Hofbeamten inne hatte, grundlegendes. Heinrich II. kritisch gegenüber stehend, berichtet Gervase, ein Mönch des Konvents zu Canterbury, aus erster Hand über die Ereignisse um Thomas Becket und ist im Chor der überwiegend negativen Stimmen zu Eleonore eine eher gutmeinende.

[...]


[1] Vgl. Kroeber, A.L., Kluckhohn, C., Culture: A Critical Review of Concepts and Definitions. New

York, 1963; Conrad, C., Kessel, M. (Hg.), Kultur & Geschichte. Neue Einblicke in eine alte

Beziehung. Stuttgart 1998; Rüsen, Jörn, „Was ist Geschichtskultur? Überlegungen zu einer neuen

Art, über Geschichte nachzudenken“, in: Füßmann, K./Grütter, H.T./Rüsen, J. (Hg.), Historische

Faszination. Geschichtskultur heute. Köln u.a.: Böhlau, 1994(b), S. 3-26; Rüsen, J.

„Geschichtskultur“, in: Bergmann, K. et al. (Hg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik. 5. überarb.

Aufl., Seelze-Velber: Kallmeyer, 1997, S. 38-41.

[2] Pellens, S. 7.

[3] Zur Legendenbildung um Eleonore in der literarischen Tradition siehe: Laube, S. 86-101.

[4] Vgl. die beiden jüngsten Produkte dieses Genres: Calmel, Mireille. Nächte der Königin. München:

Goldmann, 2001; Kinkel, Tanja. Die Löwin von Aquitanien: zwei Romane in einem Band. München:

Goldmann, 2000.

[5] Helinant, col. 1057/1058.

[6] Bouchard, S. 317.

[7] Dazu ausführlicher: Laube, 102-132.

[8] Vgl. Richard, Alfred. Histoire des comtes de Poitou, 778-1204. 2 Bd. Paris 1903.

[9] Vgl. Labande, EdmondRené. „Pour un image véridique d’Aliénor d’ Aquitaine.“ in: Bulletin de la

société des Antiquaires de l’Ouest (1952), 175-234.

[10] Vgl. Fuhrmann, 268-273.

[11] Vgl. Pernoud, Regine. Aliénor d’Aquitaine. Paris 1965.

[12] Vgl. Weir, Alison. Eleanor of Aquitaine: by the Wrath of God, Queen of England. London 1999.

[13] Gabriel H. Gaillard. Histoire de la rivalité de la France et de l’Angleter. Paris 1771.

[14] Gaillard, XLVII.

[15] Erich Marcks. England und Frankreich während der letzten Jahrhunderte. Stuttgart; Berlin; Leipzig

1923, 9.

[16] ibid., 42.

[17] Wolff, Ilse. Heinrich II. von England als Vassall Ludwigs VII. von Frankreich. Breslau 1936.

[18] Seidel, Wilhelm / Cooper, Barry. Die Entstehung nationaler Traditionen. Dortmund: 1986. Flacke,

Monika (Hrsg.) Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. Berlin 1998.

[19] Es ist nicht Anliegen dieser Arbeit, eine umfassende Quellenerfassung und -kritik zu leisten.

Detaillierter hierzu: vgl. Laube, 3-24 u. 133-141.

[20] Vgl. Richardson, H.C. „The Letters and Charters of Eleanor of Aquitaine“ in: English Historical Review, lxxiv (1959), 193-213.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Eleonore von Aquitanien und der englisch-französische Dualismus
Hochschule
Universität Leipzig  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Die französische Monarchie im Mittelalter
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
20
Katalognummer
V45510
ISBN (eBook)
9783638429023
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem englisch-französischen Dualismus im 12. Jahrhundert und den daraus erwachsenden Problemen für die gesellschaftliche und politische Entwicklung Westeuropas. Als Ausgangspunkt dient hierbei die Person der Eleonore von Aquitanien, die durch ihre Ehen mit Ludwig VII., dem französischen König, und Heinrich II., dem englischen Monarchen, gleichsam im Brennpunkt dieses Dualismus stand.
Schlagworte
Eleonore, Aquitanien, Dualismus, Monarchie, Mittelalter
Arbeit zitieren
David Ronneburg (Autor), 2002, Eleonore von Aquitanien und der englisch-französische Dualismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45510

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