Soziale Arbeitsteilung und Sozialisation bei Emile Durkheim

Im Spannungsfeld von Gesellschaft und Individuum


Bachelorarbeit, 2018
48 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die soziale Arbeitsteilung, die Gesellschaft und ihre Moral
2.1 Die soziale Arbeitsteilung
2.1.1 Die soziale Arbeitsteilung: Ursache und Funktion
2.1.2 Die pathologischen Formen der Arbeitsteilung
2.2 Die Solidarität und die zwei Gesellschaftstypen
2.2.1 Die mechanische Solidarität und die Götter
2.2.2 Die organische Solidarität und der Kult des Individuums
2.3 Die Moral und ihre Elemente
2.3.1 Erstes Element: Geist der Disziplin
2.3.2 Zweites Element: Anschluss an die soziale Gruppe
2.3.3 Drittes Element: Die Autonomie des Willens

3 Sozialisation nach Durkheim Reproduktion, Stabilisierung und Erneuerung der Gesellschaft und ihrer Moral
3.1 Die Funktion der Erziehung
3.2 Die Methode und die Ziele der Erziehung
3.3 Die Moralerziehung
3.3.1 Die Schule und die Disziplin
3.3.2 Der Unterricht und die Autonomie des Willens
3.3.3 Der Anschluss an die soziale Gruppe und die Schulwelt
3.4 Die Moralerziehung als Grundlage einer solidarischen, modernen Gesellschaft

4 Individuelle Freiheit und gesellschaftlicher Zwang
4.1 Der gesellschaftliche Zwang
4.2 Der gesellschaftliche Zusammenhalt

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

Selbstständigkeitserklärung

1 Einleitung

„Wie geht es zu, dass das Individuum, obgleich es immer autonomer wird, immer mehr von der Gesellschaft abhängt? Wie kann es zu gleicher Zeit persönlicher und solidarischer sein? Denn es ist unwiderleglich, dass diese beiden Bewegungen, wie gegensätzlich sie auch erscheinen, parallel verlaufen“ (Durkheim, 2016, S. 82). Dieses scheinbare Paradoxon, dass der Einzelne immer abhängiger von den anderen Mitgliedern der Gesellschaft wird und sich zu gleich in dieser Gesellschaft eine Ideologie des Individualismus bildet, ist wohl eine der Grundfragen der Durkheimschen Soziologie.

Seine Erklärung ist die Arbeitsteilung. „Uns schien, dass die Auflösung dieser scheinbaren Antinomie einer Veränderung der sozialen Solidarität geschuldet ist, die wir der immer stärkeren Arbeitsteilung verdanken“ (ebd.). Für ihn bedeutet Arbeitsteilung allerdings nicht, wie bis dahin üblich, eine Steigerung der Produktionsmittel, sondern er bezeichnet damit eine Form des sozialen Zusammenlebens, bei der durch Spezialisierung der einzelnen Lebensbereiche, die Individualisierung in der Gesellschaft zunimmt, wohingegen die Abhängigkeit zur Gesellschaft steigt (vgl. Delitz, 2013). Er sieht die Rolle der Arbeitsteilung also nicht, wie in der Tradition von Adam Smith, in einem gewinnbringendem Sinne für die Gesellschaft, sondern als Grundlage dieser (ebd.). Diese Theorie versuchte er in seinem 1893 erschienenen Werk, “Über die soziale Arbeitsteilung“, zu belegen. Es wurde in einer Zeit veröffentlicht, in der sich die industrielle Revolution und die Verstädterung immer mehr über Europa ausbreiteten und die soziale Frage1 zunehmend präsenter wurde (vgl. Müller in Kaesler, 2006). Durkheim bezeichnet diesen Zustand als Anomie und meint damit einen Zustand, in dem sich neue Ordnungen und Möglichkeiten in einer Gesellschaft so rasch entwickelt haben, ohne dass sich für diesen Zustand soziale Regeln etablieren konnten (vgl. Delitz, 2013) Dieser Zustand, kann seiner Meinung nach, nur überwunden werden, wenn sich in der Gesellschaft eine neue Moral bildet, die dem Stand der Gesellschaft entspricht (vgl. Durkheim, 2016).

