Schwarze Pädagogik. Diskussion über chinesische Erziehung und Bildung


Hausarbeit, 2018

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung:

2 Theoretische Grundlage und historischer Hintergrund der Schwarzen Pädagogik

3 Amy Chua: „Die Mutter des Erfolgs“
3.1 Erziehungsstil und Erziehungsmethoden von Amy Chua
3.2 Mögliche Missverständnisse und Streotypen

4 Erziehung und Bildung in China
4.1 Einfluss der chinesichen traditionellen Kultur auf Werte und Normen der modernen Gesellschaft in China
4.2 Standardsituation des Bildungssystems in China
4.3 Erziehungsziele und –methoden

5 Diskussion

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung:

Sozialisation und Erziehung markieren einen Übergang von der biologisch-genetischen zur kulturellen Evolution. Mit Erziehung werden die gesellschaftliche Reproduktion und Kohäsion, die Integration, aber auch die individuelle Entwicklung gesichert. Die Erzogenen übernehmen gesetzte Normen, Wertvorstellungen und andere Orientierungen sowie Handlungsmuster des Erziehenden. Die Frage, welche Erziehungsmethoden in diesem Prozess verwendet werden sollen, wird oft zur Diskussion gebracht. Wissen wir überhaupt, wie ein Kind sein soll? Rigide Erziehungsstile, eiserne Konsequenzen in der Erziehung sowie prügelnde Eltern spielen in der Diskussion eine Rolle. In diesem Artikel wird zunächst der Begriff Schwarze Pädagogik erörtert, den Katharina Rutschky geprägt hat. Auch werden einige theoretische Grundannahmen oder auch Grundlagen früherer Zeit vorgestellt. Anschließend werden die Autorin Amy Chua und ihr Buch „Die Mutter des Erfolgs“ vorgestellt; Chua spricht viel über chinesische Mütter und chinesische Erziehungsmethoden. Zum Schluss sollen das chinesische Erziehungskonzept, das aktuelle Bildungssystem und die Erziehungsziele und Erziehungsmethoden in China betrachtet und dahingehend diskutiert werden, ob wir hier von Schwarzer Pädagogik im Sinne Rutschkys sprechen können.

2 Theoretische Grundlage und historischer Hintergrund der Schwarzen Pädagogik

Der Begriff „Schwarze Pädagogik“ gilt heute als negativ konnotierter Sammelbegriff für Erziehungsmethoden, die Gewalt, Einschüchterung und/oder bedingungslosen Gehorsam des Zöglings als Mittel der erzieherischen Beeinflussung beinhalten (vgl. Rutschky, K., 1977). Rutschkys Blick richtet sich auf die Schattenseiten der Pädagogik: die Unterwerfung des Kindes, die Beugung seines Willens, die Unterdrückung seiner Bedürfnisse. Rutschky spricht von der Triebangst und der Über-Ich-Angst des Erziehers, mit denen er in seiner erzieherischen Tätigkeit konfrontiert wird. In dieser schlecht bewältigten Angst des Erziehers sieht Rutschky die Motivation des Schwarzen Pädagogen begründet, Kinder mit versteckten und offenen Agressionen und Grausamkeiten zu begegnen (vgl. Stechow, 2010, S. 138). Die hier genannte Angst ist keine reale Angst des Erziehers vor dem schwachen und unterlegenen Kind, sondern seine innere Angst, die Angst vor der Stärke seiner eigenen unterdrückten und verbotenen Leidenschaften einerseits und der Angst, „den Geboten der verinnerlichten Autoritäten nicht gehorsam zu sein“ (Rutschky 1988, S. LXII). Wie Rutschky in ihrem Buch „Schwarze Pädagogik“ beschrieben hat, gelten Schmerz und Strafe als „natürliche Erziehungsmittel“ (vgl. Rutschky, 1988) gegenüber Liebe und Lob. Lückenlose Zietordnungen, Drill, Abrichtung und Gehorsam sind die Standarderziehungsmittel. Für die „Schwarze Pädagogik“ ist kennzeichnend, dass die Kinder dem Willen des Erziehers unterworfen werden. In den subtilen Formen der Unterwerfung sollten die Kinder möglichst nicht merken, dass ihnen ihr Willen genommen wurde, und vor allem durften sie die Erwachsenen, die Gehorsam oft mit strengen Strafen ahndeten, dafür nicht hassen, sondern sollten sie lieben lernen. Wie die Psychoanalytikerin Alice Miller betont, „nicht merken“ heißt, nicht wahrnehmen und vor allem später nicht erinnern sollen. Wenn Kinder als Bestrafung „schlechten“ Verhaltens geschlagen werden, dann sollten sie zugleich den Sinn der Strafe einsehen und gutheißen. Kinder sollten davon überzeugt werden, dass das, was ihnen weh tut, nur zu ihrem Besten geschieht. Der erzieherische Zugriff auf das Kind wird von Rutschky als „Erziehung als totale Institution“ umschrieben; dies bedeutet die unaufhörliche Einwirkung auf den kindlichen Körper (wie das Kind zu sitzen, zu gehen, zu grüßen hat) sowie den expansiven Zugriff auf die Zeit des Kindes. Foucault hat sich mit diesem Thema beschäftigt und die Abrichtung sowie Stilllegung des kindlichen Körpers, die Verortung des Kindes in neuen Raumordnungen sowie die zeitliche Disziplinierung des Kindes als Kontroll- und Disziplinierungstechniken beschrieben, die der Herstellung eines abgerichteten Normal-Individuums dienen sollen (Foucault 1994, S. 173 ff.).

