Der Beitrag früher Hilfen zur Gesundheitsförderung von Kleinkindern und ihren Familien im Kontext prekärer Lebenslagen


Masterarbeit, 2013

103 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung.

2 Ausgangslage: Gesundheit und soziale Ungleichheit
2.1 Gesundheitskonzepte und -definitionen.
2.2 Theorien zur Gesundheitserhaltung und -entstehung.
2.3 Soziale Ungleichheit und Gesundheit in Deutschland.
2.3.1 Familien mit Kleinkindern in prekären Lebenslagen.
2.3.2 Einfluss auf die Entwicklung und Gesundheit von Kleinkindern

3 Grundlagen: Gesundheitsförderung und „Frühe Hilfen“.
3.1 Aspekte der Gesundheitsförderung und Prävention.
3.2 „Frühe Hilfen“.
3.2.1 Begriffsbestimmung und Verständnis „Früher Hilfen“.
3.2.2 Zielgruppen und Ziele „Früher Hilfen“.
3.2.3 Rahmenbedingungen, System und Akteure „Früher Hilfen“.
3.2.4 Zur Bestandsaufnahme der Angebote und Implementierung „Früher Hilfen“ in das Regelsystem

4 Potenziale und Grenzen „Früher Hilfen“ für die Gesundheitsförderung.

5 Kritischer Rück- und Ausblick.

Literatur- und Quellennachweis.

1 Einleitung

Diese Master-Thesis mit dem Titel „Der Beitrag Früher Hilfen zur Ge­sundheitsförderung von Kleinkindern und ihren Familien im Kontext pre­kärer Lebenslagen“ erörtert die Risiken sozioökonomischer Benach­teiligung von Familien mit Kleinkindern im Alter von null bis drei Jah­ren. Da­bei stehen die Auswirkungen der Lebenssituation auf eine gesun­de Ent­wicklung, den Gesundheitszustand der Kinder als auch der er­schwerte Zugang zum Gesundheits- und Hilfesystem der betroffenen Fa­milien im Mittelpunkt.

Der Thematik wird in der aktuellen fachlichen und öffentlichen Diskus­sion ein hoher Stellenwert zugesprochen, denn der Handlungsdruck hin­sichtlich der Abwendung früher Risiken, insbesondere im Kontext von sozialer Benachteiligung, durch geeignete, d.h. bedarfsorientierte Prä­ventions- bzw. Interventionsmaßnahmen für Kleinkinder und ihre Be­zugspersonen ist als dringend erforderlich zu erachten. Auf der Grundla­ge von Erkenntnissen der fortgeschrittenen Forschung und Berichter­stattungen zu Gesundheit, sozialer Ungleichheit und Armut kristallisiert sich ver­mehrt hinaus, dass in Gesundheitsförderung und Prävention, je früher sie ansetzen, mitunter ein hohes Potenzial für die Verringerung der ge­sundheitlichen Ungleichheit liegen.

Einleitend werden zunächst Begriffe und Theorien im Bereich Gesund­heit und Gesundheitsentstehung sowie die Zusammenhänge der pre­kären Lebenslagen von benachteiligten Familien und ihren Kleinkin­dern, de­ren Einfluss auf Gesundheit und Entwicklungsverlauf darge­stellt. Gleichzeitig werden an dieser Stelle wesentliche Risikofak­toren, Res­sourcen und protektive Faktoren für „gesundes Aufwachsen“ miteinan­der ver­knüpft.

Daran anschließend werden die Strategien der Gesundheitsförderung und Prävention ausgeführt und ein grundlegender Überblick zur aktuel­len Debatte um „Frühen Hilfen“ geboten.

Im Kern dieser Ausarbeitung überschneiden sich die Fragestellungen, wie der Zugang zur Zielgruppe besser gelingt und unter welchen Bedin­gungen diese Maß­nahmen kompensierend auf Gesundheits­status bzw. gesundheitli­che Chancengleichheit des Kindes wirken kön­nen. Da­bei trägt die Erörterung von geeigneten Ansatzpunkten der „Modellpro­jekte Frühe Hilfen“ der Länder einen bedeutsamen Anteil. Diese wer­den an­hand der „Good-Practice-Kriterien“ des „Kooperationsverbundes Ge­sundheitliche Chancengleichheit“ hinsichtlich der Potenziale und Gren­zen „Früher Hil­fen“ für die Gesundheitsförderung weiter diskutiert und gedacht.

Abschließend werden wesentliche Schlussfolgerungen des Beitrags „Früher Hilfen“ für die Gesundheitsförderung gebündelt. Gleichsam ent­hält der kriti­sche Rück- und Ausblick Empfehlun­gen zur weiteren Imple­mentierung „Früher Hilfen“ sowie deren Relevanz und Begrenzung hin­sichtlich ge­sundheitlicher Chancengleichheit, Inklusion und Armutsprä­vention.

Die aktuelle Literatur und Publikationen, insbe­sondere deren relevante Annah­men und Erkenntnisse sowie Ergebnisse aus empirischen Untersu­chungen und Evaluationen bilden die Grundlage dieser Master-Thesis.

2 Ausgangslage: Gesundheit und soziale Ungleichheit

Im folgenden Kapitel werden einerseits Ausgangspunkte und Vorüberle­gungen zum zugrundeliegenden Verständnis von Gesundheit, zu den Einflussfaktoren auf Gesundheit sowie ausgewählte Theoriemodelle der Gesundheitserhaltung und -entstehung dargestellt. Des Weiteren werden Begrifflichkeiten im Kontext prekärer Lebenslagen, Armut und sozialer Ungleichheit erläutert. Daraufhin folgt ein Einblick in die Lebenssitua­tionen von Klein­kindern und ihren Familien, um anschließend die Zu­sammenhänge und Auswirkungen auf Entwicklungs- und Gesundheits­chancen zu vertiefen und einen Unterstützungsbedarf bzw. die Notwen­digkeit von gesund­heitsförderlichen Maßnahmen zu diskutieren.

2.1 Gesundheitskonzepte und -definitionen

Grundlage für die Förderung von Gesundheit bildet das jeweilige Ge­sundheitsverständnis. Daher wird sich zunächst mit verschiedenen Defi­nitionen zum Gesundheitsbegriff auseinandergesetzt, um eine hier zu­grundeliegende Sichtweise zu entwickeln.

