Der Wandel des französischen Deutschlandbildes während des 19. Jahrhunderts


Hausarbeit, 2007

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Wandel des französischen Deutschlandbildes während des langen 19. Jahrhunderts
2.1.Historische Grundlagen für die deutsch-französische Wahrnehmung
2.2.Manifestierung eines Bildes vom Nachbarn: Mme de Staëls De I’Allemagne
2.3.Frankreichs wechselnde Sicht auf Deutschland

3.Schlussbetrachtung

Bibliografie

1. Einleitung

In einem Europa, das schon über Jahrzehnte und Jahrhunderte nach Einheit und Einheitlichkeit strebte und strebt, lohnt es sich selbstverständlich für jeden partizipierenden Staat, einen neugierigen, kritischen oder auch ehrfürchtigen Blick auf die Nachbarstaaten zu werfen, natürlich insbesondere dann, wenn die eigenen Landesgrenzen betroffen sind. Es geht darum, Vorhaben gemeinsam zu planen und umzusetzen, Kräfte zu bündeln, einander kennen zu lernen und voneinander zu lernen. Die Perzeption, die Wahrnehmung des anderen, spielt dabei eine gewichtige Rolle. In dieser Arbeit soll der Blick Frankreichs auf Deutschland untersucht werden, im Besonderen dessen Entwicklung im Laufe des 19. Jahrhunderts.

Nun haben zwar Deutschland und Frankreich – verglichen mit den jeweiligen Nachbarstaaten – keine sonderlich große gemeinsame Grenze (Spanien, Belgien, die Schweiz und Italien haben je für sich eine größere Grenzlinie mit Frankreich als Deutschland), aber das Verhältnis zwischen den beiden Staaten ist im europäischen Kontext von besonderem Belang. Im ersten Teil dieser Arbeit soll ein faktischer Überblick derjenigen historischen Hintergründe und Ereignisse gegeben werden, die für das Verständnis des französischen Deutschlandbildes in seinem Wandel von Bedeutung sind.

Thema des zweiten Teils wird das Buch De l’Allemagne von Baronin Ger­maine de Staël aus dem Jahr 1813 sein. Die darin enthaltenen Sichtweisen haben eine herausragende und federführende Bedeutung bei der Ausformung und Festigung der französischen Denkweise über das deutsche Volk. Es soll zusammen­fassend dargestellt werden, welches Bild die Autorin vom Nachbarland Deutschland gezeichnet hat: Nach welchen Kriterien beurteilte sie die Bewohner Deutschlands und welche Eigenschaften sprach sie ihnen zu und welche ab?

Der Wandel, der sich während des 19. Jahrhunderts hinsichtlich der Sichtweise der Franzosen auf die Deutschen vollzogen hat, soll unter Bezugnahme auf die historischen Gegebenheiten im dritten Teil der Arbeit dargestellt werden. Es stellt sich im Besonderen die Frage, wie die Bewunderung und Romantisierung Deutschlands seitens Frankreichs zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Frustration und Hass gegen dessen Ende umschlugen. Die Antwort auf diese Frage liegt ganz offensichtlich in den geschichtlichen Ereignissen begründet. Es soll die Qualität der Ausprägung positiver und negativer Gefühle seitens Frankreichs bis zum Kriegsbeginn 1914 illustriert werden.

Zum einen soll sich dabei auf den zweiteiligen Aufsatz von Klaus Heitmann, Professor an der Philipps-Universität Marburg, berufen werden, der 1966 unter dem Namen »Das französische Deutschlandbild in seiner Entwicklung« in der Zeitschrift Sociologia Internationalis veröffentlicht worden ist. Andererseits dienen Joseph Jurts Ausführungen zum französischen Deutschlandbild in Deutschlandbilder im Spiegel anderer Nationen als Quelle. Der geschichtliche Überblick zu Beginn dieser Arbeit soll anhand allgemein bekannter Fakten aus der europäischen Geschichte bewerkstelligt und an geeigneter Stelle mit Hilfe von Jürgen Kockas Band zum Handbuch der deutschen Geschichte bereichert werden. Schließ­lich wird Germaine de Staëls De l’Allemagne (Über Deutschland) einige Einblicke in das von ihr eingefangene und tradierte Deutschenbild in Frankreich bieten.

