Die vorliegende Arbeit diskutiert kurz die Implikationen von Geschichtskultur im Allgemeinen und untersucht dann das Mittelalter als Teil der Geschichtskultur im Besonderen. Die kategoriale und unterrichtspraktische Bedeutung von Geschichtskultur wird am Beispiel des Mittelalters für Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht beleuchtet. Den Ausführungen ist ein kurzer Abriss der Entwicklung vorangestellt, die zu den heutigen Versuchen des Brückenschlags zwischen Wissenschaft und Leben geführt hat, um das seit erst relativ kurzer Zeit bestehende Interesse von Geschichtsdidaktik und -unterricht an diesem Phänomen im historischen Kontext der Geschichtswissenschaft zu verorten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Zum Thema
1.2. Ein erweiterter Geschichtsbegriff
1.3. Zur Definition des Begriffs Geschichtskultur
2. Geschichtskultur und Geschichtsdidaktik
3. Geschichtskultur und Geschichtsunterricht
4. Das Mittelalter als Teil der Geschichtskultur
4.1. Außerhalb von Forschung und Lehre
4.2. In Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung von Geschichtskultur für die Geschichtsdidaktik und den Geschichtsunterricht, wobei das Mittelalter als exemplarischer Fall dient. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen außerschulischer Geschichtskultur und der Unterrichtspraxis zu beleuchten sowie didaktische Wege aufzuzeigen, wie das Mittelalter als „nächstes Fremdes“ für historisches Lernen fruchtbar gemacht werden kann.
- Verhältnis von Geschichtskultur und historischem Lernen
- Rolle der Massenmedien und des Erlebnismarktes bei der Konstruktion von Geschichtsbildern
- Mittelalterrezeption außerhalb von Wissenschaft und Lehre
- Didaktische Konzepte zur Integration der Geschichtskultur in den Unterricht
- Förderung von Medienkompetenz und kritischem Geschichtsbewusstsein
Auszug aus dem Buch
4.1. Außerhalb von Forschung und Lehre
„Überall ist Mittelalter“44 konstatiert H. Fuhrmann mit seinem gleichnamigen Buch und macht an Beispielen wie Grußformeln, Mythen (Barbarossa im Kyffhäuser) und institutioneller Infrastruktur deutlich, dass - bei allen Unterschieden - unsere Gegenwart wesentlich vom Mittelalter45 mitgeprägt ist. „Wir sind“, so auch C. Märtl, „von zahlreichen materiellen Relikten des Mittelalters umgeben. Wir wohnen großenteils in Städten, die in jener Zeit entstanden sind, aber auch das Aussehen der uns umgebenden Natur trägt trotz Industrialisierung weithin immer noch die Spuren mittelalterlicher Arbeit [...]“.46 Das Mittelalter ist nicht nur überall - es hat auch Konjunktur47. Ausstellungen wie „Spätmittelalter am Oberrhein“48 oder „Otto der Große - Magdeburg und Europa“49, dürfen darauf hoffen, für viele Besucher ähnlich attraktiv zu sein, wie die berühmte Stauferausstellung 1977 in Stuttgart, die innerhalb von sechs Wochen nahezu 750.000 Menschen anzog.50 Für die Deutsche Zentrale für Tourismus war die vom Mittelalter ausgehende Faszination scheinbar Grund genug, das Jahr 2001 zum ‘Jahr der Romanik’ auszurufen, mit dem man in einer Reihe von Veranstaltungen „auf das große kulturelle und architektonische Erbe dieses Zeitalters aufmerksam machen“51 will.
Mittelaltermärkte52 sind auf Stadtfesten fast schon ein Muss. Auch die Kombination mit Bereichen der Subkultur ist beliebt, wie das Leipziger Wave Gotik Treffen zeigt, das „längst zum Wirtschaftsfaktor geworden“53 ist. Unzählige Burgfeste und Ritterturniere laden dazu ein, ins „Mittelalter abzutauchen“54 und die Erlebnisgastronomie wie im Restaurant „Camelot“[sic!] in Celle wirbt mit „Tafeln wie im Mittelalter“55 um die Gunst der Kundschaft. Von der Plastikburg über Videospiele bis hin zum „taktischen Ritterspektakel ‘Carcassonne’“56, das zum „Spiel des Jahres 2001“ gekürt wurde, ist die Palette des ‘mittelalterlichen’ Kinderspielzeugs beinah unerschöpflich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein und definiert den erweiterten Geschichtsbegriff sowie den Begriff der Geschichtskultur im Kontext der Didaktik.
2. Geschichtskultur und Geschichtsdidaktik: Hier wird die historische Entwicklung der Einbindung des Begriffs Geschichtskultur in die didaktische Diskussion und die unterschiedlichen wissenschaftstheoretischen Positionen dargestellt.
3. Geschichtskultur und Geschichtsunterricht: Dieses Kapitel analysiert die Herausforderungen durch außerschulische Geschichtskultur und Mediennutzung und plädiert für eine kritische Thematisierung im Unterricht.
4. Das Mittelalter als Teil der Geschichtskultur: Das Kapitel untersucht die weitreichende Präsenz und Konjunktur des Mittelalters in der heutigen Gesellschaft sowie die didaktischen Möglichkeiten, das Mittelalter im Unterricht zu behandeln.
5. Zusammenfassung: Abschließend werden die zentralen Argumente für die Öffnung der Schule gegenüber der Geschichtskultur zusammengefasst und die Bedeutung für die Entwicklung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins hervorgehoben.
Schlüsselwörter
Geschichtskultur, Geschichtsdidaktik, Geschichtsunterricht, Mittelalter, Historisches Lernen, Geschichtsbewusstsein, Mediendidaktik, Medienkompetenz, Erlebnismarkt, Stereotype, Stereotypenpluralismus, Quellenkritik, Identitätsfindung, Historisches Denken, Didaktik der Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit der Schnittstelle zwischen der allgegenwärtigen außerschulischen Geschichtskultur und dem schulischen Geschichtsunterricht, am Beispiel des Mittelalters.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themen umfassen die Definition von Geschichtskultur, die Rolle von Medien und Populärkultur, didaktische Strategien sowie die kritische Reflexion über Geschichtsbilder.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie der Geschichtsunterricht die außerschulische Geschichtskultur aufgreifen kann, um Lernende zu einem kritischen und mündigen Umgang mit Geschichte zu befähigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Aufarbeitung geschichtsdidaktischer Modelle und eine strukturanalytische Betrachtung der Mittelalterrezeption.
Was steht im inhaltlichen Fokus des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert die Konjunktur des Mittelalters in der Kultur und diskutiert, wie Lehrkräfte diese Phänomene didaktisch nutzen können, statt sie zu ignorieren.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Geschichtskultur, Geschichtsbewusstsein, Historisches Lernen, Medienkompetenz und Stereotypenpluralismus.
Wie bewertet der Autor den Umgang mit Mittelalter-Stereotypen?
Der Autor plädiert dafür, Stereotype nicht pauschal zu verdammen, sondern sie im Sinne eines „Stereotypenpluralismus“ kritisch zu reflektieren und rational in historische Zusammenhänge einzubinden.
Warum wird das Mittelalter als „nächstes Fremdes“ bezeichnet?
Dieser Begriff hebt hervor, dass das Mittelalter sowohl räumlich und kulturell nahe (durch Traditionen und Relikte) als auch fremd (in seinen spezifischen Lebenswelten) ist, was es zu einem idealen Gegenstand für historisches Lernen macht.
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- David Ronneburg (Author), 2001, Das Mittelalter als Teil der Geschichtskultur: Implikationen für Geschichtsdidaktik und -unterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45511