Vorstellungen von Gesundheit stellen vielfältige und normative Kon­strukte unter Laien als auch unter Experten dar. Einerseits sind Über­schneidungen zwischen den Sichtweisen aus Gesundheitsberufen und der Be­völkerung festzumachen, andererseits unterscheiden sich die An­sichten diesbezüglich erheblich voneinander (vgl. Naidoo; Wills 2010/ Hörning 2004). Aus Untersuchungen hierzu ergeben sich fünf soge­nannte „Laienkonzepte“, diese lassen sich nach Blaxter (1990) in folgen­de Vorstellungen einteilen:

- Gesundheit als Abwesenheit von Krankheit
- Gesundheit als körperliche Fitness
- Gesundheit als intakte soziale Beziehungen
- Gesundheit als psychisches und soziales Wohlbefinden

(Naidoo; Wills 2010, 14)

Dabei ist vor allem der Einfluss von Alter, Geschlecht, Bildung, sozialer und ethischer Herkunft der Adressaten auf das Verständnis von Gesund­heit ausschlaggebend (vgl. Naidoo; Wills 2010). Auch Expertenverständ­nisse zum Gesundheitsbegriff gelten diesbezüglich als abhängig u.a. von der zugrundeliegenden Profession bzw. disziplinären Orientie­rung. Die­se können grundsätzlich drei Hauptkonzepten zugeordn­et wer­den:

(1) Medizinische Bestreben einer Definition gehen von einer Interpreta­tion von Gesundheit als Gegenbegriff zu Krankheit, die „Abwesenheit von Krankheit“, „Noch-nicht-Krankheit“, aus. Das Verhält­nis von Ge­sundheit und Krankheit wird hier jedoch nicht hinreichend be­stimmt. Zu­dem wird auch Gesundheit als solches nicht definiert, son­dern ledig­lich beschrieben, was Gesundheit nicht ist (vgl. Hurrelmann; Franzkowi­ak 2011/ Naidoo; Wills 2010). Diese und ähnliche Abgrenzungskonzept­e der medizinischen Sichtweise gelten heutzutage (noch) als vorherrschen­des Verständnis von Gesundheit in den meisten Gesund­heitsberufen. Gleichsam bildet dieses die Grundlage der gesetzli­chen Definition der Krankenversicherung (GKV) (vgl. Naidoo; Wills 2010/ Höring 2004). Laut der GKV ist „[...] Krankheit ein regelwidriger Kör­per- oder Geis­teszustand, der eine Behandlung erfordert und/ oder eine Arbeitsunfä­higkeit zu Folge hat [...]“ (Höring 2004, 18). Auch steht die Behand­lung von Krankheit im Vordergrund, der Prävention hingeg­en wird nur wenig Beachtung geschenkt (vgl. Naidoo; Wills 2010).
(2) Aus soziologischer Perspektive ist Gesundheit als Voraussetzung für Leistungs- und Arbeitsfähigkeit und Rollenerfüllung, d.h. als Funktions­zustand zu verstehen (vgl. Höring 2004). Kennzeichnend für diese Aus­legung sind einerseits Annahmen eines körperlich-seelischen Gleichge­wichts im Sinne der Salutogenese, als auch einer flexiblen Anpassungs­fähigkeit des Menschen an die Umweltbedingungen (vgl. Hurrelmann; Franzkowiak 2011).
(3) Dem gegenüber sind soziale bzw. gesundheitswissenschaftliche Mo­delle zu setzen. Gesundheit wird demnach als „[...] Ergebnis sozia­ler, biologischer und physischer Umweltfaktoren [...]“ (Naidoo; Wills 2010, 10) definiert. Eine der bekanntesten Umschreibungen stammt in die­sem Kontext von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 1948. Gesundheit wird darin als „Zustand“ bzw. Stadium körperli­chen, seelischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und dementspre­chend nicht nur als „Abwesenheit von Krankheit“ erfasst. Im Mittelpunkt ste­hen der multidi­mensionale und sich wechselseitig bedingende Ein­fluss der „Dimensio­nen des täglichen Lebens“. Gleichsam bedeutet diese Aus­legung die Ab­kehr von einer rein von Krankheit und Krankheitsbehand­lung ausgehen­den Sichtweise, hin zu einem positiven Begriff von Ge­sundheit, welcher auch im Fokus von Ressourcenorien­tierung und Prä­vention steht (vgl. Hurrelmann; Franzkowiak/ Höring 2004). Mit die­sem erweiter­ten Gesundheitsbegriff in Form einer Wertaussage ist je­doch keine De­finition im engeren Sinne, sondern vielmehr eine Zielvor­gabe entwickelt worden, welche eine bestmögliche, „vollkommene“ Gesund­heit im Sin­ne eines Menschenrechtes fordert. Dies hat allerdings für die Praxis der Gesundheitsförderung und -prävention eine hohe Bedeu­tung (vgl. Hur­relmann; Franzkowiak 2011/ Naidoo; Wills 2010). Vielfach steht diese breit gefasste WHO-Begriffserklärung in der Kritik. Diese bezieht sich insbe­sondere auf die Einseitigkeit ihrer Sichtweise als auch die Ungenauigkeit in Bezug auf die Mehrdimensionalität der Determin­anten und Grundbedin­gungen für Gesundheit; die weitestgehend unbes­timmt bleiben (vgl. Hurrelmann; Franzkowiak 2011).

In neueren gesundheitswissenschaftli­chen Modellen zum Gesundheits­begriff wurde schließlich versucht die­se unterschiedlichen Konzepte miteinander in ei­nem interdisziplinären d.h. bio-psycho-sozialen Ver­ständnis zu verbin­den (vgl. Franzkowiak 2011), was jedoch die Ge­fahr einer zu allgemei­nen Formulierung birgt. Hurrelmann (2006) beschreibt hierzu acht Maximen, die als eine Leitlinie für eine wis­senschaftlich be­lastbare Gesundheits- bzw. Krankheitsdefinition gilt:

1. Gesundheit und Krankheit ergeben sich aus einem Wechselspiel von sozia­len und personalen Bedingungen, welches das Gesundheitsverhalten prägt.
2. Die sozialen Bedingungen (Gesundheitsverhältnisse) bilden den Möglich­keitsraum für die Entfaltung der personalen Bedingungen für Gesundheit und Krank­heit.
3. Gesundheit ist das Stadium des Gleichgewichts, Krankheit das Stadium des Ungleichgewichts von Risiko- und Schutzfaktoren auf körperlicher, psychi­scher und sozialer Ebene.
4. Gesundheit und Krankheit als jeweilige Endpunkte von Gleichgewichts- und Un­gleichgewichtsstadien haben eine körperliche, psychische und soziale Dimension.
5. Gesundheit ist das Ergebnis einer gelungenen, Krankheit einer nicht gelun­genen Bewältigung von inneren und äußeren Anforderungen.
6. Persönliche Voraussetzung für Gesundheit ist eine körperbewusste, psy­chisch sensible und umweltorientierte Lebensführung.
7. Die Bestimmung der Ausprägungen und Stadien von Gesundheit und Krankheit unterliegt einer subjektiven Bewertung.
8. Fremd- und Selbsteinschätzung von Gesundheits- und Krankheitsstadien können sich auf allen drei Dimensionen- der körperlichen, der psychischen und der sozialen – voneinander unterscheiden.

