Arno Schmidt (1914 – 1979) zählt zu den herausragendsten Autoren der Moderne. Die Prosatheorie der Berechnungen und das literarische Werk der 1950er sind für das Prosawerk Schmidts von großer Bedeutung, da sie Ausgangspunkt aller späteren sprachlichen, stilistischen und typografischen Besonderheiten der Prosa sind. Die hier geschaffenen Grundlagen wie die semantisierte Interpunktion, die Phonetisierung oder die Spaltentechnik können – zumeist in radikalisierter Form – bis ins Spätwerk verfolgt werden. Die Berechnungen formulieren somit die grundlegenden Merkmale der Prosa Schmidts – Dehydrierung, inszenierte Mündlichkeit und Visualisierung, die im Verlauf des Werkes weiterentwickelt und z.B. durch die Etymtheorie ergänzt werden, um dann im Spätwerk – maßgeblich in Zettel’s Traum – ihren Höhepunkt zu erreichen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Prosatheorie der Berechnungen
2.1 Textkorpus
2.1.1 Berechnungen (Urfassung)
2.1.2 Berechnungen I
2.1.3 Berechnungen II
2.1.4 Berechnungen III
2.1.5 Berechnungen als Poetologie
2.1.6 Ergänzende Essays
2.2 Ansatz der Prosatheorie
2.2.1 Alte Literaturformen
2.2.2 Neue Literaturformen
2.2.3 Exkurs Werkschwerpunkt Prosa
3 Sprache und Stil
3.1 Dehydrierung der Sprache
3.2 Syntax
3.3 Orthografie
3.4 Phonetisierung
3.5 Wortschatz
3.5.1 Komposita
3.5.2 Ableitungen
3.5.3 Exkurs Expressionistische Wortbildung
3.5.4 Weitere Stilmittel
3.5.5 Sprachebenen
3.6 Interpunktion
3.7 Typografie
3.8 Zwischenfazit Sprache
4 Fabel
4.1 Zeitkritik
4.2 Epischer Fluss
4.3 Realistisches Schreiben
5 Neue Prosaformen
5.1 Fotoalbum
5.2 Musivisches Dasein
5.3 Längeres Gedankenspiel
5.4 Traum
6 Literarische Umsetzung
6.1 Fotoalbum: Seelandschaft mit Pocahontas
6.2 Musivisches Dasein: Aus dem Leben eines Fauns
6.3 Längeres Gedankenspiel: Kaff auch Mare Crisium
6.4 Traum
6.4.1 Literarische Umsetzung der Versuchsreihe IV
6.4.2 Neuorientierung im Werk durch die Freud-Lektüre
6.4.3 Stilistische Merkmale der Prosa Arno Schmidts
6.4.4 Zwischenfazit Traum
6.5 Zwischenfazit Literarische Umsetzung
7 Kritik und Wirkung
7.1 Kritik der Theorie
7.1.1 Einordnung als eigenständige Theorie
7.1.2 Ungenaue Begriffsverwendung
7.1.3 Objektive Abbildung des Bewusstseins
7.1.4 Differenzierung zwischen den Formen Fotoalbum und Musivisches Dasein
7.2 Kritik der literarischen Umsetzung
7.2.1 Adäquate Umsetzung der Bewusstseinsvorgänge
7.2.2 Zuordnung
7.2.3 Innovation
7.3 Wirkung
8 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Prosatheorie von Arno Schmidt, wie sie in den sogenannten „Berechnungen“ dargelegt wird, und analysiert deren literarische Umsetzung in den Werken der 1950er Jahre. Das Hauptziel besteht darin, die Stringenz der theoretischen Konzepte werkimmanent zu hinterfragen und zu prüfen, ob die in der Theorie postulierten Anforderungen an die Prosaform in der literarischen Praxis adäquat realisiert werden konnten.
- Analyse der Prosatheorie („Berechnungen“) als poetologische Grundlage.
- Untersuchung der neuen Prosaformen (Fotoalbum, Musivisches Dasein, Längeres Gedankenspiel, Traum).
- Betrachtung von sprachstilistischen Merkmalen wie Dehydrierung, Syntax und Wortbildung.
- Überprüfung der theoretischen Vorgaben an den konkreten Werken (z.B. „Seelandschaft mit Pocahontas“, „Kaff auch Mare Crisium“).
- Kritische Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Forschung und der Rezeption der Theorie.
Auszug aus dem Buch
2.1 Textkorpus
Arno Schmidts Prosatheorie umfasst vier Essays, die zwischen 1953 und 1957 verfasst wurden und als Berechnungen zusammengefasst werden. Der Titel ‚Berechnungen‘ insinuiert mathematische beziehungsweise naturwissenschaftliche Kriterien und Präzision in der Auseinandersetzung mit dem Inhalt, der Prosa Arno Schmidts. Dieser Eindruck wird auch durch die Selbstbezeichnung Schmidts als ‚Wortwissenschaftler‘ (B0, 106) und in den Text integrierte Tabellen und Formeln, durch den Vergleich mit Kurvenarten wie der Epizykloide und die Verwendung mathematischen Vokabulars verstärkt.