Der Begriff „ Schwarze Pädagogik“ ist typisch für die Erziehungs- und Gesellschaftskritik im 18. und 19. Jahrhundert. Die Begründungen, warum die Kinder die Verhaltensanweisungen der Erzieher befolgen sollen, unterscheiden sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch deutlich von den rationalen Begründungen der Gegenwart (Stechow, 2010, S. 137). Die Todesordnung spielt eine Rolle zwischen Fremd- und Selbstdisziplinierung. Eine warnende Geschichte zeigt dem Kind, welche Folgen unerlaubtes Tun nach sich zieht. Diese warnenden Geschichte führt fast immer zu dem Tod des Kindes. Zum Beispiel endet eine Flucht aus den neuen räumlichen Begrenzungen mit dem Tod des Kindes. Nach Stechow verschwinden die Todesordnungen genau wie ihre rohe Gewalt im Laufe des 19. Jahrhunderts zugunsten hygienischer, gesundheitlicher und sicherheitbezogener Begründungen. Die Ausbildung des Über-Ichs wird als gesellschaftliche Notwendigkeit beschrieben, die das Zusammenleben der Individuen in komplexen und unübersichtlichen modernen Gesellschaften ermöglicht (Stechow, 2010). Hier kann mit der Todesordnung von der allmählichen Ausbildung eines stabilen Über-Ichs gesprochen werden. Im Schulalltag des 19. Jahrhunderts wurde die Bestrafung zum wichtigsten pädagogischen Mittel und ausgiebig öffentlich diskutiert. Anhand biographischer Studien wies Alice Miller nach, dass Kinder, die in einem gewalttätigen Prozess Gehorsam gegenüber Autoritäten gelernt hatten, selber als Erwachsene die an ihnen verübte Gewalt verklären (Kuhlmann, 2013, S. 84). Eine Ursache hierfür liegt darin, dass sie ihre Eltern und andere Autoritäten nicht hassen dürfen und es manchmal aufgrund ihrer emotionalen Abhängigkeit auch nicht können. Die Kinder sind von der Fürsorge und Liebe ihrer Eltern bedingungslos abhängig und können es sich daher nicht „leisten“, sie zu hassen. Sie verdrängen ihre negativen Gefühle, spalten sie ab und geben sie später unbewusst weiter. Kinder, die in einer solchen Atmosphäre aufwachsen, werden später häufig selbst ihre Kinder misshandeln, da sie den angestauten Druck nur an dieser Stelle herauslassen können. So wird die „Schwarze Pädagogik“ entwickelt und in einen möglichen Teufelskreis geraten.

3 Amy Chua: „Die Mutter des Erfolgs“

Amy Chua ist eine US-amerikanische Hochschullehrerin, Juristin und Publizistin. Einer breiteren Öffentlichkeit inner- und außerhalb der Vereinigten Staaten wurde sie durch das Buch „ Battle Hymn of the Tiger Mother“ (deutsch: Die Mutter des Erfolgs) bekannt, in dem sie über ihre persönlichen Erfahrungen mit einem kompromisslosen „asiatischen“ oder auch „chinesischen“ Erziehungsstil berichtet. Das amerikanische Original hatte in der Öffentlichkeit einen Erregungsorkan ausgelöst. Jetzt diskutieren die deutschen Medien seit Jahren über den chinesischen Drill und die westliche Kuschelpädagogik. Chinesische Erziehungsziele sowie Erziehungsmethoden sind in das Zentrum des Diskussionsorkans gerückt.