Tabelle 1: Hurrelmann 2006, 138ff

Diese Komponenten stellen auch wichtige Grundannahmen für das Ge­sundheitsverständnis in der Gesundheitsförderung dar und werden daher in Hurrelmanns Empfehlung für einen konsensfähigen Definitionsvor­schlag zum Gesundheitsbegriff wie folgt integriert:

„Gesundheit ist das Stadium des Gleichgewichts von Risikofak­toren und Schutzfaktoren, das eintritt, wenn einem Menschen eine Bewälti­gung sowohl der inneren (körperlichen und psychi­schen) als auch äu­ßeren (sozialen und materiellen) Anforderun­gen gelingt. Gesundheit ist gegeben, wenn eine Person sich psy­chisch und sozial im Einklang mit den Möglichkeiten und Ziel­vorstellungen und den jeweils gegebenen äußeren Lebensbedin­gungen befindet. Sie ist ein Stadium, das einem Menschen Wohl­befinden und Lebensfreude vermittelt“ (Hurrel­mann; Franzkowi­ak 2011, 103).

Diese Definition beinhaltet relevante Ansatzpunkte aus Gesellschaft-, Public-Health, Lern- und Bewältigungstheorien auf die in Kapitel 2.2, unter dem Gesichtspunkt Modelle und Theorien der Entstehung von Ge­sundheit, näher eingegangen wird.

Neben solchen integrativ orientierten Modellen ist auch die Erkenntnis darüber Laienvorstellungen der jeweiligen Adressaten über Ge­sundheit zu beachten und an deren Kompetenzen und Ressourcen an­zusetzen, Teil der fortlaufenden Debatte, um das Gesundheitsverhalten und mögli­che Veränderungspro­zesse bzw. eine nachhaltige Wirkung in Be­zug auf ge­sundheitliche Chan­cengerechtigkeit zu erzielen (vgl. Falter­maier 2011).

Zwar gibt es bis heute keinen tatsächlichen Konsens über ein einheitli­ches Gesundheitsverständnis (vgl. Naidoo; Wills 2010), dennoch ist häu­fig von einem „Paradigmenwechsel“ hin zu einem Gesundheitsverständ­nis, welches gesundheitserhaltende Faktoren im Sinne der Saluto­genese betrachtet, die Rede (vgl. Michel 2004). Von Nutzen für einen zugrunde­liegenden Gesundheitsbegriff, welcher im Verbindung mit Gesundheits­förderung steht, kann neben der Beacht­ung von beschriebenen subjekti­ven und wissenschaftlichen Sichtweis­en, ein stärker auf die Förderung von Ge­sundheit statt auf Krank­heit als Funktionseinschränkung gerichte­ter Blick sein. In Anbet­racht dessen werden im Weiteren die sozialen, gesellschaftli­chen und umweltbeding­ten Determinanten für Gesundheit der jeweiligen Adressa­ten in das Ge­sundheitsverständnis miteinbezogen (vgl. Nai­doo; Wills 2010).

2.2 Theorien zur Gesundheitserhaltung und -entstehung

Zuvor wurde bereits ein erstes Augenmerk auf die sozialen, gesell­schaftlichen und umweltbedingten Einflussfaktoren auf Gesund­heit ge­worfen. Im Folgenden sollen neben diesen auch weitere Einfluss­faktoren anhand ausgewählter Modelle zur Entstehung von Ge­sundheit ge­nauer ausgeführt werden. Grundsätzlich sind positive als auch ne­gative, direk­te sowie indirekte Einwirkungen der sich wechsel­seitig be­dingenden Fak­toren auf die Gesundheit festzumachen. Im Ein­zelnen können die­se nach Dahlgren & Whitehead (1993) in fünf Ebenen einge­teilt werden (vgl. Richter; Hurrelmann 2011).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1. Hauptdeterminanten der Gesundheit, Naidoo; Wills 2010 nach Dahlgren & Whitehead (1993)

Neben den genetischen und biologi­schen Dispositionen, die weitestge­hend unveränderbar sind, kommt den individuellen Lebenswei­sen bzw. deren gesund­heitsförderlicher bzw. -schädigender Einfluss Be­deutung zu (vgl. Rich­ter; Hurrelmann 2011). Als drittes trägt der Grad sozialer Inte­gration und Unterstützung verschiedener sozialer Netzwerke entschei­dend dazu bei, Gesundheit zu erhalten bzw. wieder­herzustellen (vgl. Richter; Hurrelmann 2011). Des Weiteren werden die­se Determi­nanten selbst durch die unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbedingung­en, worunter u.a. Zugang zu Bildungs- und Gesund­heitssystem sowie weite­re Fakto­ren wie Wohnverhältnisse und Arbeitslosig­keit fallen, beein­flusst. Diese hängen wiederum von allge­meinen ökono­mischen, kulturel­len und phy­sischen Bedingungen der Umwelt ab und stel­len somit die womög­lich wichtigsten und komplexes­ten Ein­flussgrößen dar. Sie sind demnach als Auslöser der anderen beeinfluss­baren Fakto­ren von Ge­sundheit zu verstehen (vgl. Naidoo; Wills 2010/ Rich­ter; Hur­relmann 2011).

Zusammenfassend zeigt die Ausführung der Determinanten, dass gera­de die soziale und ökonomische Stellung, das Geschlecht und die ethische Gruppenzu­gehörigkeit Gesundheit beeinflussen. Diese Annahme schließt an die ak­tuellen Forschungsergebnisse zur strukturellen Un­gleichheit und gesundh­eitlichen Chancengleichheit an. Auch Gesund­heitsförderung geht von diesem Grundgedanken aus und verfolgt das Ziel auf eben die­se Deter­minanten der Gesundheit Einfluss zu nehmen (vgl. Naidoo; Wills 2010).