Aus diesem Dilemma heraus, versuchte Durkheim zu erklären, wie es möglich ist, dass die einzelnen Gesellschaftsmitglieder kollektiven Regelungen folgen, die für das Individuum nicht sofort sinnvoll erscheinen müssen oder von ihm gewollt sind (vgl. Prange, 2009). Diese Vergesellschaftung von Individuen bezeichnete Durkheim als Sozialisation und führte hierdurch den Sozialisationsbegriff als festen Bestandteil in die Soziologie ein, jedoch formulierte er nie ausdrücklich eine Sozialisationstheorie2 (vgl.Koller, 2012). Er wollte damit lediglich zeigen, wie die gesellschaftlichen Einflüsse, hier vor allem der Erwachsenengeneration, auf die Heranwachsenden, den Einzelnen zu einem funktionierendem Gesellschaftsmitglied erziehen (ebd.). Er sah also die Erziehung als Mittel zur Sozialisation (ebd.). So schreibt Durkheim, dass der Mensch, „[] den die Erziehung in uns verwirklichen muss, ist nicht der Mensch, den die Natur gemacht hat, sondern der Mensch, wie ihn die Gesellschaft haben will, [….]“ (Durkheim, 1984, S. ) und hierzu „[] im Kinde gewisse physische, intellektuelle und sittliche Zustände zu schaffen und zu entwickeln, die sowohl die politische Gesellschaft in ihrer Einheit, als auch das spezielle Milieu, zu dem es in besonderer Weise bestimmt ist, von ihm verlangen.“(ebd.) Diese Verortung der Sozialisation in die speziellen Milieus soll durch eine Spezialisierung der Erziehung unterstützt werden, was Durkheim als methodische Sozialisation bezeichnet (vgl. Prange, 2009), bei der die Erziehung nicht nur die Aufgabe hat die Gesellschaft zu reproduzieren, sondern die von Durkheim geforderte neue Moral zu verwirklichen (vgl. Koller, 2012). Diese Erziehung nennt er Moralerziehung (ebd.). Sozialisation bedeutet hier also, seine Funktion, die man in der Gesellschaft einnimmt zu erlernen und eine Moral zu entwickeln, die dieser Gesellschaft entspricht (ebd.).

Darum wurde er auch oft als Anti Individualist kritisiert (vgl. Müller in Kaesler, 2006) und obwohl er auch die empirische Soziologie begründete und als erster Professor einen Lehrstuhl für Soziologie inne hatte (vgl. Delitz, 2013), ist Durkheims Wirken in der Soziologie auf den ersten Blick kaum erkennbar (vgl. Müller in Kaesler, 2006). Denn, so schreibt Hans-Peter Müller: „[] stehen wir heute als professionelle Soziologen zwar alle auf seinen Schultern, ohne es indes zu wissen, geschweige denn würdigen zu können. Sein Einfluss wird unsichtbar, weil gleichbedeutend mit dem kleinen Einmaleins soziologischen Denkens“ (Müller in Kaesler, 2006, S. 180). Denn die Grundelemente die Durkheim für die Soziologie herausarbeitete, sind mittlerweile von anderen Wissenschaftlern als nahezu eigenständige Thematik weiter ausgearbeitet worden. So wird man, wenn man sich mit der funktional differenzierten Gesellschaft beschäftigt, eher auf Niklas Luhmann zurückgreifen oder beim “Kult des Individuums“ Ulrich Becks Werke zu Rate ziehen (vgl. Müller in Kaesler, 2006). Aber auch die Theorien von Michel Foucault oder Pierre Bourdieu könnten ohne Durkheim nicht in ihrer heutigen Form existieren und selbst in der Psychologie hat man mit Jean Piaget einen bekennenden Bewunderer Dukheims (ebd.). Aber am meisten Einfluss hatte er wohl auf Talcott Parsons Funktionalismus, der wohl sehr durch Durkheim angeregt wurde. Durkheim war auch der Erste, der eine Wissenschaft der Erziehung forderte und somit die Erziehungswissenschaft voraus nahm (ebd.). Und gerade in der Erziehungswissenschaft lohnt es sich, nochmal genauer auf Durkheims Theorie zu schauen. Denn in Zeiten der Globalisierung und Individualisierung, in denen die Themen Inklusion3 und Diversität4 in der Erziehungswissenschaft zunehmend an Bedeutung gewinnen, geht es gerade in der Pädagogik, um einen professionellen Umgang mit dieser Situation, da die Diversität der Individuen eine einheitliche Bildung zunehmend erschwert (vgl. Allemann-Ghionda, 2013). Deshalb wird von vielen Stimmen gefordert, die Bildung und Erziehung zu individualisieren (ebd.). Doch wird von den gleichen Autoren eine Pädagogik der Inklusion verlangt (ebd.). Daraus resultiert jedoch wieder der gleiche scheinbare Widerspruch, wie in der anfänglich zitierten Überlegung Durkheims, wie es möglich ist, dass eine Gesellschaft gleichzeitig individueller und geschlossener werden kann. Man sieht also, dass diese Frage, bis zur heutigen Zeit, nicht an Aktualität verloren hat und das nicht nur in der Soziologie.

