Welche Rolle spielt eine achtsame Körperwahrnehmung bei der Professionalität in der Sozialen Arbeit?


Hausarbeit, 2017
49 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Professionalitat in der Sozialen Arbeit
2.1.1 Verstandnis von professionellem Handeln in der Sozialen Arbeit
2.1.2 Leibliche Identitatsbildung und Professioneller Habitus
2.2 Achtsame Korperwahrnehmung und professionelles Handeln
2.3 Supervision als professionelle Reflexionsform

3 Empirische Studie
3.1 Forschungsfrage und Hypothesen
3.2 Untersuchungsziel und Untersuchungsmethode
3.3 Beschreibung der Stichprobe

4 Ergebnisse

5 Diskussion
5.1 Fazit

6 Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang A Antworten auf Frage
Anhang B Antworten auf Frage
Anhang C Untersuchungsinstrument Fragebogen

Tabellenverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

Je komplexer die Arbeitsanforderungen werden, desto schwerer kann es Fachkraf- ten der Sozialen Arbeit fallen den Uberblick zu bewahren. Den Uberblick vor al- lem uber sich selbst zu bewahren kann absolut notwendig sein um wichtige Sinn- zusammenhange (Koharenz) zur erkennen, die die Grundlage fur das professionel- le Handeln bilden. Verengt sich unter Zeitdruck die selektive Wahrnehmung zum Tunnelblick, kann die Verengung spatestens mit Kopf- oder Ruckenschmerzen auch im Korper spurbar sein. Verengung meint nicht unbedingt besonders hohe Anspannung, sondern ein Einfrieren, ein Verlust an Dynamik und Flexibility, die Fahigkeit zwischen Spannung und Entspannung, Nahe und Distanz naturlich zu wechseln (Seemann, 2007). Das Gefuhl von mir selbst, meine muskulare und emotionale Spannung oder Gelassenheit, farbt und pragt das Bild, das ich von der Welt habe (Tschacher & Storch, 2012). In schweren Fallen von Traumatisierung zeigt sich die Storung in der Beziehung zum Korper (Degener, 2013), was im Umkehrschluss nicht heiBen muss, dass das Thema Korperbeziehung fur Men- schen ohne Traumatisierung und ohne psychiatrische Diagnose in Beratungsset- tings nicht auch von groBer Relevanz sein kann.

Die vorliegende Arbeit mochte erforschen, welche Bedeutung die achtsame Kor- perwahmehmung fur die Professionalitat von Fachkraften der Sozialen Arbeit im Kontext Supervision hat. Dazu wird zunachst in Kapitel 2 ein theoretischer Uber­blick uber die Themen: Professionalitat in der Sozialen Arbeit, Achtsame Kor- perwahrnehmung und Supervision gegeben, um dann die Methoden (Kapitel 3), Ergebnisse (Kapitel 4) und Diskussion (Kapitel 5) der Fragebogenstudie vorzu- stellen.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Professionalitat in der Sozialen Arbeit

In der Kommunikation ist nicht nur entscheidend was inhaltlich gesagt wird, son- dem vor allem auch wie etwas gesagt wird, mit welchem Einfuhlungsvermogen, mit welchem Taktgefuhlt und Spursinn kommuniziert wird. Wenn die Soziale Arbeit eine Profession ist, dann ist es eine Profession, die sich vor allem durch die Fahigkeit der professionellen Beziehungsgestaltung auszeichnet, sich also auch den verbindenden Zwischentonen widmet als sich nur auf das rein inhaltli- che aus einer festgelegten Perspektive zu beschranken. Soziale Arbeit als Profes­sion im konventionellen Sinne zu verstehen, kann schwer fallen, so lange man nach einem eindeutigen Zustandigkeitsbereich und einem eindeutigen Wissensbe- stand sucht und ein grenzenloses Terrain der diffusen Alltagszustandigkeit vorfin- det, in dem die Auftragsklarung und Vorgehensweise alles andere als linear und nach festgelegtem Muster zu verlaufen scheint (Maeder & Nadai, 2003).

