Die Gelehrtenprozesse Gilberts von Poitiers und Peter Abaelards bei Otto von Freising


Seminararbeit, 2018

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Darstellung Peter Abaelards

3 Darstellung Gilberts von Poitiers

4 Die Rolle Bernhards von Clairvaux bei den Gelehrtenprozessen

5 Fazit

6 Bibliographie

7 Eigenständigkeitserklärung

1 Einleitung

Betrachtet man die Geschichtsschreibung im Laufe der vergangenen Jahrhunderte, so fällt auf, dass sie in Art und Weise ebenso wie in Zielsetzung einem steten Wandel unterworfen war. Allein in Europa differenziert sich die antike Historiographie stark von der des Mittelalters, welche sich wiederum deutlich von den späteren Epochen bis hin zur Moderne unterscheidet. Ein berühmter Historiograph des 12. Jahrhunderts war Bischof Otto von Freising. Er hinterließ zwei große Werke, in denen sich historische, philosophische, theologische und auch biographische Aspekte verbinden.

Otto hatte das Glück, in die königliche Familie geboren zu sein: Kaiser Heinrich IV. war sein Großvater, König Konrad III. sein Halbbruder und Kaiser Friedrich Barbarossa sein Neffe.1 Ottos Geburtsjahr wird um 1114/15 geschätzt. Seine Studienjahre verbrachte er in Paris, wo er in Berührung mit den Anfängen der Scholastik gelangte. Es ist nicht sicher, welche Lehrer genau Otto in Paris besucht haben mag, fest steht, dass Hugo von St. Victor dabei war und dass dessen Lehren großen Einfluss auf Otto ausgeübt haben.2 Als Anhänger des Symbolismus stand Hugo relativ allein im ansonsten eher dialektisch geprägten Paris der Frühscholastiker. Otto trat in das französische Kloster Morimond ein, wechselte allerdings bald darauf nach Freising, wo er zum Bischof ernannt wurde. Seine großen Werke, die Chronica sive Historia de duabus civitatibus und die Gesta Friderici Imperatoris, sind auch für die heutige Geschichtswissenschaft noch von großem Interesse.

Was Ottos Intention hinsichtlich seiner Werke betrifft, so fällt auf, dass die Geschichte in der zuerst geschriebenen Chronica insgesamt in einem düsteren Licht erscheint. Otto erklärt das durch seine „verbitterte Seele“3 während des Schreibens dieses ersten Werkes. Die später entstandenen Gesta dagegen wirken weitaus positiver; sie beschreiben das Leben und die Taten von Kaiser Friedrich Barbarossa. Beide Bücher sind eng miteinander verknüpft, jedoch sind die Gesta keine Weltchronik wie Ottos erstes Werk, sondern folgen dem Ziel, die „heilsgeschichtliche Funktion der Staufer“4 zu präsentieren. Otto schreibt hier für den regierenden Kaiser Friedrich Barbarossa; dabei braucht er einen Moment, um von seinem gewohnten Schreibstil auf die angemessene, kaiserzentrierte Weise des Berichtens umzulenken. So ist das erste Buch der Gesta noch immer von Abschweifungen und philosophischen Einschüben geprägt, während erst danach wirklich Friedrich Barbarossa in den Mittelpunkt gestellt wird.5

In den Gesta beschreibt Otto zwei Gelehrtenprozesse, die in der Gesellschaft des 12. Jahrhunderts große Wellen schlugen. Zwei französische Lehrer und Theologen wurden der Häresie angeklagt, Peter Abaelard und Gilbert von Poitiers, wobei sich die Prozesse in der Person Bernhards von Clairvaux treffen, der in beiden Fällen als Ankläger auftrat.

In der folgenden Arbeit werde ich mich mit der Darstellung dieser beiden Prozesse und ihrer Beteiligten Peter Abaelard, Gilbert von Poitiers und Bernhard von Clairvaux durch Otto von Freising beschäftigen und dabei auch auf seine subjektive Stellungnahme eingehen. Zunächst werde ich mich mit dem Prozess von Peter Abaelard auseinandersetzen, anschließend folgen die Verhandlungen von Gilbert von Poitiers. Den Abschluss bildet die Analyse von Ottos Darstellung von Bernhard von Clairvaux. Als Hauptquelle liegen dabei die Gesta Friderici Imperatoris zugrunde. Unter der Forschungsliteratur sind an wichtigen Werken vor allem der Aufsatz von Frank Rexroth „Fehltritte – Otto von Freising, der Prozess gegen Gilbert von Poitiers und die Kontingenz der sozialen Kommunikation“ zu nennen, außerdem der Aufsatz von Lars Hageneier „Die frühen Staufer bei Otto von Freising oder Wie sind die Gesta Friderici entstanden?“.