Wie sind individuelle und gesellschaftliche Interessen miteinander vereinbar? Und wie wird eine Gesellschaft ermöglicht, wenn es einerseits individuelle und andererseits gesellschaftliche Interessen gibt?

Da Durkheim, wie oben erwähnt, als Antwort darauf, die soziale Arbeitsteilung sieht, soll im Folgenden untersucht werden, ob man die Arbeitsteilung wirklich als Grundlage sehen kann, einen Ausgleich zwischen individuellen und gesellschaftlichen Interessen zu schaffen.

Dazu soll im ersten Teil dieser Arbeit ein kurzer Überblick über die Theorien Durkheims gegeben werden. Aufgrund der Kürze der Arbeit, kann aber auf seine methodische Soziologie und seine Selbstmordstudie, sowie seine Totemismuslehre nicht eingegangen werden. Im Mittelpunkt stehen seine Überlegungen zur Arbeitsteilung und zur Moral. Darum wird zunächst eine Erklärung der Arbeitsteilung gegeben. Im Anschluss wird gezeigt, was Durkheim unter Gesellschaft versteht und, wie diese, zusammengehalten werden kann. Danach wird erläutert, was Durkheim unter Sozialisation versteht, und ausgearbeitet, wie eine solche Sozialisation bei ihm aussieht. Hierfür wird die von ihm beschriebene Moralerziehung näher beleuchtet und daraus Schlussfolgerungen gezogen, wie eine Sozialisation durch die Gesellschaft im Alltag aussehen könnte. Im dritten Teil der Arbeit soll dann ausgehend von Kritiken an Durkheim untersucht werden, ob in Durkheims Theorie sowohl das Individuum als auch die Gesellschaft ihre Interessen befriedigen können. Hieraus resultierend, wird im letzten Teil der Arbeit versucht eine Antwort auf die Ausgangsfrage zu finden und überlegt, welche Bedeutung das erarbeitete Resultat auf die Wissenschaft, speziell die Erziehungswissenschaft in Zukunft haben könnte.

2 Die soziale Arbeitsteilung, die Gesellschaft und ihre Moral

In diesem Abschnitt der Arbeit soll ein kurzer Überblick über die Theorien Emile Durkheims gegeben werden. Allerdings kann aufgrund der Fülle der Themen, die nicht nur die Arbeitsteilung und das Ermöglichen von Gesellschaft zum Thema haben, sondern sich neben der Studie zum Selbstmord und der Religion, vor allem mit der wissenschaftlichen soziologischen Methode beschäftigen (vgl. Delitz, 2013), nur die Sachverhalte wiedergegeben werden, die direkten Bezug zum Thema dieser Arbeit nehmen. Da selbst innerhalb der Werke Durkheims, die ihr entsprechen, die Informationen zu umfangreich sind, um sie alle detailliert wiederzugeben, sollen im Mittelpunkt dieser Arbeit die Themen Arbeitsteilung, die gesellschaftliche Solidarität, die dieser entspringt und die sich daraus entwickelnde Moral, stehen.

2.1 Die soziale Arbeitsteilung

Wie schon einleitend erwähnt, ist für Durkheim die soziale Arbeitsteilung die Grundlage und Triebfeder der modernen Gesellschaft (vgl. Durkheim, 2016). Statt sich aber in der Definition ihrer Funktion den traditionellen Theorien, die einerseits auf Adam Smith führende Tradition, die die Arbeitsteilung mit dem Vermehren von Wohlstand und Weiterentwicklung verbindet und andererseits die marxistische Tradition, die eine Verbindung zwischen Arbeitsteilung, Klassenbildung und Ausbeutung sieht (vgl. Müller in Kaesler, 2006), anzuschließen, will er die Arbeitsteilung als subjektiven wissenschaftlichen Gegenstand völlig wertneutral, neu untersuchen (vgl. Delitz, 2013)