2.1.1 Verstandnis von professionellem Handeln in der Sozialen Arbeit

Mit dem Vermitteln zwischen Individuum und Gesellschaft in einem Spannungs- feld von Hilfe und Kontrolle, ubernimmt die Soziale Arbeit vielfaltige, komplexe und an Grenzen stoBende Aufgaben die von Ambivalenzen und Paradoxien ge- pragt sein konnen. „Diese komplexe Gemengelage von unterschiedlichen Frem- derwartungen, Selbstanspruchen und situativen Zwangen ist mitunter in der Praxis nur sehr schwer zu durchschauen und in der Forschungspraxis an den jeweiligen Einzelfallen nur aufwendig zu rekonstruieren“ (Kuster, 2007, S.105). Die Anfor- derung an die Fachkrafte der Sozialen Arbeit ist es trotz aller Diffusivitat, fehlen- der Informationen und Widerspruchlichkeiten, helfende Beziehungen zu gestalten. Heiner (2007) arbeitet in ihrem Buch „Soziale Arbeit als Beruf‘ eine Liste mit gegensatzlichen Begriffspaaren heraus, zwischen denen sich die Fachkraft der Sozialen Arbeit in ihren Handlungsmustern in Bezug auf verschiedene Hand- lungskomplexe positionieren muss. Dazu gehoren unter anderem: Orientierung an gesellschaftlichen Anforderungen und individuellen Bedurfnissen, Hilfe und Kon­trolle, Selbst- und Fremdbestimmung, Druck und Anreiz, Inklusion und Exklusi- on, Offenheit und Strukturierung, hohe und niedrige Anforderungen, Fern- und Nahziele, Leistungs- und Wirkungsziele, Prozess- und Ergebnisqualitat, Aufga- ben- und Personenorientierung, Symmetric und Asymmetrie der Beziehungen, Flexibility und Konsequenz, Verantwortungsubernahme und -ubergabe, Zuruck- haltung und Engagement, Nahe und Distanz (Heiner, 2007, S. 430f.). Anhand dieser Auflistung wird deutlich wie komplex und vielfaltig die Anforderung an das professionelle Handeln sind, besonders wenn man bedenkt, dass es bei der Positionierung zwischen den jeweiligen Polen kein allgemeingultiges oder stan- dardisiertes Richtig und Falsch geben kann. Heiner (2007) fuhrt zur Positionie- rungen zwischen den Polen weiter aus: ,,Welche Position dabei die fachlich ,rich- tige‘ ist, welches Mischungsverhaltnis zwischen etwa von ,Einflussnahme bzw. Zuruckhaltung‘, ,Nahe bzw. Distanz‘, ,Innovation bzw. Konsolidierung‘, ,Intuiti- on bzw. Reflexion‘ angemessen ist, muss fallspezifisch und situationsabhangig entschieden und begrundet werden. Die Platzierung in der Mitte zwischen den beiden Polen stellt keineswegs die sicherste und beste fachliche Losung dar“ (Heiner, 2007, S.431f.). An dieser Stelle wird klar, dass die Soziale Arbeit mit individuellen Subjekten und Situationen arbeitet und nicht mit Objekten auf die ein errechneter Mittelwert anzuwenden ist, der sich aus einer Formel ergibt, die man in einem Fachbuch nachlesen konnte. „Professionelles Handeln ist [...] im- mer durch den Widerspruch gepragt, rationale Entscheidungen auch dann kompe- tent treffen zu mussen, wenn eine ausgewiesene wissenschaftliche Grundlagen fur ihre Begrundung nicht oder nicht vollstandig vorhanden ist. Die Rationality pro- fessionellen Handelns scheint demnach umfassender zu sein alsjene instrumentel- le-technische Reality [...]“ (Dewe & Stuwe, 2016, S. 135). Eine groBe Heraus- forderung dabei ist, dass die Fachkraft selbst keine neutrale Instanz ist, die Klien- ten vollkommen frei von Wertungen und Vorurteilen begegnen kann. ,,Die der Sozialen Arbeit begegnenden Problemlagen, Lebensperspektiven, Handlungs- und Bewaltigungsmuster sind fur Professionelle auf den ersten Blick oft ratselhaft, fremd und wenig nachvollziehbar“ (Schweppe & GraBhoff, 2006, S. 189).

