Deutschlandbilder in der britischen Literatur


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung
1.1. Das Bild und seine Rezeption
1.2. Das Bild und seine kulturelle Vermittlung

2. Stereotypen nach Blaicher
2.1. Furor Teutonicus
2.2. Cloudy Metaphysicians
2.3. “Cousins German”
2.4. Huns, Krauts, Jerries
2.5. Der deutsche Professor
2.6. Der deutsche Student
2.7. Der deutsche Offizier (und der obrigkeitshörige Deutsche)
2.8. Die deutsche Hausfrau

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis
4.1. Primärliteratur
4.2. Sekundärliteratur

1. Einführung

1.1. Das Bild und seine Rezeption

Allen Kulturen der Welt - und damit auch allen Nationen[1] als Subgruppen eines häufig nationenübergreifenden Kulturbegriffs - ist wohl die empfundene Notwendigkeit zu eigen, sich von sich selbst und von ‘den anderen’ ein Bild zu machen. Um sich überhaupt als eigenständige Kultur vor sich selbst und vor anderen zu legitimieren, braucht es gewisser Schemata, die als Denk- und Wahrnehmungshilfe bei der Abgrenzung von anderen Kulturen bzw. zur Identitätsfindung fungieren. Zwei solcher sogenannter Stereotype lassen sich unterscheiden: Heterostereotype, die sich auf die fremde Gruppe beziehen und das Fremdbild konstituieren, und Autostereotype, die das Denken über die eigene Gruppe reflektieren und das Eigenbild ausmachen. Beide Arten von Bildern sind nicht statisch, sondern durch gesellschaftliche, politische und soziale Faktoren formbar. Dieses Konzept von der Wahrnehmung der Welt kann auch verstanden werden als Teil dessen, was J. Assmann als „kulturelles Gedächtnis“ bezeichnet. Dieses fasst er als Außenbereich des Kommunikations-systems auf, „in den Mitteilungen und Informationen - kultureller Sinn - ausgelagert“[2] und von wo aus sie wieder aktiviert werden können. „Dieses Gedächtnis ist kulturell, weil es nur institutionell, artifiziell realisiert werden kann, und es ist ein Gedächtnis, weil es in bezug auf gesellschaftliche Kommunikation genauso funktioniert wie das individuelle Gedächtnis in bezug auf Bewusstsein.“[3] Um es für den hier relevanten Zusammenhang, das Deutschlandbild in der englischen Literatur, anders zu formulieren: Eigen- und Fremdbilder sind kulturell vermittelt und werden durch Institutionen (Medien - wie die Literatur-, das Bildungssystem etc.) reproduziert, transportiert und somit stabilisiert. Sie können durch dieselben allerdings auch modifiziert werden.

Für den Landeskundler, den Soziologen, aber auch den Kulturwissenschaftler kann die Analyse solcher Bilder wertvolle Hinweise zum Stand der Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen oder etwa zu den Einstellungen des Senders solcher Bilder gegenüber sich selbst oder anderen Gruppen bringen. Im literarischen Kontext[4] darf hier jedoch ein wichtiger Umstand nicht übersehen werden. In die literarische Wirklichkeit assimilierte Bilder können im Grunde nicht mehr mit denselben Maßstäben gemessen werden wie jene, die in der Realität auftreten, da sie innerhalb des literarischen Werkes eine ästhetische Funktion übernehmen. Sie sind damit Teil einer ästhetischen Wahrheit, die vom Leser - der beim Lesen eigene Einstellungen und Neigungen ausblendet - als nicht anzweifelbar angenommen wird. Lässt also ein britischer Autor eine seiner Romanfiguren etwas Deutschlandfeindliches äußern, dann spiegelt das nicht zwangsläufig die anti-deutsche Haltung des Autors, sondern charakterisiert erst einmal nur die fiktive Figur.

Warum können literarische Stereotype für kulturwissenschaftliche Betrachtungen nun dennoch von Interesse sein? Hierfür gibt es im wesentlichen zwei Antworten. Erstens gelingt es nicht jedem Autor im gleichen Maße, die hier relevanten Bilder ästhetisch zu funktionalisieren, d.h. aus ihrem nicht-fiktionalen Kontext herauszulösen. Zweitens ist der oben beschriebene Leser mehr oder weniger ein Idealtypus, der nicht die Publikumsmehrheit in ihrem Leseverhalten widerspiegelt. Es besteht im Gegenteil wohl eher die Tendenz zur ethnozentrischen Rezeption literarischer Texte, d.h. die Überlagerung der ästhetischen Funktion literarischer Bilder durch eine Lesart, die sie mit nicht-fiktionalen Bildern gleichsetzt. Blaicher äußert zur Funktion einer solchen Rezeption folgendes:

Eine ethnozentrische Rezeption solcher literarisch vermittelten Bilder vom anderen Land kann sehr verschiedene Bedürfnisse befriedigen. Da sie die literarischen Bilder als wahr annimmt, befriedigt sie die Neugier auf das andere, Fremde, dient in Ermangelung eigener Anschauung als komprimierter Erfahrungsersatz und somit als Quelle der Information über die Welt. Sie mag den Leser im Spiegel oder Zerrspiegel des anderen mit sich selbst konfrontieren, ein Gefühl der Zusammengehörig-keit mit der eigenen Gruppe herstellen und gar das beglückende Gefühl vermitteln, nicht so zu sein wie die anderen.[5]

1.2. Das Bild und seine kulturelle Vermittlung

Wie schon angedeutet sind Gruppenstereotype kulturell vermittelt. Dies geschieht mit Hilfe verschiedener Medien, wie zum Beispiel der Presse, der Fachliteratur (Enzyklopädien, Länderdarstellungen in allen Facetten), Reisetagebüchern und -berichten und Poesie und Prosa, um nur einige zu nennen.

Des Weiteren beeinflussen auch kulturell vorgegebene Denkschemata die Verarbeitung des Wahrgenommenen. Hierzu gehören vor allem die seit der Antike bekannte Klimatheorie, die ethnische Gruppen entsprechend ihrer geographischen Distribution mit bestimmten Eigenschaften charakterisiert, und die seit dem 17. Jahrhundert verstärkt zur Geltung kommende soziologische Betrachtungsweise, die den ‘Nationalcharakter’ in Zusammenhang mit verschiedenen Variablen des gesellschaftlich-politischen Lebens bringt.

In Verbindung mit besagten Denkschemata waren es nun schließlich vor allem zwei literarische Werke, die das englische Deutschlandbild wesentlich prägten. Das erste, ca. 98 n. Chr. entstandene, De origine et situ Germanorum des Publius Cornelius Tacitus, beschrieb den Stamm der Germanen in seinen Eigenschaften aus römischer Sicht. Die hier begründeten und weitergereichten Bilder von den Germanen (später gleichgesetzt mit den Deutschen) verfolgten an jener Stelle nicht die Absicht einer wissenschaftlich-objektiven Volksbeschrei-bung. Als solche wurde sie aber häufig rezipiert und führte unter anderem zu solchen hartnäckigen Stereotypen wie denen der deutschen Trunksucht oder Kriegslust. Einen ebenfalls großen Einfluß auf das englische Deutschlandbild hatte Mme de Staëls De l’Allemagne, das 1813 erschien und de Staëls Erfahrungen und Eindrücke von einer Deutschlandreise aufarbeitet. Das Buch fand im frühen 19. Jahrhundert große Verbreitung, wurde in literarischen Zirkeln diskutiert und lud ein zum Vergleich mit individuellen Reiseerlebnissen, die sich vorallem in der Romantik häufig mit Deutschland verbanden.

Im folgenden sollen acht Stereotype vorgestellt werden, die von Blaicher als Konstanten in der englischen Literatur identifiziert worden sind. Es sind dies der Furor Teutonicus, die cloudy metaphysicians, die cousins German, die Hunnen-Krauts-Jerries, der deutsche Professor, der deutsche Student, der deutsche Offizier und die deutsche Hausfrau.[6]

2. Stereotypen nach Blaicher

2.1 Furor Teutonicus

Der Ausdruck der furor teutonicus (lat.: teutonische Kriegswut) geht zurück auf Lucans Pharsalia, einen Epos aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert, in dessen Zentrum die Schlacht bei Pharsalos zwischen Caesar und Pompeius steht. Unter anderem erwähnt Lucan auch den Stamm der Teutonen, der zeitweilig zu einer ernsten Gefahr für die Römer erwuchs und sich durch seine Kampfeslust auszeichnete. Die Pharsalia wurde im Mittelalter weithin rezipiert und allmählich wird teutonicus als Synonym für deutsch gebraucht. Ist der Begriff noch im 12. Jahrhundert eher als Schmähbezeichnung zu verstehen, so wandeln ihn die Deutschen bald in einen Ehrentitel um, den sie sich gern selbst verleihen. Englische Chronisten und Historiographen des Mittelalters verwenden ihn jedoch weiter zur Beschreibung der unchristlichen Kampfeslust der Deutschen. Im englischen Roman des 18. Jahrhunderts ist er beispielsweise bei Tobias G. Smollet (1721-1771) zu finden, der in The Adventures of Ferdinand, Count Fathom. (1753) die Abenteuer eines westfälischen Grafen beschreibt, der unter anderem in einem Pariser Bordell eine tätliche Auseinandersetzung provoziert, sich im lauten Fluchen gefällt und als „furious Teutonian“ bezeichnet wird[7]. In der englischen Lyrik des 20. Jahrhunderts findet sich das Bild zum Beispiel eingebettet in “A Toccata of Muffat’s“ von Peter Porter (1929- ), wo es in der vierten Strophe heißt:

It is forever before the cataclysm, hermits

Are boiling the state, but one gentle mad poet discounts

The furor teutonicus with swan -

polished sails on the Swabian dusk.[8]

Porter stellt in diesem Gedicht die Gedankenwelt eines deutschen Bürgermeisters beim Hören einer Toccata von Muffat dem Reich der Musik zugeordneten Worte gegenüber. Was hier vorallem deutlich wird, ist die besänftigende Wirkung der Musik auf die aufbrausende Welt der „cataclysms“ und des „furor teutonicus“. Interessant auch die im gesprochenen Englischen vorhandene lautliche Nähe zwischen furor und Führer, die wohl vermutlich auch dazu geführt hat, daß sich dieses Fremdbild bis heute auch in essayistischen Texten der Printmedien findet. So beschreibt John Mander 1964 unter der Überschrift „After the Apocalypse“ im Encounter das „Drittes Reich“ als „the furor teutonicus of thirty years back“ und A.A. Gill bedient sich ähnlicher Worte, wenn er 1999 im Sunday Times Magazine seine Eindrücke einer Reise durch das wiedervereinigte Deutschland wiedergibt. Ein Taxifahrer zeigt ihm Berlin:

The Mercedes slides round a vast column with a giltwinged victory on the top.“This used to be outside the Reichstag, but Hitler moved it brick by brick,“ he adds, with barely disguised admiration. It’s the Siegessäule, a monument to wars against Austria, Denmark and France. The gilt and marble Teutonic exclamation that marks the beginning of a united Germany.[9]

2.2. Cloudy Metaphysicians

Das Bild des Deutschen als einem der Metaphysik, d.h. der philosophischen Lehre von den letzten Gründen und Zusammenhängen des Seins, verbundenem Menschen hat seinen Ursprung unter anderem in Mme de Staëls De l’Allemagne. Das Werk erschien 1813 erstmals in englischer Übersetzung und lobt den literarisch-philosophischen Geist der Deutschen, die Mme de Staël mit Verweis auf Gelehrte wie Kant und Leibnitz als die metaphysischste Nation der Welt bezeichnet. Dieses positive Bild geht bald in dem des romantischen Träumers oder schwärmerischen Mystikers auf. Der englische Philosoph, Historiker und Autor Thomas Carlyle (1795-1881) beispielsweise setzte diesem Typus im Roman Sartor Resartus. The Life and Opinions of Herr Teufelsdröckh (1833-34) ein Denkmal. Es ist dies die fiktive Biographie des Herrn Diogenes Teufelsdröckh, Professor an der Universität Weißnichtwo, die mit Elementen der Satire, der Predigt und des Entwicklungsromans durchsetzt ist. Am Beispiel der Philosophie der Kleider wird die von Fichte übernommene Weltdeutung des Idealismus entwickelt. Geschichte, Kultur, Institutionen und Materie sind danach als zeitlich sich wandelnde Erscheinungsformen (Kleider) des Geistes zu sehen.[10]

[...]


[1] Dieses Grundprinzip ist auch für kleinere Personenverbände und Individuen anzunehmen.

[2] Assmann (1999), S. 22.

[3] Ders., S. 24.

[4] Vgl. Blaicher (1992), S. 1-12.

[5] Blaicher (1992), S. 2.

[6] Vgl. Blaicher (1992), S. 13-43.

[7] Vgl. Smollet (1975), S. 97.

[8] Porter (1975), S. 46f.

[9] A.A. Gill (1999), S. 21.

[10] Vgl. Seeber (1993), S. 288.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Deutschlandbilder in der britischen Literatur
Hochschule
Universität Leipzig  (Herder-Institut)
Veranstaltung
Nationale Selbst- und Fremdbilder
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
20
Katalognummer
V45516
ISBN (eBook)
9783638429085
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anhand von Blaichers Kategorisierungen untersucht diese diachron angelegte Arbeit die Wandlungen, dem das Deutschlandbild in der britischen Literatur unterworfen war. Mit Hilfe zahlreicher Textbeispiele zeigt die Arbeit, dass sich diese Veränderungen entlang best. englischer Wahrnehmungshaltungen (protestantische, empirisch-pragmatische, ästhetisch-asketische, liberal-demokratische, rationalistische Einstellung) vollziehen.
Schlagworte
Deutschlandbilder, Literatur, Nationale, Selbst-, Fremdbilder
Arbeit zitieren
David Ronneburg (Autor), 2001, Deutschlandbilder in der britischen Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45516

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