2 Darstellung Peter Abaelards

Sowohl auf gesellschaftlich-sozialer Ebene als auch auf wissenschaftlichem Terrain war Peter Abaelard eine der schillerndsten Gestalten seiner Zeit. Seine Bekanntheit reichte weithin und seine Lehren verbreiteten sich schnell; es gelang ihm, eine beachtliche Anzahl von Schülern um sich zu scharen und seine Schriften wurden an jedem Ort gelesen.6 Auch die Geschichten um ihn und seine fatale Liebe zu Héloise wanderten weit, sodass er nicht nur den Ruf eines Gelehrten, sondern auch den eines tragischen Liebenden erlangte. Er galt als „Troubadour“ unter den Scholastikern7 und vielleicht ist es dieser Facettenreichtum seiner Person, der dazu geführt hat, dass sein Name auch heute noch bekannt ist. Durch seinen provozierenden Umgang mit Scholastik und Theologie zog Peter Abaelard das Missfallen einiger Zeitgenossen auf sich. Seine Methodik der Herangehensweise an die Theologie mit Hilfe der Vernunft widersprach den traditionellen Vorstellungen vieler Kleriker, unter anderen auch Bernhard von Clairvaux. 1141 kam es bei dem Konzil von Sens zu einem Prozess, bei dem Abaelard der Häresie angeklagt wurde.

Otto von Freising hatte selbst in Paris studiert und war so zwangsläufig mit Abaelards Lehren über die dialektische Theologie in Kontakt gekommen, die in jenen Jahren dort in aller Munde waren.8 Er nutzt den Prozess Peter Abaelards allerdings als bloßes Kontrastmittel, stellt ihn dem späteren Gelehrtenprozess von Gilbert von Poitiers vergleichend gegenüber, indem er ihn im Rahmen eines Einschubs im Abschnitt über Gilbert beschreibt. So kann er deutlich die Unterschiede zwischen beiden Gelehrten und auch der jeweiligen Situation darlegen.9

Es beginnt mit der Schilderung der Heimat Abaelards, der von ihren Einwohnern so bezeichneten Bretagne. Sie sei „außerordentlich reich an scharfsinnigen und den Künsten aufgeschlossenen Klerikern, die in anderen Dingen aber nahezu dumm“10 seien. An späterer Stelle bringt Otto erneut seine Meinung über die Bretonen klar zum Ausdruck: Als er vom Ketzer Eum berichtet, der mit seinen Predigten das Volk in die Irre führt, weist er noch einmal ausdrücklich auf die „Einfältigkeit“ und „Dümmlichkeit“11 hin, die die Menschen in dieser Gegend offenbar trotz ihres gleichzeitigen Scharfsinnes auszeichnen.

Den bretonischen Scharfsinn gesteht Otto Peter Abaelard vorbehaltlos und wiederholt zu, in dieser Hinsicht hält er ihn für ausgesprochen begabt. Was er aber überdies zu den dort ansässigen Menschen sagt, bezieht er ebenfalls auf Abaelard: Sein Scharfsinn sei eine zwar herausragende, jedoch einseitige Begabung.

Er habe sich zwar seit jungen Jahren auf „wissenschaftlichen Studien und anderen schöngeistigen Beschäftigungen“12 konzentriert, wobei Otto mit letzterem vermutlich auf Abaelards dichterische Ambitionen anspielt. Allerdings war Abaelard „so anmaßend und vertraute so ausschließlich seinem eignen Geist, dass er kaum von der Höhe seiner Gedanken herabstieg und sich herbeiließ, Lehrer zu hören“.13 Freilich hatte Abaelard Lehrer gehabt, welche Otto im Anschluss auch nennt. Was er jedoch kritisiert, ist die Ungeduld Abaelards, die wieder auf seine einseitige Begabung hinweist. Er sei nicht dazu in der Lage, das „Gewicht ihrer Lehren“ lange auszuhalten, „da sie ihm des eindringlichen Scharfsinnes zu ermangeln schienen“.14 Abaelard setzt sich dadurch aus Ottos Perspektive ganz bewusst über seine Lehrer, sein Hochmut tritt deutlich hervor, ebenso wie sein Mangel an Ausdauer. Die Überheblichkeit des Schülers gegenüber seinen Lehrern missbilligt Otto offen. Seine Wortwahl in der direkten Beschreibung Abaelards mit Begriffen wie „arrogans“15 oder der Ironie in Phrasen wie „ab altitudine mentis sue humiliatus descendere“16 lassen daran keinen Zweifel.

