Zuckerbrot und Peitsche. Freiheit und Strafe in Hobbes "Leviathan"


Hausarbeit, 2017

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Mensch als Maschine

3. Rechte, Gesetze und der Mensch im Naturzustand

4. Gesetze und Strafe im Leviathan
4.1. Bürgerliche Gesetze
4.2. Sanktionen durch den Souverän

5. Hobbes Freiheitsbegriff
5.1. Die Freiheit der Bürger
5.2. Das Verhältnis von Freiheit und Strafe

6. Fazit

Quellen- und Literaturverzeichnis

Anhang

1.Einleitung

Hobbes wird, mehr noch als andere einflussreiche politische Philosophen, als politischer Akteur gelesen. Insbesondere sein Leviathan stellt nicht nur die theoretische Konstruktion eines funktionierenden Staates, sondern in den Augen vieler auch eine politische Agenda dar (vgl. hierzu auch Metzger 1991: 13-53; Sommerville 1996 (Skinner 2008)). In ihm zeichnet Hobbes nicht ein gesellschaftliches Idealbild, sondern liefert eine praktisch orientierte Theorie zur Legitimierung und Ausführung von Herrschaft, in deren Zentrum die Wahrung von Frieden und damit einhergehend Ordnung innerhalb der Gesellschaft steht (vgl. Höffe 2010: 62f). Der Leviathan entstand unter dem Eindruck des englischen Bürgerkrieges und steht den Überzeugungen den Initiatoren dieses Krieges entgegen (vgl. Skinner 2008). Seit seiner Veröffentlichung 1651 wird er kontrovers diskutiert, auch in Bezug auf das Verhältnis von staatlicher Autorität und individueller Freiheit. Einige sehen in ihm die Grundlage für einen totalitären Staat gelegt, andere das Fundamenten der Vertragstheorie und der persönlichen Freiheitsrechte, welche später unter anderem auch bei Locke zentrale Rollen spielen (vgl. Schaal/Heidenreich 2006; Waas 2011: 598-629). In Bezug auf die Frage nach dem Verständnis individueller Freiheit bei Hobbes ist der Leviathan im Besonderen von Interesse, da, ebenso wie bei der Interpretation seines Gesamtwerks, die Bewertung der Konsistenz seines Freiheitsbegriffs über seine verschiedenen Werke unterschiedlich ausfällt. Während einige Autoren1 diesen über alle Werke hinweg als unverändert oder zumindest nur kontinuierlich weiterentwickelt betrachten, sieht Skinner (2008) im Leviathan eine neue Qualität. Diese Arbeit befasst sich daher vor allem mit dem im Leviathan aufgestellten Freiheitsverständnis.2 Im Fokus von Hobbes Theorie von Herrschaft befindet sich der Souverän. Mit ihm steht und fällt der Staat, welcher für Hobbes als einziger Garant für Frieden sein und den Rückfall in den berüchtigten Naturzustand verhindern kann. Um sich dem Freiheitsbegriff von Hobbes annähern zu können, ist es deswegen zentral, sich neben der Anthropologie, also der individuellen Ebene, auch mit dem Rechts- und Souveränitätsverständnis des Leviathan,also den Befugnissen des Souveräns vertraut zu machen. Beide Dimensionen greifen durch den Aufbau beziehungsweise die Methodik des Werks jedoch ohnehin ineinander. Aus dieser Auseinandersetzung soll dann der Freiheitsbegriff im Werk herausgearbeitet werden. Anschließend wird sich diese Arbeit noch mit der anderen Seite von Hobbes, der Sanktionsgewalt des Souveräns, des Leviathans, beschäftigen. Wie stehen die beiden Pole, Freiheit und Strafe, im hobbesschen Staat einander gegenüber? Abschließend wird auf dieses Verhältnis von Freiheit und Strafe Bezug genommen und dieses in Relation gesetzt.

2.Der Mensch als Maschine

Hobbes sagt zu Beginn des Leviathan über diesen, dass er „nichts anderes ist als ein künstlicher Mensch“ (Hobbes 2010: 17). Auch im weiteren Werk verwendet er immer wieder den menschlichen Körper als Analogie für die Beschreibung des Leviathan und seiner Organe. Hobbes Begriff vom Mensch als solcher steht also auch eng in Bezug zu den Eigenschaften des Leviathan, zumal Menschen für diesen sowohl den „Werkstoff“ bilden, als auch seine „Konstrukteure“ sind (vgl. Hobbes 2010: 18). Hobbes denkt seine Staatsphilosophie vom Menschen her (vgl. Dusch 2011: 46). Ebenso wie in der Rezeption des Leviathan als Ganzem scheiden sich jedoch auch in der Rezeption des Menschenbildes in ihm die Geister. Während einige Autoren Hobbes Anthropologie als (zu) pessimistisch wahrnehmen, betrachten sie wiederum andere als zu optimistisch oder schlicht nicht zutreffend (vgl. Dusch 2011: 27). Die Frage nach der Natur des Menschen im Sinne eines moralischen Urteils, also der Frage, ob sie gut oder böse ist, ist aber für den Freiheitsbegriff und auch für die Anwendung von Strafe nicht von unmittelbarer Wichtigkeit.3 Interessant ist vielmehr das Verständnis von der Funktion des Menschen. Die Natur seiner Wahrnehmung, seines Denkens und seiner Leidenschaften. Hobbes sieht den Menschen als mechanisches Wesen, welches von seinen jeweiligen äußeren Eindrücken und deren Nachwirkungen beeinflusst ist.

