Stell dir vor, es ist Wahl und keiner geht hin. Eine fsQCA der Bedingungen für die Höhe der Wahlbeteiligung


Masterarbeit, 2017
120 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Tabellen

Abbildungen

Abkurzungen

1 Einleitung

2 Theoretischer Rahmen, aktueller Forschungsstand und Hypothesen
2.1 Allgemeine Theorien zur Erklarung von Wahlbeteiligung
2.2 Das Second-Order Election-Modell
2.3 Aktueller Forschungsstand und Hypothesen

3 Methodischer Rahmen
3.1 Die Fuzzy-Set Qualitative Comparative Analysis
3.2 Auswahl der Falle und des Untersuchungszeitraums
3.3 Auswahl, Operationalisierung und Kalibrierung der Bedingungen
3.4 Auswahl, Operationalisierung und Kalibrierung des Outcomes
3.5 Daten der empirischen Analyse

4 Empirische Analyse
4.1 Analyse hoher Wahlbeteiligung - Outcome TURNOUT
4.1.1 Analyse notwendiger Bedingungen
4.1.2 Analyse hinreichender Bedingungen
4.1.3 Diskussion derErgebnisse
4.2 Analyse niedriger Wahlbeteiligung - Outcome -TURNOUT
4.2.1 Analyse notwendiger Bedingungen
4.2.2 Analyse hinreichender Bedingungen
4.2.3 Diskussion derErgebnisse

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang A: Kalibrierung der Bedingungen und des Outcomes

Anhang B: Erganzende Tabellen und Abbildungen

Tabellen

Tabelle 3.1: Zusammenfassung Fuzzy-Mitgliedschaftswerte der Bedingungen und des Outcomes

Tabelle 4.1: Analyse notwendiger Bedingungen, Outcome TURNOUT

Tabelle 4.2: Wahrheitstafel zur Analyse hinreichender Bedingungen, -utcome TURNOUT

Tabelle 4.3: Analyse hinreichenderBedingungen, Outcome TURNOUT

Tabelle 4.4: Analyse notwendiger Bedingungen, Outcome -TURNOUT

Tabelle 4.5: Wahrheitstafel zur Analyse hinreichender Bedingungen, -utcome -TURNOUT

Tabelle 4.6: Analyse hinreichenderBedingungen, Outcome -TURNOUT

Tabelle 7.1: Zusammenfassung Fuzzy-Werte POLINST

Tabelle 7.2: Rohdaten und Fuzzy-Werte INTEREST

Tabelle 7.3: Rohdaten und Fuzzy-Werte PARTISAN

Tabelle 7.4: Zusammenfassung Fuzzy-Werte POLCULT

Tabelle 7.5: Rohdaten und Fuzzy-Werte SUPPORT

Tabelle 7.6: Rohdaten und Fuzzy-Werte TRUST

Tabelle 7.7: Zusammenfassung Fuzzy-Werte EUSATIS

Tabelle 7.8: Rohdaten und Fuzzy-Werte CANDIDATE

Tabelle 7.9: Fuzzy-Werte CRISIS

Tabelle 7.10: Rohdaten und Fuzzy-Werte TURNOUT

Tabelle 8.1: Analyse hinreichenderBedingungen, Sparsamste Losung - -utcome TURNOUT

Tabelle 8.2: Analyse hinreichender Bedingungen, Konservative Losung - -utcome TURNOUT

Tabelle 8.3: Analyse hinreichenderBedingungen, Sparsamste Losung - -utcome -TURNOUT

Tabelle 8.4: Analyse hinreichender Bedingungen, Konservative Losung - -utcome -TURNOUT

Abbildungen

Abbildung 1.1: Beteiligung an den Wahlen zum Europaischen Parlament 2014 in Prozent

Abbildung 4.1: XY-Diagramm - Gesamtlosung hinreichenderBedingungen, Outcome TURNOUT

Abbildung 4.2: XY-Diagramm - Notwendige Bedingung -POLINST, Outcome -TURNOUT

Abbildung 4.3: XY-Diagramm - Gesamtlosung hinreichenderBedingungen, Outcome -TURNOUT

Abbildung 8.1: XY-Diagramm - Losungspfad POLINST*EUSATIS, Outcome TURNOUT

Abbildung 8.2: XY-Diagramm - Losungspfad POLINST*CANDIDATE*CRISIS, Outcome TURNOUT

Abbildung 8.3: XY-Diagramm - Losungspfad ~POLINST*~POLCULT*~CRISIS, Outcome-TURNOUT

Abbildung 8.4: XY-Diagramm - Losungspfad ~POLINST*CANDIDATE*~CRISIS, Outcome -TURNOUT

Abbildung 8.5: XY-Diagramm - Losungspfad ~POLCULT*~EUSATIS*~CANDIDATE*CRISIS, Outcome-TURNOUT

Abkurzungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

„This time it’s different (Europaisches Parlament 2014a) - Das offizielle Motto der Wahlen zum Europaischen Parlament 2014 hatte treffender nicht sein konnen. Denn aus zumindest zwei Grunden unterschieden sich diese von alien weiteren Direktwahlen auf europaischer Ebene seit 1979.

So waren dies die ersten Wahlen unter den veranderten institutionellen Bedingungen des Ende 2009 in Kraft getretenen Vertrags von Lissabon. Durch diesen erweiterten sich auch die Kompetenzen des Europaischen Parlaments. Basierend auf Artikel 17 (7) des Vertrags der Europaischen Union (EUV), sollte das Parlament erstmals die nachste Prasident_in der Europaischen Kommission bestimmen. Dazu stellten die Mitgliedsparteien der funf groBten Fraktionen des Europaischen Parlaments gemeinsame Spitzenkandidat_innen auf.1 Dieje- nige Kandidat_in, deren Fraktion die meisten Stimmen unter sich vereinen konnte, sollte dann als nachste Prasident_in der Europaischen Kommission bestatigt werden. Von dieser Neuerung versprachen sich die politischen Eliten der europaischen Institutionen das Inte- resse an den Wahlen steigem und damit einen positiven Effekt auf die seit Jahrzehnten stetig sinkende Wahlbeteiligung bewirken zu konnen. Zudem sollte dadurch auch die demokrati- sche Legitimitat der Europaischen Union und insbesondere des Europaischen Parlaments erhoht werden (vgl. Schmitt et al. 2015: 2-3).

Obwohl sich das Motto der Wahlen ursprunglich nur auf die neugewonnenen Kompetenzen des Europaischen Parlaments bezog, erlangte es auch in Anbetracht der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahre eine besondere Bedeutung. So wa­ren dies ebenfalls die ersten Wahlen unter dem Einfluss der anhaltenden Wirtschafts- und Staatsschuldenkrise, auch kurz ,Euro-Krise‘ genannt, mit besonders schweren Folgen fur die betroffenen sudeuropaischen Mitgliedstaaten der Eurozone. Die Euro-Krise und die Kritik an der Austeritatspolitik wurden so zu einem hochrelevanten Thema fur die Wahlen 2014. Folglich wurde erwartet, dass den Europawahlen besonders in den betroffenen Krisenstaaten eine ganz besondere Aufmerksamkeit zukommen sollte (vgl. etwa Hobolt 2015: 9; Grande/Kriesi 2015).