Weiterhin weist Otto auf den Hang Abaelards zu leichten amüsanten Unterhaltungen hin. Er nutzt seine Klugheit „nicht nur für die philosophische Erkenntnis [...], sondern auch […] zur scherzhaften Erheiterung der menschlichen Gemüter“.17 Die Passage wirkt, als verschwende Abaelard seine Fähigkeiten, wenn er sie auf belanglose Unterhaltung und Scherzhaftigkeit ausrichtet. Es mangelt ihm an Ernsthaftigkeit, wie später im Vergleich zu Gilbert von Poitiers noch weiter auffallen wird.

Den Skandal der Liebe von Abaelard und Héloise erwähnt Otto nur ganz kurz; er beschreibt die Kastration Abaelards, die als Konsequenz darauf erfolgte, als „hinreichend bekannten Anlass“.18 Dies ist ganz offensichtlich nicht für seine Ausführungen in den Gesta von Belang, das persönliche Schicksal Abaelards spielt für ihn keine Rolle. Er charakterisiert diesen fast ausschließlich im Hinblick auf sein wissenschaftliches Wirken und dessen Auswirkungen auf den Prozess. Allerdings gibt er zu, dass Abaelard sich durch jenen Vorfall nicht aufhalten ließ und sein Scharfsinn und seine Belesenheit nur noch weiter vermehrte,19 gesteht ihm somit trotz allem einen starken Willen und ungebrochenen Ehrgeiz zu.

Nun beginnt Otto mit der Schilderung der Geschehnisse, die zuletzt zu besagtem Prozess führen sollten. Abaelard kehrt nach seinem Aufenthalt im Kloster zurück nach Paris und setzt seine Lehrtätigkeit fort. Dabei überträgt er jedoch „unvorsichtigerweise“20 seine Vorstellungen aus anderen Bereichen auf die Theologie, was auf Ablehnung stößt. Otto bewertet sein Verhalten negativ durch diese Wortwahl und fährt in seiner Erzählung fort: „Ausgezeichnete[...] Männer und namhafte[...] Magister“21 seien es gewesen, die ihn 1121 auf dem Konzil von Soissons der Ketzerei anklagten, von denen er verurteilt und zur Vernichtung seiner eigenen Bücher gezwungen wurde. Die Verwendung dieser Wörter stärkt die Gegnerschaft Abaelards beträchtlich, Otto spricht ihnen hohe Werte zu. Herausragend und berühmt seien sie gewesen; die Zuschreibung dieser Eigenschaften unterstützt die Rechtmäßigkeit ihrer Handlungen und rückt Abaelard somit auf die Position des schwächeren Prozessteilnehmers.

Abaelard wird außerdem keine Möglichkeit zur Rechtfertigung seiner Aussagen gegeben, da „seine Gewandtheit im Disputieren von allen gefürchtet wurde“.22 Er wäre demnach wohl in der Lage, jegliche Behauptung auf Grund seines Könnens so zu erklären, dass sie mit den traditionellen Ansichten der Kirche in Einklang stünde und nicht anfechtbar wäre.

Dies jedoch ist nicht das einzige Mal, dass Peter Abaelards Lehren Aufsehen erregten. Otto springt in seinem Bericht über Abaelard direkt zum zweiten, sehr viel späteren Verfahren gegen ihn über, das sich 1141 ins Sens abspielt. Seine Kontrahenten, die Bischöfe und Abt Bernhard, verfassen einen Brief an Papst Innozenz, den Otto wiedergibt. Die Worte darin sind ausdrucksstark: Sie werfen ihm vor, „den Wert der christlichen Religion anzutasten“, seine Wissenschaft wird als „Krankheit“ bezeichnet, der der Papst mit einem „schnell wirkenden Heilmittel“23 beikommen müsse. „Verflucht sei, wer die Ruinen Jerichos wieder aufbaut!“,24 rufen sie aus und beziehen sich damit auf die alttestamentliche Eroberung der sündhaften Stadt durch das Volk Israels mit Hilfe Gottes, nach welcher ein Fluch über jeden gesprochen wurde, der es wagen sollte, die Stadt erneut zu befestigen. Es folgt die Wiedergabe des langen Antwortbriefes von Innozenz, in welchem dieser seine Meinung unmissverständlich kundtut. Er bezeichnet Abaelard als „Religionsschänder“,25 der „aus der Gemeinschaft der Kleriker ausgestoßen werden“26 soll, zudem seien „alle Anhänger und Verteidiger seiner Irrlehre aus der Gemeinschaft der Gläubigen auszuschließen und zu exkommunizieren“.27 Die Sprache und Wortwahl des Papstes und auch der Bischöfe und des Abtes sind ebenso eindeutig wie niederschmetternd.

