Friedrich Hölderlins "Der Ister". Der kulturelle Wert des Stroms


Hausarbeit, 2017
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Metapher des Feuers

3. Die Bedeutung des Gesangs

4. Der ökonomische Wert des Stroms

5. Der Strom als Richtungsgeber

6. Schlussbemerkungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Hymne vom Ister von Friedrich Hölderlin wurde von ihm nie veröffentlicht und hat im Entwurf noch keine Überschrift. Norbert von Hellingrath veröffentlichte es und gab dem Gedicht den Titel Der Ister, da dieser auch direkt im Text benannt wird.1 Das Gedicht besteht aus vier Strophen, wobei die vierte vermutlich unvollendet ist. Ebenso ist unklar, ob sie die Schlussstrophe sein soll. Der Ister gehört zu den Stromgesängen wie zum Beispiel auch Der Rhein. Außerdem gehört das Gedicht zusammen mit Die Wanderung und Am Quell der Donau zu den Donauhymnen. Es ist das späteste der Stromgedichte. Sattler datiert es auf den Herbst 1804, Uffhausen auf den Herbst 1805 und Beissner auf den Sommer 1803.2 Die Donauhymnen enthalten die Leitvorstellung, dass die Kultur aus dem Osten, aus Asien über Griechenland nach Deutschland kam. Das möchte ich anhand einzelner Punkte im Gedicht Der Ister erläutern.

2. Die Metapher des Feuers

Das Gedicht beginnt mit einem Rufen: „Jetzt komme, Feuer!“ (V.1). Zunächst wirkt dieses „komme“ wie ein Herbeirufen des Feuers. Das Feuer lässt sich jedoch nicht herbeizitieren, es kommt von selbst.3 Wenn das Feuer kommt, soll auch der Tag kommen, denn „[b]egierig sind wir / Zu schauen den Tag“ (V.2f.). Angenommen der Tag entsteht durch das Feuer, dann lässt sich das Feuer mit der Sonne vergleichen. Das wiederum würde bedeuten, dass es überflüssig ist, das Feuer herbeizurufen. Die Sonne geht jeden Tag aufs Neue und von alleine auf. Das „Jetzt komme“ (V.1) könnte stattdessen ausdrücken, dass die Rufenden zu etwas bereit sind.4 Sie möchten durch die Ausrufung zeigen, dass sie sich der „Prüfung“ (V.4) stellen wollen. Dabei stellt sich die Frage, warum es jetzt, also zu diesem Zeitpunkt soweit ist. Dieses „Jetzt“ findet sich auch in einem Brief Hölderlins an seinen Verleger Friedrich Wilmans. Diesen schrieb er am 28. September 1803 und damit wahrscheinlich in oder vor der Entstehungszeit des Gedichtes. Dort beschreibt die Zeitangabe seine Situation als Dichter: „jetzt, da ich mehr aus dem Sinne der Natur und mehr des Vaterlandes schreiben kann als sonst“.5 Die Zeitangabe meint hier, seit seiner Rückkehr aus dem Süden und nach seinem Aufenthalt in Bordeaux. Er beschreibt eine neue Stufe seiner Dichtkunst. Seine Hoffnung ist es, die „griechische Kunst, die uns fremd ist“ dem Publikum lebendiger darzustellen. Außerdem will er das Orientalische mehr herausheben und ihre Kunstfehler verbessern. Er spürt, dass er nun näher an die Kunst der vaterländischen Gesänge herankommt und sich entfernt von der „kinderähnlichen Kultur“6 der Nachtgesänge. Die Ausrufung des „Jetzt“ kündigt einen Durchbruch an. Auch im Ister soll das Feuer solch einen Durchbruch schaffen.7 Denn auch dort geht es um die Bedeutung der Dichtkunst.

