Bildung in der mediengesteuerten Erlebnisgesellschaft


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Leben in der mediengesteuerten Erlebnisgesellschaft
1.1. Schulzes Modell der Erlebnisgesellschaft
1.2. Bedeutung der Medien

2. Erforderliche Kompetenzen

3. Konsequenzen für die Bildung
3.1. An Schulen
3.2. Lehreraus- und Weiterbildung
3.3. Schlussbemerkung

4. Literaturverzeichnis

1. Leben in der mediengesteuerten Erlebnisgesellschaft

Im folgenden soll kurz die Bedeutung der Medien in der Erlebnisgesellschaft (Schulze, 1997) umrissen und Implikationen für die Bildung an Schulen und die Lehrerbildung dargestellt werden.

1.1. Schulzes Modell der Erlebnisgesellschaft

Aus der Fülle der Konzepte, die versuchen Zustand, Veränderungen und Entwicklungstendenzen der - vornehmlich der Ersten und Zweiten Welt zuzurechnenden - Gesellschaft zu erklären, soll hier die soziokulturelle Perspektive Gerhard Schulzes (1997) im Mittelpunkt stehen. Schulze argu-mentiert, Erlebnisorientierung sei die kollektive Basisorientierung der modernen Gesellschaft, d.h. das Streben nach der Seins-Form des Erlebens hätte gegenüber der außenorientierten, materialistischen Zweckrationalität des „auf der säkularisierten Form der protestantischen Ethik beruhende[n] alte[n] kulturelle[n] Modell[s]“ (Rausch 1999: 34) an Bedeutung gewonnen. Die Modelle schließen einander jedoch gegenwärtig nicht aus (Schulze 1997: 419):

Modernisierung des Erlebens bedeutet (...) eine Wendung der Zweckdefinition nach innen. Die neue Zweckdefinition löst die alte nicht ab, sondern kommt hinzu. Während außengerichtete Modernisierung weiter voranschreitet, auch in der Infrastruktur des Erlebens (etwa mit der Entwicklung immer raffinierterer optischer und akustischer Kommunika-tions- und Reproduktionstechniken und mit der Organisation von Großinstitutionen, die massenhaft Erlebnisangebote produzieren), gewinnt seit einigen Jahrzehnten eine innenorientierte Variante der Zweckrationalität an Boden: Erlebnisrationalität.

Unter der Prämisse, dass diese Erlebnisrationalität gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt sei und durch diese geformt werde, kommt Schulze zur Bestimmung von verschiedenen Rationalitätstypen, die er fünf unterschiedlichen Milieus zuordnet: dem Niveau -, dem Harmonie -, dem Integrations -, dem Selbstverwirklichungs - und dem Unterhaltungsmilieu. Diese Milieus definiert Schulze als Erlebnisgemeinschaften, die sich in ihrer Binnenstruktur, neben Alter und Bildung als Variablen, durch spezifische alltagsästhetische Schemata - d.h. die gemeinsamen Elemente im persönlichen Stil vieler Menschen - wie Hochkultur-, Trivial- und Spannungsschema und durch spezifische Stiltypen auszeichnen. Letztere setzen sich nach Schulze zusammen aus einer bestimmten Genusshaltung (Kontemplation, Gemütlichkeit, Action), einer spezifischen Form der Distinktion von anderen gesellschaftlichen Gruppen, bzw. deren Werten (antibarbarisch, antiexzentrisch, antikonventionell) und einer von den Mitgliedern der jeweiligen Erlebnisgemeinschaft geteilten Lebensphilosophie (Reflexion, Harmonie, Narzissmus). Die vorgenannten Milieus bieten Halt und Struktur in einer Welt der Informationsschwemme und der Auflösung von gesellschaftsübergreifend verbindlichen Normen und Verhaltensregeln. Mit dem Wegfall von status- und ortszentrierten Milieus - durch gestiegene Mobilität und Globalisierung - kommt die interpersonelle Beziehungsaufnahme immer stärker unter dem Gesichtspunkt der gemeinsamen Erlebnisorientierungen zustande. Dazu Schulze, 1997:387f.:

Je größer die Möglichkeitsräume der Menschen werden, desto mehr bilden sich soziale Milieus durch Beziehungswahl statt durch Beziehungsvorgabe, und desto stärker werden soziale Milieus von Wahrnehmungen und gestalthaften Typisierungen beeinflusst. Mit zunehmender Ästhetisierung des Alltagslebens wird die Selektivität der Wahrnehmung immer stärker von Erlebnisbedürfnissen gesteuert. Alter, Bildung und Stiltypus ergeben ein hochgradig evidentes und signifikantes Zeichengemisch und dienen als Anhaltspunkte für Assoziation oder Dissoziation in der Alltagsinteraktion.