Um die Subjektivitat eines Falles rekonstruieren zu konnen, das heiBt die Denk- und Handlungsmuster der Betroffenen nachvollziehen und verstehen zu konnen, ist es fur die Fachkraft notwendig den Wahrnehmungsfilter der eigenen Deu- tungsmuster zu hinterfragen und zu durchschauen. „Wenn Soziale Arbeit die Problemgegenstande immer mitdefiniert und mitkonstituiert, dann erfordert fall- bezogenes sozialpadagogisches Handeln ein hohes MaB an Reflexion und Selbs- treflexion des eigenen Tuns. Ohne Reflexionen uber das Mitkonstituieren des Fal- les lauft Soziale Arbeit Gefahr, die eigenen Zielperspektiven und Anspruche zu verfehlen oder kontraproduktive Wirkungen zur Folge zu haben“ (Schweppe & GraBhoff, 2006, S. 189f.). Dewe & Otto (2012) betonen in diesem Zusammen- hang, dass im Zentrum des professionellen Handelns nicht „Expertise“ oder „Au- toritat“ stehe, sondern: „die Fahigkeit der Relationierung und Deutung von le- bensweltlichen Schwierigkeiten in Einzelfallen mit dem Ziel der Perspektivener- offnung bzw. einer Entscheidungsbegrundung unter Ungewissheitsbedinungen“ (Dewe& Otto 2012, S.198).

Das konventionelle Verstandnis von professionellem Handeln ist ein Handeln, das nur auf das aus wissenschaftlicher Forschung hervorgegangene (evidenzbasierte) Wissen zuruckgreift. Das Wissen wird im konventionellen Sinne gelehrt und dann von der Theorie in die Praxis transferiert. Dass dieses Modell nicht auf das Han­deln in der Sozialen Arbeit anwendbar ist, wird dadurch begrundet, dass ein sol- ches Modell eindeutige Ziele und Arbeitsbedingungen vorrausetzt, eben genau die standardisierten „Laborbedingungen“ die Ausgangspunkt der Forschung sind, diese aber in der komplexen und dynamischen Praxis der Sozialen Arbeit so gut wie gar nicht vorkommen. So beinhaltet ein Modell von (reflexiver) Professionali­tat in der Sozialen Arbeit immer auch das uber Reflexion gewonnene Handlungs- wissen und die damit einhergehende Sicherheit auch in ungewissen und nicht- planbaren Situationen angemessen und professionell reagieren zu konnen (Dewe & Otto, 2012). Bei der reflexiven Professionalitat steht nicht das Wissen selbst im Vordergrund, sondern vielmehr der reflexive Umgang mit Wissen.

Dewe (2015) beschreibt, dass sich Professionalitat in einem Spannungsfeld zwi- schen wissenschaftlicher „Wahrheit“ und lebenspraktischer „Angemessenheit“ bewege. Eine professionelle Entscheidung musse sachlich richtig, aber auch emo­tional ertraglich sein. In Beratungssituation konnen Sozialarbeiter dazu tendieren, die fur den Klienten emotional ertragliche Entscheidung der sachlich Richtigen vorzuziehen, da nicht genug Zeit zur Verfugung steht um die wissenschaftliche Wahrheit in Form von lebenspraktischer Angemessenheit zu kommunizieren. Wahrend Klienten in vielen Fallen vorgefertigte ,Handlungsrezepte‘ erwarten und eher den Blick fur das Symptome haben, sieht die professionelle Fachkraft die tieferliegenden bzw. im Familiensystem verankerten Ursachen. Hier ist die Her- ausforderung in einem zeitlich begrenzten Rahmen fur die Lebenswelt des Klien- ten angemessene und zugleich fachliche Entscheidungen zu treffen (Dewe 2015).