Dennoch stieg die Wahlbeteiligung 2014 nicht wie erhofft an, sondern stagnierte - im Vergleich zu den Wahlen 2009 - auf einem niedrigen Niveau von gut 42 Prozent (vgl. Abbildung 1.1). Besonders auffallig sind dabei die groBen Unterschiede zwischen den Partizipationsraten der Mitgliedstaaten. Wahrend Belgien und Luxemburg mit weit uber 80 Prozent eine sehr hohe Beteiligungsrate aufweisen, nutzen in der Slowakei und der Tschechischen Republik weniger als 20 Prozent der potenziellen Wahler_innen die Moglichkeit zur Stimmabgabe. Und auch zwischen diesen Extremwerten variiert die Hohe der Wahlbeteiligung auffallend stark.

Abbildung 1.1: Beteiligung an den Wahlen zum Europäischen Parlament 2014 in Prozent Europäisches Parlament (2016), eigene Darstellung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Doch warum unterscheidet sich die Partizipation zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten in diesem MaBe? Das etablierte Second-Order E/ection-Modell nach Reif und Schmitt (1980) erklart zwar die allgemein geringe Beteiligung an Europawahlen damit, dass in diesen ,Wah­len zweiter Ordnung‘ weniger auf dem Spiel steht als in nationalen Parlaments- beziehungsweise Prasidentschaftswahlen. Allerdings bietet dieser Ansatz keine ausrei- chende Erklarung fur die Variation zwischen den Staaten (vgl. Mattila 2003). Bislang untersuchen vor allem quantitative Studien eine Vielzahl an Faktoren verschiedener theore- tischer Ansatze und deren Einfluss auf die Beteiligung an den Wahlen zum Europaischen Parlament. Dabei lasst sich zwischen Forschungsbeitragen auf Individual- und auf System- ebene unterscheiden. Wahrend erstere erklaren, warum sich eine wahlberechtigte Person fur oder gegen eine Wahlteilnahme entscheidet (vgl. etwa van der Eijk/Franklin 1996; Franklin et al. 1996; Blondel et al. 1997, 1998, Schmitt et al. 2015), analysieren letztere auf Staaten- ebene den Einfluss verschiedener Faktoren auf die Hohe der Wahlbeteiligung (vgl. etwa Franklin 1996, 2001; Mattila 2003). Da diese Arbeit an einem Vergleich zwischen Staaten interessiert ist, grenzt sie sich zunachst von den Studien auf Individualebene ab und schlieBt sichjenen auf Systemebene an.

In den existierenden quantitativen Studien auf Staatenebene steht jedoch die Korrelation zwischen spezifischen Einflussfaktoren und der Wahlbeteiligung im Vordergrund. Dabei geht der direkte Bezug zu den einzelnen Fallen nur allzu oft verloren. Zudem kann eine etwaige gemeinsame Wirkung verschiedener Faktoren auf die Partizipationsrate nur unzu- reichend untersucht werden. Mit Blick auf die relevanten theoretischen Ansatze und ihre mannigfaltigen Faktoren, gibt es allerdings Grund zur Annahme, dass die Hohe der Beteili­gung an den Wahlen 2014 nicht durch einzelne, isolierte Faktoren erklart werden kann. Vielmehr scheint es moglich, dass die unterschiedlichen Partizipationsraten durch eine Kombination verschiedener ErklarungsgroBen bedingt werden. Zugleich liegt es nahe, dass die Hohe der Beteiligung nicht fur alle Mitgliedstaaten durch die gleichen Faktoren erklart werden kann, sondern im Gegenteil verschiedene gleichberechtigte Losungspfade zurjewei- ligen Hohe der Wahlbeteiligung existieren. Daruber hinaus soil diese Arbeit zusatzlich untersuchen, inwiefem sich die Erklarungen fur eine hohe und eine niedrige Partizipation an den Wahlen zum Europaischen Parlament 2014 unterscheiden.

Auf Basis dieser grundlegenden Annahmen erscheint es sinnvoll sich dem Phanomen der variierenden Wahlbeteiligung nicht uber korrelative Verfahren, sondern uber eine mengen- theoretische Analyse notwendiger und hinreichender (Kombinationen von) Bedingungen zu nahern und so die vermutete kausale Komplexitat erfassen zu konnen.

Vor diesem Hintergrund ergibt sich fur diese Arbeit folgende Fragestellung:

Was sind die notwendigen und hinreichenden Bedingungen oder Kombinationen von Bedingungen fur die Hohe der Beteiligung an den Wahlen zum Europaischen Parlament 2014?

Um diese Frage beantworten und einen Beitrag zur Erklarung der zwischen den Mitglied- staaten variierenden Wahlbeteiligung leisten zu konnen, werden entsprechend sowohl die notwendigen und hinreichenden (Kombinationen von) Bedingungen fur eine hohe als auch eine niedrige Beteiligung an den Wahlen zum Europaischen Parlament 2014 in zwei ge- trennten empirischen Analysen untersucht.

Das Ziel dieser Arbeit stellt somit auch besondere Anspruche an die Methode. Da dieser Forschungsbeitrag nicht an Korrelationen zwischen Variablen interessiert ist, bieten die gan- gigen quantitativen Ansatze keine sinnvolle Grundlage. In einer qualitativen Fallstudie konnte dagegen das komplexe Zusammenspiel der einzelnen Faktoren besser abgebildet werden. Allerdings wurde dies die Zahl der untersuchten Falle deutlich reduzieren und somit keinen umfassenden empirischen Vergleich aller Mitgliedstaaten ermoglichen. Aus diesem Grund wird die Qualitative Comparative Analysis (QCA) nach Ragin (1987, 2000, 2008) - genauer: die Fuzzy-Set Qualitative Comparative Analysis (fsQCA) - als Methode dieser Ar­beit ausgewahlt. Der eher fall- als variablenorientierte Forschungsansatz bietet beste Voraussetzungen zur Beantwortung der Fragestellung. So eignet sich diese mengentheoreti- sche Methode in besonderem MaBe zur Analyse kausaler Komplexitat wie auch der relevanten mittleren Fallzahl von 28 Mitgliedstaaten.

Zur Bearbeitung der Fragestellung bezieht sich diese Arbeit insbesondere auf die theoreti- schen Grundlagen des rationalistischen (vgl. etwa Downs 1957) sowie des sozialpsychologischen Ansatzes der Wahlverhaltensforschung (vgl. etwa Campbell et al. 1954, I960; Aldrich/Simon 1986). Aus diesen etablierten Ansatzen werden - unter Beruck- sichtigung der relevanten empirischen Forschung - funf (Makro-)Bedingungen abgeleitet, von denen ein Einfluss auf die Hohe der Wahlbeteiligung 2014 angenommen wird. Dabei werden unter anderem auch die zwei zu Beginn thematisierten Besonderheiten der Wahlen zum Europaischen Parlament 2014 berucksichtigt. So soil geklart werden, welche Rolle die Wahrnehmung der Euro-Krise und der Spitzenkandidat_innen fur die Hohe der Wahlbetei­ligung spielt.

