Die Enite-Konzeption im "Erec". Hartmann von Aue und Chrétien im Vergleich


Term Paper (Advanced seminar), 2017
26 Pages, Grade: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Konzeption und Stellenwert der Enite-Figur im „Erec“ Hartmanns von Aue

2.1 Allianzverbindung
2.2 Krise
2.3 Apotheose
2.4 Fokus: Enites Stimme

3. Fazit

4. Literatur

4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1.Einleitung

DerErecHartmanns von Aue gilt als der erste deutsche Artusroman und ist bis heute intensiv untersuchter Gegenstand der literaturwissenschaftlichen Forschung. Anlass zu den vorliegenden Überlegungen gab der Aufsatz Volker Mertens’ „Enide – Enite. Projektionen weiblicher Identität bei Chrétien und Hartmann“. Mertens interessiert, ob die weibliche Hauptfigur nur Mittlerin auf dem Weg der Identitätsfindung Erecs ist und dabei selbst statisch bleibt oder ob auch sie einen identitätsstiftenden Weg geht. Ferner reflektiert er, welche unterschiedliche Rolle die Heldin in den beiden Romanen spielt, wie sich dieser Prozess bei Hartmann und bei Chrétien gestaltet und wo die Gründe für mögliche Unterschiede liegen könnten1. Am Ende seiner Untersuchung gibt Mertens der Chrétienschen Enide deutlich den Vorzug, da er in ihr eine Entwicklung zu erkennen glaubt, die er der Hartmannschen Enite abspricht: So entwickele sich die Französin von einer stark erotisch fundierten Identität im ersten Handlungszyklus zu ihrer sozialen Identität als repräsentative Ehefrau an der Seite eines verantwortlichen Herrschers, auch wenn die Identitätsstiftung im konventionellen Rahmen Familie und Repräsentation verliefe2. Enite dagegen bliebe an die vorgegebene Identität statisch als von Anfang an reine, vollkommene Heldin gebunden und fungiere vornehmlich als „gesellschaftliche geforderte Beigabe“3– wenngleich sie in der Gesamtkonzeption des Romans von einem eher „utopischen Gesellschaftsentwurf“ getragen würde4.

Von Mertens’ Fragestellungen ausgehend soll im Hauptteil der Arbeit der Versuch unternommen werden, die Entwicklung der Enite-Figur nah am Text Hartmanns nachzuzeichnen und dabei den Chrétienschen als Folie im Blick zu behalten. Ziel der Analyse wird sein, die wesentlichen Änderungen Hartmanns in Bezug auf die Enite-Figur zu erkennen und zu reflektieren, welche Effekte sie zeitigen, insbesondere bezüglich der Paarkonstellation. Daher werden wir die Entwicklung der Figur vom gesellschaftlichen Aufstieg über die Krise bis hin zur endgültigen Rehabilitation nachzeichnen. Abschluss bildet ein Blick auf die Entwicklung der ‚Stimme‘ Enites und ihre Funktion(en).