2.1.1 Die soziale Arbeitsteilung: Ursache und Funktion

Durkheim beschreibt die Arbeitsteilung als soziale Differenzierung, die die Grundlage des Zusammenhalts einer modernen Gesellschaft bildet (vgl. Müller in Kaesler, 2006). Für ihn ist Arbeitsteilung nicht nur ein Mittel zur Steigerung der Produktivität, welches für ihn eine Art glückliches Nebenprodukt darstellt oder zur Ausbeutung, welche für ihn einen Verfall der Moral zur Folge hat, sondern die grundlegende Form des sozialen Zusammenlebens einer modernen Gesellschaft (vgl. Durkheim, 2016). Ihre „[] bedeutsamste Wirkung []“ ist nicht „[] dass sie den Ertrag der geteilten Funktionen erhöht, sondern dass sie sie voneinander abhängig macht“ (Durkheim, 2016, S. 107). Denn „Ihre Rolle [] besteht nicht darin, die bestehenden Gesellschaften zu verschönern und zu verbessern, sondern Gesellschaft erst zu ermöglichen“(ebd.). Dennoch sieht auch Durkheim bedingt durch die Arbeitsteilung, eine Steigerung der Produktivität einer Gesellschaft, denn durch die Spezialisierung, kann sich jedes Individuum besser an die spezifischen Voraussetzungen seiner Funktion anpassen (vgl. Durkheim, 2016). Mehrere Funktionen können für Durkheim nur „[] Dilettantismus [….]“ bedeuten, denn man kann sich mit mehreren Funktionen nicht so intensiv auseinander setzen wie mit einer (Durkheim, 1984, S. 376). Die zunehmende Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Aufgaben entwickelt also demzufolge eine größere Abhängigkeit unter den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern, da wir auf die Fähigkeiten anderer angewiesen sind, um an den Früchten dieser Fähigkeiten teilzuhaben (vgl. Durkheim, 2016). „Die Arbeitsteilung stellt nicht Individuen einander gegenüber, sondern soziale Funktionen“ (Durkheim, 1984, S. 478). Was aber veranlasst eine Gesellschaft dazu, sich arbeitsteilig immer weiter funktionell auszudifferenzieren? In der Ökonomie wurde dies hauptsächlich utilitaristisch5 beschrieben (ebd.). Dies weist Durkheim zurück.

Er sieht die Arbeitsteilung durch wachsendes Volumen einer Gesellschaft und durch zunehmende materielle und moralische Dichte begründet (vgl. Müller in Kaesler, 2006). Damit will er sagen, dass das Anwachsen der Bevölkerung, auf einem gewissen Raum und der Ausbau von Kommunikations- und Verkehrswegen, zu einem verschärften Überlebenskampf führen (ebd.). Damit aber hieraus kein Kampf aller gegen alle entsteht, müssen sich die Funktionen ausdifferenzieren, um durch eine gewisse Abhängigkeit untereinander, eine soziale Bande zu schaffen (ebd.). Es ist nicht mehr möglich, sowohl wegen der Konkurrenz auf die Produktionsmittel als auch wegen der Kompliziertheit der Produktionsverfahren, ohne Zusammenarbeit mit anderen seine eigenen Bedürfnisse zu decken. Ihre Ursachen sind also im sozialen Milieu zu suchen.

Unter diesem Gesichtspunkt ist die Arbeitsteilung: „[] konzeptualisiert in Begriffen des Zusammenhalts, der Solidarität, der Moral, und nicht in Begriffe des Kapitals, der Produktion, des Geldwerts. Spezialisierung ist keine rein ökonomische Tatsache, sondern eine Sozial- und Moralordnung sui generis “ (Delitz, 2013, S. 105). Für Durkheim folgt aus einer Differenzierung der Funktionen eine neue Solidarität und dadurch eine Moraldifferenzierung (vgl. Müller in Kaesler, 2006). „Mit einem Wort: Dadurch, dass die Arbeitsteilung zur Hauptquelle der sozialen Solidarität wird, wird sie gleichzeitig zur Basis der moralischen Ordnung“ (Durkheim, 2016, S. 471). Diese sieht Durkheim in seiner Zeit allerdings nicht gegeben. Ihm zufolge befindet sich die Gesellschaft, die er vorfindet, in einer Zeit des Übergangs, in der ihr Regelsystem erschüttert ist (vgl. Durkheim, 1984). Um dies zu erklären beschreibt Durkheim drei anormale Typen der Arbeitsteilung, die dazu führen, dass die Solidarität und die damit verbundene Moralordnung sich nicht frei entfalten können.