An dieser Stelle wird nun explizit der Frage nachgegangen, welche kon­kreten Bedingungen auf Seiten der Person als auch ihrer Rahmenbe­dingungen gegeben sein müssen, um gesund zu bleiben bzw. gesund­heitliche Chancen möglichst auszuschöpfen. Dazu werden ausge­wählte wissenschaftliche Theorien und Modelle zur Gesundheitsentste­hung und -erhaltung beschrieben und je nach Grad der Rele­vanz im Wei­teren ent­sprechend ausgeführt. Diese stellen im späteren Verlauf Bezugs­punkte zur Lebenssituation von Kleinkindern und ihren Familien im Kontext prekärer Lebensbedingungen dar.

Die Wahl der nun folgenden Theorieansätze orientiert sich an der kon­kreten Fragestellung als auch der Thematik. Gleichsam dient sie der Herausb­ildung einer zugrundeliegenden Ausrichtung sowie der Annähe­rung an die Bedingungen für Gesundheit und Gesundheitsverhalten der Fa­milien in sozialer Benachteiligung und Auswirkungen für die im Fo­kus stehenden Kleinkinder und Familien.

Grundsätzlich lassen sich vier Modelle entsprechend ihrer vordergründi­gen Sicht auf Verhältnis-, Verhaltens- oder personale Fakto­ren, in Be­zug auf Bedingungen von Gesundheit gruppieren:

- Lerntheorien
- Gesellschaftstheorien
- Public-Health-Theorien
- Bewältigungstheorien

(vgl. Hurrelmann 2006)

Lerntheorien haben die wechselseitige Beeinflussung zwischen Umwelt­bedingungen und jeweiligen Verhaltensweisen im Blick, sind je­doch im Zuge der zu behandelnden Thematik insofern relevant, als sie vor al­lem auf die Veränderung von gesundheitsrelevanten Verhaltens­weisen und Herstellung einer persönlichen Überzeugung, durch kogniti­ve Wissens­vermittlung oder durch soziale Vorbilder (Lernen am Modell) abzielen. Beispielsweise wird beabsichtigt, dass El­tern von Kleinkindern Verhal­tensänderungen und Kompetenzen in Bezug auf Er­ziehungs- und Bin­dungsverhalten vermittelt bekommen, die wiederum für gesundes Auf­wachsen von Bedeutung sind (vgl. Hurrelmann 2006/ Haverkamp 2012). Bil­dung ist dementspre­chend auch für die Ausprägung von gesundheits­relevanten Verhaltens­weisen und Einstellungen der Eltern bedeutsam (vgl. RKI 2008).

Gesellschaftstheorien stellen hingegen die sozialen und gesellschaftli­chen Faktoren für die Entwicklung von Gesundheit und Gesundheitsver­halten in den Vordergrund. Ausgehend von der These, dass Gesundheit und Krankheit mit sozialen und ökonomischen Ungleichheiten bzw. der ungleichen Verteilung von Ressourcen (finanzielle Mittel, Bildungsgrad, soziale und berufliche Anerkennung) direkt und indirekt in Verbindung stehen, wird untersucht warum und wie sich diese Determinanten auf Gesundheitsverhalten und Gesundheitsdynamik auswirken. Das Zusam­menwirken der Faktoren auf Verhältnis- (u.a. ungünstige Lebensbeding­ungen) und Verhaltensebene (wie Lebensstil, Gesundheitsverhal­ten) ist bei diesem Ansatz kennzeichnend (vgl. Hurrelmann 2006).

Vorgreifend sei an dieser Stelle kurz erwähnt, dass gesellschaftstheorer­tische Ansätze exakt an den empirischen Befunden zur sozialen Benach­teiligung, ungünstigen Lebenslage und dessen Ein­fluss auf die Gesund­heit von Familien und Kleinkindern, die im nachfolgen­den Punkt 2.3 noch genau erörtert werden, ansetzen. Weitere bedeu­tende Annahm­en und­ Erken­ntniss­e dies­er The­orie s­ind da­her in­ der nachstehenden,­ stich­punkta­rtigen­ Aufzä­hlung ­zusammengefasst­:

- Je ungleicher die beschriebene Ressourcenverteilung, de­sto un­günstiger sind die gesundheitsrelevanten Verhaltens­weisen und Aus­wirkungen auf die Gesundheit.
- Dabei ist die subjektive bzw. in der Gesellschaft geltende Ein­schätzung sozialer Ungleichheit als unakzeptable Benachteili­gung, die neben politischen und sozialen Reaktionen (Rückzug, Verweigerung, Protest, Exklusion etc.) auch Folgen auf das Aus­schöpfen der gesundheitlichen Potenziale und das Wohlbefin­den hat, ausschlaggebend.
- Vor allem der sozialen Ausgrenzung (Exklusion) im Zusamm­enhang mit der Ungleichheit ist ein hoher Einfluss nachgewiesen.
- Folglich: „Je größer die Zahl der sozialen Benachteili­gung in der Gesellschaft, desto höher das kollektive Ausmaß von gesund­heitlichen Störungen“ (Hurrelmann 2006, 67).

Anknüpfend daran stellen Public- Health- Theorien die unmittelbaren sozialen Lebensbedingungen für gesundheits- bzw. krankeitsrelevantes Verhalten ins Zentrum. Dabei bemühen sich Gesundheitswissenschaften um interdisziplinäre Ansatzpunkte zur Untersuchung der Bedingungen für Gesundheit und Krankheit, u.a. mit der Analyse von Risikofaktoren und Versorgungsstrukturen des Gesundheitssystems, um bedarfsgerech­tere Interventionen zur Verhütung von Krankheit und Förderung von Ge­sundheit zu implementieren (vgl. Hurrelmann 2006). Vor allem dem „Ri­sikofaktorenmodell“ ist im Zuge der behandelten The­matik als Erklä­rungsansatz ein hohes Maß an Bedeutung zuzuschrei­ben. Nach Franzko­wiak (2011a) sind die in Forschungen zur Resi­lienz sowie Risiko- und Schutzfaktoren gewonnenen Erkenntnisse eine wich­tige und einflussrei­che In­terventionsgrundlage für Prävention, die auch auf den Kon­text „Früher Hilfen“ übertragbar ist. Jedoch wird hier nicht im ei­gentlichen Sinne des „klassi­schen“ Riskofaktorenmo­dells, sondern eher vom Verständnis des Zu­sammenwirken von Risiko- und Schutzfak­toren aus­gegangen, in diesem kommt der Her­stellung oder Erhaltung ei­ner förderl­ichen Balance für die Gesundheit ein hoher Stel­lenwert zu (vgl. Franzkowiak 2011a). Risi­kofaktoren sind zu verste­hen, als „[...] poten­zielle, sich direkt oder indirekt und in der Regel erst mit zeitlicher Verzö­gerung manifestierend­e Gefährdung der Gesund­heit, der Entwick­lung oder der sozia­len und kul­turellen Integration bzw. Inklusion“ (Franzko­wiak 2011a, 479). Kon­kret ist damit die steigende Wahrschein­lichkeit und nicht, wie häufig ange­nommen, die kausale Ur­sache für Gesund­heitseinbußen, Störung, Krank­heit oder Mortalität, ge­meint. Wenn­gleich zwischen Risikofakto­ren und Krankheit eine Korrelation oftmals statis­tisch belegt ist, sagt diese je­doch nichts über die Wirkungsrichtung aus, da diese sich sehr kom­plex darstellt (vgl. Hurrelmann 2006/ Franzkowi­ak 2011a).

