"Le langage des femmes. Enquête linguistique à l’échelle mondiale"

Prämissen – Methoden – Ergebnisse


Hausarbeit, 2006

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 DIALEKTOLOGIE UND SOZIOLINGUISTIK IN DER MITTE DES 20. JAHRHUNDERTS

2 DIE STUDIEN ZUR „LANGAGE DES FEMMES“ VON 1952/53
2.1 Vorbemerkungen und Prämissen
2.2 Methodische Seite
2.3 Darstellung der Ergebnisse

3 SCHLUSSBETRACHTUNG

BIBLIOGRAFIE

1 Dialektologie und Soziolinguistik in der Mitte des 20. Jahrhunderts

Unterscheidet sich die Sprache der Männer von der der Frauen, und wenn ja, worin? Benutzen Frauen ein von ihren männlichen Artgenossen verschie­­denes Vokabular? Und welche Bedeutung kommt Frauen aus sprachwissenschaftlicher Sicht bei der Weitergabe und Veränderung, kurzum, bei der Entwicklung von Sprache zu? Immerhin spricht man im Deutschen von Muttersprache, im Schwedischen von modersmål, im Tschechischen von mateřský jazyk und nicht zuletzt auch im Französischen heißt es langue maternelle.

Um diesen und ähnlichen Fragen in verlässlichem Umfang auf den Grund gehen zu können, fanden und finden auf der ganzen Welt Untersuchungen von Lin­guistinnen und Linguisten statt. Eine der ersten dieser Art „in großem Maß­stab“ (Bierbach 2002: 332) ist die Enquête linguistique à l’échelle mondiale (für sie soll von hier an nur noch kurz Enquête stehen), eine zu Beginn der 1950er Jahre unter dem Haupttitel Le langage des femmes in der Zeitschrift Orbis veröffentlichte Arbeit, die eine Vielzahl der bis dahin vorliegenden Ergebnisse solcher Untersuchungen mitsamt ihren Vorgehensweisen und Problematiken vereint.

In der vorliegenden Arbeit soll diese Untersuchung beleuchtet werden. Der erste Teil ist den an die Umfragen gestellten Ansprüchen gewidmet. Im nächsten Unterkapitel wird über die Methodik der Feldforscher – und es waren tatsächlich nur Männer, die Beiträge zur Enquête für Orbis schrieben – zu sprechen sein. Ergebnisse ausgewählter Untersuchungen werden Thema des dritten Teils sein. Hauptquelle für das Thema bildet die Zeitschrift Orbis, insbesondere die ersten beiden Jahrgänge 1952 und 1953 und da jeweils die mit Le langage des femmes überschriebenen Kapitel. Sekundärliteratur über die Thematik zu finden gestaltet sich als recht kompliziert und beschränkt sich im Wesentlichen auf knappe, überblickartige Erwähnungen in jüngeren Artikeln1.

2 Die Studien zur „langage des femmes“ von 1952/53

Nun sollen einzelne Gesichtspunkte in den Rubriken Prämissen, Untersuchungs­methoden und erzielte Ergebnisse dargestellt werden. Dazu werden exemplarisch einige Forscher herausgegriffen, um explizite Vorgehensweisen der Befragung und Resultate aufzeigen zu können.

2.1 Vorbemerkungen und Prämissen

Noch ehe die Enquête, mit ihren Ergebnissen bestand, fanden schon einzelne linguistische Untersuchungen in verschiedenen Ländern und Regionen statt. Georges Straka nennt dazu zum Beispiel Tory (1529), der aus seinen Untersuchungen folgerte, dass die (heute noch gültige) Aussprache /pεje/ statt /paje/ für payer von Sprecherinnen zuerst und häufiger benutzt wurde. Ferner führt Straka Laurent Chifflet an, der 1659 feststellte, dass französische Sprecherinnen die am lateinischen Ursprung anlehnende Aussprache adversion, Sprecher eher aversion benutzen würden (vgl. Straka 1952: 337). Dieser und den anderen Untersuchungen fehlte jedoch eine Institution, die eine wirkungsvolle Präsentation der erlangten Ergebnisse für eine breite Leserschaft erlaubte.

Die Sprachforscherinnen und Sprachforscher vor dem 20. Jahrhundert hatten sich in erster Linie dem Gebiet der Dialektologie verschrieben. Für sie stellte die Feststellung sprachlicher Unterschiede und „phonetischer Varianten und Entwicklungstendenzen“ (Bierbach/Ellrich 1990: 249) in einzelnen Regionen eines Landes den Hauptgegenstand der Forschung dar. Erst im vergangenen Jahrhundert vollzog sich dabei ein Wandel: Nicht nur zwischen Dialekten wurden Unterschiede deutlich, sondern auch innerhalb eines Dialekts stießen die Forscherinnen und Forscher auf verschiedenartige phonetische und semantische Varianten bei Frauen und Männern: Die „Variable Geschlecht [war] längst ein Problem geworden“ (Bierbach/Ellrich 1990: 249). Es galt also, bei der Befragung der Untersuchungsteilnehmerinnen und -teilnehmer sowie bei der Auswertung von Sprachspezifika bewusst auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Frauen und Männern zu achten.