Wenn die Rufenden gleichzusetzen sind mit denen, die singend vom Indus herkommen, sind sie nicht nur Rufende, sondern auch Berufene. Denn hier findet sich eine Parallele zum Gedicht „An unsre großen Dichter“. Dort kommt auch Baccus „vom Indus her“. Er weckt die Völker von ihrem Schlaf. Diese Metaphorik des Weckens steht für eine Zustandsänderung. Die Völker sollen geweckt werden, um sie in einen völlig anderen gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Zustand zu versetzen. In der zweiten Strophe wird dieselbe Bedeutung auch den Dichtern zugeschrieben. Sie werden aufgefordert, es ihm nachzumachen. Wie im Ister ist diese Aufforderung durch Imperativsätze und Ausrufezeichen gekennzeichnet. Die Dichter sollen Leben geben und werden auch zu Gesetzgebern gemacht. Auch die Dichter mit ihren Worten könnten das Volk verändern und eine Revolution herbeiführen. Den Dichtern wird eine heroische Funktion zugeschrieben. Das Recht der Eroberung haben sie jedoch nur, weil sie die Revolution auf eine andere Weise vollziehen. Es ist eher eine geistige Eroberung, die die kriegerische Eroberung beenden oder ersetzen soll.

Der Gesang der Rufenden im Ister lässt auf die Dichtkunst schließen. Demnach handelt auch dieses Gedicht von Dichtern, denen eine bestimme Berufung zugeschrieben wird. Durch die Ausrufung zeigen sie, dass sie dazu bereit sind. Das lyrische Wir will den Tag herbeiholen. Dadurch würden die Völker geweckt werden. Das Herbeisehnen des Tags hat eine ähnliche Metaphorik wie das Aufwecken. Das Rufen nach dem Feuer erinnert an „das hohe und reine Frohloken vaterländischer Gesänge“8, das Hölderlin in einem Brief an Friedrich Wilmans im Dezember 1803 beschrieb. Der Gesang ist mit etwas Höherem verbunden und hat eine besondere Aufgabe. Daher sind sie abzutrennen von den Nachtgesängen und den Liebesliedern.9

Wie diese Aufgabe genauer aussehen soll, beschreibt Hölderlin in einem Brief an seinen Freund Casimir Ulrich Böhlendorff vom vierten Dezember 1801. Er schreibt, die Aufgabe der deutschen Kultur sei, „des heiligen Pathos […] Meister“ zu werden“.10 Das bedeutet, dass die Deutschen die „schöne[] Leidenschaft“ der Griechen mit ihrer eigenen „Präzision und tüchtiger Gelenksamkeit“ verbinden sollen. Das Natürliche der Deutschen sei die „Klarheit der Darstellung“ und die der Griechen sei „das Feuer vom Himmel“. Beide sollen verbunden werden. Das scheint auch Aufgabe des Gedichts zu sein. Hölderlin verwendet den antiken Namen für die Donau und die germanische Bezeichnung „Hertha“ (V.57) für die Erde.11 Der antike Fluss bringt die „Himmlischen“ (V.54) hinunter und diese „Kinder des Himmels“ (V.58) sind „wie Hertha grün“ (V.57). Die fällige Kulturleistung spiegelt sich auch in den Versen: „lange haben / Das Schikliche wir gesucht“ (V.9f.).12

Die Leidenschaft der Griechen wird im Böhlendorff-Brief mit dem „Feuer vom Himmel“ in Bezug gesetzt. Das Feuer ist eine Metapher für die Leidenschaft, somit steht es hier für die griechische Begeisterung, die für die Entstehung des vaterländischen Gesangs nötig ist.13 Das Feuer bildet damit einen Gegensatz zu dem Strom. Das geschieht nicht nur durch die gegensätzlichen Elemente Feuer und Wasser. Die Donau ist „allzugedultig“ (V.58), was im Gegensatz zu der griechischen Wildheit steht. Der Strom ist mit der Vernunft und dem Verstand der Deutschen vergleichbar.14 Der „allzugedultig[e]“ Zustand des Flusses ist mit der Metapher des Schlafens der Völker zu vergleichen. Der antike Name Ister schafft eine Verbindung zwischen der griechischen und der germanischen Kultur.

