Das sehende Herz - Else Lasker Schülers frühe Dramenästhetik (an dem Schauspiel 'Die Wupper') zwischen Naturalismus und Expressionismus


Hausarbeit, 2001

20 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhalt

Die Flucht ins „Innen“

Unter unbekannter Flagge - ein Stück für sich selbst

Literatur

Das sehende Herz

„Jedes Schauspiel ist wahrscheinlich eine Welt, ein Ebenbild des Dichters.“

Else Lasker-Schüler[1]

Ein „Jahrhundertärgernis“[2] nennt Martin Krumbholz „Die Wupper“ in seinem Essay „Hölle, Jahrmarkt, Garten Eden“, in welchem er sich den drei dramatischen Werken Else Lasker-Schülers[3] widmet. Dies ist es tatsächlich – in vielerlei Hinsicht.

Und weil es nach diesen Worten ein Jahrhundert Zeit besitzt, seine fatale Kraft zu entfalten, lag es nach seiner Entstehung 1909 noch 10 Jahre in diversen Verlegerschubladen um erst 1919 zur Aufführung zu gelangen. Dabei hatte es ELS mit der Niederschrift eiliger, denn sie notiert: „In einer Nacht schrieb ich mein Schauspiel Die Wupper. [...]und gemeinsam mit dem Finger des morgenrötlichen Lichtstrahls durchblätterte ich die vielen beschriebenen Seiten.“[4] Sicher hat sie nicht wirklich die Fassung der „Wupper“ in nur einer Nacht angefertigt, doch entspricht diese Beschreibung am stärksten ihrer Vorstellung des Schreibens einer Dichterin, als die sie sich verstand.[5]

Weit wichtiger sind die in „Ich räume auf!“ folgenden Worte: „Bange Jahre gegoren, floß die Wupper durch das Gewölbe meines Herzens aus dunkler Erinnerung gepreßt[...].“[6] Mit ihnen läßt sich zweierlei verdeutlichen: Einerseits zeigt sich – was viele Interpreten auch mit anderen Textpassagen zu beweisen versucht haben – daß vor allem die Umgebung und die Stimmung der „Wupper“ auf Erinnerungen aus Lasker-Schülers Kindheit und somit auf realen Vorgängen beruhen. Damit würde sich das Stück schon im Ansatz an den Naturalismus (oder Realismus) heranrücken lassen. Das Geschehen könnte als Darstellung „ein[es] Stück Natur durch ein Temperament“[7] interpretiert werden, wie Zola sein naturalistisches Kunstprogrammm begründet.

Doch andererseits führt „Die Wupper“ ELS zufolge „durch das Gewölbe meines Herzens“, was auf ein besonderes Charakteristikum ihres gesamten Werkes hinweist. Alle Biographen, allen voran Erika Klüsener, stellen fest, „daß die Dichtung ihr Leben schien und ihr Leben zur Dichtung geriet.“[8] Kaum eines ihrer eigenen Schriftstücke kann als verläßliche Quelle zur Beschreibung ihres Lebens herhalten und das ist in ihrem Fall mehr als nur ein Schachzug der Eitelkeit oder Scheue – es ist Programm. Wie sich das in besonderem Maße auf ihre Dramen, hier hauptsächlich „Die Wupper“, auswirkt und wohin es diese in den Wirrungen der vielstimmigen Strömungen während ihrer Entstehung führt, soll im folgenden, ersten Abschnitt untersucht werden.

Ein Ärgernis, wie „Die Wupper“ eingangs genannt wurde, ist sie vor allem, weil sie mit traumwandlerischer Sicherheit jeden literarischen Kanon umschifft und sich von keiner Strömung vereinnahmen läßt. „Naturalismus, Symbolismus, Expressionismus und, erst jüngst von Horst Laube vorgebracht, Surrealismus – keiner der Begriffe deckt dieses eigenwillige Schauspiel als ganzes ab.“[9], schreibt Fritz Martini 1977.

Dennoch bedient es sich scheinbar typischer Mittel tradierter dramatischer Formen, ohne deren Ideologie zu vertreten. Dies wird im zweiten Teil gezeigt werden. „Die Wupper“ vertritt ein eigenes, unabhängiges Programm, denn grundsätzlich galt für ELS: „Ein Schauspiel ist ein Geschöpf, ein Geschöpf kann eine Welt sein[...].“[10]

Die Flucht ins „Innen“

„Ich sehe also aus dem Bilde das Leben an; was nehme ich ernster von beiden?“[11]

Else Lasker-Schüler

Kaum eine Frage ELS betreffend besitzt derart viele aufrichtig vertretene Antworten, wie jene nach ihrem Geburtsdatum und ihrer Herkunft. In vielen Quellen, so Erika Klüsener, hält sich hartnäckig eine phantasievolle Version, nach der ELS 1876 als Kind einer Familie geboren wird, deren Vorfahren Weinbauern, spanische Adlige, Bauherren, Oberrabiner und – natürlich mütterlicherseits – Dichter waren.[12] Was ihre Geburt angeht, so finden sich noch mühelos Angaben für das Jahr 1881 und 1891[13] (In Wahrheit, für den Liebenden derselben, ist ELS als sechstes Kind von Aron und Jeanette Schüler 1869 in Elberfeld geboren.). Mag man einräumen, daß sie als Frau, die in ihrem Leben viele Affären hatte, ihre Jugend zu verlängern suchte, doch das allein sollte nicht als Begründung herhalten.