2.1.2 Die pathologischen Formen der Arbeitsteilung

Als erste Form beschreibt Durkheim die anomische Arbeitsteilung. Diese entsteht ihm zufolge, wenn sich die Gesellschaft schneller differenziert, ohne dass sich Regelungen und sozialer Zusammenhalt mitentwickelt haben. „Nun existiert [] diese Regelung entweder gar nicht oder sie steht nicht im Einklang mit dem Entwicklungsgrad der Arbeitsteilung“ (Durkheim, 2016, S. 435). Denn sicher „[….] ist, dass dieser Mangel an Reglementierung die geordnete Harmonie der Funktionen nicht zulässt“ (Durkheim, 2016, S. 436). Bei einer nicht so rasanten Entwicklung könnten sich die neuen Funktionen, die dazu nötigen Regelungen und die daraus resultierende sozialen Bande, über Habitualisierung bilden und sich danach institutionell verfestigen (vgl. Müller in Kaesler, 2006). Die anomische Form entsteht dann, wenn dieser Prozess nicht mehr mit der Geschwindigkeit der Differenzierung, der gesellschaftlichen Funktionen, standhalten kann.

Nicht um eine unzureichende Regulierung, sondern um ungerechte Regelungen geht es bei der erzwungenen Arbeitsteilung (ebd.), welche Durkheim als zweite Form beschreibt. Er sieht hier das Problem, dass die gesellschaftlichen Aufgaben und Funktionen nicht entsprechend der Neigungen der Individuen verteilt sind und natürlich wachsen konnten, sondern dass diese Verteilung unter Zwang verläuft. „Damit die Arbeitsteilung die Solidarität erzeugt, genügt es also nicht, dass jeder seine Aufgabe hat, es muss auch jene sein, die ihm liegt“ (Durkheim, 2016, S. 444). Zwang beginnt für Durkheim dort wo „[] die Reglementierung nicht der wahren Natur der Dinge entspricht [….]“ (Durkheim, 2016, S. 446). Dieser Zwang geht , hier schließt sich Dürkheim der marxistischen Idee an (vgl. Müller in Kaesler, 2006), von den oberen Klassen aus und unterdrückt die unteren Klassen, da diese „[] das Leben der höheren Klassen anstreben [….]“ (Durkheim, 2016, S. 444), was Unzufriedenheit bis hin zu Klassenkämpfen zu Folge hat (vgl. Müller in Kaesler, 2006). Dies geschieht, da sich die Individuen immer ähnlicher werden und die unteren Klassen nun soziale Positionen anstreben, die ihnen zuvor verwehrt waren (vgl. Delitz, 2013). Es ist also Ungerechtigkeit, die hier, die natürliche Entwicklung der Arbeitsteilung stört, denn: „Die Gleichheit in den äußeren Bedingungen des Lebenskampfes ist nicht nur nötig, um jedes Individuum an seine Funktion zu binden, sondern auch dafür, diese Funktionen miteinander zu verknüpfen“ (Durkheim, 2016, S. 450).

Als dritte anormale Form beschreibt Durkheim die zu weite Zerteilung der Arbeit (Delitz, 2013). Diese führt zu schlechter Zusammenarbeit und lockert die Solidarität (ebd.). Um dies zu überwinden, muss man eine Arbeitskultur schaffen, die dem Einzelnen genügend Aufgaben gibt und ihn nicht unterfordert (ebd.).

„Nun [] durchqueren wir gerade jetzt eine dieser kritischen Phasen“ (Durkheim, 1984, S. 148). Diese kritische Phase sieht er in dem pathologischen Zustand der Anomie begründet (vgl. Müller in Kaesler, 2016). Um dies zu überwinden, muss die Gesellschaft mehr Regulierung erfahren, damit über die Arbeitsteilung in neuen Institutionen eine Solidarität entstehen kann (vgl. Delitz, 2013). Aber was kann man in Durkheims Theorie unter Solidarität verstehen?

2.2 Die Solidarität und die zwei Gesellschaftstypen

Wie bereits erwähnt, resultiert für Durkheim die Solidarität aus der sozialen Arbeitsteilung. Um dies zu beweisen, muss man, so sagt er, „[] vor allem bestimmen, in welchem Maß die von ihr erzeugte Solidarität zur allgemeinen Integration der Gesellschaft beiträgt“ (Durkheim, 2016, S. 111). Denn nur so kann man erkennen,ob die Arbeitsteilung wirklich ein „[] wesentlicher Faktor des sozialen Zusammenlebens [….]“ darstellt (ebd.). Da sich aber die Solidarität als innere Tatsache unserer Wahrnehmung entzieht, muss sie durch eine äußere Tatsache die ihr symbolisch entspricht, ersetzt werden (vgl. Durkheim, 2016). Dieses Symbol ist das Recht.

