Ängstliche SchülerInnen im Schulsport. Angstbewältigung durch den Sportunterricht, am Beispiel einer Unterrichtseinheit zur Sprunghocke


Examensarbeit, 2018
46 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Angst
2.1 Definition Angst
2.2 Unterscheidung Angst-Ängstlichkeit
2.3 Allgemeine Formen der Angst
2.3.1 Angeborene und erworbene Ängste
2.3.2 Angepasste und unangepasste Ängste
2.3.3 Soziale Ängste
2.4 Ursachen der Angstentstehung
2.4.1 Psychoanalytische Theorie
2.4.2 Behavioristischer Ansatz
2.4.3 Kognitionstheoretischer Ansatz
2.5 Angstsymptome

3 Angst und Angstbewältigung im Sportunterricht
3.1 Sprunghocke
3.2 Spezifische Formen der Angst im Geräteturnen nach Baumann
3.2.1 Die allgemeine Ängstlichkeit
3.2.2 Die Angst durch Orientierungsmangel
3.2.3 Die Angst vor dem Unbekannten
3.2.4 Die Realangst
3.2.5 Die Erwartungsangst
3.3 Spezifische Möglichkeiten zur Angstbewältigung im Sportunterricht
3.3.1 Selbstregulation
3.3.2 Fremdregulation
3.3.3 Angstreduzierung durch Wagniserziehung

4. Schulpraktische Anwendung am Beispiel einer Unterrichtseinheit zur Sprunghocke

5 Resümee
5.1 Zusammenfassung
5.2 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

Ein Fallbeispiel aus dem Sportunterricht einer 5. Klasse:

Tim1 steht vor dem Anlauf zur Sprunghocke über den Bock bereit. Er zögert und schaut verängstigt zur Sportlehrkraft2 herüber. Die Sportlehrkraft steht in Höhe des Bocks und feuert ihn an. Einige Schüler sind bereits gesprungen und der Rest der Klasse wird zunehmend unruhig. Der Schüler nimmt seinen letzten Mut zusammen und läuft an. Kurz vor dem Reutherbrett bricht er seinen Anlauf ab und entschuldigt sich mit den Worten „Ich schaffe das nicht, ich habe Angst!“.

Angst ist eine Emotion, der gewöhnlich eine negative bzw. unangenehme Bedeutung zugeschrieben wird (vgl. Baumann, 1993). Außerdem ist das Empfinden von Angst, wie etwa der vor Versagen oder Verletzung, etwas ganz Gewöhnliches und ebenso in allen Bereichen des Lebens sowie in allen Altersklassen vorzufinden (vgl. Dehne, 2017). Auch in alltäglichen Situationen, in denen objektiv betrachtet keine unmittelbare oder reale Gefahr auf eine Person einwirkt, kann diese Angst verspüren. Was in solchen Situationen als beängstigend bzw. angstauslösend empfunden wird, ist an eine subjektive Einschätzung gebunden (vgl. Dehne, 2017). Angst ist ein Urinstinkt der Menschheit, stellt – nach Hackford (1986) – ein wichtiges Signal für die Gefahrenerkennung dar und besitzt die Funktion, Sicherungsstrategien aufzubauen. Demzufolge lässt sich durch das Empfinden von Angst eine bedrohliche von einer nichtbedrohlichen Situation unterscheiden, damit auftretende Gefahren vermieden werden können. Dennoch oder ggf. auch gerade aus diesem Grund ist der Angstbegriff im Sprach- und Denkgebrauch unserer Gesellschaft häufig negativ besetzt. Angst wird als etwas Schlechtes oder Unangenehmes betrachtet (vgl. Baumann, 1993). Sobald Gefahrenhinweise auftreten, werden Routinehandlungen unterbrochen und das Verhalten ist von Vorsicht geprägt. Erfolgen allerdings unverhältnismäßige Reaktionen auf alltägliche Umweltreize, werden Gefahren zu hoch oder zu niedrig eingeschätzt, so wirkt sich dies ungünstig auf das Leben bzw. den Alltag der Betroffenen aus.