Vielmehr hinterläßt hierin eine tiefe Sehnsucht ihre Spuren – der Wunsch, auszutreten aus der Wirklichkeit. Was die Zeit angeht, so schreibt sie selbst: „Der Künstler trägt die Zeit nicht, zwischen zwei Deckel gelegt, bei sich an einer Kette; er richtet sich nach dem Zeiger des Universums, weiß darum immer, was die Urkuckucksuhr geschlagen hat!“[14] Sie schafft sich ihre eigene Chronologie oder fühlt sich einer unterworfen, die nicht weltlichen Ursprungs ist. An anderer Stelle bringt sie ihren Wunsch auf den Punkt: „Die Zeit drückt, die meisten sterben an der Zeit. Darum sollte man sich viel in seine Kindheit versetzen.“[15] Ihr berühmtes Gedicht „Weltflucht“ zeigt noch stärker, welches Ausmaß und vor allem Ziel dieses Sehnen besitzt: „O, ich sterbe unter euch/[...] Fäden möchte ich um mich ziehn -/[...] Um zu entfliehn/ Meinwärts!“[16] Es verlangt sie nicht nach einem real erreichbaren Zufluchtsort, da sie ihn nicht existent wähnt. Vielmehr trägt sie alles, was ihr das reale Leben zu geben vermag – gleich einem Eichhörnchen – hinüber in eine selbst erschaffene Welt, die in ihr liegt. Alle ihr nahestehenden Personen erhalten von ihr phantastische Namen – Peter Hille wird zu „Petrus“, Gottfried Benn erhält den Beinamen „Giselheer“ –, und sie selbst kleidet sich in eine Vielzahl von Namen und Existenzen: Tino, Jussuf, Prinz von Theben.

Das Leiden an der Welt und an ihren Mitmenschen, welches sie zu dieser Flucht veranlaßt, hat viele Gründe. Vorrangig erscheint jedoch die Inakzeptanz gegenüber ihrem Wesen, das sie selbst als leicht beschreibt: „Die Leute nennen mich ein‘ Luftikus – vielleicht bin ich’s auch – ein bißchen ausgelassen, - aber dann auch nur für mich.“[17] Doch diese Leichtigkeit ist nur ein Ausdruck ihrer Phantasie und des Gefühls dafür. Ihre Lyrik und auch die anderen Texte ihres Werkes sprechen die Sprache einer Frau, die tief verwundet durch die Welt zieht. Die erste Ehe mit dem Mediziner Berthold Lasker, in die sie sich 1894 wohl begab, um aus dem Schoß der Familie zu entwachsen (ihre geliebte Mutter war zu der Zeit bereits tot), beengte sie in ihrem Lebenswillen.[18] Nach gut vier Jahren verließ sie ihn und bekam 1899 ihr einziges, uneheliches Kind – Paul. Vor allem die fehlende Anerkennung als Dichterin machte ihr zu schaffen. Beinahe legendär ist die unautorisierte Veröffentlichung eines ihrer Gedichte („Leise sagen“) im Juli 1910 in der „Rheinisch-Westfälischen Zeitung“, welches mit dem Kommentar „Vollständige Gehirnerweichung“ versehen war.[19] Die von ELS angestrengte Klage gegen diese Veröffentlichung wurde abgewiesen, dem Redakteur in seiner Einschätzung die „Wahrung berechtigter Interessen“[20] bescheinigt. Die meisten ihrer Gedichte und Texte wurden lange gar nicht verlegt und wenn, dann bekam sie für den Abdruck ein vergleichsweise winziges Honorar, was sie jedoch allein um des Erscheinens willen in Kauf nahm. An einen potentiellen Verleger für ihren Gedichtband „Der siebente Tag“ schreibt sie: „Das [200 Mark] ist doch wirklich wenig. Ich will es aber gerne verkaufen. Lieber eine dünne Taube in der Hand als eine gefüllte im Traum.“[21]

Dies soll lediglich zeigen, daß ELS nicht nur ihrer Phantasie entspringende Gründe hatte, sich ihrer eigene Welt zu konstruieren; die Umstände können hier jedoch nicht weiter beleuchtet werden.