Der Empowerment-Ansatz, der Klienten prozessorientiert zu Selbstbestimmung und Autonomie ermutigt und dabei bewusst auf vorgefertigte „Rezepte“ verzich- tet, kann bei Klienten auf Ablehnung stoBen, da diese von gesammelten Erfahrun- gen in anderen Beratungssituationen ausgehend eine auf einer asymmetrischen Beziehung basierende direktive Expertenberatung antizipieren und einfordern (Herriger, 2014). Dieses Beispiel soil verdeutlichen, dass die Fachkrafte der Sozi- alen Arbeit ihre Vorgehensweise nicht standardisieren konnen, sondern auf die Fahigkeit und Moglichkeit angewiesen sind, diese in jedem Fall, situations- und klientenbezogen neu ausbalancieren und begrunden zu konnen: „In der Sozialar- beit ist erfolgreiches professionelles Handeln an das Vermogen gebunden, Wissen fallspezifisch und in je besonderen Kontexten zu mobilisieren, zu generieren und differente Wissensinhalte und Wissensformen reflexiv aufeinander zu beziehen“ (Dewe, 2013, S.lll).

Professionelles Handeln geht somit primar von Subjektivitat aus und wird von Kruse (2004) als subjektivierendes Arbeitshandeln beschrieben. Kruse (2004) arbeitet die Punkte Arbeitsorganisation, Bewaltigung des Umgangs mit Unsicher- heit und zeitliche Entlastung als die Funktionen des subjektivierenden Arbeits- handelns in der Sozialen Arbeit heraus. Zur Funktion der basalen Arbeitsorganisa­tion fuhrt Kruse (2004) aus: ,,Die typischen linearen Handlungsabfolgen eines objektivierenden Arbeitshandelns - Sondierung, Planung, Durchfuhrung, Evalua­tion - sind unter den strukturellen Bedingungen Sozialer Arbeit oftmals nicht moglich. Es muss situationsflexibel gehandelt, spontan reagiert und virtuos im- provisiert werden“ (Kruse, 2004, S.188). Zur Bewaltigung des Umgangs mit Un- sicherheit fuhrt Kruse (2004) weiter aus: „Das Gefuhl beziehungsweise das Ge- spur in der Arbeit und fur die Arbeit [...] ist ein basaler Qualitatsmodus des Ar­beitshandelns in einem nicht-instrumentellen Sinne“ (Kruse, 2004, S.185). Zur zeitlichen Entlastung betont Kruse (2004): „Gesprachssituationen lassen sich nicht in einen ,Stand-by-Modus‘ schalten, um lange uberlegen zu konnen, wie man rea­giert. [...] In diesen Situationen ubernehmen Intuition und Gefuhl eine kompensa- torische Funktion, um unter Zeitdruck entscheidungsfahig zu bleiben [...] (Kruse, 2004, S.188f.). Kruse (2004) ordnet dieses hier beschriebene „Wissen in Aktion“ dem praxeologischen Wissensmodus zu, der das theoretischen Fach- und Hand- lungswissen steuert und situationsbezogen abruft. Uber das professionelle Han- deln und dessen Reflexion konstruiert sich die professionelle Identitat. ,,Professi- onelle Identitat ist eine subjektive, handlungsorientierte, reflexive und flexible Konstruktionsleistung“ (Harmsen, 2013, S. 266). Fortschreitende Professionalisie- rung, die sich mit steigender Berufserfahrung herausbildet, zeigt sich bei der Fachkraft vor allem durch eine schnellere Einschatzungsfahigkeit und durch die Qualitat der Wissensbasierung (Kruse 2004). Heiner (2007) beschreibt, dass im Laufe des Berufslebens die Fahigkeit wachst Nahe und Distanz in der Bezie- hungsgestaltung spontan und situativ zu regulieren. „Die Reflexion professionel- len Handelns wird ubereinstimmend als der entscheidende Ort professioneller Identitatskonstruktionen benannt“ (Harmsen, 2013, S. 267). Um das notwendige „Taktgefuhlt“ zu gewinnen ,,[...] bedarf es neben der Fahigkeit zur Wahrnehmung eigener Gefuhle auch der Fahigkeit, diese zu reflektieren. Auf der Grundlage der Selbstbeobachtung der eigenen Gedanken, Gefuhle und Handlungen, ihrer Refle­xion im Licht anderer Erfahrungen und Empfindungen (z.B in der Supervision) und verbunden mit der Dokumentation des eigenen Vorgehens entsteht die Fahig­keit zur ,reflektierten Empathie‘“ (Heiner, 2007, S.471). Muller (2006) schlagt vor eine Kultur der Achtsamkeit zu entwickeln, die sowohl die leib-seelischen Befindlichkeiten der Klienten als auch die der Fachkrafte selbst mit einschlieBt. WeiB (2013) betont ebenfalls, dass „die spezifische Forderung der Korper- und Sinneswahrnehmung und der Emotionsregulation [...] der beruflichen Hand- lungswirksamkeit und der professionellen Selbstfursorge [dient]“ (WeiB, 2013, S.154).

Fachkrafte der Sozialen Arbeit beschreiben den praxeologischen Wissensmodus in Interviews zum professionellen Handeln mit „subjektivierenden Qualitaten wie ,Gespur‘, ‘Feeling‘, ,Intuition‘ und eben auch ,Begabung‘“ (Kruse, 2004, S.196). Diese Begriffe und auch die Aussage: „Professionalitat bzw. professionelle Identi­tat grundet sich in betrachtlichem Umfang auf habituelle, vor- und nichtreflexive sowie korperlich-leibliche Strukturen, die handlungswirksam, aber nur in Teilen nach auBen prasentierbar sind“ (Abeld, 2017, S.170), geben an dieser Stelle An- lass das Thema des professionellen Habitus im Zusammenhang mit korperlich- leiblichen Strukturen naher zu erforschen.

2.1.2 Leibliche Identitatsbildung und Professioneller Habitus

Wahrend der materielle Korper, sinnlich wahrnehmbar ist, also z.B. im Spiegel sichtbar und mit den eigenen Handen er-tastbar ist, ist der Leib all das was mit den Sinnen nicht zu begreifen ist und stattdessen unmittelbar spurbar ist. So gibt es zwei Moglichkeiten fur ein Individuum festzustellen dass es existiert: Erstens kann es den eigenen Korper wie einen Gegenstand beruhren, sehen, riechen oder schmecken (Korper), oder zweitens kann es sich selbst in einem flachenlosen Raum, der uber die Korpergrenzen hinausgeht, in den Dimensionen von Enge und Weite spuren und affektiv betroffen sein (Leib). Schmitz (2011) bezeichnet den spurbaren Leib als absolutes und den uber die Sinne erfassbaren Korper als relati­ves Selbst, wobei Leib und Korper in Wechselwirkung miteinander stehen. Lemt ein Mensch einen neuen Bewegungsablauf z.B. einen Basketball in den Basket- ballkorb zu werfen, bekommt er uber eine Phase des Ausprobierens, mit einigen Fehlversuchen und Treffern so langsam ein Gefuhl fur den Ball, fur die notwendi- ge Kraftdosierung und die Entfemung vom eigenen Korper zum Korb usw. Dieser Lernprozess beginnt beim rein korperlichen (perzeptives Korperschema), z.B. beim gegenstandlichen bemessen von Entfemungen, der eigenen Lage im Raum und geht dann immer mehr ins Leibliche (motorisches Korperschema) uber. Ein professioneller Basketballspieler hat vielmehr ein leibliches Gespur fur den per- fekten Wurf als ein Anfanger, der noch damit beschaftigt ist den rein korperli­chen, bzw. technischen Bewegungsablauf Schritt fur Schritt zu koordinieren. Wo­bei nicht garantiert ist, dass der professionelle Basketballspieler sein kunstvolles und asthetisches Gespur fur den Wurf im Nachhinein uberhaupt noch rational und technisch erklaren und in seine Einzelteile zerlegen kann. Das, was nicht wie der Korper messbar und uber die Sinne zu begreifen ist, sondern nur fur das Subjekt unmittelbar spurbar ist, ist der Leib in seiner unfassbaren Dynamik (Schmitz 2011).