Ursache der Empfindung ist der äußere Körper oder Objekt, der auf das jeder Empfindung entsprechende Organ drückt […]. Dieser Druck setzt sich […] bis zu dem Gehirn und Herzen fort und verursacht dort einen Widerstand oder Gegendruck oder ein Bestreben des Herzens, sich davon frei zu machen. “ (Hobbes 2010: 21f)

Aus diesem Prozess bilden sich Empfindungen, welche wiederum zu Einbildungen zerfallen, aus denen dann, wenn sie „alt und blass“ sind, Erinnerungen werden. Viele Erinnerungen bilden die Erfahrung eines Menschen (vgl. Hobbes 2010: 23-25). Der Druck auf ein Sinnesorgan, beziehungsweise dessen Reizung durch einen Gegenstand führt dabei dann notwendig zu dessen Wahrnehmung. Somit lässt sich, ausgehend von dem Charakter der Empfindungen und Erfahrungen und dem Umstand, dass auch die auf das Sinnesorgan einwirkende Bewegung nicht aus dem Nichts kommt, bei Hobbes jede menschliche Handlung logisch herleiten (vgl. Dusch 2011: 30f; Röd 1978: 157). Hobbes legt also zunächst eine sehr deterministische Betrachtungsweise des Menschen und auch des menschlichen Zusammenlebens an den Tag.4 Er bemerkt aber zudem auch, dass die Unterschiede zwischen Menschen zum einen eher unwesentlich (vgl. Hobbes 2010: 119f) und zum anderen vor allem durch ihre Erfahrungen und damit durch äußere Einflüsse hervorgerufen sind (vgl. Hobbes 2010: 75). Im Weiteren unterscheidet er zwischen den rein durch äußere Umstände zustande kommenden Empfindungen, Eindrücken, Erinnerungen und dem Prozess des Denkens. In diesem setzt sich der Mensch im Gegensatz zur Wahrnehmung zunächst von seiner unmittelbaren Umwelt ab, es handelt sich um einen inneren Prozess, für welchen Hobbes auch eine gewisse Steuerungsmöglichkeit sieht (vgl. Dusch 20011: 32f). Denken kann entweder zielgerichtet, also von einem Verlangen gesteuert, oder ziellos sein und läuft in einer Gedankenkette anhand der Logik von Addition und Subtraktion ab (vgl. Hobbes 2010: 45-54, Dusch 2011: 33). Aus dieser Vorstellung des Denkens heraus macht Hobbes eine weitere Unterscheidung zwischen dem natürlichen Verstand,welcher in der „Schnelligkeit des Vorstellens“ und in der „stetigen Ausrichtung auf ein Ziel“ besteht5, und dem erworbenen Verstand, der Vernunft Letzterer lässt sich gezielt bilden, da er im Addieren und Subtrahieren der Folgen aus den allgemeinen Namen, also Worten mit genau definierter Bedeutung, besteht, wodurch Wissenschaft gebildet wird. Diese hat ihren Ursprung demnach auch nicht in der Natur, sondern ist durch Fleiß erworben (vgl. Dusch 2011: 32-34, Hobbes 2010: 45-54).6 Bei der Vernunft handelt es sich jedoch um „kein praktisches, den Willen bestimmendes, sondern bloß ein theoretisches, ein Erkenntnisvermögen“ (Höffe 2000: 203), also um eine Fähigkeit zur „Analyse von Gedankengängen“ und ist damit eher strukturierender als kreativer Natur (vgl. Dusch 2011: 34). Zuletzt behandelt Hobbes in Kapitel 6 (2010: 54-66) noch die Leidenschaften und Neigungen.7 Diese inneren Bewegungen wirken sich entweder im Sinne eines Triebs positiv aus, bewirken also ein Begehren, oder negativ, wenn sie eine Abneigung erzeugen (vgl. Höffe 2010: 112). Zu diesen Leidenschaften gehört ein weitläufiges Spektrum menschlicher Regungen, etwa Neid, Rache, Furcht, Hoffnung, Mitleid, Nächstenliebe (vgl. Hobbes 2010, Höffe 2010). Sie wirken sich auf einen Menschen in einer konkreten Situation handlungsanweisend aus, sind aber„naturgewachsen“, resultieren also letztlich aus den äußeren Einflüssen.

Insgesamt zeichnet Hobbes also das Bild eines Menschen als mechanisches, als funktionierendes Wesen. Dennoch bleibt diese Mechanik nicht auf ein bloßes Reiz- Reaktions-Schema reduziert, sondern erhält durch den Vorgang des Denkens, durch die Vernunft und durch die Leidenschaften einiges an Komplexität. Die deterministische Komponente in Hobbes Anthropologie bleibt aber damit dennoch weiterhin ausgeprägt.

