"Die Verwandlung" von Franz Kafka. Ein Vergleich der literarischen Vorlage und der Comicadaption hinsichtlich der Leserlenkung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

15 Seiten, Note: 2,0

Denise Schröder (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Forschungsstand und Definitionen
2.1 Literaturcomic
2.2 Seitenarchitektur
2.3 Leserlenkung

3. Analyse
3.1 Inhaltsangabe „Die Verwandlung“
3.2 Comicanalyse und Vergleich mit der literarischen Vorlage
3.2.1 Panel
3.2.2 Panel
3.2.3 Panel

4. Fazit/Ausblick

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Kontext der deutschen sowie der internationalen Literaturwissenschaft ist der Autor Franz Kafka heutzutage kaum wegzudenken. Dies liegt vor allem an seinen vielfältigen Texten, die grotesk und brillant zugleich sind. Durch seine Texte und Motive inspiriert, wurde außerdem das Adjektiv kafkaesk im sprachlichen Gebrauch angesiedelt, welches die Individualität und Bedeutung dieses Autors und seines Lebenswerks verdeutlicht. Die Erzählung „Die Verwandlung“ gehört in eine Sammlung vieler Texte, die bezeichnend für seinen Stil sind und oftmals auch biografische Spekulationen über ihn zulassen. Seine Bedeutung für die Germanistik führte in der Vergangenheit unweigerlich dazu, dass viele seiner Texte adaptiert wurden. So sind verschiedene Comicadaptionen zu einigen seiner Werke, unter anderem zu „Die Verwandlung“ zu finden. Da der Comic als ein Gegenstand der Literatur- und Medienwissenschaft in deutschen Kreisen noch nicht sehr lange Bestand hat1, stammen viele dieser Adaptionen aus internationalen Arbeiten. In der folgenden Ausarbeitung zu „Die Verwandlung“, werde ich zunächst den Forschungsstand und einige Begriffe zum Verständnis dieser Arbeit beleuchten und eine Comicadaption von Corbeyran/Horne zur Hilfe ziehen, mit der literarischen Vorlage in Verbindung setzen sowie Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Leserlenkung beider Formen extrahieren und kenntlich machen. Diese Comicadaption wird auch als Literaturcomic bezeichnet und stellt eine Adaption dar, welche einen direkten Bezug zu der literarischen Vorlage hat, die ihm voranging. Aus diesem Grund erachte ich gerade diesen Comic als bedeutend für die zukünftige Analyse und das Verständnis von Comics als Teil der Literaturwissenschaft. Die bildliche Darstellung einer ursprünglich in rein schriftlicher Form verfassten Erzählung eröffnet neue Interpretationsansätze und Umdeutungen, die so bisher nicht existierten. Eine literarische Vorlage ist die Bedingung für eine Adaption und von dieser nicht klar trennbar in allen Aspekten. Dies regt natürlich dazu an, die Beziehungen und Unterschiede zwischen beiden zu Untersuchen. Da eine gänzliche Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Formen den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, werde ich hier nur auf den Aspekt der Leserlenkung eingehen. Hierzu werde ich beispielhaft einige Panels der Comicadaption der literarischen Vorlage gegenüberstellen und dadurch die Unterschiede und Gemeinsamkeiten an diesen Stellen analysieren und verdeutlichen. Das Ziel ist es, anhand dieses Aspekts in Teilen zu analysieren, wie sich die literarische Vorlage, beziehungsweise seine Motive und spezifischen Formalia, von der Comicadaption unterscheiden oder Gemeinsamkeiten haben und welche Möglichkeiten die Autoren einer Adaption haben, um die Lenkung des Lesers zu beeinflussen und eventuell in eine andere Richtung zu lenken, als es die ursprüngliche literarische Vorlage zulässt.