2.Der Wandel des französischen Deutschlandbildes während des langen 19. Jahrhunderts

2.1.Historische Grundlagen für die deutsch-französische Wahrnehmung

Die lange gemeinsame Geschichte der beiden Staaten Deutschland und Frankreich, die »mit dem Zerfall des Imperiums Karls des Großen« (Heitmann 1966: 73) ihren Anfang nahm – 843 im Vertrag von Verdun festgeschrieben –, soll an dieser Stelle nicht von Beginn an dargestellt werden. Vielmehr sollen die historischen Ereignisse, die das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland mehr oder minder stark prägen, kurz dargestellt werden.

Das 19. Jahrhundert wird – so auch von Jürgen Kocka – entgegen der übli­chen Kalenderzählung bisweilen zwischen 1789, also dem Beginn der Französischen Revolution, und 1914 oder 1918, dem Ausbruch bzw. Ende des Ersten Weltkrieges, angesiedelt. In diesem Zusammenhang ist auch vom ›langen 19. Jahrhundert‹ die Rede.

Über Jahrzehnte haben sich im 18. Jahrhundert in Frankreich die gesellschaftlichen, politischen und finanziellen Missstände vertieft. Im Mai 1789 treten die Generalstände in Versailles zusammen, am 14. Juli 1789 entlädt sich die im Bürgertum und beim Bauernstand entstandene Spannung mit der prise de la Bastille – die Französische Revolution bricht aus. Die partielle Emigration des Schwertadels und die Entstehung eines Volksheeres sind nur zwei der Folgen. Die Verfassung, die die Nationalversammlung 1791 annimmt, stellt in Frankreich die konstitutionelle Monarchie her. Am 21. Oktober 1792 wird vom Nationalkonvent die Erste Republik ausgerufen – in Frankreich lebt eine starke Form neuen Nationalbewusstseins auf. Die Jakobiner übernehmen für ein Jahr, von Juni 1793 bis Juli 1794, die brutale, diktatorische Herrschaft über das Land. Es folgt die Regierungszeit der Direktorialverfassung. Mit der Ernennung Napoléon Bonapartes zum Ersten Konsul wird die Révolu­tion française am 10. November 1799 beendet.

Frankreich besetzt linksrheinische Gebiete des Deutschen Reiches, dies 1801 formal an Frankreich abgetreten werden. Napoléon wird 1802 Konsul auf Lebenszeit, 1804 krönt er sich zum Empereur des Français. In dieser Funktion erwirkt er die Gründung des Rheinbundes 1806 als Puffer zum östlichen Europa und zwingt Kaiser Franz II. seine Krone niederzulegen. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation auflöst. Im selben Jahr stößt Napoléon nach Osten vor, erobert und besetzt Preußen. Der Widerstand in Deutschland gegen die napoleonische Fremdherrschaft scheitert in den folgenden Jahren noch am unzureichend und nicht flächendeckend ausgebildeten Nationengefühl der Deutschen: »Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts läßt sich […] von einem Nationalstaat in Deutschland […] nicht sprechen« (Kocka 2001: 84). Jedoch stärken die deutschen Romantiker die nationale Sehnsucht nach einem Reich. Napoléons Bestrebungen nach Vormacht­stellung auf dem eurasischen Doppelkontinent scheitern zuletzt mit dem miss­lungenen Feldzug gegen Russland. Jetzt entwickelt sich der Freiheitsgedanke in Deutschland; König Friedrich Wilhelm III. von Preußen ruft am 17. März 1813 sein Volk zum Befreiungskampf gegen Frankreich auf:

Wir erlagen unter der Uebermacht Frankreichs. Der Frieden, der die Hälfte Meiner Unterthanen mit entriß, gab uns seine Segnungen nicht; denn er schlug uns tiefere Wunden als selbst der Krieg. […] Es ist der letzte, entscheidende Kampf, den wir bestehen, für unsere Existenz, unsere Unabhängigkeit, unsern Wohlstand. (Meyer 1858: 147–149)