Hervorzuheben ist nach Aussage Hurrelmanns (2006, 86), dass die Theorie der Risikofaktoren neue Impulse für die ge­sundheits- und sozi­alpolitische Diskussion gebracht hat, da sie unabhän­gig von Kausalana­lysen zu präventiven Strategien ermutigt. Dies trug dazu bei, dass ab den 1960er Jahren eine Erweiterung des „biomedizini­schen Pa­radigmas“ mit einer sozialwissenschaftlichen Sichtweise, im Sinne ei­nes multifaktori­ellen Erklärungsansätzes, auf Grundlage epide­miologischer Be­funde stattfand. Grundsätzlich können Risikofaktoren unterteilt wer­den in fol­gende dreistufige Systematik:

- Risikofaktoren, die abhängig von Verhaltens-, Lebens­weisen und Persönlichkeit,
- die „sozialstrukurell“, ökologisch bedingt oder setting­gebunden sind
- sowie unabänderliche Faktoren wie Alter, Geschlecht, geneti­sche, biologische Anlagen oder familiäre Vorbelas­tungen (vgl. Franzkowiak 2011a)

Dabei ist anzumerken, dass vor allem bei der Kombination struktureller und personaler Risikofaktoren die Erkrankungswahrscheinlichkeit um ein Vielfaches ansteigt (vgl. Franzkowiak 2011a). Im Hinblick auf die Umsetzung in Gesundheitsförderung und Prävention sollte daher nicht allein die Strategie der individuellen Verhaltensänderung zur Beeinflus­sung bzw. Förderung von Gesundheit überwiegen, sondern dem Einbe­zug der Lebenslage und dadurch bedingten Lebensweisen mehr Auf­merksamkeit geschenkt werden. Des Weiteren darf, um dem angestreb­ten Komplexi­tätsanspruch gerecht zu werden, folglich nicht nur ein Teil der Risiko­determinanten bearbeitet werden (vgl. Franzkowiak 2011a). Von Belang ist in diesem Kontext der Ansatz der bedürfnis- und versor­gungsorientierten Analysen, dessen Ziel die Offenlegung und gleichsam Verbesserung der Strukturen, Funktions- und Kooperation­weisen des Gesundheitssys­tems und ihrer Teilsysteme ist. Auf Grundla­ge epidemio­logisch gestütz­ter Bedarfs- und Nutzeranalysen, soll das ge­sundheitliche Versorgungs­system hinsichtlich der individuellen Bedürf­nisse und Be­darfe opti­miert werden (vgl. Hurrelmann 2006).

Herauszustellen ist zudem, dass ein klares Defizit der gesundheitli­chen Versorgungsstrukturen sich offenbar an der fehlenden bzw. nicht konkret an den Lebensbedingun­gen festgemachten Umset­zung zeigt. Fa­milien mit Kleinkindern scheinen bei­spielsweise weitest­gehend auf sich alleine gestellt und müssen sich in „[...] oft unüber­schaubaren Versorgungs­landschaften mit einer Vielfalt von Anbietern und einer Konkur­renz von Behandlungs- und Betreuungsverfahren“ (Hurrelmann 2011, 93) zu­rechtfinden. Hier fehlt es u.a. an übergreifend­er Beratung, wie sie im Sinne „Früher Hilfen“ stattfinden könnte, um einen Zugang zu Versor­gungsangeboten und -einrichtungen, die an individuellen Bedürfnis­sen und Bedarfen ori­entiert sind, zu arrangieren. Dadurch sollen die Men­schen zu er­reichen, die (ge­sundheitliche) Unterstützung be­nötigen. Dies sind vor al­lem „sozial Benachteilig­te“ bzw. durch Mehrfachrisiken be­lastete Zielgrupp­en, welche oftmals nicht durch frühzeitig vorbeugende bzw. Gesund­heit er­haltende Strategien erreicht werden (vgl. Hurrel­mann/ Michel 2004). Als problematisch anzusehen ist zudem, dass Prä­ventions- und Gesundheitsf­örderungsprogramme oftmals eine starke „Mittelschichtori­entierung“ aufweisen und in der Regel aus die­sem Grund von benach­teiligten Statusgruppen seltener in Anspruch genom­men werden (vgl. Schluch 2008).

Erklärungsansätze innerhalb der Bewältigungstheorien fra­gen nach den Ver­arbeitungs- und Auseinandersetzungsprozessen. „Im Vordergrund stehen die Mechanismen und Prozesse, mit denen sich ein Mensch mit den ge­sundheitlichen Risiken und Belastungen ausein­ander setzt“ (Hur­relmann 2006,102). Eine Betrachtungsweise in diesem Zusammenhang befasst sich vornehmlich mit Erklärungsmodellen die auf Persönlich­keitsmerkmale abzielen, eine weitere mit Verarbeitungsroutin­en (vgl. Hurrelmann 2006). Der nach der klassischen Theorieauffassung ange­nommene direk­te Zu­sammenhang zwischen Per­sönlichkeitsmerkmalen, prägenden Um­weltfaktoren und Krankheit, gilt heutzutage als verein­facht und statisch. Inzwischen haben sich Annah­men, die von einer Viel­zahl verschiedener Wirkfaktoren, für die ebenfalls komplexe Entwick­lung und Entstehung von Krankheit, weitestgehend etabliert (vgl. Hur­relmann 2006). Den­noch kommt Hypothesen von Vertretern, wie u.a Freud (1960), trotz geringer empiri­scher Absiche­rung, als Ursache für Krankheitsentw­icklung gegenwärtig nach wie vor Be­deutung zu. In die­sen stehen vor allem Bezie­hungsstörungen im familiären Interaktions­prozess, als Ursa­che für Krankheitsentwicklung, im Zentrum (vgl. Hur­relmann 2006).