2. Forschungsstand und Definitionen

Die Comicforschung ist im Vergleich zu anderen Forschungsgebieten in der Literaturwissenschaft eine eher neue und noch nicht allzu ausgeweitete.2 Der Comic, in der Form, in der wir sie heute kennen, hat seinen Beginn im 20. Jahrhundert in sogenannten „comic strips“ in Zeitungen gefunden.3 In dieser Form war der Comic noch weit davon entfernt, ein Teil der Literaturwissenschaft zu sein. Erst danach wurden umfangreichere Comichefte erstellt, die thematisch vor allem Superheldengeschichten behandelten.4 Mit dem Aufkommen von Graphic Novels ab 1978, die für erwachsene Leser bestimmt waren und einen literarischen Charakter und Motive hatten, wurde der Comic mit der Zeit weiter in den Bereich der Literaturwissenschaft gerückt.5 So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Literaturcomic entstanden ist und heutzutage oftmals als Literatur angesehen wird.

2.1 Literaturcomic

Schon durch den Begriff wird deutlich, worin sich Literaturcomics von

„klassischen“ Comics unterscheiden. Wichtig sind hier ihre Entstehungsgeschichte und Intention. Demnach unterscheiden sich Literaturcomics darin, dass sie an einen Ausgangstext gebunden sind, in dessen Dienst sie stehen oder an dem sie sich orientieren und inspirieren.6 Hier muss man jedoch beachten, dass die Auswahl einer literarischen Vorlage unter verschiedenen Umständen geschehen kann. Zum einen kann der Comic eingesetzt werden, um den Inhalt der literarischen Vorlage angemessen zu vermitteln. In dieser Form wird der Schwerpunkt eher auf die literarische Vorlage und deren Inhalt gesetzt.7 Zum anderen kann die literarische Vorlage dazu genutzt werden, um die eigene künstlerische Kreativität umzusetzen und stellt so nur den Stoff dar, mit dem der Künstler arbeitet.8 Literaturcomics sind meist an erwachsene Leser adressiert und sollen diese auch dazu ermutigen, sich mit der literarischen Vorlage zu befassen.

2.2 Seitenarchitektur

Die Seitenarchitektur ist ein entscheidender Bestandteil der Comicanalyse. Die Diskussion über sie entstand erst nach der Erfindung von Comics in Bücher- oder Heftform und ist der Grundpfeiler für das Erzählen in den Comics. Um die Seitenarchitektur zu verstehen ist es zunächst wichtig, sich mit den Bestandteilen eines Comics zu beschäftigen. So gibt es im Comic Panels, Sequenzen und Seiten. All diese Bestandteile definieren die Seitenarchitektur, also die Organisation und den Aufbau einer jeden Comicseite.9

2.3 Leserlenkung

Jede Art von Literatur basiert auf der Annahme, dass sie Rezipienten, also Leser, hat. Deshalb versucht man auch, den Leser beim Erzählen auf bestimmte Aspekte aufmerksam zu machen und dabei Motive zu verdeutlichen oder abzuschwächen. Jeder Autor verwendet hierzu verschiedene Methoden, welche auch von dem Genre und der Form abhängig sind. So kann man in Comics anders lenken als in der klassischen Literatur. Im Kontext der Comicanalyse ist der Aufbau der Comicseite besonders wichtig und lenkt den Leser.10

3. Analyse

Im folgenden Analyseteil werde ich zunächst eine kurze Inhaltsangabe von „Die Verwandlung“ geben und dem folgend beispielhaft einzelne Panels der literarischen Vorlage entgegenstellen. Anhand dieser Gegenüberstellung werde ich hauptsächlich die Seitenarchitektur der Comicseiten mit dem Hintergedanken der Leserlenkung analysieren.

3.1 Inhaltsangabe „Die Verwandlung“

In der nach 1912 entstandenen Erzählung10 Kafkas ist der Protagonist ein Herr namens Gregor Samsa. Dieser wacht eines morgens auf und findet sich in Gestalt eines Ungeziefers vor. In dieser Situation erfährt man, wie sein Alltag als Handelsreisender normalerweise aussieht und welche Schwierigkeiten er in seinem Berufsleben und der Familie hat, da er einen erheblichen Beitrag zum Lebensunterhalt beitragen und die Schulden der Familie tilgen muss. Man erfährt, dass seine Arbeit für ihn nicht ideal ist und er diese nur ausübt, weil er muss.