Die wissenschaftliche Relevanz dieser Arbeit ergibt sich insbesondere aus ihrer Originalitat. So ist dies die erste Arbeit, welche die Hohe der Wahlbeteiligung auf Basis einer QCA un- tersucht. Dadurch eroffnet sich eine neue, mengentheoretische Perspektive auf die Hohe der Beteiligung an den Wahlen zum Europaischen Parlament im Allgemeinen und im Besonde- ren auf die Wahlen 2014. Im Gegensatz zu den auf diesem Forschungsfeld dominierenden quantitativen Arbeiten konnen so komplexe Kausalitaten zwischen den analysierten Bedin- gungen und der Hohe der Wahlbeteiligung untersucht werden. Zudem wird erstmals ein fallorientierter, qualitativer Vergleich aller 28 Mitgliedstaaten der europaischen Union er- moglicht.

Der weitere Aufbau dieser Arbeit gliedert sich in zwei groBere Teile. Im ersten Teil (Kapitel 2 und 3) wird das Forschungsdesign festgelegt. AnschlieBend erfolgt im zweiten groBen Teil (Kapitel 4) die auf den zuvor festgelegten theoretischen und methodischen Rah- menbedingungen basierende empirische Analyse. Die Inhalte der einzelnen Kapitel sollen im Folgenden genauer aufgezeigt werden.

Im zweiten Kapitel werden zunachst die Grundlagen der zwei relevanten theoretischen An- satze der Wahlverhaltensforschung vorgestellt und deren Auswahl begrundet - der rationalistische sowie der sozialpsychologische Ansatz. Daraufhin werden die Prinzipien des EU-spezifischen Second-Order Election-Modells nach Reif und Schmitt (1980) skizziert und dessen Auswirkungen auf diese Arbeit erlautert. AnschlieBend werden der aktuelle For- schungsstand zur Beteiligung an den Wahlen zum Europaischen Parlament dargestellt und, unter Ruckbezug auf die theoretischen Grundlagen, funf zentrale Hypothesen abgeleitet. Diese dienen im weiteren Verlauf der Arbeit als Grundlage der zu untersuchenden Bedin- gungen.

In Kapitel 3 wird daraufhin der methodische Rahmen dieser Arbeit festgelegt. In einem ers­ten Schritt werden die Grundlagen der Fuzzy-Set Qualitative Comparative Analysis vorgestellt. AnschlieBend wird die Auswahl der Bedingungen und des Outcomes fur die Analyse begrundet. Dabei wird zudem jeweils naher auf die Operationalisierung und Kalib- rierung ebendieser eingegangen. Des Weiteren werden die Auswahl der Falle sowie des Untersuchungszeitraums und deren Auswirkungen auf die folgende empirische Analyse dar­gestellt. Letztendlich wird die Auswahl der Daten fur die folgende empirische Analyse erlautert.

Die empirische Analyse erfolgt in Kapitel 4. Dabei wird zunachst grundsatzlich in die Un- tersuchung des positiven (hohe Wahlbeteiligung) und des negativen Outcomes (niedrige Wahlbeteiligung) unterschieden. Fur beide separaten Analyseteile wird in einem ersten Schritt jeweils die Analyse notwendiger Bedingungen vorgenommen. In einem zweiten Schritt erfolgt dann die Analyse hinreichender Bedingungen. AnschlieBend werden die Er- gebnisse unter Ruckbezug auf die einzelnen Falle diskutiert und interpretiert.

Das funfte und letzte Kapitel dieser Arbeit dient der Zusammenfassung der Ergebnisse. In einem Fazit wird die Fragestellung unter Bezug auf die Hypothesen abschlieBend beantwor- tet und kritisch diskutiert. Zudem wird ein Ausblick auf weitere Forschungsdesiderate gegeben.

2 Theoretischer Rahmen, aktueller Forschungsstand und Hypothesen

Eine hohe Wahlbeteiligung wird in Demokratien seitjeher als Zeichen von hoher Legitimitat angesehen (vgl. etwa Aldrich 1993: 246; Franklin 1999: 205). Die Analyse von Grunden fur die Hohe der Beteiligung - ganz gleich, ob nun an nationalen oder europaischen Wahlen - genieBt daher in der Wissenschaft besonders hohe Aufmerksamkeit. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich verschiedene Theoriezweige und Erklarungsansatze entwickelt, auf die im Folgenden naher eingegangen wird. AnschlieBend soil der aktuelle Forschungsstand zur Beteiligung an Europawahlen skizziert werden.2 Aus den theoretischen Voruberlegun- gen werden letztendlich unter Bezug auf den Forschungsstand funf Hypothesen abgeleitet.

2.1 Allgemeine Theorien zur Erklarung von Wahlbeteiligung

Zur Erklarung der Beteiligung an demokratischen Wahlen sollen zunachst die ,klassischen' theoretischen Ansatze dargestellt werden. Nach Caballero (2014: 438-439) konnen Ansatze, welche das Wahlverhalten erklaren, ebenso auch zur Erklarung der Wahlbeteiligung bezie- hungsweise der Nicht-Wahl herangezogen werden. Diese sind der rationalistische, der soziologische sowie der sozialpsychologische Ansatz.3

Der rationalistische Ansatz, auch Rational Choice-Ansatz, beruht auf Downs‘ Arbeit An Economic Theory of Democracy (1957) und wurde durch Riker und Ordeshook (1968) mit dem Calculus of Voting erweitert.4 Das Erklarungsmodell basiert grundsatzlich auf der An- nahme, dass jede Burger_in vor einer Wahl eine Kosten-Nutzen-Uberlegung anstellt und sich daraus folgend fur oder gegen eine Wahlbeteiligung entscheidet (vgl. Caballero 2014: 446).