Offensichtlich stellt die eingangs dargestellte Übungssituation für den angsthabenden Schüler eine zu große Bedrohung dar, so dass dieser die Übungsausführung vermeidet. Hat der Schüler nun versagt? Welche methodischen Hilfen zur Angstreduzierung bzw. -überwindung können genutzt werden? Und wie kann die Sportlehrkraft diese Situation pädagogisch wertvoll lösen? Diese und andere Fragen sollen im Laufe der Arbeit aufgearbeitet und beantwortet werden. Die Arbeit widmet sich in diesem Zusammenhang dem einflussreichen Phänomen der Angst während des Sportunterrichts, wobei der Bezug zur turnerischen Sprunghocke im Mittelpunkt steht, da diese, nach einem Artikel der Fachzeitschrift „Sportpraxis“ (2000), anscheinend eine ausgeprägte angstauslösende Wirkung auf Schüler im Sportunterricht besitzt und m.M. nach geeignete Anknüpfungspunkte für Maßnahmen zur Angstüberwindung bietet.

Ziel der Arbeit ist es verschiedene psychologische Ansätze sowie pädagogische Maßnahmen zur Angstüberwindung bei Schülern darzustellen, um dem übergeordneten Ziel des Sportunterrichts, die Förderung von Handlungsfähigkeit, trotz hemmender Angstzustände nachkommen zu können. Im Rahmen dieser Arbeit erhält die Sportlehrkraft hierzu eine pädagogisch sinnvolle Anleitung zum gefahrengerechten Umgang mit der Angst.

Da der Sportunterricht die motorischen, kognitiven und sozialen Kompetenzen sowie die sprachliche, körperliche und emotionale Entwicklung von Schülern fördert (vgl. www.kinderturnstiftung-bw.de), ist es für die Lehrerausbildung von großer Bedeutung, die Sportlehrkräfte mit einer entsprechenden Handlungskompetenz auszustatten, sie beispielsweise in der Wahrnehmung sowie Beurteilung von ängstlichen Schülern zu sensibilisieren. Auf diese Weise können Sportlehrkräfte zielgerichtet und situationsangemessen ängstlichen Schülern helfen und ihnen einen gefahrengerechten Umgang mit Ängsten ermöglichen.

Ursachen, Erscheinungsformen und Auswirkungen von Angst sind äußerst vielseitig und haben im Sportunterricht viele Facetten. Ängste, wie beispielsweise die Angst vor Blamage, vor körperlicher Verletzung oder vor Misserfolg, haben nicht nur einen unmittelbaren Einfluss auf die Leistung im Sportunterricht, sondern wirken sich auch wesentlich auf die Bereitschaft zur längerfristigen sportlichen Betätigung aus (vgl. Hackfort, 1986). Wissenschaftliche Studien belegen den negativen Zusammenhang, der sich aus häufig erlebten Angstzuständen von Schülern im Sportunterricht und dem Grad ihrer Zuwendung zum Tätigkeitsbereich Sport in der Freizeit ergibt (vgl. u.a. Hackfort, 1986; Schack, 1997).

Das Thema dieser Arbeit kann aber vor allem im Hinblick auf die leistungshemmende Wirkung von Angst und deren Auswirkungen für zukünftige Lebenschancen von Interesse sein. Die Leistungsfähigkeit von Schülern stellt in unserem Schulsystem ein entscheidendes Bewertungskriterium für die Note dar und gibt darüber hinaus Auskunft über den Wert des Schülers. In Anbetracht der Tatsache, dass die Schule als zentraler Verteilungsmechanismus von Qualifizierungs- und damit auch von Lebenschancen in der Gesellschaft fungiert, können häufig erlebte Angstzustände zu einer Wertminderung des Schülers in dieser Kausalkette führen. Eine Wertminderung als Resultat schlechter Noten kann so negative Auswirkungen auf die zukünftige Biografie von ängstlichen Schülern haben.

Diese Arbeit beginnt thematisch in Kapitel Zwei mit einer allgemeinen Einführung. Hierzu wird erst einmal eine Begriffsbestimmung von Angst vorgenommen. Diesbezüglich wird ein kurzer Überblick über geläufige sowie relevante Definitionsansätze der Angstforschung gegeben, die dieses Phänomen zu umschreiben versuchen. Außerdem wird eine Unterscheidung zum begriffsverwandten Wort Ängstlichkeit vorgenommen, die einer inhaltlichen Abgrenzung zum üblichen Alltagsverständnis dienen und gleichzeitig Missverständnissen vorbeugen soll. Des Weiteren werden schließlich drei allgemeine Erscheinungsformen der Angst, die Ursachen der Angstentstehung sowie typische Angstsymptome erläutert, so dass ein umfassender Einblick in die Thematik ermöglicht wird.

Um den Bezug zur Schule, insbesondere zum Sportunterricht, herzustellen, findet in Kapitel Drei eine Spezifizierung des Angstphänomens statt. Zunächst wird ein Überblick über die Sprunghocke gegeben, ehe fünf typische Angstdimensionen des Geräteturnens dargestellt werden. Weiterhin wird schließlich anhand zweier Ansätze zur Angstbewältigung aufgezeigt, wie ein konstruktiver und aktiver Umgang mit Ängsten im Sportunterricht erreicht werden kann. Diese Ansätze zielen darauf ab, die Handlungskompetenz von Schülern zu erweitern, Vertrauen aufzubauen sowie die eigenen Grenzen auszuweiten. Weiterführend findet eine inhaltliche Verknüpfung zur Wagniserziehung statt, da sie nach den Rahmenvorgaben für das Fach Sport fester Bestandteil des Lehrplans ist (vgl. MSW NRW, 2014) und das Spannungsverhältnis zwischen einem ängstigenden Wagnis und Sicherheit im sportunterrichtlichen Geschehen zum Ausdruck bringt.

Aufgrund der handlungsregulierenden bzw. leistungshemmenden Eigenschaften der Angst wird in Kapitel Vier der Umgang mit ängstlichen Schülern aus der Sportlehrkraftperspektive thematisiert. Diesbezüglich wird eine Unterrichtseinheit zur turnerischen Sprunghocke exemplarisch vorgestellt.

Abschließend werden die Ergebnisse in Kapitel Fünf zusammengefasst und bewertet. Weiterhin wird ein inhaltlicher Ausblick auf eine mögliche weiterführende Ausarbeitung gegeben.

2 Angst

„Angst ist eine emotionale Reaktion, die subjektiv als unangenehm, in extremen Fällen als quälend empfunden wird und stets von mehr oder minder starken Unlustgefühlen begleitet wird. Der Mensch versucht deshalb, derartige Gefühlszustände zu vermeiden“ (Baumann, 1979, S. 266).

2.1 Definition Angst

Während der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Angst hat sich herausgestellt, dass keine allgemeingültige Definition des Begriffs existiert. Darüber hinaus werden wortverwandte Begriffe wie Furcht, Stress oder Ängstlichkeit aufgrund ihrer semantischen Nähe im alltagssprachlichen Gebrauch häufig als Synonyme verwendet. Abhängig von dem Inhalt, den diese Begriffe beschreiben, „können […] [sie] in ihrer Bedeutung voneinander abweichen, oder aber nahezu synonym verwendet werden“ (Lazarus-Mainka Siebeneick, 2000, S. 11). Die Unterscheidung von Angst und Stress sowie Angst und Furcht soll für die weitere Ausarbeitung jedoch nicht von Interesse sein, da der Nutzen dieser differenzierten Begriffsbetrachtung in der Angstliteratur ebenso kontrovers diskutiert wird wie die Bestimmung von Angst selbst (vgl. ebd.). Aufgrund dieser Tatsache werden im Folgenden einige gängige Definitionsansätze von Angst vorgestellt, ehe im Anschluss der Begriff Angst von Ängstlichkeit unterschieden wird.

Aus sprachwissenschaftlicher Betrachtungsweise leitet sich der Begriff Angst von dem lateinischen Wort angustus ab und bedeutet so viel wie Enge und Bedrängnis (vgl. www.brockhaus.de). Es wurden bisher viele Bemühungen unternommen, dem Begriff Angst eine einheitliche Begriffsbestimmung zuzuschreiben, weswegen in der Literatur eine Vielzahl von Definitionen vorzufinden sind, die die Angst möglichst umfassend zu beschreiben versuchen (vgl. Hackfort, 1986). Dabei betonen einige Wissenschaftler die emotionale Komponente, während andere den Fokus auf die kognitive oder die physiologische Komponente der Angst legen. Allerdings lassen sich in den Begriffsbestimmungen der Autoren eine ganze Reihe von Übereinstimmungen in Bezug auf die Merkmalsbeschreibung von Angst feststellen (vgl. Hackfort Schwenkmezger, 1985).

„Begriffe wie Bedrohung, Ungewissheit, Gefährdung, Unkontrollierbarkeit und Unvorhersehbarkeit tauchen mit geringen inhaltlichen Variationen immer wieder auf“ (ebd., S. 17).

Deren Definition kann auf unterschiedliche Weisen erfolgen:

„Eine der möglichen Ursachen für sehr unterschiedliche Auffassungen zur Definition der Angst […] ist deshalb die Frage, ob Angst im Sinne persönlichkeitstheoretischer Konzepte als hypothetisches Konstrukt bezeichnet werden kann oder der Begriff auf beobachtbare und registrierbare Symptome beschränkt werden soll“ (ebd., S. 8f.).

Rethorst (2006) umschreibt Angst als eine Emotion, die in der Regel objektgerichtet ist. Das heißt, dass man vor etwas, also vor einer Person oder Sache, wie etwa dem Überspringen des Bocks im Sportunterricht, Angst empfinden kann.

Dass Angst einen emotionalen Zustand beschreibt, der subjektiv vorwiegend als negativ empfunden wird, spiegelt sich auch in der folgenden Begriffsbestimmung von Baumann (1993) wider. Ihm zufolge beschreibt Angst einen emotional unangenehmen Zustand, der in der Regel leistungsmindernd wirkt und die Betroffenen dazu drängt, den negativen Gefühlszustand zu vermeiden, zu beenden oder zu umgehen (vgl. ebd.).

In Anlehnung an Sarason (1978) wird im Werk „Angst und Angstkontrolle im Sport“ Angst als „eine kognitive Reaktion, die durch Selbstzweifel, Unzulänglichkeits- und Schuldgefühle gekennzeichnet ist“ (zit. n. Hackfort Schwenkmezger, 1980, S. 15), beschrieben. Sarason zufolge tritt Angst dann auf, „wenn ein Individuum wahrnimmt, dass es einer Herausforderung nicht gerecht wird, eine Handlung nicht zufriedenstellend abschließen kann“ (ebd.).

Umfassender, aber dennoch ähnlich ist schließlich die Definition von Hackfort und Schwenkmezger (1980) selbst. Ihrer Auffassung nach ist Angst:

„eine kognitive, emotionale und körperliche Reaktion auf eine Gefahrensituation bzw. auf die Erwartung einer Gefahren- oder Bedrohungssituation. Als kognitive Merkmale sind subjektive Bewertungsprozesse und auf die eigene Person bezogene Gedanken anzuführen [...] Emotionales Merkmal ist die als unangenehm erlebte Erregung, die sich auch in physiologischen Veränderungen manifestieren und mit Verhaltensänderungen einhergehen kann“ (S. 19).

Das Autorenduo benennt in seiner Begriffsbestimmung ähnliche bzw. übliche Aspekte der Angst, bezieht aber zusätzlich die physiologischen Veränderungen mit ein. Aufgrund der Vollständigkeit sowie Praktikabilität wird im Folgenden diese Definition als Orientierung für diese Arbeit dienen.

2.2 Unterscheidung Angst-Ängstlichkeit

Zu den bereits aufgeführten Begriffsbestimmungen von Angst, existieren noch weitere Begriffsunterscheidungen, die Auskunft darüber geben, ob es sich tatsächlich um Angst handelt. Diese Unterscheidungen dienen einerseits einer deutlichen inhaltlichen Trennung und führen andererseits zu einem besseren Verständnis des Themas. Sie beziehen sich etwa auf die Persönlichkeitsstruktur (Ängstlichkeit) oder beispielsweise auf den Grad der Erkennbarkeit des Angstauslösers (Furcht). Wie bereits zuvor erwähnt, soll die Unterscheidung von Angst und Furcht für die weitere Ausarbeitung jedoch uninteressant bleiben.

In diesem Zusammenhang ist der Ansatz von Spielberger (1966) und dessen Unterteilung in Angst als Zustandsmerkmal (State-Angst) und Ängstlichkeit als Eigenschaftsdisposition (Trait-Angst) von besonderem Interesse (vgl. Schwenkmezger, 1985), denn das Modell beschäftigt sich mit der Unterscheidung von Angst

„als intraindividuell veränderlichen Zustand und Angst als intraindividuell stabiler Disposition sowie der Beziehung zwischen diesen beiden Teilaspekten der Angst“ (ebd., S. 1).

Die State-Angst (im Englischen state anxiety) bezieht sich auf einen aktuellen und zeitlich instabilen Zustand, der als Bedrohung wahrgenommen wird (vgl. ebd.; Hackfort Schwenkmezger, 1985; Lazarus-Mainka Siebeneick, 2000). Die bedrohliche Situation kann dabei „sowohl von Konkretem, wie auch von Vorgestelltem ausgehen“ (Rethorst, 2006, S. 147). Dabei variiert die Zustandsangst

„nach Intensität und Dauer in Abhängigkeit von (1) der Anzahl der auf ein Individuum einwirkenden Stressreize und (2) von der Dauer der subjektiven Bedrohung durch diese Reize“ (Hackfort Schwenkmezger, 1985, S. 16).

Das bedeutet, dass die Zustandsangst einerseits umso intensiver ausfällt, je gefährlicher die Bedrohung vom Subjekt eingeschätzt wird und dass andererseits die Angstreaktion nachlässt, sobald das Individuum sich nicht mehr bedroht fühlt.

Die Trait-Angst (im Englischen trait anxiety) ist hingegen ein relativ zeitstabiles Persönlichkeitsmerkmal, das durch die individuelle Sozialisation erworben wird und das

„Individuum veranlasst, ein breites Spektrum an objektiv wenig gefährlichen und wenig bedrohenden Umständen als Bedrohung wahrzunehmen und entgegen der objektiven Gefahrlosigkeit mit Zustandsangst zu reagieren“ (ebd., S.16.).

Spielbergers Modell entsprechend reagieren Ängstliche mit übersteigerter Angst auf objektiv harmlose Situationen. Im Weiteren zeichnet sich die Trait-Angst dadurch aus, dass Personen mit ausgeprägter Ängstlichkeitsdisposition dazu tendieren, eine höhere Anzahl von zukünftigen Situationen als bedrohlich wahrzunehmen, da in diesem Fall die Eigenschaftsangst an die Angstzustände der Vergangenheit gekoppelt ist (vgl. Schwenkmezger, 1985).

2.3 Allgemeine Formen der Angst

Im Folgenden wird eine Auswahl der Angstformen vorgestellt, die am häufigsten in der Literatur vorzufinden sind und die insbesondere im Sportunterricht zu beobachten sind. Dabei wird sich an den Ausführungen von Baumann (1993) orientiert.

2.3.1 Angeborene und erworbene Ängste

In Anlehnung an Freud (o. J.) „entsteht die Angst als Reaktion des Ichs auf eine Gefahr“ (zit. n. Baumann, 1993, S. 238) und kann grundsätzlich in angeborene oder erworbene Ängste unterteilt werden.

Angeborene Ängste stellen eine Disposition des Menschen dar und sind entwicklungsbiologisch begründet. Diese angeborenen Ängste sind demnach grundsätzlich bei allen Menschen – mit Ausnahme von Personen mit neurologischen Krankheitsbildern – zu beobachten. Baumann (ebd.) konkretisiert die angeborenen Ängste für den Sportunterricht und nimmt dabei folgende Unterteilung vor:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Primäre Angstauslöser (nach Baumann, 1993, S. 239)

Im Gegensatz zu den angeborenen Ängsten stehen die, die im Laufe des Lebens durch Sozialisationsprozesse erworben bzw. erlernt werden. Positiv ist, dass die erworbenen Ängste dementsprechend auch wieder verlernt werden können.

2.3.2 Angepasste und unangepasste Ängste

Angepasste Ängste stellen „konditionierte Angstreaktionen [dar], denen objektiv eine Gefahr entspricht“ (Baumann, 1993, S. 243). Diese Form der Angst zeichnet sich durch wahrnehmbare Gefahrenobjekte aus und ist damit für Angsthabende wie auch für Nichtbetroffene rational (be-)greifbar. Auf den Sportunterricht bezogen kann diese Art der Schutzfunktion etwa durch gefährliche Geräte oder beispielsweise durch zu schwierige Aufgabenstellungen aktiviert werden (vgl. ebd.), die das persönliche Leistungsniveau des Angsthabenden übersteigen. Baumann bezeichnet diese Form der Angst auch als „Realangst“ (ebd., S. 243).

Dem gegenüber stehen die unangepassten Ängste. Baumann umschreibt diese als objektiv unbegründete Ängste, welche sich dadurch auszeichnen, dass keine objektive Bedrohung vorliegt (vgl. ebd.). Beispielhaft sind in diesem Zusammenhang die Versagensängste zu nennen, die aus Sorge darüber entstehen was bei einem Scheitern möglicherweise passieren könnte, da die hohen Erwartungen nicht mehr dem eigenen Können entsprechen und der Angsthabende sein persönliches Leistungsniveau überschritten sieht (vgl. ebd.). Sobald diese unangepassten Versagensängste eine ausgeprägte Zukunftsperspektive besitzen, lassen sich diese auch als Erwartungsängste bezeichnen (vgl. ebd.).

Um als Sportlehrkraft betroffenen Schülern in diesem Kontext angemessen helfen zu können, ist das Erkennen, um welche dieser Angstformen es sich handelt, notwendig. Allerdings bereitet die Unterscheidung zwischen unangepassten und angepassten Ängsten der Sportlehrkraft oft Schwierigkeiten, da hierfür eine fundierte Leistungs- sowie Persönlichkeitseinschätzung der Schüler notwendig ist. Grundsätzlich kann sich die Sportlehrkraft Maßnahmen und Methoden bedienen, die in Kapitel 3.3 noch detaillierter vorgestellt werden, die einerseits zu einer Verbesserung der leistungsgerechten Selbsteinschätzung sowie andererseits zu einer Verringerung der Versagensängste führen. Darüber hinaus kann eine Vereinfachung der Aufgabenstellung ebenfalls helfen.

2.3.3 Soziale Ängste

Soziale Ängste beschreiben die Angst vor dem Verlust, der Abwertung oder der Minderung des gesellschaftlichen Ansehens. Befürchtungen, wie zum Beispiel die Sportlehrkraft oder seine Mannschaftskameraden zu enttäuschen und deren Achtung zu verlieren, können typische soziale Ängste im Sportunterricht darstellen. In „Psychologie im Sport“ heißt es:

„Das Erlebnis, die eigene Identität durch den Verlust oder durch die Trennung existenziell bedeutsamen Personen gefährdet zu sehen, wird als Sozialangst bezeichnet“ (Baumann, 1993, S. 245).

Allerdings tritt diese Form der Angst ebenfalls bei nichtexistenziell-bedeutsamen Personen, wie beispielsweise bei Zuschauern oder den Medien, auf. Soziale Ängste lassen sich auf ein gestörtes Selbstbild zurückführen und können etwa zu Hemmungen führen. Betroffene Schüler besitzen ein negatives Bild von sich, ihrem Körper und ihren Fertig- sowie Fähigkeiten, so dass sie sich nicht in der Lage sehen, die angsteinflößende Situation zufriedenstellend bewältigen zu können und infolgedessen eine Bedrohung ihrer sozialen Identität erwarten, die sie ängstigt. Da betroffene Schüler ergebnis- statt handlungsorientiert agieren, ist es ihnen zwar möglich, die eigene Leistung zu beeinflussen, allerdings können sie nicht kontrollieren, wie das soziale Umfeld auf ihre Leistungen reagiert. Vor diesem Hintergrund ist es vorteilhaft, wenn die Sportlehrkraft mithilfe geeigneter Maßnahmen versucht, das Leistungsvermögen betroffener Schüler von der geglaubten oder der vermeintlichen sozialen Abhängigkeit soweit wie möglich zu lösen (vgl. ebd.).

2.4 Ursachen der Angstentstehung

In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Angstentstehung ist festzustellen, dass kein universeller Erklärungsansatz existiert. Stattdessen sind eine Reihe von Erklärungsansätzen aus den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und unterschiedlichen theoretischen Perspektiven vorzufinden (vgl. Rethorst, 2006). Da einzelnen Theorien für die Beantwortung der Fragestellung dieser Arbeit keine exklusive Relevanz zukommt, werden im Folgenden beispielhaft drei Konzepte zur Angstentstehung vorgestellt. Zudem werden Entstehungsbedingungen nur insoweit aufgedeckt, als dass sie zu einem besseren Verständnis des Problems beitragen können.

Im Folgenden wird zunächst die psychoanalytische Theorie umrissen.

2.4.1 Psychoanalytische Theorie

Zwar gelten Freuds Erklärungen als zentraler Bestandteil der Angstforschung, dennoch weisen beide Angsttheorien in bestimmten Punkten Defizite auf (vgl. Hackfort Schwenkmezger, 1985), da einzelne Annahmen als überholt gelten und zudem empirisch nicht vollständig nachweisbar sind. Aufgrund der Tatsache, dass Freud seine erste Theorie (1923) korrigiert hat, wird diese für den weiteren Verlauf der Arbeit nicht von Interesse sein. Stattdessen wird die korrigierte Angsttheorie, welche 1926 veröffentlicht wurde, dargelegt, die vom Autorenduo Hackfort und Schwenkmezger (1985) als „Signaltheorie der Angst“ (S. 94) bezeichnet wird. Der zufolge ist die Geburt des Menschen für die Entstehung seiner Angst verantwortlich, sie wird als „Primärangst“ (S. 95) bezeichnet. Freuds Überlegungen nach erlebt der Mensch während des Geburtsvorgangs, dem Übergang von der prä- zur postnatalen Umwelt, eine Machtlosigkeit als Reaktion auf die extreme Reizung. Dieses Urerlebnis stellt die Grundlage für alle weiteren Ängste, die sog. Sekundärängste, dar. Freud (1926) klassifiziert die (Sekundär-)Angst in drei Kategorien/Formen:

1. Gewissensangst,
2. Realangst,
3. Neurotische Angst (vgl. Hackford Schwenkmezger, 1985).

Boisen (1975) bezeichnet die Gewissensangst als moralische Angst, in der das Individuum im Konflikt zum Überich steht. Die Realangst stellt die Angst vor äußeren Gefahren dar, so Boisen (ebd.). Das Individuum steht infolgedessen im Konflikt mit der Umwelt. Bei der neurotischen Angst befindet sich das Individuum in einem Konflikt mit dem Es. Das Es symbolisiert in dieser Theorie triebbedingte Impulse (vgl. ebd.).

Anders als noch in seiner ersten Angsttheorie geht Freud nun davon aus, dass Angst die Voraussetzung für Verdrängung darstellt und nicht das Ergebnis von Verdrängung ist. Aufgrund der Hilflosigkeit gegenüber der extremen Reizung, die durch die Geburt und daraus resultierenden Sekundärängsten ausgelöst wurde, entwickelte der Mensch Abwehrmechanismen, wie zum Beispiel verdrängen, leugnen, intellektualisieren u.w., um seine Ängste zu reduzieren (vgl. Hackford Schwenkmezger, 1985).

[...]


1 Aus Gründen der Lesbarkeit wird der fiktive Schüler „Tim“ genannt und zur beispielhaften Andeutung verwendet.

2 Zur Verbesserung der Lesbarkeit werden im Folgenden Personenbezeichnungen in der männlichen Form verwendet. Gemeint sind damit in allen Fällen Frauen und Männer.

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Ängstliche SchülerInnen im Schulsport. Angstbewältigung durch den Sportunterricht, am Beispiel einer Unterrichtseinheit zur Sprunghocke
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal  (Hochschule)
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
46
Katalognummer
V455794
ISBN (eBook)
9783668884069
ISBN (Buch)
9783668884076
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sportunterricht, Angst, Angstbewältigung, Schulsport, Sprunghocke, Schüler, Angstbewältigungsstrategien
Arbeit zitieren
Dominik Eichert (Autor), 2018, Ängstliche SchülerInnen im Schulsport. Angstbewältigung durch den Sportunterricht, am Beispiel einer Unterrichtseinheit zur Sprunghocke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/455794

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