Da der Fokus der vorliegenden Arbeit auf der Konzeption von Protagonistenidentitäten liegt, ist zu klären, auf welche Identitätskonzepte sinnvoll in historischen Texten rekurriert werden kann. Jan Mohr gibt in seinem Aufsatz ‚Logisches Ich und epistemisches Ich. Noch einmal: Identitätskonzepte in HartmannsIwein‘ einen Überblick über die Bemühungen der germanistischen Forschung, die die im höfischen Roman entworfenen Identitätskonzepte adäquat zu beschreiben versuchen. So unterstellten ältere Ansätze den Protagonisten eine moderne Subjektkonstitution, deren Handlungen im Sinne eines modernen Bildungsromans zu lesen wären. Nachdem sich dieser Anachronismus als wenig hilfreich erwies, prononcierte man in einer Gegenbewegung die Schematizität mittelalterlicher Erzähltexte. Neuere Arbeiten streben eine Vermittlung zwischen den beiden Positionen an, indem sie das Schema um eine Tiefendimension, das Innenleben der Figur, bereichert sehen. Nach dieser Auslegung sind Emotionen dann viel mehr als nur Funktion von Handlungssituationen. Mangelnder Konsens herrscht bezüglich der Terminologie zur Beschreibung der Phänomene: So konkurrieren die Begrifflichkeiten ‚Identität‘, ‚Ipseität‘, ‚Subjektivität‘ und andere5. Ich werde mich auf die Bezeichnung ‚Identität‘ beschränken im Sinne einer Entität, die auf eine spezifische Figur Bezug nimmt und sich durch charakteristische Zuschreibungen von allen anderen unterscheidet. Aufgrund der begrifflichen Uneindeutigkeiten nimmt die Forschung Zuflucht zu soziologischen Theoriebildungen mit den Kategorien ‚Inklusion‘ versus ‚Exklusion‘. Dies erscheint im Umgang mit historischen Texten durchaus sinnvoll, da sich Identität in vormodernen Gesellschaften durch die Zugehörigkeit zu einer oder mehreren Gruppen ausbildet. Inklusion ist also zentral für die Bestätigung topischer Identität, die sich rollenkonform zeigt. Individualität im Sinne von Einzigartigkeit ergibt sich dagegen oft dann, wenn die Figur nicht mehr in eine Gemeinschaft eingebunden ist. Identität bzw. ein Identitätsstatus lässt sich auch an der textuellen Gestaltung des Körpers und seiner Ausstattung erkennen. So zeichnet sich der höfische Körper durch leibliche Schönheit aus, die inszeniert wird – durch standesgemäße Kleidung, das Gefolge, ein hervorragendes Pferd mit entsprechendem Dekor und anderen Statussymbolen6. Hinter der häufig ostentativen Zurschaustellung von Reichtum steht der Glaube des Mittelalters an die Korrespondenz äußerer und innerer Werte: „So wie die edle Geburt eine Garantie für edle Gesinnung ist [...], ist auch der Besitz von Reichtum vor allem ein Indiz für ritterliche und höfische Qualitäten“7. Es wird zu zeigen sein, dass die Konzeption der Enite-Figur eng mit den Kategorien Körper, Ausstattung, Inklusion und Exklusion verknüpft ist.