Einen weiteren An­satzpunkt bie­ten Theorien, welche die „ Verletzlich­keit“ oder „Anfälligkeit“ (Vulnerablili­tät) bzw. Widerstandsfähigkeit (Resi­lienz) betrachten (vgl. Hurrelmann 2006/ Laucht 2012). Hier wer­den Widerstandskräfte körperlicher, psychischer und sozialer Art des In­dividuums untersucht, die gegenüber verschiedenen Belastun­gen, Kon­flikten und kritischen Lebensereignissen zur „Resilienz“ oder zur Vulne­rabilität beitragen. „Resilienz“ meint dabei die Prozesse mit eben sol­chen belastenden Situationen effektiv umzugehen, sie zu be­wältigen oder Risiken dementsprechend zu adaptierten (vgl. Bühler; Heppekau­sen 2005/ Hurrelmann 2006). Nach Franke (2006) liegt bezüg­lich der Fokus­sierung auf Kinder und deren Lebensbedingungen ein be­sonderes Poten­zial für die Identifikati­on von Risiko- und Schutzfakto­ren, die gerade in Bezug auf „gesundes Aufwachsen“ Einfluss haben. „Resili­enz“ kann in diesem Zuge verstan­den werden als eine psychische Widerstandsfähigk­eit von Kindern ge­genüber biologischen, psychologi­schen und psycho­sozialen Entwick­lungsrisiken (vgl. Wustmann 2004).

Insgesamt sind zahlreiche frühkindliche Risikofaktoren mit einer un­günstigen Entwicklung verknüpft und deren Auswirkungen bestehen bis ins Erwachsenenalter fort. Beschriebene kindbezogene Vulnerabili­tät (u.a. genetische Belastungen, Frühgeburt, komplikationreiche Ge­burt, geringe Intelligenz, schwieriges Temperament) als auch umweltbezogen­e „Stressoren“ z.B. Armut, psychische Erkrankung eines Elternteils, sehr junge Eltern und Misshandlung, können als Risikofaktoren für die Wahr­scheinlichkeit des Auftretens einer Beeinträchtigung der Entwicklungs­funktionen festgemacht werden (vgl. Laucht 2012). Protektive Fak­toren, durch die Kinder trotz widriger Lebensbedingungen eine unauf­fällige Entwicklung nehmen bzw. vor gesundheitsschädlichen Fol­gen früher Entwicklungsrisiken geschützt sind, werden u.a. durch Ergebnisse der Mann­heimer Risikokinderstudie[1] aus ihrer bislang, vor allem im Be­reich der psycho-sozialen Risiken, relativ unspezifischen Bestimmung genom­men (vgl. Franke 2006/ Laucht 2012). Bei der Mannheimer Risikokin­derstudie handelt sich um eine prospektive Längsschnittstudie die unter­sucht, welche und wie kind-, familiäre- und umweltbezogene Schutzfak­toren vor allem auf die psychische Gesundheit (psychische Auffälligkei­ten, Verhaltensprobleme) Einfluss nehmen (vgl. Laucht 2012). Aus­gangspunkt dieser Studie war die individuelle Variabilität in der Ent­wicklung der sogenannten Risikokinder trotz vergleichbarer „schlechter Startbedingungen“ bzw. belastender Lebensverhältnisse. Im Folgenden werden bedeutsame Schutzfaktoren im Kontext psychosozia­ler famili­ärer Belastungen veranschaulicht:

- kognitive, sozio-emotionale Kompetenzen des Kindes, u.a posi­tives Temperament (gemessen an der Häufigkeit des Lächelns), Sprach­kompetenz (gute expressive Sprachentwicklung im Alter von 2 Jahren).
- Qualität der frühen Eltern-Kind bzw. familiären Interakti­on, d.h. Feinfühligkeit der Betreuungspersonen im frühen Säuglings­alter, Unterstützung und emotional verlässliche Beziehung, Er­ziehungsstile, die Vertrauen, Autonomie, Initiative des Kindes för­dern.
- Unterstützungssysteme der Umwelt, auch außerhalb der Fami­lie

(vgl. Laucht 2012)

Erstere stellen sich nach Laucht (2012) für den Schutz vor gesundheits­schädlichen Folgen früher Entwicklungsrisiken und Basis für die Ent­wicklung von „Resilienz“, die im Verlauf der kindlichen Entwicklung er­worben wird, als besonders bedeutsam heraus. Zudem kommt dem Kon­zept der Schutzfaktoren eine wichtige Rolle zu, vornehmlich in Be­zug auf förderliche und unterstützende Einflüsse sogenannter „terti­ärer Netz­werke“ (vgl. Laucht 2012).

Die beschriebenen Annahmen weisen u.a. eine große Übereinstim­mung mit dem im späteren Verlauf noch erläuterten salutogenetischen Modell, bzw. dem dort zugrunde liegenden „Kohärenzgefühl“ auf. Des Weiteren wurden einige dieser Vorstellungen in einem weiteren Erklä­rungsansatz dieser Theorie, der „Anforderungs- Ressourcen- Theorie“, aufgenom­men. Dabei gilt der Gesundheitszustand als wesent­lich abhängig von der Art und Weise wie gut der Person die Bewälti­gung externer so­wie inter­ner Anforderungen mit Hilfe von externen und internen Res­sourcen ge­lingt (vgl. Hurrelmann 2006). Ebenso integriert sind hier Ele­mente von Stresstheorien, welche Hauptaugenmerk auf die jeweilige Form der Bewältigung legen und „Stressoren“ identifizieren. „Stresso­ren“ bezeichnen in der Stressforschung die Einflussfaktoren auf das psy­chische und körperliche Wohlbefinden bzw. die Gesundheitsbi­lanz. Auch wird u.a. in der „ kogniti­v-transaktionellen Stresstheorie“ be­sonderer Wert auf die jeweilige kognitive Beurteilung der Belas­tungen ge­legt (vgl. Hurrelmann 2006, Faltermaier 2005). Das subjektive Erleben der Belastung, welches von einem komplexen Gefüge mitbe­stimmt wird, hat neben den vorhandenen und potenziellen Ressourcen auch entschei­denden Einfluss auf erfolgreiche Bewältigung der Stresso­ren (vgl. Hur­relmann 2006/ Faltermaier 2005).