3. Rechte, Gesetze und der Mensch im Naturzustand

Bei dem von Hobbes im Leviathan skizzierten Naturzustand handelt es sich um eine theoretische Konzeption, nicht um einen tatsächlich gegebenen, vorstaatlichen Zustand (vgl. Höffe 2010). Er ist insbesondere für das Freiheitsverständnis aber dennoch deswegen interessant, da das in ihm geltende natürliche Recht, „wir sind befugt, uns mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen“ (Hobbes 2010: 127), absolute Freiheit gewährt.

„Das natürliche Recht […] ist die Freiheit eines jeden, seine eigene Macht nach seinem Willen […] einzusetzen und folglich alles zu tun, was er nach eigenem Urteil und eigener als das zu diesem Zweck geeignetste Mittel ansieht.“ (Hobbes 2010: 125f)

Jeder kann also prinzipiell alles an Gütern und Macht ansammeln, inwieweit es seiner persönlichen Vernunft und Fähigkeit entspricht. Die Konsequenz, die sich bei Hobbes jedoch daraus ergibt, ist jedoch ein Kriegszustand, in dem jeder in Konkurrenz zu seinem Nachbarn steht, und daher um sein Leben und sein Eigentum fürchten muss, da kein einzelner Mensch einem anderen so weit überlegen ist, dass er ihn nicht töten und damit seine Güter an sich reißen könnte (Hobbes 2010: 119-125). Das Leben im Naturzustand ist „einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz“ (Hobbes 2010: 123).8 Im Naturzustand lässt sich also aus dem eigentlichen Zustand absoluter Freiheit ein Zustand der absoluten Unfreiheit des Individuums ableiten, da jedem Menschen jedes Mittel zur Behinderung oder gar Tötung eines anderen Menschen für seine eigenen Zwecke freisteht. Diese Feststellung ist der „Angelpunkt von Hobbes‘ Staatstheorie“ (Höffe 2010: 131). Das Verfolgen der eigenen Selbsterhaltung, zu deren Zweck die Menschen nach Macht streben, führt im Naturzustand letztendlich nur dazu, dass diese nicht gewährleistet ist. Neben der bereits beschriebenen Natur von Eindrücken etc. ist aber eben diese Selbsterhaltung und das Streben nach einem „guten Leben“ eine weitere zentrale Eigenschaft des Menschen im Leviathan, auf die sich dessen Legitimation wesentlich begründet. Für Hobbes folgt aus der Vernunft, dass das im Naturzustand als „Leitleidenschaft“ vorliegende Streben nach Macht beziehungsweise Selbsterhaltung (vgl. Höffe 2010) notwendig ein Streben nach Frieden (vgl. Hobbes 2010: 126f).

[...]


1 Skinner (2008: 14f) führt diesbezüglich einige Autoren auf, unter anderem Collins (2005).

2 Zumal Hobbes der Auseinandersetzung mit Freiheit im Leviathan einen größeren Raum gibt (vgl. Skinner 2008: 82).

3 Hobbes betreibt im Leviathan selbst einen entmoralisierenden Umgang mit den beiden Kategorien. Letztendlich werden sie immer nur aus subjektiver Perspektive ins Auge gefasst, eine an einer höheren Moralordnung orientierte Unterscheidung fehlt (vgl. Höffe 2010).

4 „[…] da jeder menschliche Willensakt, jedes Verlangen und jede Neigung einer Ursache entspringt und diese einer anderen Ursache in einer fortgesetzten Kette, deren erstes Glied in der Hand Gottes als der ersten aller Ursachen liegt.“ (Hobbes 2010: 203f)

5 Aber dabei nicht von Geburt an vorliegt, sondern vielmehr durch stetigen Gebrauch gebildet wird, auch wenn der natürliche Verstand nicht gezielt schulen lässt (vgl. Dusch 2011: 33).

6 Von allgemeinen Namen spricht Hobbes, wenn die Definition der Wörter klar und eindeutig, also keine Irreführung möglich ist (vgl. Hobbes 2010: 35-45).

7 Letztendlich gehen diese aber auch wieder auf Gott zurück, dessen „Urheberschaft“ jedoch nur insoweit gilt, als das Menschen nicht im Stande wären weder Leidenschaften noch Neigungen zu empfinden, so es denn nicht Gottes Wille wäre (vgl. Dusch 2011: 39).

8 Auch die Zusicherung von Frieden oder Bündnispartnerschaft wird, auf Basis des natürlichen Rechts, im Naturzustand beim kleinsten Zweifel, unwirksam (Hobbes 2010: 125-139).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zuckerbrot und Peitsche. Freiheit und Strafe in Hobbes "Leviathan"
Hochschule
Technische Universität Darmstadt  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Wissenschaft und Politik bei Thomas Hobbes
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V455200
ISBN (eBook)
9783668884816
ISBN (Buch)
9783668884823
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Hobbes, Leviathan, Freiheit, Strafe
Arbeit zitieren
Lucas Staab (Autor), 2017, Zuckerbrot und Peitsche. Freiheit und Strafe in Hobbes "Leviathan", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455200

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