Federführend bei der Aufbereitung und Veröffentlichung der Langage des femmes – Enquête linguistique à l’échelle mondiale wirkte Sever Pop (1901–1961), gebürtiger Rumäne und Professor an der Katholischen Universität Löwen in Belgien und an der Universität Bukarest. Um dem Bedarf nach einer Institution für dialektologische Forschung nachzukommen, wurde Ende 1951 das Centre Inter­national de Dialectologie Générale gegründet, welches sich als zur Universität Löwen gehört und von ihr getragen wird. Pop selbst beschreibt das Wesen dieses Zentrums als „un centre commun à tous ceux qui s’intéressent à l’étude du langage humain, et spécialement des parlers populaires“ (Pop 1952a: 8). Interessant ist auch, was Pop sich von all diesen linguistischen Untersuchungen erhofft: Mit Hilfe der Sprachwissenschaft möchte er zu einem besseren Verständnis der Völker beitragen, und dies unabhängig von unter politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten gezogenen Grenzen (vgl. Pop 1952a: 8).

Im Jahr 1952 brachte das Centre International de Dialectologie Générale zum ersten Mal die Zeitschrift Orbis mit dem Untertitel bulletin international de documentation linguistique heraus, die sich als ein Forum für linguistische und speziell auch varietätenlinguistische Diskussionen etabliert hat (für alle biografischen Angaben vgl. Goţia 2001). In den ersten beiden Jahrgängen 1952 und 1953 stand die Enquête zur Untersuchung der Sprache der Frauen an der Spitze dieser Zeitschrift.

Vor Erscheinen von Orbis zeichnete sich ab, dass „die Frauen in manchen Untersuchungen als ‚konservativer‘ (…), in anderen als ‚innovativer‘ als Männer – mit gleichen Sozialmerkmalen – erschienen“ (Bierbach/Ellrich 1990: 249). Pop hingegen formulierte in der Einleitung zur Enquête folgendes Grobziel: „Il s’agit surtout de mettre en lumière dans quelle mesure le langage des femmes est conservateur ou innovateur par rapport à celui des hommes“ (Pop 1952b: 10). Der Nachweis über Sprachkonservatismus oder Innovationslust der Sprecherinnen stand also noch aus. Als eines der Teilziele der Enquête beschrieb Pop: „Cette enquête pourrait nous indiquer: […] la situation sociale de la femme“ (Pop 1952b: 10); damit versah er die Untersuchungen auch mit einer soziolinguistischen Komponente. Das Teilgebiet der Soziolinguistik lässt sich somit als ein aus der Dialektologie notwendigerweise entstandener Forschungs­schwerpunkt erklären; ohne sprachgeografische Ergebnisse sind demnach keine verlässlichen Aussagen über Entstehung und Wandel von Sprache möglich. Das stellt auch Pop im Mai 1952 fest:

À présent, plusieurs linguistes ne peuvent plus concevoir une histoire de l’évolution du langage qui ne prenne dûment en considération les don­nées offertes par les études dialectologiques et surtout par une linguis­tique géographique complète et bien établie. (Pop 1952a: 7)

2.2 Methodische Seite

Um es noch einmal herauszuheben: Die Enquête ist keine an mehreren Orten gleichermaßen durchgeführte Umfrage mit einem standardisierten Erhebungsinstrument. Vielmehr wandten unterschiedliche Forscher auch verschiedene Methoden an; dies ist dem Umstand geschuldet, dass jeweils ein anderes dialektologisches oder linguistisches Phänomen von Interesse war. Außerdem waren sie in mehreren Ländern bzw. sprachlichen Gebieten unterwegs: „domaine roman, germanique, grec, baltique, slave, chinois, japonais et mongol“ (Pop 1952b: 10–11).

Erstaunlich ist, in welchem Maße die an der Enquête beteiligten Forscher Frauen in ihre Untersuchung einbeziehen. Nach Christine Bierbach werden Sprecherinnen einerseits auf Grund ihres sozialen Umfeldes – d.h. eingeschränkte Mobilität, Schulbildung und soziale Kontakte – bevorzugt für die Untersuchung regionaler Mundarten herangezogen. Andere sehen in der (vermuteten!) Tatsache, dass Frauen sich wegen ebendieses eingeschränkten Handlungsspielraums durch „typisch weibliche“ Eigenarten wie störende Emotionalität, Kommunikationsbarrieren und Mangel an Sachkenntnis aus­zeichnen, ein so großes Problem, dass sie sie von vornherein von allen Untersuchungen ausschließen (vgl. Bierbach 2002: 332–333); Ausführlicheres dazu findet sich auf Seite 9.