Auch an diesem Morgen muss er zur Arbeit, was sich jedoch als unmöglich herausstellt, da er in dieser Verfassung ist. Er geht davon aus, dass dies nur vorübergehend ist. Als jedoch sein Vorgesetzter erscheint, weil er nicht auf der Arbeitsstelle erschienen ist, kommt es im Handlungsverlauf dazu, dass dieser nach dem Anblick von Gregor Samsa flüchtet. Auch von seiner Familie wird er zurückgestoßen, da diese ihn nicht verstehen, weil er nur Tierlaute von sich geben kann.

Nachdem Gregor arbeitslos geworden ist, sieht die finanzielle Lage der Familie zunächst schwierig aus, bis sich herausstellt, dass die Familie Ersparnisse hat. Aufgrund seiner Situation verändert sich das Verhältnis der Familie zu Gregor. Seine Schwester, um die er sich bisher finanziell kümmerte, stellt sich jetzt für seine Versorgung zur Verfügung und versucht herauszufinden, was er mag und was nicht.

Mit der Zeit verändert sich Gregors Verhalten und er wird immer mehr zu dem Ungeziefer, das er geworden ist. Seine menschlichen Verhaltensweisen verschwinden und er fängt an, sich wie ein Ungeziefer zu bewegen und verhalten.

Als seine Mutter und seine Schwester versuchen, ihm den nötigen Platz für die Fortbewegung zu verschaffen, indem sie sein Zimmer ausräumen, versucht er, ein Bild zu retten, woraufhin seine Mutter dies als einen Angriff auf sich sieht. Die Schwester versucht, mit einer Medizinflasche der bewusstlosen Mutter zu helfen und als Gregor ihr folgt, verletzt er sich durch eine kaputte Flasche im Gesicht. Der Vater, welcher später von der Arbeit kommt, wirft wütend Äpfel auf Gregor und verletzt diesen mehr.

Im Verlauf der Erzählung wird Gregor immer weiter isoliert und leidet unter seinen Verletzungen. Seine Familie fängt an zu arbeiten und vernachlässigt ihn. Als sie dann auch noch Untermieter aufnehmen, wird Gregor komplett aus dem sozialen Leben ausgeschlossen und darf nur heraus, wenn niemand da ist.

Als er eines Abends das Zimmer verlässt und von den anwesenden Untermietern gesehen wird, kündigen diese den Mietvertrag, nachdem der Vater unhöflich gegenüber diesen wird. Die Familie fühlt sich ab diesem Zeitpunkt immer weiter von der Anwesenheit Gregors gestört und vernachlässigt ihn, indem sie ihm keine Nahrung gibt. Sie sehen ihn nicht mehr als Gregor an, sondern als ein Ungeziefer. So stirbt Gregor am Ende dieser Erzählung.

Die Familie jedoch führt ab diesem Zeitpunkt ihr glückliches Leben fort. Die Eltern unterstützen ihre Tochter und Gregor wird von diesen vergessen.

3.2 Comicanalyse und Vergleich mit der literarischen Vorlage

3.2.1 Panel 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

„Wie nun, wenn er sich krank meldete? Das wäre aber äußerst peinlich und verdächtig, denn Gregor war während seines fü nfjährigen Dienstes noch nicht einmal krank gewesen. Gewiß wü rde der Chef mit dem Krankenkassenarzt kommen, wü rde den Eltern wegen des faulen Sohnes Vorwü rfe machen und alle Einwände durch den Hinweis auf den Krankenkassenarzt abschneiden, für den es ja ü berhaupt nur ganz gesunde, aber arbeitsscheue Menschen gibt. Und hätte er ü brigens in diesem Falle so ganz unrecht? Gregor fühlte sich tatsächlich, abgesehen von einer nach dem langen Schlaf wirklich überflüssigen Schläfrigkeit, ganz wohl und hatte sogar einen besonders kräftigen Hunger.“

Corbeyran/Horne Kafka S. 3 f.