Zu deuten ist außerdem noch das Verb kommen im ersten Vers. In Hölderlins Dichtung steht dieses meist in Verbindung mit einer Offenbarung und einer Erscheinung des Himmlischen.

In der dritten Strophe von Brod und Wein wird Dionysos als der „kommende Gott“15 bezeichnet. In derselben Strophe wird auch ein „[g]öttliches Feuer“16 genannt. Dieses treibt zum Aufbruch. Das Feuer schafft somit eine Dynamik. Und auf das Kommen folgt ein Schauen in „das Offene“17 und ein Suchen des Eigenen. Ebenso wie in der zweiten Strophe des Isters besteht ein „Maas“18. Aus diesem soll ausgebrochen werden, um zum Eigenen zu kommen. Der kommende Gott deutet zurück nach Griechenland, in das Land des „frohlokkende[n] Wahnsinn[s]“19 und der Leidenschaft.

In der Kurzode An unsre großen Dichter kam der junge Bacchus. Auch dort bringt er die Leidenschaft mit. Durch seinen Wein werden Völker aufgeweckt, woraus ein neuer Kulturzustand entstehen soll.

Immer entsteht das Kommen aus einem Zustand, der verändert werden muss. Durch das Kommen soll eine Veränderung entstehen. In Brod und Wein wendet man sich dem Offenen und dem Eigenen zu. In An unsre großen Dichter werden die Völker geweckt. Im Ister soll der Tag folgen. Dass das Wir „[b]egierig“ (V.2) ist, zeigt, dass etwas fehlt, wonach man sich sehnt. Das wird durch das himmlische Kommen gegeben und zwar in Form einer Prüfung. Das „Feuer vom Himmel“ aus dem Böhlendorff-Brief ist das Licht und die Wärme dessen, was die Ankunft und die Nähe der Götter bestimmt.20 Die Prüfung wurde somit von den Göttern auferlegt. Sie testet die Standhaftigkeit der Einzelnen und ist daher „durch die Knie gegangen“ (V.5).21 Die Prüfung ist auch mit dem Feuer verbunden. Das Feuer vom Himmel muss die Deutschen treffen, damit diese ihr Eigenes finden und benutzen können.22

3. Die Bedeutung des Gesangs

Das Waldgeschrei hat laut dem Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm drei Bedeutungen. Einmal hat es die Bedeutung von Geschrei und Rufe von Jägern bei der Jagd im Wald. Weiterhin steht es für den Vogelgesang oder für kunstlosen Gesang.23 Die Bedeutung der Jagdrufe spiegelt sich in dem Jäger, der in Vers 38 einsam durch den Fichtenwald wandelt.

Das „wir“ (V.2) lässt sich auf eine Gruppe von Singvögeln oder eine Gruppe von Einwanderern, die sich an der Donau niederlässt (vgl. V.15f.) beziehen.24 Der Bezug zu Vögeln verweist auf das Fliegen und den Blick aus der Vogelperspektive. Bei Hölderlin sind Vögel Träger der Sprache und Ankündiger von notwendigen Hin- und Rückfahrten.25 Der Tag ist angebrochen und dadurch hat sich der Vogelgesang intensiviert und wird zu einem Geschrei.26 Das Wort „einer“ (V.6) lässt jedoch eher auf einen Menschen schließen. Demnach wären es menschliche Laute. Das Waldgeschrei könnten Laute von Naturmenschen sein.27 Diese Laute sind nicht mit der menschlichen Sprache vergleichbar.