„Wir können uns sicher sein, im Recht alle wesentlichen Varianten der sozialen Solidarität widergespiegelt zu finden“ (Durkheim, 2016, S. 112). Er sieht das Recht in dieser Rolle, da eine Handlung dann als kriminell angesehen wird, wenn sie kollektive Regeln verletzt (vgl. Durkheim, 2016) Denn: „Nicht weil das Verbrechen schlecht ist sanktionieren wir es. Was wir sanktionieren, ist ein Verbrechen“ (Durkheim, 2016, S. 110). Um herauszufinden, welche verschiedenen Arten der Solidarität es gibt und welche davon der Arbeitsteilung entspringt, will er die verschiedenen Arten des Rechts klassifizieren (vgl. Durkheim, 2016). Dies soll anhand der Sanktionen, die das jeweilige Recht auferlegt, geschehen (ebd.). Hier unterscheidet Durkheim zwei Arten von Sanktionen: Die repressiven6 Sanktionen, die zum Ziel haben „[] Schmerzen zuzufügen oder zumindest einen Verlust aufzubürden [….]“ (Durkheim, 2016, S. 116) und dem Strafrecht entsprechen sowie den restitutiven7 Sanktionen, die auf ein Wiederherstellen der Dinge abzielt (vgl. Durkheim, 2016). Diese Sanktionen entsprechen beispielsweise dem Zivil- oder Handelsrecht (ebd.). Da im Strafrecht ein Sühnecharakter zu erkennen ist, schlussfolgert Durkheim, dass es aus Leidenschaft und somit automatisch erfolgt. Er nennt die darauf basierende Solidarität mechanische Solidarität.

2.2.1 Die mechanische Solidarität und die Götter

Diese Form der Solidarität entspringt der Ähnlichkeit der Individuen einer Gesellschaft. Hier haben die Individuen auf Grund dieser Ähnlichkeit, die selben Wertvorstellungen (vgl. Kolb, 2004). Es gibt also eine „[] Gesamtheit von Glaubensüberzeugungen und Gefühlen, die allen Mitgliedern der Gruppe gemeinsam sind: das ist der kollektive Typ“ (Delitz, 2013, S. 113). Dieser erreicht seine äußerste Ausprägung dann, wenn unser Bewusstsein deckungsgleich mit dem Kollektivbewusstsein ist. In diesem Fall verlieren wir allerdings jegliche Individualität (vgl. Durkheim, 2016). Das Individuum verliert nicht nur jede Individualität, es wird zu einem Gegenstand, über den die Gesellschaft verfügen kann (ebd.). Somit wird ein Verbrechen gegen den Einzelnen, ein Verbrechen gegen die Gesellschaft. Durkheim zeigt hier den religiösen Ursprung des Strafrechts. „[] die ersten Verbrechen, die die Gesellschaft definierte und bestrafte, waren Verbrechen gegen die Götter und damit gegen die Gesellschaft“ (Durkheim, 2016, S. 112). Dies führt Durkheim darauf zurück, dass sich diese archaischen8 Gesellschaften mit ihren Göttern identifizieren, um sich selbst ein Bild zu geben (vgl. Durkheim, 2016). Es handelt sich hier also um einen Gesellschaftstypen, der in seiner Entwicklung noch nicht weit fortgeschritten ist und die Ähnlichkeit der Individuen, die Basis der sozialen Solidarität legt. Die Individuen sind gewissermaßen mit der Gesellschaft gleichgeschaltet. „In dem Augenblick, in dem diese Solidarität wirkt, löst sich unsere Persönlichkeit definitionsgemäß sozusagen auf; denn dann sind wir nicht mehr wir selbst, sondern das Kollektivwesen“ (Durkheim, 2016, S. 182). Eine solche Gesellschaft kann auf Grund der fehlenden Individualität arbeitsteilig noch nicht weit fortgeschritten sein. Folglich kann diese Form der Solidarität kein Ergebnis für die Solidarität, die sich der Arbeitsteilung verdankt, liefern und es muss somit eine Form der geben, die der Differenzierung entspringt.