Franz Baumer weist in der von ihm verfaßten ELS-Biographie darauf hin, daß „ihr Werk autobiographisch wie kaum ein anderes“[22] ist. Das erscheint auf den ersten Blick seltsam, wenn man die oben angeführte, kreative Vielfalt ihrer Selbstdarstellung berücksichtigt, die doch eher zu einer mystischen Verschleierung ihres Lebens beiträgt. Doch gerade diese Duplizität ist es, die hier von belang ist. Sie selbst hat in einem Brief an Martin Buber zum Ausdruck gebracht: „Daß ich nur von mir spreche, geschieht aus übergroßer Gerechtigkeit, aus Gewissenhaftigkeit, nicht nur aus Selbstüberschätzung. Nämlich, weil ich mich nur kenne und von mir Auskunft geben kann.“[23]

[...]


[1] Else Lasker Schüler, Brief an Jessner, In: Dies.: Gesammelte Werke in drei Bänden, Suhrkamp, Ffm., 1996, Band 2, S. 657

[2] Martin Krumbholz, „Hölle, Jahrmarkt, Garten Eden. Zum dramatischen Werk der Else Lasker-Schüler“, In: Text+Kritik, Ludwig Arnold (Hrsg.), München, IV/94, S. 42-(54)

[3] Im folgenden als ELS abgekürzt

[4] ELS, „Ich räume auf! Meine Anklage gegen meine Verleger“, In: Dies., Gesammelte Werke in drei Bänden, a.a.O., Band 2, S. 507-556, S. 525

[5] In der fremdenpolizeilichen Weisung, die sie 1933 in der Schweiz auszufüllen hatte, gibt sie als Erwerbstätigkeit „Dichterin“ an.(Erika Klüsener, Else Lasker-Schüler mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt, Reinbek, 1980, Hintere Umschlagseite)

[6] ELS, „Ich räume auf!“, a.a.O., S. 525

[7] zitiert nach Alain Muzelle, Naturalistisches Theater, In: Theaterlexikon: Begriffe und Epochen, Bühnen und Ensembles, Manfred Brauneck (Hg.), Rowohlt, Reinbek, 1990, S. 623-627, S. 623 – vgl. auch: Emile Zola, Aussprüche über die bildende Kunst, In: Theorie des Naturalismus, Theo Meyer (Hrsg.), Reclam, Stuttgart, 1973, S. 109-112

[8] Erika Klüsener, Else Lasker-Schüler, a.a.O., S. 7

[9] Fritz Martini, Kommentator einer 1977 erschienen Ausgabe der „Wupper“, zitiert In: Erika Klüsener, Else Lasker-Schüler, a.a.O., S. 72

[10] ELS, Brief an Jessner, a.a.O., Band 2, S. 658

[11] ELS, Mein Herz, In: a.a.O., Band 2, S. 289-392, S. 357

[12] vgl. Erika Klüsener, Else Lasker-Schüler, a.a.O., S. 11

[13] vgl. Ebd., S. 58

[14] ELS, Das Hebräerland, In: a.a.O., Band 2, S. 785-972, S. 906f.

[15] ELS, Mein Herz, In: a.a.O., Band 2, S. 289-392, S. 316

[16] ELS, Weltflucht, In: a.a.O., Band 1, S. 14

[17] ELS, zitiert In: Erika Klüsener, Else Lasker-Schüler, a.a.O., S. 34

[18] vgl.: Ebd., S. 33-38

[19] vgl. Ebd., S. 72f.

[20] Ebd., S. 73

[21] ELS, zitiert In.: Erika Klüsener, Else Lasker-Schüler, a.a.O., S. 67

[22] Franz Baumer, Else Lasker-Schüler, Wissenschaftsverlag Spiess, Berlin, 1998, S. 11

[23] ELS zitiert In: Erika Klüsener, Else Lasker-Schüler, a.a.O., S. 8

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das sehende Herz - Else Lasker Schülers frühe Dramenästhetik (an dem Schauspiel 'Die Wupper') zwischen Naturalismus und Expressionismus
Hochschule
Universität Potsdam  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Leben & Werk der Else Lasker-Schüler
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
20
Katalognummer
V45533
ISBN (eBook)
9783638429221
ISBN (Buch)
9783640203567
Dateigröße
2709 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Beschäftigung mit dem Stück und der Ausnahmestellung Else Lasker-Schülers als Dramatikerin zwischen Naturalismus und Expressionismus
Schlagworte
Herz, Else, Lasker, Schülers, Dramenästhetik, Schauspiel, Wupper, Naturalismus, Expressionismus, Leben, Werk, Lasker-Schüler
Arbeit zitieren
Matthias Zimmermann (Autor), 2001, Das sehende Herz - Else Lasker Schülers frühe Dramenästhetik (an dem Schauspiel 'Die Wupper') zwischen Naturalismus und Expressionismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45533

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