Die Kostenseite (C) setzt sich aus der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen und der abschlieBenden Wahlentscheidung, wahlspezifischen Kosten, wie beispielsweise spezi- ellen Registrierungsvoraussetzungen oder einer Wahlsteuer, sowie sogenannten Opportunitatskosten, wie beispielsweise dem Gang zum Wahlburo, zusammen. Der erwar- tete Nutzen (B)5 einer Wahlteilnahme ergibt sich aus den Erwartungen rationaler Wahler_innen hinsichtlich des potentiellen Nutzens durch die Wahl einer bestimmten Partei oder einer Kandidat_in. Je geringer die erwartbaren Unterschiede des potentiellen Nutzens zwischen den Parteien oder Kandidat_innen sind, desto eher werden rationale Burger_innen der Wahl fernbleiben. Dies wird als Parteiendifferential (U) bezeichnet (Caballero 2014: 446; vgl. auch Downs 1957: 38-39). Dennoch fuhrt eine hohe Abweichung des Parteiendif- ferentials von Null nicht zwangslaufig zur Wahlbeteiligung, da der Nutzen auch ohne Teilnahme auftritt. Somit muss der erwartete Nutzen einer Beteiligung auch darauf beruhen, inwieweit eine potentielle Wahler_in die Chance einschatzt, die Wahl durch Stimmabgabe mitentscheiden zu konnen (p). Diese Wahrscheinlichkeit wird daher durch Multiplikation mit dem Parteiendifferential verbunden (p*U). Der Nutzen ergibt sich letztendlich aus der Differenz zwischen der bereits aufgefuhrten Kosten- und Nutzenseite (p*U > C). Uberwie- gen die Kosten den zu erwartenden Nutzen einer Wahlteilnahme, so wird sich die jeweilige Burger_in zurNicht-Wahl entschlieBen (Caballero 2014: 446).

Diese Berechnungsgrundlage der Kosten-Nutzen-Differenz bedingt jedoch ein kontrovers diskutiertes Problem der Rational Choice-Theorie in der Wahlverhaltensforschung. Denn die Wahrscheinlichkeit - besonders in Massendemokratien - die entscheidende Stimme fur den Wahlausgang abzugeben, liegt zumeist bei unter einem tausendstel Prozent (vgl. Green/Shapiro 1994: 49). Demnach kann einer Wahlteilnahme kein - oder nur ein verschwindend geringer - Nutzen zugeschrieben werden, wahrend die Kosten einer Beteiligung zwar ebenfalls gering, jedoch weitaus hoher als der Nutzen anzusiedeln sind. Folglich wurden sich rationale Burger_innen niemals an Wahlen beteiligen. Dies steht jedoch im Gegensatz zu den tatsachlich beobachteten, oftmals hohen Partizipationsraten und wird auch als Paradox of Voting‘ bezeichnet (vgl. Arzheimer/Schmitt 2014: 377-378; Caballero 2014: 447). Um diesen Missstand zu beheben, kam es zu mannigfaltigen Anderungsvorschlagen und Erweiterungen des Ansatzes.6

Trotz der berechtigten Kritik am Erklarungsbeitrag des rationalistischen Ansatzes hat sich ebendieser hinsichtlich des Vergleichs der Wahlbeteiligung zwischen Staaten - wie es in dieser Arbeit der Fall ist - als durchaus relevant erwiesen. So wird die Rational Choice- Theorie insbesondere in Bezug auf institutionelle Unterschiede zwischen den jeweilig un- tersuchten Staaten angewandt (vgl. Caballero 2014: 450). Der rationalen Logik folgend, schaffen die spezifischen institutionellen Voraussetzungen einzelner Staaten unterschiedli- che Anreize beziehungsweise Kosten fur eine mogliche Wahlbeteiligung (vgl. Freitag 1996: 8; Blais 2000: 43-45). Ein besonders relevanter institutioneller Faktor ist die gesetzliche Wahlpflicht, welche die Kosten einerNicht-Wahlje nach Art der Sanktionen deutlich erhoht (vgl. etwa Jackman, R.W. 1987: 8-9; Jackman, S. 2001: 3-4; Franklin et al. 1996; Franklin 1999; Smith 1999: 118-119; Franklin 2001: 314). Als weiteres Beispiel institutioneller Fak- toren dient etwa die Wichtigkeit der Wahlen. So ist beispielsweise der Nutzen einer Wahlteilnahme an nationalen Parlaments- oder Prasidentschaftswahlen durch die direkten Auswirkungen auf die Regierungsbildung hoher einzuschatzen, als an Wahlen auf kommu- naler und lokaler oder - mit besonderer Relevanz fur diese Arbeit - auf europaischer Ebene (vgl. Jackman, R.W. 1987; Blais 2000: 26-27). Auf dieser Annahme basiert auch das Se­cond-Order Election-ModeW nach Reif und Schmitt (1980), auf das im folgenden Kapitel noch einmal detaillierter eingegangen werden soil.7

Im Gegensatz zum Rational Choice-Ansatz stellen der soziologische sowie der sozialpsy- chologische Ansatz das Wahlverhalten potentieller Wahler_innen als Produkt von Einstellungen, Gewohnheiten, Normen und Traditionen dar (Arzheimer/Schmitt 2014: 337).

Der soziologische Ansatz setzt sich aus verschiedenen Forschungsarbeiten zusammen und fundiert auf der Annahme, dass spezifische sozialstrukturelle Merkmale die politische Ein- stellung beeinflussen, welche ein bestimmtes Wahlverhalten bedingen (Caballero 2014: 464). Dabei stutzt sich das Erklarungsmodell zum einen auf den mikrosoziologischen Ansatz der Columbia School (vgl. Lazarsfeld et al. 1944; Berelson et al. 1954) sowie auf Lipsets und Rokkans makrosoziologischen Ansatz (1967).8 Unter Verbindung beider Stromungen lasst sich ein Erklarungsmodell ableiten, das Hinweise auf Bedingungen gibt, unter denen wahlberechtigte Personen zur Nichtwahl neigen (Caballero 2014: 464). Als klassische Fak- toren des soziologischen Ansatzes konnen insbesondere die Konfession, die Kirchenbindung, die berufliche Stellung sowie die Gewerkschaftsbindung genannt werden. Diese werden als Indikatoren fur die generelle Prasenz und die Intensitat von Gruppeniden- titaten angesehen, welche wiederum mit einer bestimmten parteipolitischen Identitat und letztendlich einer bestimmten Chance zur Wahlbeteiligung einhergehen. Daneben werden weitere sozialokonomische Merkmale - wie das Alter, das Geschlecht, das Einkommen oder der Bildungsgrad - untersucht, die allerdings nicht direkt auf die theoretischen Grundlagen des soziologischen Ansatzes zuruckgefuhrt werden konnen (Caballero 2014: 464-465). Ins- besondere die soziookonomischen Faktoren dienen jedoch eher als Beschreibung, denn als Erklarung fur die Wahlbeteiligung. So gehen beispielsweise altere Menschen nicht etwa of- ter zur Wahl, weil sie alt sind, sondern etwa aufgrund ihres hoheren politischen Interesses (vgl. Mattila 2003: 451). Da die sozialstrukturellen Faktoren des soziologischen Ansatzes zudem eine besondere Rolle bei der Entstehung der sogenannten ,Civic Orientations‘ des sozialpsychologischen Ansatzes spielen (vgl. Aldrich/Simon 1986), erscheint eine geson- derte Untersuchung der Faktoren des soziologischen Ansatzes in dieser Arbeit nur wenig sinnvoll. Aus diesem Grund soil an dieser Stelle auf eine detailliertere Auseinandersetzung mit dem soziologischen Ansatz verzichtet werden.

