Alles noch im Rahmen. Eine Inhaltsanalyse deutscher und italienischer Medienframes zum neuen ungarischen Mediengesetz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
33 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 EINLEITUNG

2 THEORETISCHER HINTERGRUND
2.1 Theorie der Öffentlichkeit: Was sollen Medien leisten?
2.2 Framing: Was leisten Medien?

3 FRAGESTELLUNG UND HYPOTHESEN

4 METHODISCHES VORGEHEN

5 ERGEBNISSE

6 DISKUSSION UND AUSBLICK

LITERATUR

ANHANG

Codebuch

1 EINLEITUNG

In demokratischen Gesellschaften ist die Freiheit der Presse ein unerlässliches Gut. Sie ist Grundvoraussetzung dafür, dass die Medien ihrer „öffentlichen Aufgabe“, der Legitimierung und Kontrolle politischer Entscheidungen, umfassend und unvoreingenommen nachkommen können. Nur so wird Demokratie überhaupt erst möglich. Als das ungarische Parlament am 21. Dezember 2010 ein neues Mediengesetz verabschiedete, das einer neu geschaffenen staatlichen Medienbehörde weitreichende Kontrollkompetenzen der ungarischen Medienlandschaft zusprach, sahen viele Europäer diesen Grundsatz in Gefahr. In den folgenden Wochen machten Regierungen, Medien und Bürger ihrer Empörung über die Neuregelung Luft, während Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán konterte, sein Gesetz entspreche gängigen europäischen Praktiken (vgl. z.B. Winter 2011). Tatsächlich ist Ungarn nicht der einzige europäische Staat, in dem Verflechtungen zwischen Politik und Medien Fragen aufwerfen. 2009 stufte die Organisation Freedom House Italien in ihrem „Freedom of Press index“ wegen der Einflussnahme von Ministerpräsident Silvio Berlusconi auf zahlreiche Medien von „frei“ auf „teilweise frei“ herab (vgl. Freedom House 2009). Es ist plausibel anzunehmen, dass in einem Land, in dem die Pressefreiheit Einschränkungen unterliegt, die Medien anders über das genau diesen Grundwert betreffende ungarische Mediengesetz berichten als es deutsche Medien tun, die in einer als frei geltenden Medienlandschaft agieren. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es daher zu klären, wie deutsche und italienische Medien über die Debatte zum ungarischen Mediengesetz berichten, welche Unterschiede, aber auch welche Gemeinsamkeiten sich erkennen lassen. Die Relevanz dieser Fragestellung ergibt sich zum einen aus den Forderungen der normativen Theorie der Öffentlichkeit, wobei hier vor allem die Funktionsfähigkeit der medialen Kritik- und Kontrollfunktion auf dem Prüfstand steht, und zum anderen aus der Tatsache, dass Medien in modernen Gesellschaften für die Bürger oft die einzige Quelle für Informationen über politische Entscheidungsprozesse darstellen. Das Bild, das Medien zeichnen, ist Grundlage dafür, wie die Rezipienten die Welt sehen.

Methodisch soll die Fragestellung inhaltsanalytisch mittels einer quantitativ- induktiven Frameanalyse nach dem Vorbild von Matthes und Kohring (2004) bearbeitet werden. Ein Frame wird dabei als „bestimmtes, unverwechselbares Muster eines Textes“ verstanden, „das sich aus mehreren, von Journalisten selektiv ausgewählten und von Rezipienten beobachtbaren Elementen zusammensetzt“ (Matthes 2007: 71). Nach der vielzitierten Definition von Entman (1993) handelt es sich bei diesen Frame-Elementen um die Problemdefinition, die kausale Attribution, die moralische Bewertung und die Handlungsempfehlung. Weniger operational definieren Gamson und Modigliani einen solchen Medienframe als „central organizing idea or story line that provides meaning to an unfolding strip of events. […] The frame suggests what the controversy is about, the essence of the issue” (1987: 143). Durch die Hervorhebung oder Auslassung bestimmter Aspekte eines Themas bieten Medien ihren Rezipienten je unterschiedliche Möglichkeiten der Wahrnehmung von Themen an. Damit scheint der Framing-Ansatz – und dabei besonders die Analyse von Medienframes als „dichte“ Beschreibung politischer Themen (vgl. Matthes 2007: 151) – hervorragend geeignet, um Unterschiede in der Berichterstattung verschiedener Medien zum Thema „Ungarisches Mediengesetz“ aufzudecken.

Die vorliegende Arbeit geht zunächst noch einmal genauer auf die Funktionen von Medien in Demokratien ein, beschreibt kurz, wie sich die Situation deutscher und italienischer Medien gegenwärtig darstellt, und arbeitet den Zusammenhang von Medienframes und der Erfüllung der „öffentlichen Aufgabe“ heraus. Ausgehend von diesem theoretischen Hintergrund und den politisch-medialen Rahmenbedingungen werden in Kapitel 3 mehrere Hypothesen entwickelt. Das methodische Vorgehen wird in Kapitel 4 erläutert, bevor anschließend die Ergebnisse vorgestellt werden. Diese werden in Kapitel 6 diskutiert und einer kritischen Reflexion unterzogen.

2 THEORETISCHER HINTERGRUND

2.1 Theorie der Öffentlichkeit: Was sollen Medien leisten?

Es ist ein Wesenszug der Demokratie, dass politische Entscheidungen von allgemeiner Geltung einer ebenso allgemeinen Rechenschaftspflicht unterliegen. Schließlich gilt Macht in Demokratien immer nur als dienende Macht, die sich immer wieder kommunikativen Bewährungsproben unterziehen muss, um rationale und legitime Entscheidungen treffen zu können. Politik wird somit öffentlich ausgehandelt, sie muss sich erklären und rechtfertigen. Den Medien kommt in diesem Prozess eine herausragende Stellung zu, da den meisten Menschen viele Informationen nur über sie zugänglich sind. Nach Gerhards und Schäfer haben Medien daher eine normativ verankerte Verantwortung: „Sie sind in der Pflicht, Bürger in Demokratien mit ihrer Berichterstattung zur gesellschaftlichen Teilhabe zu ermächtigen“ (2007: 210). Im Idealfall entsteht so eine größtmögliche Öffentlichkeit der Meinungs- und Willensbildung, die den demokratischen Charakter der Herrschaft absichert (vgl. Schulz 2008: 114). Damit dieser Idealfall der öffentlichen Legitimierung und gleichberechtigten Aushandlung von Interessen eintreffen kann, ist es eine notwendige Bedingung, dass sich öffentliche Kommunikation innerhalb eines sich selbst regulierenden, unabhängigen Mediensystems vollzieht, in dem sie frei von Einschüchterung und Manipulation ist (vgl. Habermas 2006: 411-413).

Dass diese Bedingung selbst in Westeuropa jedoch nicht überall gegeben ist, zeigt das Beispiel Italiens, in dem Meinungs- und Medienfreiheit zwar in der Verfassung garantiert sind, die Nähe zum politischen System sei jedoch schon immer eine Charakteristik des italienischen Mediensystems gewesen, was manche Autoren dazu veranlasst, den „Fall Berlusconi“ als erwartbare logische Konsequenz zu beurteilen (vgl. Mancini 2005: 22). Andere (vgl. z.B. Prinzing 2010) bewerten die Verflechtung medialer, wirtschaftlicher und politischer Interessen in einer Person als „nie dagewesen in der Medienlandschaft Italiens“. Ob neues Phänomen oder nicht, Organisationen wie Freedom House oder Reporter ohne Grenzen sind sich jedenfalls einig, dass die Pressefreiheit in Italien unter diesen Umständen leidet. Selbst das Europäische Parlament erklärte am 5. April 2004 in einem Bericht die Verletzung des Rechts auf freie Meinungsäußerung und Informationsfreiheit in Italien (vgl. Rusconi 2006: 116). Tatsächlich ist Berlusconis persönliche mediale Einflussmacht immens. Neben dem Besitz eigener Fernsehsender kontrolliert er als Premierminister den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, indem er z.B. Einfluss auf die Postenbesetzung der Radiotelevisione Italiana (RAI) nehmen kann. Auch im Bereich der Printmedien ist er mit dem Besitz des Verlagsunternehmens „Mondadori“ vertreten, seinem Bruder gehört die Tageszeitung „Il Giornale“.

Auch wenn sich die Situation in Deutschland längst nicht so problematisch darstellt wie in Italien, bestehen auch hierzulande Möglichkeiten der politischen Einflussnahme, wie bspw. die Entlassung des ZDF-Chefredakteurs Nikolaus Brender im November 2009 zeigt. Es lohnt daher immer wieder ein wissenschaftlicher Blick darauf, ob die Medien ihren demokratietheoretischen Funktionen noch nachkommen. Nach Neidhardt (1994: 8-9) sind das folgende: Transparenzfunktion, Validierungsfunktion und Orientierungsfunktion. Politik mit ihren vielfältigen Themen und Meinungen soll also zum einen wahrnehmbar sein und einer Beurteilung überhaupt erst zugänglich gemacht werden, sie soll zweitens im Prozess der Verarbeitung klar machen, welche Argumente als angemessen und welche Probleme als lösungsbedürftig gelten, damit auf dieser Grundlage drittens für die Bürger die Möglichkeit besteht, sich eine kompetente Meinung bilden zu können.

Wenn eine demokratische Regierung ein Gesetz verabschiedet, dass die Medien in ihren Möglichkeiten zur Erfüllung ebendieser Funktionen einschränkt, sollte die Funktion der Validierung nach den normativen Desiderata der Theorie der Öffentlichkeit geradezu reflexartig greifen und einem solchen Vorgehen mit Widerspruch begegnen. Dass italienische Medien selbst bei so offensichtlich demokratieschädigenden Vergehen nicht unbedingt in dieser Weise reagieren, haben sie bereits bei einem ähnlich kritikwürdigen Ereignis bewiesen: der von Berlusconi eingeleiteten Neuformulierung des Artikel 68 der Verfassung, der unter anderem seine eigene juristische Immunität festlegt. „Den italienischen Beobachtern [...] erschien es, als bestünde das einzige zu diskutierende Problem darin, nach welchen Regeln die Maßnahme zu verabschieden sei“ (Tranfaglia 2006: 75).

2.2 Framing: Was leisten Medien?

Wenn wir den politischen Prozess als Konflikt um Deutungshoheiten verstehen, der sich so in der Medienberichterstattung niederschlägt, dass manchen Positionen mehr Platz eingeräumt wird als anderen, liegt die Verbindung zwischen der Validierungsfunktion von Medien und dem Framing-Ansatz auf der Hand. Durch das Framing von Themen, d.h. die Verwendung von Deutungsmustern, werden Themen aus einem ganz bestimmten Blickwinkel betrachtet. Je nach Frame wird der Blick auf bestimmte Aspekte des Themas gelenkt, womit in den meisten Fällen zugleich Verantwortungszuschreibungen, Bewertungen und Lösungsvorschläge einhergehen. Medien sind somit „ein Forum für Meinungen, Deutungen und Bezugsrahmen“ (Scheufele 2003: 84). Sie haben Einfluss darauf, wie Themen wahrgenommen werden, „either directly or through the choice of which players’ messages they highlight“ (Callaghan/Schnell 2001: 187). Durch Framing reduzieren sie die Komplexität von Themen und leisten so einen essentiellen Beitrag zur Orientierung der Rezipienten. Allerdings bedeutet Komplexitätsreduktion immer auch Selektion. Massenmedien „bilden die Gesellschaft [...] nicht einfach ab, sondern sie konstruieren nach eigenen, massenmedialen Regeln ein spezifisches Bild der Gesellschaft“ (Gerhards/Schäfer 2006: 20). Je nachdem, welche Rahmungen die Medien vorgeben, erscheinen bestimmte politische Entscheidungen naheliegender als andere.

Die bisherigen Ausführungen dürften bereits deutlich gemacht haben, dass Frames nicht allein in Medientexten vorzufinden sind (Medienframes), sondern auch bei Kommunikatoren wie z.B. politischen Akteuren, bei Journalisten sowie bei den Rezipienten (I ndividualframes). Abhängig davon, wo Frames verortet werden, spricht die Forschung entweder von strategischem Framing, wobei politische Akteure mit Konkurrenten um die Platzierung ihrer Sichtweise in den Medien wetteifern, journalistischem Framing, wobei Frames im Sinne von Arbeitsroutinen verstanden werden, medialem Framing mit Frames als „Strukturen der Berichterstattung“ oder Framing beim Rezipienten, wobei Frames den Verarbeitungsprozess medialer Botschaften steuern (vgl. Matthes und Kohring 2004: 56-57; Scheufele 2003: 49). Innerhalb von Medienframes, auf die sich die vorliegende Arbeit konzentriert, wird außerdem die Unterscheidung zwischen formal-stilistischen und inhaltsbezogenen Frames vorgenommen. Während bei formal-stilistischen Frames die Struktur bzw. Präsentationsform einer Medienbotschaft im Vordergrund stehe, es also darum gehe, wie eine Nachricht aufgebaut sei, fokussierten inhaltsbezogene Frames auf die inhaltlichen Aspekte eines Themas (vgl. Matthes 2007: 57-58). Eine weitere Spezifizierung liegt mit der Unterscheidung zwischen themenspezifischen und themenübergreifenden inhaltsbezogenen Frames vor. Letztere werden bspw. in einer Untersuchung von Semetko und Valkenburg (2000) in Form der Frames „Wirtschaft“, „Moral“, „Konflikt“, „Human Interest“ und „Verantwortung“ identifiziert. Während diese Art von Frames auf mehrere Themen übertragbar ist, gelten themenspezifische Frames nur für ein bestimmtes Thema. Genau mit dieser Art von Frames beschäftigt sich die vorliegende Arbeit. Noch genauer gesagt: mit themenspezifischen inhaltsbezogenen Medienframes. Wie bereits einleitend erwähnt, wird zu ihrer Identifizierung die Definiton von Entman (1993) zugrunde gelegt, die einen Frame als Muster aus Problemdefinition, kausaler Attribution, moralischer Bewertung und Handlungsempfehlung versteht. Matthes bezeichnet diese Muster auch als „kohärente Argumentationskette(n)“, da jedes Frame-Element die gleiche Grundhaltung zum Thema nahe lege (2007: 136).

Ausgehend von der Verortung des Framings auf unterschiedlichen Stufen des Kommunikationsprozesses hat Scheufele sein „Process Model of Framing“ entwickelt, in dem er Framing als fortlaufenden Prozess versteht, „where outcomes of certain processes serve as inputs for subsequent processes“ (1999: 114-115).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A b bildung 1: Prozessmodell des Framings nach Scheufele (1999: 115)

In der hier vorgestellten Untersuchung geht es in erster Linie um die Deskription von Medienframes in der Berichterstattung deutscher und italienischer Medien zum Thema „Ungarisches Mediengesetz“. Die Aussagekraft der Studie ist damit auf die Ebene des Medieninhalts beschränkt, sie leitet aber ihre Annahme eines Unterschieds in der Berichterstattung aus den Inputs ab, die die verschiedenen politisch-medialen Rahmenbedingungen liefern („Frame Building“). Außerdem wird unterstellt, dass mögliche Unterschiede im Framing der verschiedenen untersuchten Medien Einfluss auf die Frames der Rezipienten haben („Frame Setting“). Aus dieser Annahme ergibt sich überhaupt erst die Relevanz einer Untersuchung der Berichterstattung. Auch wenn der Einfluss in dieser Studie nicht explizit untersucht werden kann, ist die Unterstellung desselben dennoch legitim, da Befunde aus der Medienwirkungsforschung bereits gezeigt haben, „dass Deutungsmuster, die sich in der massenmedialen Berichterstattung finden lassen, die Wahrnehmung der Realität durch Rezipienten vorstrukturieren“ (Gerhards/Schäfer 2007: 214-215; als Beispiele für Frame Setting-Studien vgl. z.B. Scheufele 2004 oder Kim et al. 2002). Da das hier behandelte Thema eine recht spezifische Debatte hervorrief, die sich erst kürzlich aufgrund eines aktuellen Ereignisses entwickelte, gibt es zwar noch keine inhaltsanalytische Framing-Studie, die sich dieser Thematik annimmt, wohl aber eine Vielzahl von Studien, die sich generell mit der Erfassung von Medienframes beschäftigen (vgl. z.B. Iyengar 1991, Semetko und Valkenburg 2000, Harden 2002, Engelmann 2009). Nur bei einem geringen Prozentsatz der Studien arbeiteten die Forscher dabei allerdings mit manuell-dimensionsreduzierenden Verfahren und erhoben mehrere Frames pro Medientext (vgl. Matthes 2007: 80 und 143-144), wie es die vorliegende Arbeit leistet. Bevor jedoch das methodische Vorgehen genauer erläutert wird, sollen im folgenden Kapitel zunächst die Hypothesen vorgestellt werden, die sich aus den beschriebenen medial-politischen Rahmenbedingungen und den normativen Annahmen der Theorie der Öffentlichkeit ableiten lassen.

3 FRAGESTELLUNG UND HYPOTHESEN

Die Verabschiedung des neuen ungarischen Mediengesetzes war eine politische Entscheidung, die die Medien grundlegender nicht betreffen könnte. Zwar sind deutsche und italienische Medien nur mittelbar von den Maßnahmen betroffen, eine Beschneidung der Pressefreiheit, des heiligsten Grundrechts der Medien, sollte jedoch immer Empörung und Widerspruch hervorrufen – egal ob im eigenen Land oder im Ausland. Ein Ausbleiben derartigen Protests widerspräche den Anforderungen, die die Theorie der Öffentlichkeit zumindest an politische Medien stellt. Wie Kapitel 2 zeigen wollte, sind die Rahmenbedingungen für das Erfüllen der Funktionen Transparenz, Validierung und Orientierung nicht in jedem Land gleich. Es stellt sich also die Frage, ob Medien je nach eigener Ausgangslage die Situation in Ungarn unterschiedlich bewerten. Das untersuchte Thema bietet dabei einen strengen Test. Denn wann, wenn nicht bei der Bedrohung der für alle Medien konstitutiven Pressefreiheit, sollte die Kritik- und Kontrollfunktion besser greifen? Die übergeordnete Fragestellung der Arbeit ist damit folgende:

Wi e unterscheiden sich deutsche und italienische Medien in ihrer

Berichterstattung zum ungarischen Mediengesetz?

Im Hinblick auf zu untersuchende Hypothesen ist es plausibel anzunehmen, dass die Medien in einem Land, in dem die Pressefreiheit selbst Einschränkungen unterliegt, auf eine ganz eigene Art über das ungarische Mediengesetz berichten. In welche Richtung diese Andersartigkeit ausschlägt – ob in Richtung geringer Kritik oder aber gerade in heftigen, weil selbst aufgestauten Widerspruch – ist jedoch fraglich. Bei den folgenden Hypothesen wurde die erste Variante angenommen. Für jedes Frame-Element wurde dabei eine eigene Hypothese formuliert. Für das Frame-Element „Problemdefinition“ soll Folgendes überprüft werden:

Hypothese 1a:

Wenn italienische Medien über das ungarische Mediengesetz berichten, dann geht es in den Medienframes weniger um legitimatorische Aspekte („Ob“ des Gesetzes), sondern stärker um performatorische Aspekte („Wie“ des Umgangs damit).

Hypothese 1b:

Wenn deutsche Medien über das ungarische Mediengesetz berichten, dann geht es in den Medienframes weniger um performatorische Aspekte, sondern stärker um legitimatorische Aspekte.

Die Hypothesen 1a und 1b rekurrieren auf Annahmen der Indexing-Forschung nach Bennett (1990) und Mermin (1996). Während Bennett davon ausgeht, dass die Medien sich in ihrer Berichterstattung an den Meinungskonstellationen in der politischen Elite orientieren und immer dann kritisch über Sachverhalte berichten, wenn auch in der Politik kritische Stimmen laut werden, sieht Mermin die Medien in einem weniger rigorosen Abhängigkeitsverhältnis zum politischen System. Laut Mermin käme Kritik in den Medien nämlich auch vor, wenn sich die Politik über einen Sachverhalt einig sei, die Kritik verlagere sich jedoch auf performatorische Aspekte. Die Indexing-These an sich soll hier zwar nicht überprüft werden, dennoch kann für eine Unterscheidung der deutschen und italienischen Berichterstattung die Idee der Kritik auf zwei Ebenen übernommen werden.1

Die Hypothesen zu den Frame-Elementen „Kausale Attribution“, „Moralische Bewertung“ und „Handlungsempfehlung“ lauten wie folgt:

Hypothese 2:

Wenn italienische Medien über das ungarische Mediengesetz berichten, dann weisen die Medienframes die Verantwortung für Misserfolg weniger häufig der ungarischen Regierung zu als dies die Medienframes deutscher Medien tun.

Hypothese 3:

Wenn italienische Medien über das ungarische Mediengesetz berichten, dann beinhalten die Medienframes weniger negative Bewertungen desselben als die Medienframes deutscher Medien.

Hypothese 4:

Wenn italienische Medien über das ungarische Mediengesetz berichten, dann beinhalten die Medienframes weniger Handlungsempfehlungen, die eine Gegenmaßnahme zum ungarischen Mediengesetz befürworten, als die Medienframes deutscher Medien.

[...]


1 Anders als bei der Indexing-These ist die Kritik der Medien am ungarischen Mediengesetz allerdings mit dem angenommenen Konsens in der politischen Elite über die Kritikwürdigkeit des Gesetzes gleichzusetzen. Wollte man also die Indexing-These untersuchen, wäre danach zu fragen, ob die Kritik an der Kritik des Mediengesetzes eher auf performatorischer Ebene stattfindet. Das wäre jedoch eine aus normativer Sicht nicht wünschenswerte Kritik. Das hier untersuchte Thema wäre somit für die Überprüfung der Indexing-These eher ungeeignet.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Alles noch im Rahmen. Eine Inhaltsanalyse deutscher und italienischer Medienframes zum neuen ungarischen Mediengesetz
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Masterkurs Framingeffekte in politischen Kommunikationsprozessen
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
33
Katalognummer
V455667
ISBN (eBook)
9783668884793
ISBN (Buch)
9783668884809
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Framing, Medien, Kommunikation, Politik, Medienframes, Inhaltsanalyse, Framingeffekte
Arbeit zitieren
Christine Holthoff (Autor), 2011, Alles noch im Rahmen. Eine Inhaltsanalyse deutscher und italienischer Medienframes zum neuen ungarischen Mediengesetz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455667

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