2. Konzeption und Stellenwert der Enite-Figur im „Erec“ Hartmanns von Aue

2.1 Allianzverbindung

Der im Ritterdienst noch unbewährte Königssohn Erec, „den Tapferkeit und Glück auszeichneten“ (v.3), trifft auf seiner ersten Aventiurefahrt sehr bald auf die junge Heldin. Bei Hartmann wird ihre übergroße Schönheit gerade durch den zunächst fehlenden höfischen Rahmen offensichtlich: Sie ist ‚an sich‘ schön8. Denn trotz der Armseligkeit ihrer Kleidung erscheint das anmutige Mädchen „bewundernswürdig“ in ihrem verschlissenen grünen Rock, dessen edle Farbe bereits auf ihre adelige Abstammung hinweist9:ir geburt was âne schande(v.439). Von Beginn an wird sie in einem Anklang auf das Hohelied (2,2) als die Auserwählte dargestellt, die „wie die Lilie / weiß unter schwarzen Dornen steht“ (v.337f)10. In der Konzeption der weiblichen Heldin werden bei beiden Autoren die topischen Forderungen derdescriptio pulchritudiniserfüllt: Sie sind jung, überaus schön, erotisch und ihr Betragen ist höfisch11. Bei Chrétien stellt der Erzähler in einer Anspielung auf die Geschichte von Tristan und Isolde die noch nie dagewesene Schönheit der französischen Enide detailliert heraus (v.398–440), ihr adeliges Zuhause wird nur mäßig ärmlich dargestellt (v. 484–500). An höfische Sitte gewöhnt, führt sie Erec zu seinem Gemach (v. 473–476) und zeigt sich damit von Beginn an fraulich-etabliert. So ist die Passung zu dem zwar ebenfalls noch jungen Erec gegeben, der aber bei Chrétien bereits zur Tafelrunde des Königs Artus gehört, wo er hohen Ruhm genießt (v. 83f). Der Vater Enides ist sich des Werts seiner Tochter durchaus bewusst (v.529–532) und gibt erst dann den Segen für eine Verbindung, als er hört, dass seine Tochter einen Königssohn zum Mann bekommen werde (v.666–678). Anders bei Hartmann, der in wesentlichen Punkten von der französischen Vorlage abweicht. So reagiert der Vater Enites mit Scham auf Erecs Ansinnen, die schöne aber arme Enite heiraten zu wollen, da der verarmte Adelige die Bedingungen für eine Allianzverbindung nicht erfüllt sieht. Doch Erec besteht auf der Verbindung mit Enite, denn er braucht sie, um im Sperberkampf gegen den Ritter Iders den Schönheitspreis für eine Dame zu erringen. Nicht das Begehren spielt zu diesem Zeitpunkt für seine Wahl eine Rolle, sondern nur das nötige Mittel, die schöne Jungfrau, für das männliche Interesse am Sieg. Im Hartmannschen Text entspricht dem als Ritter unerfahrenenÊrecke dem jungelinge(v.757) das schüchtern-mädchenhafte Verhalten Enites, die in der Gesellschaft noch nicht etabliert ist:ir gebærde was vil bliulîch, / einer megede gelîch(v.1320f). Erec gelingt der Triumpf über Iders einerseits aufgrund der Erinnerung an die zugefügte Schande, andererseits aber auch durch die Anteilnahme und Anblick der Schönen (v. 802)12: „Iders wird nicht nur vom kämpfenden Erec besiegt, sondern von der Partnerschaft Erec-Enite“13. Nach dem Sieg über den Ritter Iders erfolgt beider erste Erhöhung. Erec wird von Iders alsedel ritter(v.957) anerkannt14, Enites außergewöhnliche Schönheit durch den Gewinn des Sperbers ebenfalls zum ersten Mal öffentlich bestätigt. Damit ist die Harmonie der Passung des Hartmannschen Paares in einer Allianzverbindung auf ihrem stufenweise ansteigenden Bewährungsweg als Bester und Schönster angelegt15.

Vor dem Ritt zum Artushof möchte Enites Oheim, der Herzog von Tulmein, seine Nichte standesgemäß einkleiden. Doch Erec widerspricht: Sowohl er als auch Enite sollen erst am Artushof in ihrem neu erworbenen Status als Bester und Schönste bestätigt werden16. Auf dem Weg dorthin verlieben sich die Chrétienschen und Hartmannschen Paare ineinander, wobei im französischen Text Enide, sich ihrer erotischen Ausstrahlung bewusst, die Blicke Erecs offen erwidert, und die Liebenden den ersten Kuss tauschen. Bei Hartmann dagegen sieht Enite nur schüchtern immer wieder zu ihrem gerade gewonnenen Freund hinüber (v.1489), betont dagegen wird das Gefühl vontriuwe und stætezwischen den frisch Verliebten (v.1497).