Der sozialpsychologische Ansatz ist eine Weiterentwicklung der im vorherigen Abschnitt skizzierten soziologischen Ansatze. Er basiert nach Aldrich und Simon (1986: 272) auf der fundamental equation of political behavior“ und knupft an die klassischen Uberlegungen der Michigan-Schule an (vgl. Caballero 2014: 454). Folglich basiert das Wahlverhalten und damit auch eine mogliche Nicht-Wahl im Wesentlichen auf drei Einstellungsmerkmalen - der langfristig stabilen Parteienidentifikation sowie den kurzfristigen Einstellungen hinsicht- lich spezifischer Themen und Kandidat_innen.9 Die Identifikation mit einer bestimmten Partei ist dabei auf den politischen Sozialisationsprozess zuruckzufuhren (Caballero 2014: 454; vgl. Campbell et al. 1954, I960). Der Ansatz greift zudem auf wesentliche Einstel- lungsdimensionen der Partizipationsforschung - die Civic Orientations - zuruck. Diese spiegeln in gewisser Weise die personliche Verbundenheit potentieller Wahler_innen mit dem politischen System wieder. Funf Merkmale werden besonders haufig analysiert: das Wahlpflichtgefuhl, die Parteiidentifikation, die politische Involvierung, die politische Zu- friedenheit sowie die Political Efficiency (vgl. Aldrich/Simon 1986: 284-285).10

Als Wahlpflichtgefuhl, auch Wahlnorm, wird gemeinhin die individuelle Einstellung einer Person bezeichnet, dass eine Wahlteilnahme zu den Burgerpflichten in einer Demokratie gehore (vgl. Campbell et al. I960: 105-106). Je starker ein solches Pflichtgefuhl internali- siert ist, desto hoher ist auch die Wahrscheinlichkeit einer Wahlbeteiligung (vgl. Rattinger/Kramer 1995: 271). DieParteiidentifikation setzt sich zum einen aus ihrer grund- satzlichen Prasenz und zum anderen aus der Intensitat der emotionalen Bindung an eine Partei zusammen (vgl. Campbell et al. 1954, I960). Je starker man sich dabei mit einer Partei identifiziert, desto eher wird man sich folglich auch fur eine Stimmabgabe entscheiden. Dies bedeutet auch, dass eine Person nicht zwangslaufig Mitglied einer Partei sein muss, um ein starkes Zugehorigkeitsgefuhl zu entwickeln (vgl. Campbell et al. 1954). Als politische In- volvierung wird die individuelle Verbundenheit mit der Politik verstanden. Je starker diese ausgepragt ist, desto hoher sollte die Wahlbeteiligung ausfallen (vgl. Campbell et al. I960: 101-102). Die politische Zufriedenheit wird oftmals mit der individuellen Unterstutzung des politischen Systems gleichgesetzt und ist eines der wichtigsten Konzepte der politischen So- ziologie (vgl. Easton 1965, 1975, 1979; Kaase 1971). Oftmals findet es Verwendung, wenn von politischer Unzufriedenheit oder Entfremdung sowie Politikverdrossenheit die Rede ist (vgl. Maier 2000; Arzheimer 2002). Bei mangelnder Unterstutzung fur das politische System wird von einer hoheren Wahrscheinlichkeit zur Nicht-Wahl ausgegangen. Dabei basiert die Unterstutzung des politischen Systems zum einen auf langfristig nur schwer veranderbaren Faktoren - beispielsweise die grundlegende Einstellung gegenuber den Institutionen und Prinzipien - und zum anderen auf kurzfristig veranderlichen Faktoren - wie den Akteuren des politischen Systems sowie deren Leistungen (vgl. Caballero 2014: 454-464).

2.2 Das Second-Order Election-Modell

Neben den allgemeinen theoretischen Ansatzen, die insbesondere auf nationaler, jedoch ebenso auf europaischer Ebene Anwendung finden, wurde das Second-Order Election- Modell ursprunglich speziell zur Analyse der Beteiligung an den Wahlen zum Europaischen Parlament entwickelt.

Das Second-Order Election-Modell basiert auf Reifs und Schmitts Pionierstudie (1980)11 zu den ersten Direktwahlen 1979 und ist der wohl am meisten verbreitete Ansatz zur Erklarung der Beteiligung an Wahlen zum Europaischen Parlament.12 Darin werden Wahlen in zwei Kategorien eingestuft: Wahlen auf nationaler Ebene werden als ,First-Order Elections‘ be- zeichnet, da sich hier entscheidet wer das Land fur die nachste Legislaturperiode regieren wird.13,Second-Order Elections ‘ sind folglich Nebenwahlen - hierzu zahlen Kommunal- wahlen, Regionalwahlen, Landtagswahlen und auch Europawahlen die von den Wahler_innen allgemein als ,weniger wichtig‘ eingestuft werden (vgl. Reif/Schmitt 1980: 8-9).

Als Analyserahmen extrahieren Reif und Schmitt insgesamt sechs Dimensionen zur Erkla- rung des Wahlverhaltens auf europaischer Ebene. Da das Second-Order Election-Modell nahezu ausschlieBlich auf die erste Dimension reduziert wird, soil sich die Darstellung auf diese beschranken.14 In der ersten - und zweifellos wichtigsten - Dimension stellen die Au- toren fest, dass es in den Wahlen zweiter Ordnung ,um nichts gehe‘ - Jess at stakeu (Reif/Schmitt 1980: 9).

Aus dieser Beobachtung leiten sie vier wesentliche Konsequenzen ab: Erstens, die Wahlbe- teiligung ist erheblich niedriger, da die Burger_innen wie auch Spitzenpolitiker_innen oder Joumalist_innen die Wahlen als unwichtiger auffassen (Reif/Schmitt 1980: 9).15 Zweitens haben kleinere und neue Parteien in Nebenwahlen groBere Chancen auf Stimmen. Da in der Wahrnehmung der Burger_innen weniger auf dem Spiel steht, wird die Stimme eher an die individuell bevorzugte Partei, welche auf nationaler Ebene keine Chance auf eine Regie- rungsbeteiligung hat, vergeben. Dabei kann der Fokus auch auf ein spezifisches politisches Anliegen - wie beispielsweise die Umweltpolitik - gelegt werden (Reif/Schmitt 1980: 9; vgl. auch Reif 1984; van der Eijk/Franklin 1996; Marsh 1998; Ferrara/Weishaupt 2004; Hix/Marsh 2007). Die dritte Konsequenz ist nach Reif und Schmitt eine gesteigerte Anzahl ungultiger Stimmen. Damit wollen die Wahler_innen ihre Unzufriedenheit gegenuber den Parteien oder Kandidaten ausdrucken (vgl. Reif/Schmitt 1980: 9). Als vierte und bislang wohl wissenschaftlich bedeutendste Konsequenz argumentieren die Autoren, dass Regie- rungsparteien in Nebenwahlen fur ihre bisherige Politik abgestraft werden. Dabei ist der Effekt am groBten, wenn die Nebenwahl in der Mitte der nationalen Legislaturperiode statt- findet (vgl. Reif/Schmitt 1980: 10-12).