Die Semantik des Wortes ist besonders schwer zu deuten, da das Waldgeschrei gespürt und nicht gehört wird. Das lässt darauf schließen, dass durch die Laute keine Inhalte, aber dafür besonders viele Emotionen transportiert werden. Sie lösen im Hörer etwas aus, sodass er sie nicht hört, sondern spüren kann.

Im Gegensatz dazu ist das „Wachstum hörbar“ (V.39). Das Gras wachsen hören ist eine Redewendung, die bedeutet, dass jemand sehr gut hören kann, gut informiert, übervorsichtig, ängstlich oder sensibel ist oder auch baldige Entwicklungen erkennen kann. Da jemand so sensibel ist, dass für ihn das Wachstum hörbar ist, kann er auch das Waldgeschrei spüren. Dabei ist jedoch schwer zu erkennen, ob es sich um dieselbe Person handelt. „[E]iner“ (V.6) spürt

[...]


1 Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Große Stuttgarter Ausgabe, hg. von Friedrich Beissner, Bd.2, Stuttgart 1951, S.190ff., V.21. Im Folgenden direkt im Haupttext mit Versangaben zitiert.

2 Vgl. Anke Bennholdt-Thomsen: Der Ister, in: Interpretationen. Gedichte von Friedrich Hölderlin, hg. von Gerhard Kurz, Stuttgart 1996, S.189.

3 Vgl. Martin Heidegger: Hölderlins Hymne „Der Ister“, Frankfurt am Main 1984, S.5.

4 Vgl. ebd., S.6.

5 Michael Knaupp (Hg.): Friedrich Hölderlin. Sämtliche Werke und Briefe, Bd. 2, München, Wien 1992, S.925.

6 Vgl. ebd., S.927.

7 Vgl. Bennholdt-Thomsen: Der Ister, S.192.

8 Knaupp (Hg.): Friedrich Hölderlin, S.927.

9 Vgl. ebd.

10 ebd., S.912.

11 Vgl. Bennholdt-Thomsen: Der Ister, S.193.

12 Vgl. Bennholdt-Thomsen: Der Ister, S.194.

13 Vgl. Norina Procopan: Hölderlins Donauhymnen. Zur Funktion der Strommetapher in den späthymnischen Gesängen ‘Am Quell der Donau’, ‘Die Wanderung’ und ‘Der Ister’, Eggingen 2004, S.147.

14 Vgl. ebd., S.104.

15 Friedrich Hölderlin: Sämtliche Werke. Große Stuttgarter Ausgabe, hg. von Friedrich Beissner, Bd.2, Stuttgart 1951, S.91, V.54.

16 Vgl. ebd. V.40.

17 Vgl. ebd. V.41.

18 Vgl. ebd. V.44.

19 Vgl. ebd. V.47.

20 Vgl. Martin Heidegger: Hölderlins Hymne „Der Ister“, Frankfurt am Main 1984, S.168.

21 Vgl. Procopan: Hölderlins Donauhymnen, S.130.

22 Vgl. Heidegger: Hölderlins Hymne „Der Ister“, S.170.

23 Vgl. Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 16 Bände in 32 Teilbänden. Leipzig 1854–1961, Bd.27, Sp.1137.

24 Vgl. Jürgen Link: Hölderlin-Rousseau: Inventive Rückkehr, Opladen/Wiesbaden 1999, S. 237.

25 Vgl. Procopan: Hölderlins Donauhymnen, S.131.

26 Vgl. ebd., S.130.

27 Vgl. Link: Hölderlin-Rousseau, S.238.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Friedrich Hölderlins "Der Ister". Der kulturelle Wert des Stroms
Hochschule
Universität Erfurt
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V455712
ISBN (eBook)
9783668878952
ISBN (Buch)
9783668878969
Sprache
Deutsch
Schlagworte
friedrich, hölderlins, ister, wert, stroms
Arbeit zitieren
Annalena Held (Autor), 2017, Friedrich Hölderlins "Der Ister". Der kulturelle Wert des Stroms, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455712

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