Der Empfang am Artushof im Hartmannschen Text gilt vor allem Erec. Enite wird nur nebenbei erwähnt und nimmt – im Vergleich zu den anschließenden Passagen, die ihr exklusiv gewidmet sind (Einkleidung und Auftritt vor der Tafelrunde) – wenig Raum ein (v.1501–1522 versus 1529–1611 und 1611–1796)17. Während in der französischen Vorlage die Kleidungen detailbeschrieben wird und die Einkleidung durch die Bediensteten Ginovers geschieht (v.1567–1654), sind bei Hartmann andere Aspekte vorrangig. Es ist paradigmatisch für die Konzeption höfischer Identität, dass Enite die ihrer adeligen Schönheit entsprechenden äußeren Attribute (v. 1529–1611) erst am Artushof als höchster höfischer Instanz und bei Hartmann durch die Königin selbst erhält18. Durch das Einnähen an den Seiten und Ärmeln ist Enites Kleid sehr körpernah, doch wie auch die erotischen Signale Gürtel und Brustspange findet durch das Herausstellen der allerhöchsten Güte der Materialien und die Farbsymbolik eine höfische Ästhetisierung statt19. Wiederaufgenommen werden die Farben des Anfangs: Das Weiß des Unterkleides erinnert an Enites schwanenweißen Leib und den Lilien-Vergleich (v.329f, 337), das weiche Grün des Samtkleides spielt erneut auf den edlen Status seiner Trägerin an. So vorbereitet, kann die weibliche Heldin in ihrer nun noch gesteigerten, vollends erstrahlten Schönheit vor die Tafelrunde treten. Der nun folgende Auftritt wird sorgfältig inszeniert und der Blick auf die Frau ist ein exklusiv männlicher20. Mag die Chrétiensche Aufzählung der Ritter angesichts ihrer Beinamen auf den heutigen Leser eines komischen Elements nicht entbehren (v.1671–1705), so akzentuiert Hartmann das Würdevolle der Schar durch Beibehalten des Französischen bzw. entsprechende Umformulierungen oder Auslassungen und dehnt die Beschreibung von Rang und Namen der 140 Ritter deutlich aus (v.1629–1697). Erzähltechnisch verleiht er damit der nachfolgenden Akkreditierung Enites als der Schönsten den allerhöchsten Stellenwert und die größtmögliche Repräsentativität21. An der Hand der Königin wird Enite zu der eindrücklichen Runde von berühmten Rittern geleitet, wobei in einem bereits seit der Antike topischen Rosen-Lilien-Vergleich Enites sinnliche Perfektion ausgemalt wird, indem sich das Rot der Venusblume mit dem reinen Weiß der Lilie vermischt (v.1701–1706)22:

als der rôsen varwe

under wîze liljen güzze,

und daz zesamene vlüzze,

und daz der munt begarwe

wære von der rôsen varwe,

dem gelîchete sich ir lîp.

Enites Schönheit potenziert sich im schüchternen Erbleichen und anschließenden Erröten angesichts der Anzahl der Anwesenden23. Gefasst wird dieses Moment in einem Vergleich mit der Sonne, deren Glanz umso überwältigender hervortritt, wenn sie zuvor von einer Wolke überschattet wurde. Durch diese Analogie zum „kosmisch höchstem Symbol“ wird Enites Schönheit überirdisch erhöht. Sie bereitet auch das Erschrecken der Ritter vor (v. 1737), das den andersweltlichen Aspekt ihrer Perfektion unterstreicht und den Hartmann gegenüber Chrétien eingefügt hat24. In der französischen Vorlage wird ihre unübertroffene Schönheit in einer Wechselrede zwischen Artus und den Rittern offiziell bestätigt, bevor der König ihr die Ehre des weißen Hirsches zuteilwerden lässt und die Schönste nach höfischer Sitte küsst (v.1733–1795). Bei Hartmann wird die Allgemeingültigkeit der Anerkennung Enites als Auserwählte noch weiter herausgearbeitet. Dies geschieht mehrfach und explizit durch die Stimme des Erzählers im generischen Maskulinum (man, er) und den Verweis auf die ganze Welt (v.1741ff, 1764f):

dâ enwas dehein man,

ern begunde ir vür die schœnsten jehen

die er hæte gesehen

[...]

sie enwære diu schœniste dâ

und über die werlt ouch anderswâ.

Der Erzähler Hartmanns geht damit weit über die subjektiven Stimmen der Ritter bei Chrétien hinaus. Zudem wird noch einmal die außerweltliche Schönheit der Heldin gerühmt, diesmal durch den Vergleich mit dem Mond, dessen Glanz das Strahlen der Sterne um ein Vielfaches übertrifft (v.1768–1781), bevor ihr abschließend durch den Kuss des Königs Artus von höchster höfisch-weltlicher Instanz auch bei Hartmann als Schönster gehuldigt wird (v.1784–1796). Fechter stellt heraus, dass das Bild vom Mond, der die Sterne überstrahlt, aus dem religiösen Bereich kommt und hauptsächlich in Konnex mit der Muttergottes gebraucht wird. Die häufige Verwendung des Vergleichs erklärt sich aus dem Vers des Hohenlieds (6,9), das als Ganzes mariologisch gedeutet werden kann: „Wer ist, die hervorbricht wie die Morgenröte, schön wie der Mond, auserwählt wie die Sonne [...]?“25. Durch diesen Bezug erhält Enites Schönheit nicht nur besondere Würde und Reinheit, sondern hier wird bereits die spätere Erhöhung als ebenbürtige Partnerin des von Gott berufenen Herrschers Erec in der Schlussszene vorbereitet.