In der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 gelingt der Sieg der Russen, Österreicher und Preußen gegen Frankreich und dessen Verbündete. Nach der Niederlage bei Waterloo 1815 muss Napoléon endgültig abdanken. Der Wiener Kongress 1814/15 ordnet Europa neu – Frankreich wird in die Grenzen von 1792 zurückgewiesen, was von den Franzosen wegen des Verlusts des Saargebiets als Demütigung empfunden wird, und der Deutsche Bund entsteht. Jürgen Kocka entdeckt folgendes, diesem historischen Konsens innewohnendes Problem:

1814/15 [gelang es], eine europäische Friedensordnung zu etablieren, die nicht auf dem Nationalstaatsprinzip gegründet war, sondern sich gegen die nationalen […] Bewegungen stemmte, wie sie mit der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen in die Welt getreten waren. […] Diese […] Ordnung […] wurde punktuell immer wieder […], aber im ganzen nicht nachhaltig in Frage gestellt, bis sie im dritten Viertel des Jahrhunderts durch Kriege und die Nationalstaatsgründung in Italien und Deutschland im Kern verändert wurde. (Kocka 2001: 96)

Als 1830 in Paris die Julirevolution ausbricht, kommt es in einigen deutschen Ländern zu Erhebungen. Ein Gefühl der Selbstbehauptung und des Selbstbewusstseins wird wach: »Von den 1840er Jahren bis in die 1870er Jahre reichte die Phase der deutschen Nationalstaatsgründung« (Kocka 2001: 85). Mit der Februar-Revolution in Paris wird 1848 die Zweite Republik mit Louis Napoléon Bonaparte als Präsidenten proklamiert. In Deutschland tagt im Mai die verfassungsgebende Nationalversammlung während der Märzrevolution – sie scheitert jedoch. 1852 wird der französische Präsident als Napoléon III. zum Kaiser der Franzosen, dessen Ziel die vollständige Wiederherstellung der französischen Hegemonie auf Kosten Deutschlands, besonders Preußens ist. Als Preußen und Österreich 1866 ihre gegensätzlichen machtpolitischen Interessen im Preußisch-Österreichischen Krieg ausfechten, gewinnt Preußen und löst den Deutschen Bund auf.

Nach Gründung des Norddeutschen Bundes im Jahr 1867 durch Preußen findet 1870/71 der entscheidende Deutsch-Französische Krieg statt. Die Proklamation Wilhelms I. zum Deutschen Kaiser im Februar 1871 in Versailles wird von Frankreich als unendlich große Beleidigung und Schmach empfunden: Der »Aufstieg Deutschlands [verband sich] mit dem Niedergang des eigenen Landes« (Jurt 2003: 78). Durch den Verlust Elsass-Lothringens und Reparationsforderungen in Milliardenhöhe wird dieses Hassgefühl gegenüber dem Deutschen Kaiserreich noch gemehrt. Die Jahre danach sind geprägt von gegenseitiger Feindschaft. Deutschlands verspätete Aktivität als Imperialist wird von den anderen Kolonialmächten, auch Frankreich, als störend wahrgenommen. Während der Ersten Marokkokrise 1905/06 widersetzt sich das Deutsche Reich der französischen Einfluss­nahme in Marokko. Als Frankreich 1911 dort zu den Waffen greift, protestiert Deutschland erneut und verlangt im Rahmen der Zweite Marokkokrise von Frankreich einige seiner Kolonien an Deutschland abzutreten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Wandel des französischen Deutschlandbildes während des 19. Jahrhunderts
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V456059
ISBN (eBook)
9783668882515
ISBN (Buch)
9783668882522
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutschlandbild, deutsch-französische Beziehungen, Erbfeindschaft, Versailler Vertrag, Madame de Stael
Arbeit zitieren
René Dietzsch (Autor), 2007, Der Wandel des französischen Deutschlandbildes während des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456059

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