Auf dieser Seite wird die Situation dargestellt, in welcher Gregor im Bett liegt, nachdem er bemerkt, dass er den Zug zur Arbeit verpasst hat. Er denkt darüber nach, was er nun machen könnte.

Man sieht auf dieser Seite, dass es ein großes Hintergrundpanel gibt, in welchem fünf kleinere, rechteckige und sich teils überlappende Panels durcheinander angeordnet sind. Die kleineren Panels sind schräg ausgelegt und haben alle verschiedene Größen. Ein klarer Rahmen der Seite sowie „gutter“12 sind nicht gegeben. Es gibt jedoch Panelrahmen. Im Hintergrundpanel sind zwei Sprechblasen vorhanden und an jedes der kleinen Panels ist ein Blocktext angebunden. Das Hintergrundbild zeigt Gregor in seinem Bett liegend. In den kleineren Panels sind einzelne Körperteile Gregors in Detailaufnahmen zu sehen. Da das Hintergrundpanel über die ganze Seite hinweg mit anderen Panels verdeckt ist, abgesehen vom oberen linken Teil, sieht man dort nur Gregors Kopf als Großaufnahme in Obersicht. Der sichtbare Teil des Hintergrundpanels zeigt dem Leser, dass Gregor immer noch in seinem Bett liegt, was man jedoch nicht wüsste, wenn man die vorherigen Seiten nicht kennen würde. Die Sprechblasen verdeutlichen, dass Gregor einen inneren Monolog führt. Die oberen drei Panels zeigen einzelne Körperteile von Gregor, die verdeckt sind, von denen man sich aber vorstellen kann, dass sie unter diesen Panels oder in ihrer Nähe liegen. Die zwei mittleren Panels, welche den Bauch und den Unterkörper Gregors zeigen sind überlappt und deuten somit eine Verbindung zwischen diesen beiden Körperteilen an. Die Blocktexte, die explizit diesen drei Panels zugeordnet sind, sind in keiner Form mit den Bildern in direkten Zusammenhang zu bringen. Es ist nur möglich, die Blocktexte mit den Bildern in Zusammenhang zu bringen, wenn man bedenkt, dass es hier um Krankheiten geht und diese den Körper betreffen, welcher dargestellt ist. Das linke untere Panel zeigt das Auge Gregors in Detailaufnahme, was man durchaus mit dem Blocktext in Verbindung bringen kann, da es um den Schlaf geht und diese im Normalfall beim Schlafen geschlossen sind, bei Gregor aber nicht. Dies passt jedoch nicht zum Inhalts des Blocktexts, welcher von einer Schläfrigkeit Gregors berichtet. Das rechte untere Panel zeigt die Mundwerkzeuge Gregors und sind mit dem Blocktext, welcher auf den Hunger hindeutet zusammenhängend. Man sieht sogar, dass Gregor hungrig sein muss, weil sein Speichel an den Mundwerkzeugen hinunterläuft.

[...]


1 Vgl. Ditschke S. 265 ff.

2 Vgl. Ditschke S. 265 ff.

3 Vgl. Abel/Klein S. 4 ff.

4 Vgl. ebd. S. 9

5 Vgl. ebd. S. 29

6 Vgl. Abel/Klein S. 276

7 Vgl. Abel/Klein ebd.

8 Vgl. Abel/Klein ebd.

9 Vgl. Abel/Klein S. 78 f.

10 Vgl. Krichel S.7

11 Vgl. Schubiger S.21

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
"Die Verwandlung" von Franz Kafka. Ein Vergleich der literarischen Vorlage und der Comicadaption hinsichtlich der Leserlenkung
Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
15
Katalognummer
V455714
ISBN (eBook)
9783668866706
ISBN (Buch)
9783668866713
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verwandlung, franz, kafka, vergleich, vorlage, comicadaption, leserlenkung
Arbeit zitieren
Denise Schröder (Autor), 2017, "Die Verwandlung" von Franz Kafka. Ein Vergleich der literarischen Vorlage und der Comicadaption hinsichtlich der Leserlenkung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455714

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