Schmidt selbst äußert sich im Kontext der Bewegungskurven zum mathematischen Ansatz seiner Berechnungen: „Ich bediene mich zur Bezeichnung dieser Bewegungskurven der präzisen Namen, welche die Mathematik (zur Hälfte ja eben die Wissenschaft des Raumes ! ) längst festgesetzt hat; nicht, um diesen meinen Notizen ein kokettes pseudowissenschaftliches asa foetida zu verleihen, sondern weil ich meiner Zeit schon sehr gram sein müßte, wenn ich die unübertreffliche Klarheit solcher Formulierungen unbeachtet ließe, und dafür eigene Umschreibungen zusammenstotterte.“ (BI, 165) Das ‚Mathematische‘ bleibt allerdings reine Wortspielerei bzw. Benennung und eröffnet – bei genauer Betrachtung – keinen erweiterten Textzugang, da Schmidt bei der bloßen Zitation der Begrifflichkeiten verbleibt ohne die dahinter stehenden Konzepte mit einzubeziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung verortet Arno Schmidt in der Nachkriegsliteratur und umreißt die Rezeptionsgeschichte sowie das Ziel der Arbeit, die „Berechnungen“ als Prosatheorie zu untersuchen.
2 Prosatheorie der Berechnungen: Dieses Kapitel analysiert das Textkorpus der „Berechnungen“ und entwickelt Schmidts Ansatz zur Abkehr von traditionellen Literaturformen hin zu neuen Strukturen.
3 Sprache und Stil: Hier werden die sprachlichen Charakteristika wie Dehydrierung, Syntax, Wortbildung und Interpunktion untersucht, die Schmidts Prosa als Simulation von Mündlichkeit kennzeichnen.
4 Fabel: Es wird die Bedeutung der Fabel beleuchtet, die bei Schmidt zugunsten formaler Experimente und Zeitkritik in den Hintergrund tritt.
5 Neue Prosaformen: Das Kapitel definiert und klassifiziert die vier von Schmidt entwickelten Prosaformen (Fotoalbum, Musivisches Dasein, Längeres Gedankenspiel, Traum).
6 Literarische Umsetzung: Dieser Teil prüft anhand konkreter Werke, inwiefern Schmidt seine theoretischen Vorgaben in der literarischen Praxis umgesetzt hat.
7 Kritik und Wirkung: Die Arbeit diskutiert die Kritik an Schmidts theoretischen Ansätzen und analysiert, ob diese als konsistente Theorie Bestand haben.
8 Fazit: Das Fazit zieht eine Bilanz der Prosatheorie und bewertet ihren Wert für das Verständnis von Schmidts Werk als Ausgangspunkt für seine spätere Entwicklung.
Schlüsselwörter
Arno Schmidt, Prosatheorie, Berechnungen, Nachkriegsliteratur, Sprachexperiment, Mündlichkeit, Fotoalbum, Musivisches Dasein, Längeres Gedankenspiel, Traum, Dehydrierung, Literaturtheorie, Syntax, Zeitkritik, Literaturgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Masterarbeit befasst sich mit Arno Schmidts theoretischen Schriften, den sogenannten „Berechnungen“, und untersucht deren Einfluss auf seinen literarischen Stil und die Form seiner Prosawerke in den 1950er Jahren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die poetologische Systematik der „Berechnungen“, die sprachliche Gestaltung (insbesondere Phonetisierung und Wortbildung), die Typografie als Ausdrucksmittel sowie die Frage nach dem Realismusverständnis des Autors.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Hauptziel ist es, die Stringenz von Schmidts Prosatheorie zu prüfen und zu analysieren, ob und wie diese theoretischen Forderungen – etwa die „Dehydrierung“ der Sprache – in seinen Erzählungen der 1950er Jahre praktisch umgesetzt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit folgt einem werkimmanenten Ansatz. Sie kombiniert eine theoretische Auseinandersetzung mit den „Berechnungen“ mit exemplarischen Analysen zentraler Prosawerke, wobei statistische Werte zur Syntax und Stilistik auf bestehende Forschung (insbesondere von Barbara Malchow) gestützt werden.
Welche Inhalte bilden den Hauptteil?
Der Hauptteil behandelt neben der theoretischen Fundierung der Prosaformen vor allem die sprachlichen Mittel (Syntax, Orthografie, Wortschatz) und die typografische Umsetzung sowie die Anwendung dieser Theorie auf Werke wie „Seelandschaft mit Pocahontas“ oder „Kaff auch Mare Crisium“.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind Prosatheorie, Dehydrierung der Sprache, Mündlichkeit, Fotoalbum, Musivisches Dasein und Längeres Gedankenspiel.
Wie bewertet die Autorin die „Berechnungen“ als Theorie?
Die Autorin stuft die „Berechnungen“ als konsistente Poetologie ein, wenngleich sie einräumt, dass die Theorie in Teilen ungenau ist und an manchen Stellen durch Leerstellen charakterisiert wird. Dennoch liefert sie einen essenziellen Zugang zum Verständnis von Schmidts Gesamtwerk.
Warum spielt die Typografie in der Analyse eine so große Rolle?
Die Typografie wird bei Schmidt als semantisches Mittel zur Sichtbarmachung von Denkprozessen und zur Strukturierung der Erzählzeit verstanden; sie ist daher kein bloßes dekoratives Element, sondern integraler Bestandteil seiner Prosatheorie.
- Arbeit zitieren
- Tina Grahl (Autor:in), 2012, Arno Schmidts Prosatheorie der "Berechnungen" und ihre literarische Umsetzung im Werk der 1950er Jahre, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455281