2.2.2 Die organische Solidarität und der Kult des Individuums

Diese Form findet Durkheim in der Solidarität, die er aus dem Restitutivrecht ableitet , in der organischen Solidarität. Da in dieser Rechtsform nicht bestraft wird, sondern sanktioniert und der Richter keine Strafen verhängt, sondern nur Recht spricht (vgl. Delitz, 2013), soll hier nur der ursprüngliche Zustand zwischen der Person und einer Sache wieder hergestellt werden (vgl. Durkheim, 2016). Hierin sieht er ihren individuellen Charakter. Es geht nicht mehr darum, ein gesamtgesellschaftliches Problem zu regeln, sondern darum, die von der Gesellschaft geforderten Rechte des Einzelnen durchzusetzen (ebd.). Die Solidarität bildet sich in diesem Fall aus „[] funktionalen Unterschieden []“ (Delitz, 2013, S. 173), wodurch der Einzelne, durch Abhängigkeit an die Funktionen der anderen Gesellschaftsmitglieder, nur indirekt an die Gesellschaft gebunden wird (vgl. Delitz, 2013). Sie ist „[] nur möglich, wenn jeder ein ganz eigenständiges Betätigungsfeld hat, wenn er also eine Persönlichkeit hat“ (Durkheim, 2016, S. 183). Damit diese Individualität entstehen kann, muss das gesamtgesellschaftliche Kollektivbewusstsein weniger Platz im Einzelnen einnehmen, um für die Individualität Platz zu machen (vgl. Durkheim, 2016). Hierdurch ist es nicht mehr möglich, die Individuen unter einem einheitlichen Kollektivbewusstsein zu verbinden. „Vielmehr differenziert sich auch das Kollektivbewusstsein in eine Fülle funktionsspezifischer Normenkodizes aus, die gleichwohl ihren moralischen Charakter behalten“ (Müller in Kaesler, S. 173). Hier sieht Durkheim Züge der mechanischen Solidarität, die als Grundlage jeder weiterentwickelten Gesellschaft bestehen bleiben muss, um ein Minimum an Solidarität zu gewährleisten (vgl. Durkheim, 2016). Allerdings wird dieser Anteil an mechanischer Solidarität immer kleiner, je weiter sich die Gesellschaft entwickelt (ebd.).

Nun könnte man daraus schließen, dass auch die soziale Bande in gleichem Maße abnimmt. Doch das trifft nur dort zu, wo es sich um ein soziales Band aus Ähnlichkeit heraus handelt (ebd.). In dem Bereich in dem es um das Individuum geht, wird es stärker (vgl. Delitz, 2013). Weil durch Differenzierung das Individuum in den Mittelpunkt gerät, bildet sich hier ein Kult des Individuums, welcher einen religiösen Charakter aufweist und sich in den Menschenrechten objektiviert (vgl. Durkheim, 2016). Dieser kann sich aber nur in dem Maße ausbreiten, in dem er die alten Glaubensüberzeugungen zurückdrängt (ebd.). Obwohl dieser Kult von der Gemeinschaft geteilt wird, ist sein Ziel kein soziales, da das Objekt individuell ist (ebd.). Hier bildet sich also kein echtes Kollektivbewusstsein, denn: „Er zieht seine Kraft zwar aus der Gesellschaft, aber er bindet uns nicht an sie , sondern an uns selbst. Folglich bildet er kein echtes soziales Band“ (Durkheim, 2016, S. 228). Die soziale Bande kommt erst durch die Abhängigkeit der Individuen untereinander, bedingt durch die Arbeitsteilung zu Stande (vgl. Delitz, 2013). Sie bildet sich, wie bei der mechanischen Solidarität auch, durch gesellschaftlich institutionalisierte Verhaltensregeln, wodurch die Arbeitsteilung einen moralischen Charakter annimmt (vgl. Koenig, 2008).