Nach dieser Auszeichnung der Heldin kann nun Hochzeit mit dem zukünftig Besten gefeiert werden. Im Unterschied zu Chrétien, wo Erec den König um Erlaubnis bittet, an seinem Hof heiraten zu dürfen (v. 1870ff), besteht bei Hartmann der König selbst darauf, dass das junge Paar an seinem Hof getraut wird (v. 1889ff). Der daraus resultierende Effekt der herausragenden Würdigung wird noch verstärkt in der Prolongation der Feierlichkeiten von zwei auf vier Wochen und der schier endlosen Aufzählung der geladenen Gäste in sorgfältig hierarchischer Staffelung, die die Repräsentativität des eigentlichen Aktes der Eheschließung unterstreichen26. Dieses Fest höfischer Freude wird bei beiden Autoren mit einem Turnier abgeschlossen, auf dem Erec nun – zumindest vorläufig – neben dem unübertroffenen Gawein ritterlicheêreerringt (v. 2741–2757) und sich in Kongruenz zur Schönsten als der Beste erweist.

2.2 Krise

Rasch wandelt sich die Verbindung des jungen Paares von der strategisch motivierten Allianzverbindung zu einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung. Das gegenseitige Begehren lässt sehr schnell keinen Raum mehr für die geforderte höfische Repräsentation. Die daraus resultierende öffentliche Schande führt die Liebenden in eine tiefe Krise, als Paar und als Individuen.

In der Argumentation Mertens’ ist dieverligen-Szene des Chrétienschen Textes für die Identitätsentwicklung Enides zentral, indem er am gedoppelten Vorwurf der unbedachten Rede desAmis, con mar fus(v. 2503)27und der möglichen Anspielung auf Enides sexuelle Unersättlichkeit ihre noch nicht in der sozialen Rolle der Ehefrau gefestigte Identität festmacht28. Auf diesen Ausruf Enides folgt ein längeres Gespräch der Liebenden, in dem Erecs innerer Aufruhr deutlich erkennbar wird, wenn sich in seinen wütenden Nachforschungen Zorn und Scham vermischen. Es ist Enide, die ihren Mann unverhohlen dazu auffordert, die öffentliche Schande, deren Zeugin sie ist, zu tilgen (v2562–2565). Trotz ihrer deutlichen Worte, aus denen auch herauszulesen ist, dass sie sich für Erec, den Geschmähten schämt, gibt dieser ihr Recht und folgt ihrem Rat (v.2572f)29. Um wieviel behutsamer ist die Hartmannsche Enite, die sich in ihr Seufzen mit hineinnimmt und keinerlei Andeutungen macht, dass sie als Mitwisserin um die Schande dem Vorwurf der Hofgesellschaft (v.3001) folgen würde (v.3029–3032):

>wê dir, dû vil armer man,

und mir ellendem wîbe,

daz ich mînem lîbe

sô manegen vluoch vernemen sol.<

Dennoch ist Erecs Reaktion auf Enites Eröffnung hart und fällt in ihrer Kälte ungleich harscher aus als bei Chrétien. Als Reaktion auf die Eröffnung der Geliebten, durch die erworbeneschanden(v. 2986, 2990) alle Ehre verloren zu haben, beendet er abrupt das Gespräch und befiehlt ohne weitere Umschweife sofort zum Aufbruch. So macht sich das Paar auf den zweiten Aventiureweg, der sich ungleich beschwerlicher und verzweifelter

[...]


1Mertens 1993: 61f.