Das „ Ressourcen-Bewältigungs-Modell“ unterschiedet in diesem Zu­sammenhang zwischen personalen und sozialen Ausgangsbedingun­gen als auch Ressourcen:

- personale Ressourcen sind u.a. Selbstwirksamkeitsüberzeugun­gen, realistisches Selbstbild, Kontrollüberzeugung
- soziale Ressourcen sind vor allem soziale Beziehungen und

Unterstützung aus den primären, sekundären, tertiären sozialen Netzwerken

(vgl. Hurrelmann 2006)

Vor allem deren Stellenwert für die Verarbeitung hinsichtlich des Erhalts oder der Herstellung von „Kontrolle über die eigene Lebensführung“ (Hurrelmann 2006, 111 nach Lazarus) ist hier zu betonen. Dementspre­chend haben die Ausgangsbedingungen und Ressourcen, je nach Ergeb­nis der Bewälti­gungsstrategien, positiven oder negativen Einfluss auf beispielsweise ­die Gesund­heitsdynamik (vgl. Hurrelmann 2006).

Genauer betrachtet wird nun das Modell der Salutogenese („Gesund­heitsentstehung“), das als eines der bedeutsamsten interdisziplinären und am besten ausgearbeiteten Rahmenmodelle in diesem Zusammen­hang gilt. Es bemüht sich um die Einbeziehung der verschiedenen Komponent­en der bereits vorgestellten Konzepte (vgl. Franke 2011/ Hurrel­mann 2006/ Faltermaier 2005). Vor allem für die be­troffenen El­tern und Bezugsper­sonen und deren Widerstandsfähigkeit bzw. deren Grundüberz­eugung, das Leben trotz belastender Lebenssitua­tion zu be­wältigen und Gesund­heitsressourcen für sich und das Kind zu erschlie­ßen, kommt den nach­folgenden Annahmen besonderer Wert in­nerhalb des Handlungsfeldes der Gesundheitsförderung als auch „Frü­hen Hilfen“ zu (vgl. Franke 2011/ Franke 2010).

„Der Begriff „Salutogenese“ wurde von Aaron Antonovsky, ei­nem amerikanisch-israelischen Medizinsoziologen, als Gegenbe­griff zu dem der „Pathogenese“ geprägt: Während sich pathoge­netische Ansätze primär um die Entstehung von Erkrankungen, das Verständnis pathogener Prozesse bemühen, wendet sich Salu­togenese der Erforschung der Prozesse zu, die Gesundheit erhalt­en und fördern“ (Franke 2011, 487).

Gesundheit wird dort als ein dynamischer, schrittweiser Prozess inner­halb eines „Gesundheits-Krankheits-Kontinums“ erfasst und Krankheit dementsprechend nicht nur als Abweichung von der Normalität be­stimmt (vgl. Franke 2010). Dabei kommt abermals den Stressoren, bzw. dem konstruktiven Umgang mit ihnen, zentrale Bedeutung als gesund­heits- oder krankheitsfördernde Potenziale Bedeutung zu. Grundlegend für die Be­wegung, zwischen den beiden Polen „eher gesund“ und „eher krank“ (Gesundheits - Krankheits - Kontinuum), sind die individuellen als auch gesellschaftli­chen „ge­neralisierten Widerstandsressourcen“ aus­schlaggebend. Rele­vante so­wohl im Individuum sowie in dessen Umfeld liegende Widerstandsress­ourcen sind beispielsweise:

„Gute körperliche Konstitution, ausrei­chende Immunpotenziale, kognitive Ressourcen wie Wissen, Intelligenz und Problemlösefä­higkeit, psychische Ressourcen wie Optimismus, Selbstvertraue­n, Ich-Identität, Gesundheitswissen und Vertraut­heit mit dem Ver­sorgungssystem, interpersonale Ressourcen wie sozia­le Unter­stützung, soziale Integration und aktive Teilnahme an individ­uell be­deutsamen Entscheidungs- und Kontrollprozes­sen, soziokultur­elle Res­sourcen wie Einbindung in stabile Kultu­ren, Orientie­rung an Werten und Überzeugungen, materiel­le Si­cherheit, si­cherer Arbeitsplatz, Verfügbar­keit über Dienstleistung­en“ (Fran­ke 2011, 488).

Gesellschaftliche Wider­standsfaktoren sind u.a. „Frieden, intakte Sozi­alstrukturen und funktio­nierende gesellschaftliche Netze, Sicherheit der sozialen Systeme, z.B. der Kranken- und Rentenversicherung“ (Franke 2011, 488). Dement­sprechend gilt die Grundannahme: Je mehr Wider­standsressourcen ei­ner Person zur Verfügung stehen, desto eher wer­den Stressoren bzw. Belastungen bewältigt und wirken sich positiv auf die Stärke des „Kohärenzgefühls“ aus (vgl. Bühler; Heppekausen 2005/ Franke 2011). Dieses ist als eben jene Grundüberzeugung zu verste­hen, die eine Per­son in einer Belastungssituation oder Herausforderung dazu mobilisiert Ressourcen zu aktivieren und dem Stressor entgegenzuwir­ken. Als Merkmale für das Vorliegen eines Kohärenzge­fühls wird zudem die Grundhaltung beschrieben, das Leben als stimmig und sinnvoll zu er­leben. Diese setzt sich aus drei Komponenten zusam­men:

1. Gefühl von Verstehbarkeit, der eigenen Person und der Um­welt
2. Gefühl von Bewältigbarkeit und Handhabbarkeit
3. Gefühl von Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit

(vgl. Hurrelmann 2006/ Franke 2011)

Insgesamt gesehen ergibt sich durch dieses umfassende Theoriemo­dell, seine Querverbindungen zum Risikofaktorenmodell, Lerntheorien, Be­wältigungs- und Stresstheorien eine gute Grundlage für ein allgemein­gültiges, d.h. konsensfähiges Konzept (vgl. Franzkowiak 2011/ Hurrel­mann 2006). Dabei jedoch findet die soziologisch-gesellschaftliche Perspekti­ve, bzw. der starke Zusammenhang zwischen sozioökonomi­schem Status und „Ko­härenzgefühl“ kaum Berücksichtigung (vgl. Hur­relmann 2006). Zudem warten manche Aussagen und Modellannahmen noch auf eine hinrei­chende empirische Absicherung (vgl. Franke 2011). Unter ande­rem sind nach Franke (2011) in diesem Kontext For­schungen inter­essant, welche die Entwicklung des Kohärenzgefühls in Abhängig­keit von sozialen, ökonomischen und Umgebungsbedingun­gen aufklä­ren.