Seit Beginn des neuen Jahrtausends kommt allerdings vermehrt Kritik an den Annahmen des Second-Order E/ection-Modells auf. So stellt auch Schmitt, der Co-Autor des Ansatzes, im Zuge seiner Analyse der Europawahlen 2004 fest, dass das Second-Order-Konzept nur be- dingt auf die neuen Mitgliedstaaten anwendbar sei. Den Grund fur die Unterschiede zwischen Ost- und Westeuropa sieht er in dem Fehlen eines konsolidierten Parteiensystems in Osteuropa (vgl. Schmitt 2005: 650-679). Des Weiteren beobachtet er eine langsame, ge- nerelle Veranderung hinsichtlich der Europawahlen als Wahlen zweiter Ordnung. Dies liegt, nach Schmitt (2005: 669), am zunehmend selbstbewussteren Auftreten des Parlaments ge- genuber den weiteren EU-Organen, welches auch durch die Offentlichkeit wahrgenommen wird (vgl. hierzu auch Hrbek 2011: 63-79). AuBerdem wird das Konzept fur seine Verein- fachung kritisiert. So wird das Wahlverhalten nahezu ausschlieBlich auf die Zufriedenheit mit den nationalen Regierungen zuruckgefuhrt (vgl. van der Eijk et al. 1996: 149-166). Wei- tere Studien zu den Wahlen 2004 und 2009 legen ebenfalls nahe, dass die Theorie eine Uberarbeitung benotige, da sich seit Beginn des 21. Jahrhunderts eine Verschiebung hin zu europaischen Themen in Europawahlen erkennen lasse (vgl. Tillman 2004; De Vries 2007; Hobolt et al. 2008; Hooghe/Marks 2009; De Vries et al. 2011; Hix/Marsh 2011; Hobolt 2015). Ein weiterer, fur die Grundanlage dieser Arbeit entscheidender, Kritikpunkt ist, dass das Second-Order E/ection-Modell zwar erklaren kann, warum die Beteiligung an den Wah­len zum Europaischen Parlament generell niedriger als an nationalen Wahlen ist. Jedoch liefert es - wenn uberhaupt - nur bedingt Erklarungen hinsichtlich der groBen Unterschiede in den Partizipationsraten der einzelnen Mitgliedstaaten (Mattila 2003: 453).

Dieser Argumentation folgend dient das Second-Order E/ection-Modell in dieser Arbeit als eine Art ubergeordnete Makro-Makro-Theorie (Mattila 2003: 453). Es wird somit beruck- sichtigt, dass die Wahlen zum Europaischen Parlament generell als ,weniger wichtig‘ wahrgenommen werden und damit, im Vergleich zu nationalen Wahlen erster Ordnung, grundsatzlich eine niedrigere Wahlbeteiligung erwartbar ist. Um die Variation in der Parti- zipationsrate zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten erklaren zu konnen, wird allerdings ebenfalls davon ausgegangen, dass, im Gegensatz zum klassischen Second-Order E/ection- Modell, europaische Themen durchaus eine hohe Bedeutung fur die Europawahlen und da- mit fur die Hohe der Wahlbeteiligung besitzen. Wie im folgenden Kapitel naher dargestellt, folgt dieser Beitrag damit dem GroBteil der aktuellen Forschung.

2.3 Aktueller Forschungsstand und Hypothesen

Nachdem der theoretische Rahmen dieser Arbeit festgelegt wurde, soil nun im Folgenden naher auf den aktuellen Forschungsstand zur Beteiligung an den Wahlen zum Europaischen Parlament eingegangen werden. Basierend auf den zuvor dargestellten theoretischen Ansat- zen und dem aktuellen Stand der Forschung zur Beteiligung an den Wahlen zum Europaischen Parlament, werden zudem funfHypothesen abgeleitet.16

Bereits seit den ersten Direktwahlen zum Europaischen Parlament gibt es wissenschaftliche Studien, die sich mit der Partizipation an ebenjenen befassen (vgl. etwa Reif/Schmitt 1980). Besonders kurz vor oder nach Europawahlen wird die Problematik der niedrigen Wahlbetei­ligung von der Wissenschaft, den Medien und der Politik neu aufgegriffen. Aus diesem Grund finden sich uber die Jahre eine Vielzahl an - uberwiegend quantitativen - Arbeiten, die sich dem Thema aus verschiedenen Perspektiven nahem.

Zum einen lasst sich die Forschung zur Wahlbeteiligung auf europaischer Ebene in Indivi- dual(Mikro)- und System(Makro)analysen unterscheiden. Wahrend erstere die Grunde fur eine Partizipation in der Einstellung von Individuen suchen, analysieren letztere auf Staa- tenebene verschiedene Faktoren und deren Einfluss die Hohe der Wahlbeteiligung. Zum anderen konnen die vorhandenen Studien auf Datenebene differenziert werden. Wahrend Arbeiten auf Basis von Individualdaten Informationen uber einzelne Personen geben, han- delt es sich bei Aggregatdaten um Informationen uber eine Gruppe von Menschen (Mattila 2003: 450-451).17

Studien auf Systemebene basieren zumeist auf dem Wahlrecht und dem politisch-institutio- nellen Kontext eines jeweiligen Staates. Damit beziehen sie sich auf die Grundprinzipien des rationalistischen Ansatzes. So ist die Wahlpflicht als Faktor fur eine hohe Wahlbeteili­gung auf nationaler wie auf europaischer Ebene wissenschaftlich konsensual anerkannt (vgl. etwa Jackman, S. 2001; Franklin et al. 1996; Smith 1999: 118-119; Franklin 2001). Zudem zeigt sich, dass institutionelle Faktoren im Allgemeinen und speziell die Wahlpflicht im Falle der ,weniger wichtigen‘ Europawahlen einen weitaus groBeren Einfluss auf die Betei- ligungsrate besitzen, als dies in nationalen Wahlen der Fall ist (vgl. Soderlund et al. 2011). Smith (1999: 120) stellt auBerdem fest, dass gleichzeitig abgehaltene nationale Wahlen die Partizipationsrate um bis zu 20 Prozentpunkte erhohen. Diese Erkenntnis wird durch weitere Forschungsbeitrage bestatigt und gilt mittlerweile als unumstritten (vgl. Mattila 2003). In weiteren Studien wird ein Zusammenhang zwischen der Positionierung der Europawahlen imjeweiligen nationalen Wahlkalender und der Partizipationsrate festgestellt. Je naher dem- nach eine nationale Wahl erster Ordnung ansteht, desto hoher ist die zu erwartende Wahlbeteiligung eines Mitgliedstaates an Europawahlen. Die Wahlen zum Europaischen Parlament dienen dann als eine Art ,Stimmungsbarometer‘ fur die anstehenden nationalen Wahlen (vgl. Franklin et al. 1996; Franklin 2001; van der Eijk/Franklin 1996).18 Franklin et al. (1996) zeigen zudem, dass Wochenendwahlen - im Vergleich zu Wahlen an Werktagen - sowie das Verhaltniswahlrecht - im Vergleich zum Mehrheitswahlrecht - einen positiven Einfluss auf die Wahlbeteiligung haben. Netscher (2015) argumentiert entsprechend, dass groBere Differenzen zwischen dem seit 2002 existierenden europaischen Verhaltniswahl­recht und demjeweiligen nationalen Wahlrecht zu einer geringeren Wahlbeteiligung fuhren (vgl. auch Franklin 2001).