2.3 Die Moral und ihre Elemente

Den moralischen Charakter bekommt die Arbeitsteilung dadurch, dass sie ein „[] System von Rechten und Pflichten [….]“ (Durkheim, 2016, S. 471) hervorbringt, welches die Individuen „[] untereinander dauerhaft bindet [….]“ (ebd.). Da dieses System von Rechten und Pflichten, über den langen Zeitraum in der sich eine Gesellschaft entwickeln kann, an immer neue Anforderungen gebunden ist, kann es für Durkheim keine allgemeingültigen Moralregeln geben. Denn: „Es gibt kein Volk ohne Moral: nur ist die Moral dieser niedrigen Gesellschaften nicht unsere Moral“ (Durkheim, 1984, S. 61). Er zeigt, dass die bisherige Moralwissenschaft die Moral objektivierte, um aus der Logik allgemeingültige Regeln abzuleiten (vgl. Delitz, 2013). Allerdings sollte man, um die Moral richtig begreifen zu können, nicht auf sie als Objekt, sondern als soziale Tatsache schauen, die jeder Gesellschaft in ihrem Entwicklungsstand eigen sind (vgl. Durkheim, 1984). Somit wird sie ein Betätigungsfeld der Sozialforschung. „An die Stelle der moralischen Fakten treten so gesehen reine (von aller Moralphilosophie gereinigt) soziale Tatsachen, an die Stelle der Moralphilosophie tritt die Soziologie“ (Delitz, 2013, S.199). Moral ist also etwas, was sich mit der Gesellschaft entwickelt und nicht statisch sein kann. „Eine Gesellschaft [….] kann also nicht bei den Moralergebnissen stehen bleiben, die man als Besitz ansieht. Man muss neue erwerben“ (Durkheim, 1984, S. 68). Sie muss sich an den Gesellschaftswandel anpassen (vgl. Delitz, 2013). Ein wichtiges Ziel für eine Moral, die der arbeitsteiligen Gesellschaft entspricht, besteht darin, eine allgemeinverbindliche Moral zu entwickeln, die die Gefühle und das Bewusstsein des gesamten Kollektivs widerspiegelt und vor Übergriffen schützt, denn die Berufsmoral, die der Differenzierung durch Arbeitsteilung entspringt ist zu dezentralisiert, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu garantieren (vgl. Durkheim, 1998).

[...]


1 Der Begriff soziale Frage bezeichnet die sozialen Missstände, die mit der modernen europäischen Bevölkerungsexplosion und der industriellen Revolution einhergingen, dass heißt, die sozialen Begleit- und Folgeprobleme des Übergangs von der Agrar- zur urbanen Industriegesellschaft (vgl. Fonternallez, Reutlinger, 2018) .

2 Heute wird Sozialisation auf verschiedene Weise definiert. Als Beispiel soll hier die Definition von Klaus Hurrelmann genannt werden. Hier wird die Sozialisation gesehen als ein: „[] Prozess, durch den in wechselseitiger Interdependenz, zwischen der biopsychischen Grundstruktur individueller Akteure und ihrer sozialen und physischen Umwelt relativ dauerhafte Wahrnehmungs-, Bewertungs- und Handlungsdispositionen entstehen“ (Hurrelmann, 1991, S. 4)

3 Das Wort Inklusion beschreibt in soziologischem Zusammenhang den Einschluss bzw. die Einbeziehung von Menschen in die Gesellschaft. Der Begriff ist komplementär zu dem der Exklusion; der eine Begriff ist ohne den anderen nicht denkbar (vgl. Sichweh, 2016).

4 Diversität ist ein Synonym in der Soziologie für die Vielfältigkeit und Vielseitigkeit der Individuen in einer sozialen Gruppe (vgl. Gudjons, 2012)

5 Utilitarismus beschreibt eine Position der Ethik, nach der die Handlungen geboten sind, die den größtmöglichen Nutzen für den Betroffenen bieten (vgl. Wörterbuch der philosophischen Begriffe, 2013)

6 Ein Synonym für Unterdrückend (vgl. Duden, 2001)

7 Restituieren bedeutet, Dinge wieder in den Ursprungszustand zu bringen; sie ausbessern (vgl. Duden, 2001)

8 Archaisch meint, aus früherer Zeit stammend; altertümlich (vgl. Duden, 2001)

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Details

Titel
Soziale Arbeitsteilung und Sozialisation bei Emile Durkheim
Untertitel
Im Spannungsfeld von Gesellschaft und Individuum
Hochschule
Universität Koblenz-Landau  (Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Bachelorarbeit
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
48
Katalognummer
V455770
ISBN (eBook)
9783668865389
ISBN (Buch)
9783668865396
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emile Durkheim, Sozialisation, soziale Arbeitsteilung, Moral, Moralerziehung, Individualismus, Kollektivismus
Arbeit zitieren
Johannes Schwarz (Autor), 2018, Soziale Arbeitsteilung und Sozialisation bei Emile Durkheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455770

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