Der Leib ist fur Schmitz (2015) die Quelle der Subjektivitat, die auch schon pra- personal z.B. beim Saugling existiert und sich erst spater in einem Selbstzuschrei- bungsprozess mit dem Korper und personlichen Zuschreibungen in Beziehung setzt und sich von einer Fremdwelt abgrenzt. Die Person im Sinne der Selbstnar- ration hat immer die spurende Selbstgewissheit des Leibes als Fundament. Wenn eine Person beispielsweise mit dem Namen Matthias sagt “Ich bin Matthias.“ ist sie von dieser Aussage unmittelbar affektiv betroffen, diese Aussage geht ihr leib- lich viel naher als die Aussage „Ich bin Frank“. Wie, wer oder dass man ist, kann nach Schmitz (2011 & 2015) nur uber ein stimmiges Gefuhl festgestellt werden, das der Selbstnarration einen leiblichen Bezug gibt. Dass ein Individuum die Per­son ist, die es glaubt zu sein, kann sie nur feststellen, indem sie von der Narration affektiv betroffen ist. Ohne die spurende Selbstgewissheit, konnte es also im Sin- ne von Schmitz (2015) keine personale Identitat geben (Schmitz 2015; Gugutzer 2001). Somit ist aus Sicht der von Schmitz begrundeten „Neuen Phanomenologie“ die Identitatsbildung, primar eine Bildung des Leibes.

Ein auch in der Literatur der Sozialen Arbeit (Becker-Lenz & Muller, 2009) zitier- tes Konzept der leiblichen Identitatsbildung, bzw. der Sozialisation beschreibt auch Bourdieu mit dem Begriff des Habitus. Der Habitus ist nach Bourdieu ein in den Leib des Menschen eingeschriebene Struktur, die der vorreflexiven Orientie- rung dient. Begegnen sich Menschen mit derselben Habitusformation, verstehen sie sich wie blind und automatisch, ohne dass dieses Verstandnis bewusst abge- sprochen ist. Der Habitus erzeugt Wahmehmungen und Beurteilungen und damit auch die daraus hervorgehenden Handlungen. Laut Bourdieus Theorie laufen dreiviertel aller menschlichen Handlungen automatisch und unbewusst ab. Der Habitus eines Menschen bildet sich in dem der Mensch seine auBere Gesellschaft, sein soziales Feld und damit auch die typischen Handlungen seiner Kultur verin- nerlicht. Der Habitus sorgt auf unbewusste Weise auch dafur, dass das Individu­um in den Begrenzungen und Moglichkeiten seines sozialen Feldes bleibt und sich genau diesem Feld zugehorig fuhlt (Becker-Lenz & Muller, 2009). Ulrich Oevermann betont, dass der Habitus im sozialen Unbewussten liegt und dass be- sonders die zentralen Krisen wie Geburt und Adolesenz zu tief sitzenden Habitus- formationen fuhren. So kann sich eine gut bewaltigte Geburtskrise ins Korperge- dachtnis einschreiben und den Verlauf des weiteren Lebens mit einem gewissen Optimismus pragen. Eine eher schlecht bewaltigte Krise kann einen Habitus pra- gen, der z.B. mit einer gesteigerten Angst vor dem Unbekannten einhergeht (Oevermann, 2001). Die Erfahrungen die in der Vergangenheit gemacht werden, gehen also nicht spurlos am Leib des Individuums vorbei, sondem pragen ganz entscheidend den Habitus, den das Individuum als verkorperte und unbewusste Wahrnehmungs- und Bewertungsgrundlage mit in die Zukunft tragt. Wachst ein Mensch also in einem bestimmten sozialen Feld mit ganz bestimmten Denk- und Handlungsmustern auf, werden diese Muster automatisch im Habitus verinner- licht. Die Wahmehmungen des Individuums passen sich an die des sozialen Fel- des an in das es hineingeboren wurde. Das AuBere wird zum Inneren und gleich- zeitig strukturiert das Innere wieder das AuBere. So werden Fremdbewertungen (z.B. von den Eltern) uber das eigene Wesen zu inneren Selbstbewertungen die sich als Gefuhle im eigenen Leib manifestieren und von dort aus auf unbewusste Weise das Handeln leiten (Matthaus, 2014).

