Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, eine Verbindung zwischen dem Protagonisten des 'Untertan' und der typologischen Einordnung des autoritären Charakters als sado-masochistische Persönlichkeit im Sinne Erich Fromms herzustellen. Anhand ausgewählter Belege sollen die sado-masochistischen Komponenten in der Persönlichkeitsstruktur Diederich Heßlings skizziert und im Hinblick auf die von der Forschung ermittelten Kriterien des autoritären Syndroms betrachtet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Zielbestimmung
2. Die von Diederich Heßling masochistisch erfahrene Macht
2.1 Der Begriff der Macht und seine Entwicklung im Bewußtsein Diederich Heálings
2.2 Die Ambivalenz im Verhältnis Diederich Heßlings zur Macht
3. Diederich Heßlings Identifikation mit der Macht
3.1 Grundstrukturen des Identifikationsprozesses
3.2 Die Identifikation mit der die Macht repräsentierenden Körperschaft
3.3 Von der Imitation zur Identifikation mit dem obersten Machthaber
4. Die von Diederich Heßling sadistisch vertretene Macht
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Protagonisten Diederich Heßling aus Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ unter Rückgriff auf Erich Fromms Konzept des autoritären Charakters. Ziel ist es, die sado-masochistische Persönlichkeitsstruktur Heßlings zu skizzieren und seine Entwicklung von der masochistischen Unterwerfung unter Autoritäten bis hin zur sadistischen Machtausübung im Sinne des autoritären Syndroms zu analysieren.
- Analyse der sado-masochistischen Persönlichkeitsstruktur nach Erich Fromm
- Die Entwicklung des Machtbegriffs im Bewusstsein des Protagonisten
- Der Identifikationsprozess mit Machtinstanzen wie Familie, Schule und Staat
- Die psychologische Dialektik von masochistischer Unterordnung und sadistischer Aggression
- Die Legitimationsstrategien für sadistisches Verhalten gegenüber sozial schwächeren Gruppen
Auszug aus dem Buch
3.1 Grundstrukturen des Identifikationsprozesses:
Bei dem Prozeß, der vom rein passiven Erleiden der Macht zur aktiven Identifikation mit ihr und ihren 'Repräsentanten' führt, handelt es sich um ein Bindeglied zwischen den masochistischen und sadistischen Komponenten im autoritären Charakter. Er beinhaltet einerseits das Bedürfnis des autoritären Individuums, "unter Preisgabe der Individualität der eigenen Persönlichkeit und unter Verzicht auf eigenes Glück das Individuum an die Macht hinzugeben, sich in ihr gleichsam aufzulösen und in dieser Hingabe [...] Lust und Befriedigung zu finden", die der masochistischen Komponente seines Wesens entspringen. Gleichzeitig bietet jedoch eine solche Aufgabe der eigenen Individualität und ihre Hingabe an die Macht "einen Ersatz für die Unmöglichkeit, die Wünsche nach Grösse und Macht in der Realität zu befriedigen. Das Aufgehen im Grösseren, Stärkeren bedeutet ja nicht nur ein Aufgeben der eignen, sondern das Teilhaben an einer machtvollen überragenden Persönlichkeit. Indem man sich ihr hingibt, wird man selbst ihres Glanzes und ihrer Macht teilhaftig."
Von dieser zunächst passiven Teilhabe an der Macht führt nur noch ein kleiner Schritt bis zu ihrer aktiven Ausübung im Namen ihres jeweiligen Repräsentanten oder der sie repräsentierenden Körperschaft, die von den sadistischen Komponenten des autoritären Charakters bestimmt wird. Im folgenden soll die Entwicklung Diederich Heßlings von der zunächst rein masochistischen Aufgabe seiner eigenen Persönlichkeit bis zur Identifikation mit dem obersten Repräsentanten der Macht skizziert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zielbestimmung: Die Arbeit definiert die Einordnung Diederich Heßlings als sado-masochistische Persönlichkeit nach Fromm als zentrales Forschungsziel.
2. Die von Diederich Heßling masochistisch erfahrene Macht: Dieses Kapitel beleuchtet die väterliche Unterdrückung als Ursprung von Heßlings masochistischem Unterwerfungstrieb und dessen ambivalentem Verhältnis zu Autoritäten.
3. Diederich Heßlings Identifikation mit der Macht: Der Fokus liegt auf dem psychologischen Prozess, durch den Heßling seine eigene Identität zugunsten einer Verschmelzung mit Machtinstanzen aufgibt.
4. Die von Diederich Heßling sadistisch vertretene Macht: Hier wird analysiert, wie Heßling die erlittene Gewalt durch sadistisches Handeln gegenüber Schwächeren kompensiert und legitimiert.
5. Schlussbemerkung: Das Fazit bestätigt die Relevanz der literarischen Figur als präzise Analyse des autoritären Charakters im Kontext der deutschen Geschichte.
Schlüsselwörter
Heinrich Mann, Der Untertan, Diederich Heßling, autoritärer Charakter, Erich Fromm, sado-masochistisch, Machtstruktur, Identifikation, Unterwerfung, Sadismus, Masochismus, Sozialisation, Autorität, Persönlichkeitsstruktur, Deutschland.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht Diederich Heßling, die Hauptfigur aus Heinrich Manns Roman „Der Untertan“, als Fallbeispiel für einen autoritären Charakter.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die psychologischen Dynamiken von Macht, die Rolle des Masochismus in der Erziehung, Identifikationsprozesse mit Institutionen sowie die Rechtfertigung von Sadismus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, Heßlings Persönlichkeitsstruktur mithilfe von Erich Fromms Theorie des sado-masochistischen Charakters typologisch einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die sozialpsychologische Theorien auf eine fiktionale Romanfigur anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die masochistische Sozialisation durch den Vater und Schule, die schrittweise Identifikation mit Machtinstanzen und die darauffolgende sadistische Ausübung von Macht.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die wichtigsten Schlagworte sind autoritärer Charakter, sado-masochistische Persönlichkeit, Machtmechanismen, Unterordnung und Persönlichkeitsverlust.
Wie begründet die Arbeit den Übergang von Masochismus zu Sadismus bei Heßling?
Der Autor argumentiert, dass der Unterdrückungsdruck, der ursprünglich masochistisch verarbeitet wird, sich als sadistisches Ventil auf Fremdgruppen entlädt, sobald Heßling sich mit der Macht identifiziert.
Welche Rolle spielt die „Körperschaft“ bei Diederich Heßling?
Körperschaften wie die Studentenverbindung ‚Neuteutonia‘ bieten Heßling eine Struktur, in der er seine eigene Individualität auflösen und im Glanz des Kollektivs ein Gefühl von Macht und Sicherheit gewinnen kann.
- Quote paper
- Jörg Erdmann (Author), 1994, Zu: Heinrich Mann - 'Der Untertan', Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45606