Der Katalog an angewandeten Methoden umfasst unter anderem Fragebögen, Interviews, Beobachtungen bei „gewöhnlichen“ Gesprächs­situationen, Audio- und Videoaufzeichnungen sowie Palatogramme, also die grafische Darstellung der Berührfläche zwischen Zunge und Mundhöhle. Die letztgenannte Methode wird insbesondere dann angewandt, wenn physiologische Erscheinungen bei der Bildung von Lauten untersucht werden sollen. Georges Straka benutze Palatogramme beispielsweise bei der Untersuchung der Aussprache des palatalen Nasals [ɲ] in agneau bei Männern und Frauen.2 Als vereinfachte Methode beim selben Untersuchungsgegenstand beschreibt er in einer Fußnote: „Il suffit de blanchir le palais avec du talc dissous dans l’eau; si l’occlusion […] n’est pas complète, la trace blanche qui, après l’articulation, apparaît sur le dos de la langue, est au milieu interrompue“ (Straka 1952: 345).

Neben dieser Erforschung der Vorgänge, die sich im Innern des Mundes abspielen, ist bei Straka auch das Lippenspiel von Interesse, das sich seiner Ansicht nach auf zwei Arten feststellen lässt: „en observant directement le jeu des lèvres“ einerseits und „à l’aide de la cinématographie à grande vitesse […] de 64 images à la seconde“ (Straka 1952: 347) auf der anderen Seite. Zudem bemerkte Straka im Zuge seine Beobachtungen: „les jeunes filles divisent les phrases en moins de groupes rythmiques que les jeunes gens“ (Straka 1952: 352). Mit diesen rhythmischen Gruppen meint er ein leichtes Ansteigen der Tonhöhe beim Sprechen sowie eine sehr kurze Pause; beides muss jedoch nicht notwendigerweise eintreten. Diesen Umstand erklärt Straka mit der Tatsache, dass die Akzentuierung, also Betonung von Wörtern im Satzgefüge, im Französischen relativ schwach ausgeprägt sei (vgl. Straka 1952: 351). Zur Festigung dieser Vermutung sollten sie Probandinnen und Probanden einen geschlossenen Text vorlesen, was auf Band aufgenommen wurde. Die mit der Auswertung Beauftragten zeichneten zum Zwecke des Vergleiches für alle Aufnahmen die wahrgenommenen rhythmischen Gruppen in den Text ein. Fast einheitlich für alle Getesteten stellte Straka fest: „[ce sont des] groupes rythmiques plus moins et moins nombreux chez des sujets féminins, plus courts et plus nombreux chez des sujets masculins“ (Straka 1952: 351).

Im Zusammenhang mit der angewandten Methodik ist eine nähere Betrachtung der Vorgehensweise von Antoni Badía i Margarit von der Universität Barcelona lohnenswert. In seinem Beitrag Note sur le langage des femmes et la méthode d’enquête dialectologique in Orbis schreibt er in Bezug auf seine ersten dialektologischen Untersuchungen aus dem Jahr 1944 tatsächlich: „J’évitais systématiquement […] l’utilisation des femmes comme sujets d’enquête.“ (Badía 1952: 15) Die betreffende Untersuchung fand zwar unter dem Gesichtspunkt von Dialekten statt und hat mit der Enquête nur bedingt etwas zu tun; wenigstens aber lässt sich daran feststellen, dass Badía die Besonderheiten der Sprecherinnen, die sich bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Dialekten ergeben, wohl lange nicht erkannt hat bzw. nicht erkennen konnte. Gleichwohl räumt er ein, dass er seine Vorgehensweise später widerrufen musste, als er nämlich in Spanien nahe der französischen Grenze Forschungen zum Dialekt im Tal von Bielsa anstellte und dabei auf zwei ältere Menschen traf, von denen „la femme fut incalculablement supérieure à l’homme en tant que sujet informateur“ (Badía 1952: 17). Diese Frau nämlich erwies sich als ausgesprochen informativ in Bezug auf den Dialekt belsetán: „elle rappelait beau¬coup d’élé¬ments dialectaux de temps échus“ (ebd.). Als allgemein angewandtes methodisches Instrument nennt der Autor das Herstel-len von Gesprächssituationen, in denen sich die Unterhaltenden in einer ungezwungenen Atmosphäre bewegen konnten. Zwar existierte ein vorbereiteter Fragebogen, jedoch trat dieser in den Hintergrund, als sich natürliche Gespräche unter den Spanierinnen und Spaniern entwickelten; Gesprächsthemen waren u. a. die Arbeit auf dem Feld, Bäume, Tiere, Krankheiten (vgl. Badía 1952: 16).

[...]


1 Vgl. dazu die Seiten 332f. in Bierbach 2002 und 249f. in Bierbach/Ellrich 1990.

2 Vgl. dazu die abgebildeten Palatogramme auf den Seiten 341 und 343f. in Straka 1952.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
"Le langage des femmes. Enquête linguistique à l’échelle mondiale"
Untertitel
Prämissen – Methoden – Ergebnisse
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
13
Katalognummer
V456057
ISBN (eBook)
9783668885158
ISBN (Buch)
9783668885165
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauensprache, Sprachatlas, Gender, Dialektologie, Badia, Pop, Straka
Arbeit zitieren
René Dietzsch (Autor), 2006, "Le langage des femmes. Enquête linguistique à l’échelle mondiale", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456057

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