Aufbauend auf dem bis hier sehr allgemein beschriebenen Habitus, kann sich auch ein sogenannter professioneller Habitus ausbilden der die spezifischen Denk- und Handlungsmuster bzw. eine bestimmte Haltung einer Profession verkorpert. Bourdieu (2001) beschreibt dies mit den Worten: „Wenn die Strukturen der Welt (oder eines besonderen Spiels) einverleibt sind, der ist hier unmittelbar, spontan ,zu Hause‘ und schafft, was zu schaffen ist (die Geschafte, pragmata), ohne uber- haupt nachdenken zu mussen, was und wie; er bringt Handlungsprogramme her- vor, die sich als situationsgemaB und dringlich objektiv abzeichnen und an denen sein Handeln sich ausrichtet, ohne daB sie durch und fur das BewuBtsein oder den Willen klar zu expliziten Normen oder Geboten erhoben worden waren“ (Bour­dieu 2001, S. 183). Gugutzer (2002) beschaftigt sich in diesem Zusammenhang mit dem „Spursinn“ und meint damit die dem Leib innewohnende Fahigkeit, mit Ruckgriff auf das Leibgedachtnis, in komplexen Situationen subjektiv richtige Entscheidungen treffen zu konnen.

In vielen Berufen, besonders dann wenn der wesentliche Inhalt die unter er- schwerten Bedingungen erforderte Beziehungsgestaltung ist, konnen die Anforde- rungen nicht nur mit planbaren Standards bewaltigt werden. Schmitz (2011) be­schreibt hierfur sinnbildlich wie ein Individuum in einer sich bewegenden Men- schenmenge den eigenen Korper in der Bewegung millimetergenau koordinieren, drehen und wenden kann, sodass es mit keinem anderen Menschen zusammen- stoBt. Diese Situationen, etwa an einem uberfullten Bahnhof, sind so komplex, dass es sich laut Schmitz (2011) nur uber den leiblichen Spursinn, bzw. das moto- rische Korperschema erklaren lasst, warum es das Individuum schafft nicht mit einer anderen Person zu kollidieren. Der von Guguzer (2001) beschriebene Spur­sinn bezieht sich nicht allein auf das motorische Herausforderungen, sondern in erster Linie auf das Treffen von Entscheidungen in Lebens- und damit auch in beruflichen Situationen: „Als reflexive Leiblichkeit ,entdeckt‘ der Spursinn das den Situationen Zugrundeliegende, erahnt strukturelle Zusammenhange und Be- dingungen, spurt Moglichkeiten auf und tragt so dazu bei, fur eine anstehende Wahl zu sensibilisieren oder unmittelbar die Wahlentscheidung anzuleiten“ (Gu- gutzer, 2001, S. 304).

Wird die Idee des Spursinns mit der des Habitus verbunden, so kann festgestellt werden, dass der Spursinn auf einen vorrausgehenden Einverleibungs-, Lern bzw. Sozialisationsprozess zuruckgeht. Der Spursinn fur ein bestimmtes Feld ist nicht einfach da, sondern er entwickelt sich in einem Kontext der diesen ganz bestimm- ten Habitus erfordert. Dieser Kontext kann die Gesellschaft, die Familie oder eine bestimmte Berufsgruppe, ein Arbeitsfeld oder Ahnliches sein. Genau wie ein Kind in seiner fruhen Entwicklung uber explorative Bewegungserfahrungen langsam einen Spursinn fur den eigenen Korper entwickelt um dann einen ganz selbstver- standlichen „Lauf-Habitus“ zu verkorpem, wurde eine Fachkraft uber die Explo­ration des Berufsfeldes einen leiblichen Spursinn fur die Dynamik der Profession entwickeln. So entwickelt sich uber die Erfahrung, in der Beziehung zu Men- schen, Dingen und Verhaltnissen ein Gespur fur das eigene Handlungsfeld und dessen Besonderheiten und Anforderungen. Mit der Routine, Lebens- und Berufs- erfahrung kann sich ein ausgewogenes MaB an Selbstsicherheit und Gelassenheit einstellen. Gugutzer (2001) beschreibt die Gelassenheit als die leibliche Grundla- ge fur die selbstbestimmte Lebensgestaltung eines Individuums. Gelassenheit au- Bert sich ,,[...] in einer Einstellung zum Leben, die dessen Ereignishaftigkeit, Wandelbarkeit und Widerspruchlichkeit und Unvorhersagbarkeit anerkennt und zum selbstsicheren Umgang mit ihnen befahigt“ (Gugutzer, 2001, S. 308).