2Mertens 1993: 70f.

3Mertens 1993: 61.

4Mertens 1993: 74. Mertens repräsentiert damit eine der beiden Haupttendenzen in der Forschung zur Enite-Figur, die der Protagonistin eine Entwicklung und komplexe Zeichnung aberkennt. Demgegenüber vertreten Wendy Sterba, Andreas Kraß und andere die These, dass im Hartmannschen Text die Protagonistin durchaus eine dem Helden ebenbürtige Rolle einnehme, vgl. Forschungsüberblick von Elke Koch 2006: 160–165.

5Mohr 2012: 141f.

6Mohr 2012: 141–145. Zur Setzung des Körpers und seiner Inszenierung vgl. auch Haupt 2002: 47–73.

7Gier 1987: 399, Anm. zu v. 1570–1610.

8Vgl. Haupt 2003: 63.

9Der Topos von äußerer Armut in Kontrast zu innerem Reichtum schlägt sich auch in der Konzeption des Vaters alsedelarmen(v. 432) nieder und betont nicht nur Enites makellose Abkunft, sondern darf schon hier als Hinweis auf ihr edles Gemüt gelesen werden. Vgl. auch Mertens 2008: 630.

10Chrétien führt das Motiv der weißen Lilie ein (v. 427f), Hartmann nimmt es auf und baut es weiter aus. Hier verleiht er ihm durch kulturgeschichtliche bzw. biblische Referenz eine Tiefendimension. Diese Technik wendet er immer wieder an und verdichtet damit die Aussagekraft des Textes.

11Haupt 2002: 49. Auch wenn Hartmann seine Heldin bewusst mädchenhaft und scheu zeichnet, darf sich ihre Erotik im Durchschimmern ihres Leibes durch die verschlissene Kleidung zeigen. Ihre sanfte Art, mit der sie sorgfältig den ihr vom Vater übertragenen Pferdedienst erfüllt, spricht für ihre gute Erziehung.

12Wandhoff 1996: 171.

13Wandhoff (1996: 172) zitiert Kathryn Smits.

14Bezeichnend ist der Wechsel der Anrede, mit der Iders seinen Kontrahenten Erec anspricht: Zunächst rät er demjungelinc(v. 708), sein kindliches Ansinnen, den erfahrenen Iders zum Zweikampf herauszufordern, zu unterlassen. Nach Erecs Sieg aber fleht er ihn alsedel ritter(v. 957) um Gnade an. Doch dies ist erst der Anfang eines langen Wegs der Etablierung. Mertens weist im Kommentar darauf hin, dass die stehende Benennung des Helden alsfils du roi Lac(„Sohn des Königs Lac“) auf dessen noch ungefestigte Stellung hindeutet (Mertens2008:627).

15Mertens2008:628: „Das Sperberabenteuer bedeutet die für den Artusroman topische Verbindung von schönster Frau und bestem Kämpfer. Ursprünglich dürfte mit dem Sieg der Erwerb einer andersweltlichen Frau, einer Fee von überweltlicher Schönheit, verbunden gewesen sein. Enite besitzt diese [...].“

16Mertens2008:634, Anm. zu v. 641–656: Durch die eigene Leistung haben sie sich bereits als Bester und Schönste bewährt, jedoch fehlen noch die äußeren Statussymbole, die die höfische Identität des jungen Paares repräsentieren werden. So lässt sich ein Bezug zwischen Erecs altmodischer Rüstung und Enites zerrissener Kleidung herstellen, der ihre Passung auch äußerlich betont.

17Dafür wird Erec im Anschluss an die Hochzeit sehr viel Raum in seiner Inszenierung auf dem Turnier zugestanden.

18Mohr 2012: 143f, vgl. Haupt2002: 47.

19Mertens 2008: 639f.

20Haupt 2003: 47, 56.