Diese Zeichengemische treten am sichtbarsten in Szenen in Erscheinung, als dem Ort der Inszenierung von alltagsästhetischen Schemata. Schulze (1997: 466) sieht vier Bedeutungen von Szenen: Entstehung von alltagsästhetischen Schemata, von sozialen Milieus, von Wirklichkeitsmodellen und von asymme-trischen Milieuwahrnehmungen.“ Die angesprochene gesellschaftliche Aus-differenzierung geht einher mit einer Zunahme des mittleren Kollektivitäts-grades von existentiellem Wissen, in dem u.a. Wirklichkeitsmodelle angesiedelt sind. Das heißt, existentielles Wissen im Meso-Niveau von überregionalen sozialen Milieus gewinnt sowohl gegenüber dem im Makro-Niveau der Gesamtgesellschaft, als auch dem im Mikro-Niveau von lokal begrenzten Milieus an Bedeutung (Schulze, 1997: 268-271). Die „Entkollektivierung von Wirklichkeitsmodellen“ birgt jedoch eine Gefahr (Schulze, 1997: 415):

Milieuübergreifende Beziehungen verfestigen sich als eine Struktur gegenseitigen Nichtverstehens [...], deren Kristalli-sationskern eine aus zwei Polaritäten zusammengesetzte fundamentale Semantik ist: Einfachheit und Komplexität, Ordnung und Spontaneität.

1.2. Bedeutung der Medien

Zum Wesen der vorgenannten Erlebnisrationalität gehört auch, dass der Einzelne aus dem Erlebnisangebot das auswählt, was den höchsten Erlebnis-wert verspricht. Die Medien, die sowohl Transporteure des Erlebnisangebots als auch Erlebnisangebot selbst sind, haben hier also eine gesellschaftliche Schlüsselposition. Postman (1988: 1) formuliert die These, dass „die Medien zunehmend nicht nur bestimmen, was wir kennenlernen und erleben, welche Erfahrungen wir sammeln, wie wir Wissen ausbilden, sondern auch, was und wie wir denken, was und wie wir empfinden, ja, was wir von uns selbst und voneinander halten sollen“. Postman kritisiert die Unterhaltungsgesellschaft im Sinne Huxleys, der in seinem dystopischen Roman Brave New World (1932) eine Welt entwirft, in der unkritischer Medienkonsum zur Ausbildung eines Sklavenbewusstseins führt, welches die Machthaber in Politik und Wirtschaft zu ge-/missbrauchen wissen (Huxley, 1996: 18):

In conjunction with the freedom to day-dream under the influence of dope and movies and the radio, it [sexual freedom] will help to reconcile his [the dictator’s] subjects to the servitude which is their fate.

Auch Schulze sieht „das Publikum von Verdummung, Manipulation, Passivität und Vereinsamung bedroht“, weil es unfähig ist, „den Fernseher abzuschalten, Konsumreizen zu widerstehen, gedankliche Komplexität auszuhalten“ (Schulze, 1997: 549). Ähnlich formuliert C.W. Heine (1992) in seinen ketzerischen Thesen zum Zeitalter des Stadtzeitmenschen die Problematik. So hätten die Massenmedien das höchste Ideal der Aufklärung, den wachen Verstand, verraten. Noch nie wäre „der Verstand so ferngesteuert“ gewesen „wie durch die Massenmedien“ (Heine, 1992: 45). Besonders deutlich wird Heine in Bezug auf die gesellschaftsübergreifende, politische Bedeutung der Massenmedien (Heine, 1992: 46):

Die Demokratie beginnt bei den Medien. Medien sind Dienstleistungsbetriebe. Ihre Aufgabe ist die korrekte Wiedergabe des Geschehens. Medien als Macht im Staat zerstören die Demokratie, denn freie Wahlen sind sinnlos, wenn die Meinungen vorher verantwortungslos manipuliert werden. Die Meinungsmache der Massenmedien geschieht mit großindustriellen Methoden. Politische Richtungen werden festgelegt, die die meisten gar nicht gehen wollen. Kunststile und Ideologien werden hochgejubelt, die die meisten ablehnen. Fortschritte werden uns eingeredet, die sich in Wahrheit als Rückschritte erweisen. Dabei ist die Schlagzeile wichtiger als die Wahrheit, die Einschaltquote erstrebenswerter als das Allgemeinwohl.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Bildung in der mediengesteuerten Erlebnisgesellschaft
Hochschule
Universität Leipzig  (Erziehungswissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Das Tätigkeitsfeld des Lehrers in der 2. Moderne
Note
2,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
13
Katalognummer
V45513
ISBN (eBook)
9783638429054
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Bezugnehmend auf Schulzes Modell der Erlebnisgesellschaft (Schulze, 1997) umreißt die Arbeit kurz die Bedeutung der Medien in der Gesellschaft und leitet daraus Implikationen für die Bildung an Schulen und die Lehrerbildung ab.
Schlagworte
Bildung, Erlebnisgesellschaft, Tätigkeitsfeld, Lehrers, Moderne
Arbeit zitieren
David Ronneburg (Autor), 2001, Bildung in der mediengesteuerten Erlebnisgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45513

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