An dieser Stelle ist abschließend noch das „Sozialisati­onsmodell“ aufzu­führen, da es vordergründig die starke Korrelation von sozioökonomi­schem Status und Kohärenzgefühl berücksichtigt. Zudem ist es neben dem Salutogenesemodell als ein weiteres bedeut­sames in­tegratives Er­klärungsmodell zu beurteilen (vgl. Hurrelmann 2006).

Diese teils soziologisch, teils psychologisch beeinflusste Theorieauffas­sung hat die Frage „[...] wie ein Mensch mit seiner genetischen Ausstat­tung an Trieben und Bedürfnissen und seinen angeborenen Tempera­ments­- und Persönlichkeitsmerkmalen zu einem selbstständigen Sub­jekt mit Fähigkeiten zur Selbstreflexion wird und es schafft, dabei die Anfor­derungen von Kultur, Ökonomie und ökologi­scher Umwelt zu bewälti­gen“ (Hurrelmann 2006, 128) im Fokus. Gelingt diese Bewälti­gung und die Erfüllung der Entwicklungsaufgaben im kör­perlichen, psy­chischen, sozialen und ökologischen Bereich, so hat dies positiven Ein­fluss auf die weitere Persönlichkeits- und auch auf die Gesundheitsentw­icklung. Da­bei sind wiederum die spezifischen Ausgangs­bedingungen bzw. die je­weiligen sozialen und personalen Ressourcen von Bedeutung (vgl. Hur­relmann 2006). Im Zuge dessen werden in die­sem Modell die einzelnen Lebens- und Übergangsphasen im Lebens­lauf, d.h. von der frühen Kind­heit bis ins hohe Erwachsenenalter, be­sonders be­rücksichtigt und zudem empirisch erforscht, wie sich in die­sem Prozess die Gesundh­eits- und Krankheitsdynamik entwickelt. In diesen Untersu­chungen finden sich u.a Hinweise darauf, dass beispiels­weise eine kom­plizierte Schwanger­schaft, die teilweise auch mitbedingt durch einen niedri­gen sozio-ökono­mischen Status der Mutter und deren gesundheitsris­kanten Verhaltens­weisen sein kann, zu einem niedri­gen Geburtsgewicht und zur Vulnera­bilität für verschiedene gesundheit­liche Beeinträchtigungen füh­ren kann. Auch sind Zusammenhänge von körperlichen Gewalterfahrun­gen und traumatisierenden Erlebnissen in der frühkindlichen Entwick­lung mit ei­ner späteren psychischen Störung in vielen Fällen nachgewie­sen (vgl. Hurrelmann 2006).

Grundsätzlich scheint die Bewältigung bzw. Überforderung mit den ein­zelnen Entwicklungsaufgaben in Abhängigkeit mit dem finanziellen als auch dem Bildungsstatus der Eltern zu stehen. Des Weiteren belegen Stu­dien, dass „[...] soziale und gesundheitliche Ungleichheit, die sich im mittle­ren oder späteren Lebensalter niederschlagen, ihren Ursprung in frühen Gegebenheiten des Lebensverlaufs haben“ (Hurrelmann 2006, 136). All dies weist insgesamt darauf hin, dass Lebensumstände der frü­hen Kind­heit in besonderen Maße auf den Gesundheitsstaus im späteren Lebens­lauf einwirken und daher vorbeugende Interventionen im Sinne der Ge­sundheitsförderung und Prävention früh im Lebenslauf einsetzen sollten. Dies bedeutet konkret, dass Entwicklungsrisiken früh­zeitig iden­tifiziert, Res­sourcen bzw. Schutzfaktoren der Kinder und El­tern gestärkt werden müssen, besonders in psychosozial benachteiligten Familien (vgl. Hur­relmann 2006/ Laucht 2012).

Das nachfolgende Kapitel dient der Aufführung des aktuellen For­schungsstandes zur Situation von Familien und (Klein-) Kindern in sozi­al benachteiligten Lebenslagen und der Veranschaulichung des Einflus­ses der prekären Lebensumstände in Bezug auf die Gesundheit und Ent­wicklung von Säuglingen und Kleinkindern.

2.3 Soziale Ungleichheit und Gesundheit in Deutschland

In Deutschland spricht man in diesem Zusammenhang von „relativer Ar­mut“ und „sozialer Ungleichheit". Dies bedeutet einerseits, dass Perso­nen, die in der Gesellschaft leben, unterdurchschnittliche Ressourcen und anderseits unterschiedliche Lebensbedingungen, Teilhabe- und Ver­wirklichungschancen vorweisen (vgl. BMAS 2008). Familien deren Ein­kommen maximal „Sozialhilfeniveau“ erreicht oder jene die Sozialhilfe beziehen gelten hier zu Lande als von „Armut be­droht“ (vgl. Bird 2012). Diese Indikatoren greifen jedoch zu eng, da nur die ökonomische Lage d.h. die materielle Unterversorgung berücksich­tigt wird. Die Gesamtheit von Armut wird aus psychologisch- pädagogi­scher Sicht anhand des „Lebenslagenkonzeptes“[2] als materielle Unter­versorgung, die zu Einen­gung bzw. Verlust von Handlungsspiel­räumen in fünf Le­bensbereichen führt, besser erfasst:

- Einkommens- und Versorgungsspielraum
- Lern- und Kooperationsspielraum
- Muße- und Generationsspielraum
- Entscheidungs- und Dispositionsspielraum

(vgl. Weiß 2010/ Zander 2008)

„Leben in Armut bedeutet nicht nur ein ökonomisches Minimum, son­dern oftmals auch ein Minimum im Bereich von Bildung, Kommunikat-ion und nicht zuletzt auch im Bereich sozialer Anerkennung“ (Weiß 2010, 51).

[...]


[1] Nähere Angaben zur Studie (Stichprobenauswahl, Konzeption, Vorgehensweise, Laufzeit, Zielsetzung, Ergebnisse etc.) sind der einschlägigen Literatur u.a. Laucht et. al. (2000) zu entnehmen.

[2] Bereits seit 10 Jahren in den u.a. in den AWO-ISS-Studien etabliert verwendet.

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Der Beitrag früher Hilfen zur Gesundheitsförderung von Kleinkindern und ihren Familien im Kontext prekärer Lebenslagen
Hochschule
Evangelische Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
103
Katalognummer
V455418
ISBN (eBook)
9783668882454
ISBN (Buch)
9783668882461
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beitrag, hilfen, gesundheitsförderung, kleinkindern, familien, kontext, lebenslagen
Arbeit zitieren
Katrin Weidner (Autor), 2013, Der Beitrag früher Hilfen zur Gesundheitsförderung von Kleinkindern und ihren Familien im Kontext prekärer Lebenslagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455418

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