21Die Liste Chrétiens trägt, zumindest in der deutschen Übersetzung nach Albert Gier, stellenweise zur Erheiterung der Leser bei, wenn zu lesen ist „[...] der Schöne Feigling, der Häßliche Kühne [...| Yvain der Bastard, [...] Caradoc der Kurzarmige, ein sehr zur Fröhlichkeit neigender Ritter“ (v. 1676–1689). Im Originaltext ist durch das Altfranzösische für einen der historischen Sprache unkundigen Leser nicht mehr nachvollziehbar, ob z. B.li Biax Coarzvom zeitgenössischen französischen Publikum als Name oder als Zuschreibung („der Schöne Feigling“) gelesen wurde. Hartmann verzichtet auf eine mittelhochdeutsche Entsprechung. Er lässt das französische Adjektiv und den Namen unübersetzt, so kann beispielsweiseli bels Côarz(v. 1633) neutral als stehende Benennung gelesen werden.

22Mertens 2008: 642f, Fechter 1964: 49.

23Hartmann bezieht damit in die topische Beschreibung der äußeren Schönheit ein neues Element ein, nämlich die psychischen Regungen Enites, vgl. Haupt 2003: 54. Damit erreicht er zweierlei: 1. die Zeichnung einer individuellen Schönheit, die über den Topos hinausgeht; 2. Das Objekt der Betrachtung wird zum Subjekt einer Empfindung.

24Mertens 2008: 643.

25Fechter 1964: 118f.

26Chrétiens Aufzählung der Geladenen ist bereits umfangreich (v. 1882–1953) und beinhaltet neben Königen und Grafen auch Gäste aus dem Reich der Feen und Zwerge. Vermutlich zur Steigerung der Repräsentativität der Feierlichkeit verzichtet Hartmann auf dieses wunderbare Element und lässt die Festteilnehmer in hierarchischer Abfolge auftreten: die Grafen und Herzöge (v. 1907–1940), jeweils fünf junge und fünf betagte Könige (v. 1942–2072) und als Krönung des Zuges die ehrwürdigen Alten (v. 2073–2112). Sie alle dienen der Bezeugung der Eheschließung, die Zeremonie selbst wird in zwei Versen abgehandelt (v. 2122f).

27Die Bedeutung von Enides Ausrufs konnte bis heute nicht abschließend geklärt wird. Gier übersetzt in der vorliegenden Ausgabe mit „Mein Freund, wie schade um dich!“, Kasten aggressiver mit „wie armselig du geworden bist“ und im Englischen heißt es bei Comfort „unhappy you“, vgl. Mertens 1993: 66.

28Gier 1987: 404: „Das mittelalterliche Publikum scheint in der >Schlafzimmer-Szene< mit Erec, der vom Liebesspiel erschöpft eingeschlafen ist, während Enide ihren Gedanken nachhängt, einen Beweis für die sexuelle Unersättlichkeit der Frauen gesehen zu haben [...].“ Mertens (1993: 66, Fußnote 7) erklärt dies durch die Polyphonie mittelalterlicher poetischer Texte, in denen „im Fall einer sexuellen Implikation [...] Mehrdeutigkeit nicht selten“ ist.

29Wandhoff 1996: 178: So ist denn auch der „Hauptzweck des gemeinsamen Ausritts bei Chrétien [...], dass Enide Erec nach derrecreantisewieder in ritterlicher Form zusehenbekommt [...]“ – anders bei Hartmann, wie zu zeigen sein wird.

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Details

Title
Die Enite-Konzeption im "Erec". Hartmann von Aue und Chrétien im Vergleich
College
LMU Munich  (Institut für Deutsche Philologie)
Course
"Erec" - Hartmann und Chrétien im Vergleich
Grade
1,0
Author
Year
2017
Pages
26
Catalog Number
V455182
ISBN (eBook)
9783668871274
ISBN (Book)
9783668871281
Language
German
Tags
Enite, Erec, Frauenfigur in der mittelhochdeutschen Literatur, Eines Stimme, Hartmann von Aue, Chrétien de Troyes, Erec et Enide, Identitätskonzepte in historischen Texten
Quote paper
Marie Annette Laufer (Author), 2017, Die Enite-Konzeption im "Erec". Hartmann von Aue und Chrétien im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455182

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