Aus den theoretischen Grundlagen des rationalistischen Ansatzes und skizzierten Erkennt- nissen der Forschung lasst sich die erste Hypothese ableiten:

HI: Wenn der politisch-institutionelle Kontext eines Staates die Kosten einer Wahlbe­teiligung senkt oder deren Nutzen fordert, dann bedingt dies eine hohe Wahlbeteiligung.

Auf Individualdatenebene finden insbesondere der sozialpsychologische, aber auch der in dieser Arbeit nicht berucksichtigte soziologische19 Ansatz Verwendung. Grundsatzlich ist die individuelle Wahlbeteiligung auf europaischer Ebene eng an die selben Faktoren ge- knupft, welche auch auf nationaler Ebene einen Erklarungsbeitrag leisten und bereits im Zuge des Kapitels vorgestellt wurden - etwa das generelle politische Interesse, die Starke der Parteiidentifikation, die Akzeptanz einer Wahlnorm oder das politische Engagement ei- ner wahlberechtigen Person (vgl. etwa van der Eijk/Franklin 1996: 48-51; Franklin et al. 1996: 315-316). Soderlund et al. (2011) stellen zudem fest, dass die individuellen Einstel- lungen der potentiellen Wahler_innen speziell dann zur Geltung kommen, wenn keine gesetzliche Wahlpflicht herrscht. Diesen Effekt beobachten die Autor_innen verstarkt in Wahlen zweiter Ordnung.

Unter Berucksichtigung des sozialpsychologischen Ansatzes lasst sich somit die zweite Hy- pothese dieser Arbeit ableiten. Diese bezieht sich folglich auf die allgemeinen Einstellungen der potentiellen Wahler_innen gegenuber dem politischen System - den politisch-kulturel- len Kontext eines Mitgliedstaats.

H2: Wenn die potentiellen Wahler_innen eines Mitgliedstaats eine enge Verbunden- heit mit dem politischen System aufweisen, dann bedingt dies eine hohe Wahlbeteiligung.

Des Weiteren beziehen sich eine Reihe von Studien auf EU-spezifische Faktoren zur Erkla- rung der Wahlbeteiligung. Auf Grundlage des sozialpsychologischen Ansatzes untersuchen diese Arbeiten die Wirkung der Einstellungen und des Vertrauens gegenuber der Europai- schen Union und ihren Institutionen. Blondel et al. (1997, 1998) zeigen etwa in ihrer Analyse zu den Wahlen des Europaischen Parlaments 1994, dass eine negative Einstellung gegenuber der Europaischen Integration die Partizipationsrate negativ beeinflusst. Nach Clark (2014) fuhrt ein geringes Interesse an der EU oftmals zur Nicht-Wahl. AuBerdem gibt es sowohl auf Aggregat- als auch auf Individualebene einige Studien, die umgekehrt eine positive Ver- bindung zwischen der Unterstutzung fur die EU und der Wahlbeteiligung identifizieren (vgl. Flickinger/Studlar 2007; Stockemer 2012; zudem auch Steinbrecher/Rattinger 2012; Evans/Ivaldi 2012; Steinbrecher 2014). Die Auswirkungen der Einstellung gegenuber der Europaischen Union auf die Wahlbeteiligung sind allerdings keineswegs unumstritten und werden durchaus kontrovers diskutiert. So stellen verschiedene Studien keinen Zusammen- hang zwischen den EU-spezifischen Einstellungen der Burger_innen und deren Beteiligungsrate fest (vgl. etwa Schmitt/Mannheimer 1991; Franklin et al. 1996; Schmitt/Van der Eijk 2007).

Obgleich nach wie vor Zweifel uber den Einfluss der EU-spezifischen Einstellungen hin- sichtlich deren Wirkung auf die Wahlbeteiligung bestehen, folgt diese Arbeit dem GroBteil der aktuellen Forschung und geht von einem Einfluss EU-spezifischer Einstellungen auf die Hohe der Wahlbeteiligung aus. Somit ergibt sich aus dem skizzierten Forschungsstand unter Bezug auf den sozialpsychologischen Ansatz die dritte Hypothese. Hierdurch werden die EU-spezifischen Einstellungen und das Vertrauen gegenuber der Europaischen Union und ihren Institutionen als Faktor fur die Wahlbeteiligung erfasst:

H3: Wenn die Einstellung und das Vertrauen gegenuber der Europaischen Union und ihren Institutionen positiv sind, dann bedingt dies eine hohe Wahlbeteiligung.

Nachdem der aktuelle Forschungsstand zu den Wahlen zum Europaischen Parlament im All- gemeinen skizziert wurde, soil nun explizit auf die in dieser Arbeit berucksichtigten Besonderheiten der Europawahlen 2014 eingegangen werden.

Die erste Besonderheit der Wahlen zum Europaischen Parlament 2014 sind die Spitzenkan- didat_innen, deren Gewinner_in das Amt der Prasident_in der Europaischen Kommission ubemehmen sollte. Der Einfluss dieser Spitzenkandidat_innen auf die Hohe der Wahlbetei­ligung wurde bereits in einigen Arbeiten thematisiert. Darin werden jene als - allerdings eher schwacher - Faktor gesehen, um das Interesse gegenuber der Europaischen Union, den Europawahlen und somit auch die Wahlbeteiligung zu steigem (vgl. Schmitt et al. 2014; Hobolt 2014). Basierend auf den Grundlagen des sozialpsychologischen Ansatzes soil in diesem Forschungsbeitrag dennoch davon ausgegangen werden, dass die spezifische Wahr- nehmung der Spitzenkandidat_innen ein hoheres Interesse an den Wahlen und somit auch eine hohere Wahlbeteiligung bedingt. Jedoch ist davon auszugehen, dass eine starke Wahr- nehmung der Spitzenkandidat_innen nicht allein, sondern nur in Verbindung mit weiteren Bedingungen, eine hinreichende Erklarung fur eine hohe Wahlbeteiligung liefern kann. Hie- raus ergibt sich die vierte Hypothese:

H4: Wenn die Spitzenkandidat_innen in der Bevolkerung des jeweiligen Mitgliedstaa- tes wahrgenommen werden, dann ist eine hohere Wahlbeteiligung zu erwarten.