Die gewonnenen Erkenntnisse uber die Funktionsweise des professionellen Habi­tus im Zusammenhang mit korperlich-leiblichen Strukturen, wirft an dieser Stelle die Frage auf, wie die Erfahrungsebene des Leibes bzw. das Spuren des Korpers gezielt in den Reflexionsprozess von Fachkraften mit einbezogen werden kann um Professionalitat weiterzuentwickeln und ob diese Idee uberhaupt sinnvoll ist. Da­zu soil als nachstes uberpruft werden, welche Maxime sich aus der Korperpsycho- therapie und korperorientierten Ansatzen fur die professionelle Reflexion ableiten lassen.

2.2 Achtsame Korperwahrnehmung und professionelles Handeln

Der hier gewahlte Begriff Achtsame Korperwahrnehmung bezieht sich im Rah- men dieser Arbeit bewusst nicht auf eine bestimmte Methode, Technik oder Ubungsform, wie z.B. Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR), Yoga, Feldenkrais oder eine bestimmte Form der Meditation, sondern meint hier im ubergeordneten und allgemeinen Sinne das Miteinbeziehen von Korperwahmeh- mungen in Therapie und Beratung. Achtsame Korperwahrnehmung soil hier das beschreiben, was auf der Metaebene der gemeinsame Nenner von alien korperori- entierte Ansatzen ist: Das sich selbst spuren um aus diesem Spuren neue Sinnzu- sammenhange zu erschlieBen. „Ziel einer systemischen Korperpsychotherapie bzw. korperorientierten systemischen Therapie ist es, den Korper als Ressource zu nutzen, um Wahrnehmungen, Gefuhle, Bewegungen und Interaktionen zu ermog- lichen, die in einem problematisch erlebten Kontext bisher nicht moglich waren. Der Fokus liegt dabei auf dem Versuch mit dem Klienten neue Bewegungen auf emotionaler, verbaler Ebene und der Handlungsebene fur bisher lahmende Situa- tionen zu entwickeln“ (Wienands, 2014, S. 108).

Alan Fogel (2013) unterscheidet zwei Wahmehmungsebenen: Erstens die ,,be- griffliche Selbstwahrnehmung“ und zweitens die „verkorperte Selbstwahmeh- mung“. Wahrend die „begriffliche Selbstwahmehmung“ „das Denken uber das Selbst“ beschreibt, meint die „verkorperte Selbstwahmehmung“ das „Fuhlen des Selbst“ (S. 26f.). Eine gewisse Entfremdung gegenuber der „verkorperten Selbst- wahmehmung“ ist in der Gesellschaft ein akzeptierte Normalzustand. So werden die kognitiven Leistungen des Denkens in der Regel im besonderen MaBe hono- riert und mit einem hohen Bildungsniveau und Professionalitat in Verbindung gebracht. Der Korper wird unter dieser Herrschaft der Rationalitat zum Objekt, bzw. zur Maschine, was dabei verloren gehen kann ist der Kontakt zur subjektiv erfahrenen Lebendigkeit des Korpers als Empfindung im Hier und Jetzt. Fur die Regulation von Nahe und Distanz ist die verkorperte Selbstwahmehmung die ein- zige unmittelbare Informationsquelle, die Ruckmeldung uber Verbindungen und Grenzen in Beziehungen geben.

[...]

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Details

Titel
Welche Rolle spielt eine achtsame Körperwahrnehmung bei der Professionalität in der Sozialen Arbeit?
Autor
Jahr
2017
Seiten
49
Katalognummer
V455656
ISBN (eBook)
9783668886605
ISBN (Buch)
9783668886612
Sprache
Deutsch
Schlagworte
welche, rolle, körperwahrnehmung, professionalität, sozialen, arbeit
Arbeit zitieren
Matthias Schäfer (Autor), 2017, Welche Rolle spielt eine achtsame Körperwahrnehmung bei der Professionalität in der Sozialen Arbeit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455656

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