Die Verurteilung Abaelards nimmt einen großen Raum in Ottos Schilderung ein; die Reaktion Peter Abaelards hingegen ist auf wenige Zeilen verkürzt, in welchen seine Hauptthesen aufgegriffen werden. Auffallend ist ebenfalls, dass sowohl der Brief seiner Ankläger als auch der von Innozenz, seinem Richter, in den Gesta als direktes wörtliches Zitat festgehalten sind, während Abaelards Antwortschrift auf einen einzigen Satz verkürzt ist und seine übrigen Thesen indirekt wiedergegeben sind. Die Methode der direkten wörtlichen Zitation erzeugt eine starke Nähe bei der Leserschaft: Eine Verbindung, die Otto zwischen ihnen und Abaelards Gegnern aufbaut. Nachdem er in expliziter Form zahlreiche, hauptsächlich negative Wertungen Abaelards vorgenommen hat, positioniert er sich somit am Schluss des Abschnittes auf dessen Gegenseite.

[...]


1 Otto Bischof von Freising: Chronik oder Die Geschichte der zwei Staaten. Hrsg. von Walther Lammers, übers. von Adolf Schmidt (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters XVI), Darmstadt 1972, S. XXIV.

2 Ebd., S. XXVIf.

3 Ebd., S. 5.

4 Hageneier, Lars: Die frühen Staufer bei Otto von Freising oder Wie sind die Gesta Friderici entstanden?, in: Grafen, Herzöge, Könige. Der Aufstieg der frühen Staufer und das Reich (1079-1152), hrsg. von Hubertus Seibert/Jürgen Dendorfer (Mittelalter-Forschungen 18), Ostfilderen 2005, S. 395.

5 Hageneier, Staufer, S. 384.

6 Ernst, Stephan: Petrus Abaelardus (Zugänge zum Denken des Mittelalters 2), Münster 2003, S.125.

7 Otto, Chronik, S. XXII.

8 Otto, Chronik, S. XXVIf.

9 Rexroth, Frank: Fehltritte – Otto von Freising, der Prozess gegen Gilbert von Poitiers und die Kontingenz der sozialen Kommunikation, in: Ermöglichen und Verhindern. Vom Umgang mit Kontingenz, hrsg. von Markus Bernhardt/Stefan Brakensiek/Benjamin Scheller (Kontingenzgeschichten 2), Frankfurt/New York 2016, S. 108.

10 Otto von Freising und Rahewin: Die Taten Friedrichs oder richtiger Cronica. Hrsg. von Franz-Josef Schmale, übers. von Adolf Schmidt (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters XVII), Darmstadt 1974, S. 225.

11 Ebd., S. 249.

12 Ebd., S. 225.

13 Otto, Taten Friedrichs, S. 225.

14 Ebd., S. 227

15 Ebd., S. 224.

16 Ebd.

17 Ebd., S. 227.

18 Ebd., S. 226f.

19 Ebd., S. 227.

20 Ebd., S. 226f.

21 Otto, Taten Friedrichs, S. 226f.

22 Ebd., S. 227.

23 Ebd., S. 231.

24 Ebd., S. 229.

25 Ebd., S. 235.

26 Ebd.

27 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Gelehrtenprozesse Gilberts von Poitiers und Peter Abaelards bei Otto von Freising
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V455251
ISBN (eBook)
9783668886179
ISBN (Buch)
9783668886186
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gelehrtenprozesse, gilberts, poitiers, peter, abaelards, otto, freising
Arbeit zitieren
Annekatrin Stoll (Autor), 2018, Die Gelehrtenprozesse Gilberts von Poitiers und Peter Abaelards bei Otto von Freising, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455251

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Gelehrtenprozesse Gilberts von Poitiers und Peter Abaelards bei Otto von Freising



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden