Untersuchung der Handlungselemente in der "Atlakviða" und deren Gegenüberstellung zu den "Atlamál"


Seminararbeit, 2018
12 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Atlakviða
2.2.1 die Überlieferung
2.2.2. Inhalt, Aufbau und Stilistik

3. Atlamál en groenlenzku
3.1. inhaltlicher und struktureller Vergleich zur Atlakviða
3.2. die Atlakviða als Grundlage für die Atlamál?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1 . Einleitung

Dank ihrer Popularisierung seit der Romantik sind im Codex Regius unter anderem die nordischen Versionen der Nibelungensagen enthalten. Das Atlilied (Atlakviða) gilt als das älteste Zeugnis dieser Versionen. Ein weiteres Heldenlied, das denselben Stoff behandelt ist das Grönländische Atlilied (Atlamál en groenlenzku). Im Folgenden werde ich mich besonders mit der Entstehung und Überlieferung, dem Inhalt, dem Aufbau und dem Stil der Atlakviða beschäftigen und ziehe einige inhaltliche und strukturelle Vergleiche zu den Atlamál en groenlenzku. Außderdem werde ich versuchen Stellung dazu zu nehmen, in welchem Bezug die Atlakviða zu den Atlamál steht und welches der beiden Lieder eventuell als Grundlage für das andere benutzt wurde.

2. Hauptteil

2.1. Atlakviða

2.2.1. Die Überlieferung

Die Atlakviða erschien um etwa 1270 im Codex Regius der Lieder-Edda unter der Signatur Gks. 2365, 4° . Sie ist nach der Hauptperson Atli (Attila der Hunne, deutsch Etzel) benannt und behandelt die durch Atli veranlasste Ermordung der Burgunderkönige G unnar und Högni sowie deren Rächung durch ihre Schwester Gudrun. Sie wird dem ältesten Teil der eddischen Heldenlieder zugeordnet und literarisiert die Thematik um den Burgundenuntergang. Der behandelte Stoff stammt laut Forschung aus dem 5. Jahrhundert und gilt als ältestes poetisches Zeugnis dieses Stoffes. Nach Andreas Heusler ist die Atlakviða eine ziemlich getreue Wiedergabe eines fränkischen Urliedes vom Burgundenuntergang und steht damit auch den historischen Ereignissen näher, als andere dasselbe Thema behandelten Werke. Felix Genzmer wiederum geht von einem burgundischen Urlied aus, das über die Franken zu den Niedersachsen gelangte. Die Forschung nimmt an, dass dieses Urlied gegen Ende des 8. Jahrhunderts mündlich nach Skandinavien gelangte und dort zwischen 850 und 875 verschriftlicht wurde.1

Entgegen der allgemeinen Annahme, dass der Verfasser der Atlakviða unbekannt sei, kam Felix Genzmer aufgrund des stilistischen und metrischen Vergleichs der Atlakviða mit der dem Skalden Þorbjörn hornklofi zugeschriebenen Hrafnsmál zu dem Ergebnis, „[...] dass es sich hier um eine innere „Ähnlichkeit“ handelt, die er nur dadurch erklären kann, dass Þorbj[ö]rn der Verfasser des überlieferten Eddaliedes war. “Genzmer schätzte die Verwandtschaft der beiden Texte so groß ein, dass er sogar davon ausging, dass sie zur gleichen Zeit entstanden. De Vries bestreitet diese Annahme, gibt aber zu, dass man „[...] In Fragen dieser Art [...] nie zur Gewissheit gelangen [kann]“ und erkennt an, „[...] dass es Genzmer gelungen ist, den strengsten Ansprüchen zu genügen.“2 Er wendet ein, dass wenn schon nicht Þorbjörn selbst der Verfasser der Atlakviða war, doch zumindest ein skaldisch begabter Dichter das Urlied im 9. Jahrhundert neu bearbeitet haben muss. 3

Die Forschung spekuliert also nicht nur über den Ursprung der Atlakviða und deren mögliche mündliche oder schriftliche Vorlagen, sondern auch anhand verschiedener Einflüsse im Text, darüber, wie das Urlied bis zu seiner endgültigen Verschriftlichung im Codex Regius der Lieder- Edda überliefert wurde. So glaubt Gustav Neckel „[...] Schon [...] bei der überschau des inhalts [...] spuren davon wahrzunehmen , daß die einheit unseres denkmals keine ursprüngliche ist, daß sie nur durch teilweisen nachwuchs verlorener integrierender bestandteile aufrecht erhalten ist.“4 Er geht also davon aus, dass auch Spuren anderer späterer Autoren im Text erkennbar sind und unterteilt allein sechs verschiedene Schichten im Text, die unterschiedlichen Einflüssen zugeordnet werden können. Auch Jan de Vries nimmt an, dass das Urlied vom Burgundenuntergang später nochmals überarbeitet wurde. Er geht von einer Neubearbeitung in Norwegen aus.5

Es scheint auch Einflüsse aus dem Mittelmeerkreis gegeben zu haben: So könnte aus der antiken Atreussage die grausamen Motive des Herzrausschneidens, des Schlangenhofs und der Ermordung und des Verzehrs der eigenen Kinder entnommen worden sein, die aber bereits vor der Umarbeitung eines nordischen Autors Eingang in das Urlied gefunden haben muss. Der Titelzusatz in groenlenzca, den die Atlakviða im Codex Regius der Lieder-Edda erhielt, wurde wahrscheinlich fälschlicherweise von dem der Atlakviða nachfolgenden Lied Atlamál übernommen, das denselben Titelzusatz trägt.6

Inhaltlich fasst sich die Atlakviða im Vergleich mit anderen, den Burgundenstoff behandelnden Werke recht kurz. Gunnarr der König der Burgunden wird von einem Boten (Knefröðr) des Hunnenkönigs Atli unter einem Vorwand an dessen Hof gerufen und zusammen mit seinem Bruder Högni ermordet, nachdem Atli versucht hatte, ihm das Versteck des Nibelungenhortes zu entlocken. Guðrún, (Atlis Frau und Gunnars Schwester) rächt ihren Bruder, indem sie ihren Gatten ihre gemeinsamen Kinder zu essen gibt, ihn in seinem Bett ersticht, seine Reichtümer verschenkt und seinen Halle in Flammen legt. Kern der überwiegend erfundenen Handlung der Atlakviða sind zwei historische Ereignisse, die literarisch phantasievoll umgestaltet wurden. In den Jahren 436 und 437 vernichtete der weströmische Heermeister Aëtius mit hunnischen Hilfstruppen das germanische Burgundenreich von Worms und dessen Herrscher Gundahar (altnordisch: Gunnarr) Im Jahre 453 verstarb der Hunnenherrscher Attila in der Hochzeitsnacht mit seiner germanischen Frau Ildico an einem Blutsturz. Die Geschichtsschreiber deuteten den Vorfall später als Verwandtenrache, die Ildico an Attila verübt haben soll. Der Untergang des Burgundenreiches und der Tod Attilas wurden in der Atlakviða miteinander verbunden und die historischen Namen in ihre altnordische Entsprechung übertragen: Gundahar wird zu Gunnarr, Attila zu Atli. Zudem werden beide Personen durch ein Verwandtschaftsverhältnis miteinander verbunden. Atli ist der Ehemann Guðrúns, der Schwester Gunnars. Im Text ist es Atli, der das Geschlecht der Burgunden durch die Ermordung Gunnars und dessen Bruders Högni vernichtet. Um dies zu rächen, tötet Guðrún Atli. Aus dem kriegerischen Angriff wird die verräterische Einladung an Atlis Hof, aus dem antreibenden Motiv der Eroberungslust wird Habgier.7

2.2.2. Inhalt, Aufbau und Stilisitik

In der Atlakviða beteiligen sich nur wenige Personen am Geschehen: Gunnarr und Högni stellvertretend für das Geschlecht der Burgunden, Atli und Knefröðr als Angehörige der Hunnengeschlechts – und Guðrún als Verbindung zwischen den beiden Sippen. Becker charakterisiert Gunnarr als „[...] mutige[n], verwegene[n] held[en]“8 der aber auch mistrauisch „[...] stets zweifel hegte, solang sein bruder lebte, und der erst mit dessen tode beruhigt ist[...]“9 und sehr empfindlich reagiert, als er Geschenke annehmen soll, die seinen Reichtum infrage stellen könnten.10 Er verkörpert einen stolzen, mutigen Herrscher, der sehr auf Ehre und Ansehen achtet. Guðrún „[...]ist herb, wortkarg und tränenlos [während sie aus Rache ihre Kinder und ihren Gatten tötet], eine frauengestalt, wie sie die jüngeren dichtungen nicht mehr kennen, aber keine leblose statue [...]“11, wie sie durch ihre Treue ihren Brüdern und ihre Milde den Knechten und Hunden gegenüber beweist: „ [...] hringom rauðum reifði hon húskarla [...]“ 12, „[...]oc velpa leysti; / hratt fyr hallar dyrr, oc húskarla vacði [...]“13 Alle anderen lässt sie in der Halle verbrennen.14 At l i ist ebenfalls Herrscher einer Sippe. Aufgrund seines Verrats an den durch Heirat mit ihm verbundenen Burgunden, wird er eher als negativer Gegenpol zu Gunnarr dargestellt. Er erscheint v.a. als habgierig und feige.15 Knefröðr erscheint nur in seiner Funktion als Bote und wird nicht weiter beleuchtet. Über Högni wird ausgesagt, dass er Ratgeber Gunnars („[...] H[ö]fði vatt þá Gunnarr oc H[ö]gna til sagði: / `Hvat ræðr þú ocr, seggr inn oeri [...]“ 16 ), sehr wehrhaft17 und seinem Bruder treu ergeben sei. Es werden noch weitere Personen genannt, die aber nicht aktiv in das Geschehen eingreifen oder am Dialog beteiligt sind, sondern nur in ihrer Funktion aufgeführt werden. Hjalli, der Feige, ist ein Lehnsmann Atlis. Sein Herz wird auf die Bedingung Gunnars hin diesem als Högnis Herz angeboten. Erp und Eitill, die Söhne Atlis und Guðrúns, werden von Guðrún aus Rache an Atli getötet und diesem als Speise vorgesetzt.

In einigen Textausgaben wird in einem kurzen Prosaabschnitt in das Lied eingeführt. Das Thema, die Vernichtung Atlis und seiner Söhne aus Rache, wird hier bereits vorgegeben. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den vorliegenden Text zu gliedern. Für Edgar Haimerl vollzieht sich die Handlung der Atlakviða in drei Teilen, wie es „[...] für das germanische Heldenlied typisch ist.“18 Der erste Teil beinhaltet Atlis Botschaft und Gunnars Reaktion. Im zweiten Teil erfolgt der Übergang vom ersten Schauplatz (Gunnars Hof) zu Atlis Hof. Im dritten Teil werden Gunnarr und Högni getötet und Atlis Königshaus vernichtet.19 Carola Gottzmann nimmt eine Zweiteilung des Geschehens vor, dessen erster Teil mit der Gefangennahme Gunnars und Högnis endet und dessen zweiter Teil mit Atlis Forderung des Hortes beginnt.20 Ich schließe mich Haimerls Gliederung insofern an, dass ich ebenfalls eine Dreiteilung der Handlung vornehme. Diese ist durch die drei Handlungshöhepunkte und die zugehörigen Handlungsorte des Geschehens bereits impliziert. Den ersten Handlungshöhepunkt bildet die durch die Einladung Atlis und die Warnung Guðrúns erfolgte Motivation der Handlung (Strophe 1-11). Gunnarr entschließt sich, zu Atli zu reisen. Der zweite Handlungshöhepunkt besteht darin, dass die wahre Absicht Atlis, das Versteck des Nibelungenhorts zu erfahren, offenbart wird und Gunnarr diese Information verweigert (Strophe 12-27). Der dritte Handlungshöhepunkt besteht in der durch die Tötung Gunnars und Högnis hervorgerufene Rache Guðrúns (Strophe 28-42) . Das Ende bildet das Fazit des Dichters. Analog zur Handlung vollziehen sich auch die Ortswechsel: Der erste Abschnitt findet in Gunnars Halle statt, der zweite in Atlis Halle und der dritte Abschnitt vollzieht sich nach einer kurzen Unterbrechung (Ermordung Gunnars in der Schlangengrube) erneut in Atlis Halle. Das Geschehen findet damit nahezu vollständig in den jeweiligen Hallen Gunnars und Atlis statt. Sie repräsentieren den Machtbereich des jeweiligen Herrschers.

[...]


1 Von See, K. et.al.: Kommentar zu den Liedern der Edda. Band/7: Heldenlieder, Heidelberg: Winter 2012. S.139-150.

2 Vries, Jan de: Altnordische Literaturgeschichte. 3., unveränd. Aufl. in einem Bd. / mit einem Vorw. von Stefanie Würth. Berlin/New York 1999. S.80ff.

3 Uecker, Heiko: Geschichte der altnordischen Literatur. Stuttgart 2004. S.193.

4 Neckel, Gustav: Beiträge zur Eddaforschung mit Exkursen zur Heldensage. Dortmund 1908. S.133.

5 Vries, Jan de: Altnordische Literaturgeschichte. 3., unveränd. Aufl. in einem Bd. / mit einem Vorw. von Stefanie Würth. Berlin/New York 1999. S.79.

6 Vries, Jan de: Altnordische Literaturgeschichte. 3., unveränd. Aufl. in einem Bd. / mit einem Vorw. von Stefanie Würth. Berlin/New York 1999. S.81.

7 Haimerl, Esgar:Verständnisperspektiven der eddischen Heldenlieder im 13. Jahrhundert. Göppingen 1992. S.174.

8 Becker, John: Die Atli-Lieder der Edda. Leipzig 1907. S.27.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Ebd.; S.28.

12 Atlaquiða in grænlenzca. In: Neckel, G.: Edda. Die Lieder des Codex Regius nebst verwandten Denkmälern; S. 246 Strophe 39.

13 Ebd.; S. 247 Strophe 41.

14 Ebd.; S. 247 Strophe 42: „Eldi gaf hon þá alla, er inni vóro“

15 Anm.: Atli ist v.a. am Nibelungenhort interessiert, und lässt sich von Wächtern beschützen, während Gunnarr unbewaffnet erscheint

16 Atlaquiða in grænlenzca. In: Neckel, G.: Edda. Die Lieder des Codex Regius nebst verwandten Denkmälern; S. 241 Strophe 6.

17 Anm.: Er tötet 8 Männer vor seiner Gefangennahme.

18 Haimerl, Edgar.: Verständnisperspektiven der eddischen Heldenlieder im 13. Jahrhundert. Göppingen 1992. S.175.

19 Ebd.; S.176.

20 Gottzmann, Carola L..: Das alte Atlilied. Untersuchungen der Gestaltungsprinzipien seiner Handlungsstruktur. Heildelberg 1973. S.17

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Untersuchung der Handlungselemente in der "Atlakviða" und deren Gegenüberstellung zu den "Atlamál"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
12
Katalognummer
V455700
ISBN (eBook)
9783668896642
ISBN (Buch)
9783668896659
Sprache
Deutsch
Schlagworte
untersuchung, handlungselemente, atlakviða, gegenüberstellung, atlamál
Arbeit zitieren
Sabrina Reiners (Autor), 2018, Untersuchung der Handlungselemente in der "Atlakviða" und deren Gegenüberstellung zu den "Atlamál", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455700

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