3.1 Erziehungsstil und Erziehungsmethoden von Amy Chua

In diesem Buch wird Amy Chua als eine strenge, zielorientierte und rigide Mutter mit hohen Erwartungen gesehen. Amy Chua hat ihre beiden Töchter tatsächlich mit einer wahnwitzigen Härte auf Erfolg getrimmt und auch eine genaue Disziplin aufgestellt. Was ihre Töchter Sophia und Louisa zum Beispiel niemals durften, war: 1) bei Freundinnen übernachten, 2) Kinderpartys besuchen, 3) im Schultheater mitspielen, 4) sich beklagen, dass sie nicht im Schultheater mitspielen dürfen, 5) fernsehen oder Computerspiele spielen, 6) sich ihre Freizeitaktivitäten selbst aussuchen, 7) eine schlechtere als die Bestnote bekommen, 8) in einem Fach, außer Turnen und Theater, nicht Klassenbeste sein, 9) ein anderes Instrument spielen als Klavier oder Geige, 10) nicht Klavier oder Geige spielen (Chua, 2011, S. 9). Amy Chuas Meinung nach sollten ihre Töchter abgerundete Persönlichkeiten werden und Hobbys sowie Freizeitaktivitäten pflegen – nicht irgendein Hobby, das nirgendwohin führt, wie << Handarbeit >> oder, noch schlimmer, Schlagzeug, das automatisch in Drogen mündet, sondern eine sinnvolle und hochkomplexe Tätigkeit, die das Potential zut Perfektion und Meisterschaft birgt. So kamen sie auf das Klavier. Die Erziehungsstile und Erziehungsmethoden von Amy Chua wurden von ihren Eltern beeinflusst. Auf eine ähnlische Weise wurden Amy Chua und ihre Schwester aufgezogen.

„Unsere Zeugnisse mussten erstklassig sein; während andere Kinder auch für ein B eine Belohnung erhielten, war bei uns zu Hause schon ein A minus undenkbar. In der achten Klasse wurde ich bei einem Geschichtswettbewerb Zweite und kam mit meiner Familie zur Preisverleihung. Jemand anderes hatte den Kiwanis-Preis als Jahrgangsbester in allen Fächern erhalten, und nach der Freier sagte mein Vater zu mir: Mach mir nie, nie wieder solche Schande. Die meisten Leute können daraus schließen, dass Ich [sic!] eine grauenhafte Kindheit hatte. Das Gegenteil ist aber richtig : Meine ungewöhnliche Familie gab mir Kraft und Selbstvertrauen.“ (Chua 2011, S. 22)

Amy Chua meinte, sobald ein Kind auf irgendeinem Gebiet – sei es Klavier, Weitwurf oder Mathematik – exellente Leistungen zu erbringen beginnt, erntet es Lob, Bewunderung und Befriedigung. Das stärkt das Selbstvertrauen, und auf einmal bereitet eine Tätigkeit, die erst einfach nur mühsam war, richtig Spaß. Dies wiederum macht es den Eltern leichter, das Kind zu noch mehr Arbeit anzuhalten. Mit der Mutter an ihrer Seite übte Sophia, die ältere Tochter von Amy Chua, mindestens neunzig Minuten Klavier täglich, auch am Wochenende. An den Tagen, an denen Unterricht stattfand, übte sie doppelt so lang. Amy Chua ließ ihre Tochter alles auswendig lernen, auch wenn das gar nicht vorgeschrieben war, und zahlte ihr nie einen Cent. Auf diese Weise galoppierte sie duch die Suzuki-Bände. Andere Eltern veranschlagten pro Band ein Jahr. Sophia begann mit den Variationen von Twinkle, Twinkle, Littel Star, drei Monate später spielte Sophia Schumann, weitere sechs Monate später eine Sonatine von Clementi. Das fand Amy Chua noch immer zu langsam. Sie geht davon aus, dass sich westliche Eltern oft um das Selbstwertgefühl ihrer Kinder sorgen und dabei doch nichts Destruktiveres für das Selbstwertgefühl eines Kind tun können, als zuzulassen, das es aufgibt. Umgekehrt stärkt nichts das Selbstvertrauen so sehr, wie wenn man etwas zustande bringt, das man sich erst nicht zugetraut hat (Chua, 2011, S. 72). Sie ist überzeugt, dass der beste Schutz, den sie ihren Kindern bieten kann, darin besteht, sie auf die Zukunft vorzubereiten, sie erkennen zu lassen, wozu sie imstande sind, und ihnen Fähigkeiten, eiserne Disziplin und Selbstvertrauen mit auf den Weg zu geben, die ihnen keiner je nehmen kann. Nur Erfolgserlebnisse machen Kinder glücklich! Drum seid erdrückend streng und brutal fordernd, denn nur so wird man erfolgreich.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Schwarze Pädagogik. Diskussion über chinesische Erziehung und Bildung
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V456329
ISBN (eBook)
9783668888142
ISBN (Buch)
9783668888159
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schwarze, pädagogik, diskussion, erziehung, bildung
Arbeit zitieren
Yifan Su (Autor), 2018, Schwarze Pädagogik. Diskussion über chinesische Erziehung und Bildung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456329

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