Das zweite spezielle Vorzeichen der Wahlen zum Europaischen Parlament 2014 ist die an- haltende Schulden- und Wirtschaftskrise in der Europaischen Union und speziell in den direkt betroffenen sudeuropaischen Mitgliedstaaten.20 Bislang wurde die Beteiligung an den Wahlen 2014 nicht explizit unter Bezug auf die Krise und deren Auswirkungen untersucht. Hobolt (2015) stellt jedoch fest, dass von der Krise besonders beeinflusste Personen zur Wahl einer EU-skeptischen Partei neigen (vgl. auch Hobolt/De Vries 2016). Schmitt und

Teperoglou (2015) untersuchen fur funf sudeuropaische Krisenstaaten sowie Malta, inwie- fern die Europawahlen 2014 eine sogenannte Critical Election ‘ darstellen.21 Dies kann ihre Studie jedoch nicht bestatigen. Im Gegensatz dazu erkennen sie - zumindest in den unter- suchten sudeuropaischen Staaten - den Fortbestand des Second-Order-Charakters der Europawahlen.

Einigkeit herrscht in der Tatsache, dass die Krise und die Debatte um ihre Losung besonders vor den Wahlen zum Europaischen Parlament zu einem hochrelevanten Thema wurden (vgl. etwa Hobolt 2015: 9; Grande/Kriesi 2015). Ganz besonders in den von der Krise und der Austeritatspolitik direkt betroffenen Staaten sollte sich die Wichtigkeit der ansonsten ,we- niger wichtigen‘ Europawahlen deutlich erhoht haben. So wurde beispielsweise der Wahl in Griechenland eine Art Referendumscharakter zugeschrieben (Schmitt/Teperoglou 2015: 290). Einer rationalen Logik folgend ergreift, in einer - in diesem Fall aufgrund der Euro- Krise - als besonders wichtig wahrgenommen Wahl, ein GroBteil der wahlberechtigten Per- sonen die Moglichkeit zur Wahlteilnahme (vgl. etwa Franklin 2001). Wird dementsprechend die Krise als schwerwiegend wahrgenommen und die Europaische Union fur die mangel- hafte Losung der Krise verantwortlich gemacht, sollte sich dies besonders in den Krisenstaaten in der Hohe der Wahlbeteiligung widerspiegeln. Hieraus lasst sich die funfte und letzte Hypothese dieser Arbeit ableiten:

H5: Wenn die Euro-Krise und ihre Folgen in einem Mitgliedstaat als schwerwiegend wahrgenommen werden, dann bedingt dies eine hohe Wahlbeteiligung.

3 Methodischer Rahmen

Nachdem im vorherigen Abschnitt der theoretische Rahmen und der aktuelle Forschungs- stand skizziert sowie die Hypothesen aufgestellt wurden, soil nun der methodische Rahmen festgelegt werden. Dazu wird im Folgenden die Fuzzy-Set Qualitative Comparative Analysis (fsQCA) als Forschungsansatz und Methode dieser Arbeit vorgestellt. Des Weiteren soil kurz auf die Auswahl des Untersuchungszeitraums und der Falle eingegangen werden. An- schlieBend werden die zu analysierenden Bedingungen und der Outcome sowie deren Kalibrierung festgelegt und begrundet. Zuletzt wird die Auswahl der Daten zur empirischen Analyse dargestellt.

3.1 Die Fuzzy-Set Qualitative Comparative Analysis

Wie im vorherigen Kapitel aufgefuhrt, gibt es eine groBe Bandbreite an Ansatzen, die mehr oder minder fur sich beanspruchen, die Beteiligung an Europawahlen erklaren zu konnen. Das Ziel dieser Arbeit ist es, notwendige und hinreichende Bedingungen fur die niedrige, respektive hohe Beteiligung an den Wahlen zum Europaischen Parlament zu analysieren. Die Qualitative Comparative Analysis (QCA) bietet hierfur ideale Voraussetzungen. Warum sich diese Methode in besonderem MaBe fur die Beantwortung der Fragestellung eignet, wird im Folgenden genauer begrundet. Bevor auf verwendete fsQCA eingegangen wird, sol- len allerdings zunachst die methodischen Grundlagen der QCA im Allgemeinen skizziert werden.

Die Methode geht zuruck auf die Arbeiten von Charles C. Ragin (insbesondere 1987; 2000; 2008) und basiert als mengentheoretischer Ansatz auf den Prinzipien der Booleschen Al­gebra sowie Mills Methoden der Differenz und der Ubereinstimmung. Die in dieser Arbeit verwendete fsQCA greift zudem speziell auf die mathematische Logik der Fuzzy-Algebra zuruck.22 Um die mengentheoretische Logik und den Bezug zu hinreichenden und notwen- digen Bedingungen hervorzuheben sowie die notige Distanz zu den existierenden quantitativen Methoden zu schaffen, verwendet die QCA eine spezifische Terminologie: Unabhangige Variablen werden ,Bedingungen‘ genannt, wahrend abhangige Variablen als ,Outcome‘ bezeichnetwerden (vgl. Schneider/Wagemann2012: 54-55).

Ursprunglich wurde die QCA als ,die‘ vergleichende Methode fur kleine bis mittlere Fall- zahlen dargestellt (vgl. Ragin 1987, 2000). Obgleich dieser Forschungsbeitrag mit der Fallzahl von 28 EU-Mitgliedstaaten dieses Kriterium zweifelsohne erfullt, ist dies nicht der primare Grund fur die Auswahl der Methode. Nach Schneider und Wagemann (2012: 5-12) steht vielmehr die mengentheoretische Perspektive im Fokus.23 Daraus resultiert eine spezi- fische, fallorientierte Sichtweise auf soziale Phanomene, welche sich von den variablenorientierten Methoden fundamental unterscheidet (Ragin 1987: 16-17). Die QCA - wie auch mengentheoretische Methoden im Allgemeinen - verwenden ,Sets', zu Deutsch ,Mengen‘, um die zu analysierenden Falle als Mitglied oder Nicht-Mitglied eines sozialwis- senschaftlichen Konzepts zu beschreiben (Schneider/Wagemann 2012: 3).24

Daraus folgend werden Falle immer als Konfigurationen von Bedingungen und einem spezifischen Outcome verstanden, denen ein bestimmter Mitgliedschaftswert zugewiesen wird. Diese Mengenbeziehungen werden dann hinsichtlich hinreichender oder notweniger Bedingungen untersucht. Dabei kann eine Bedingung entweder eine Ubermenge (,Superset ‘) oderUntermenge (,Subset') des Outcomes darstellen (vgl. Schneider/Wagemann 2012: 57­78). Die Methode erfasst jedoch nicht nur einzelne Bedingungen, sondem auBerdem Kombinationen von Bedingungen, welche dann wiederum notwendig oder hinreichend fur einen spezifischen Outcome sind. Damit eignet sich die QCA sehr gut zur Analyse kausaler Komplexitat. Zum einen sind die Beziehungen zwischen den Mengen asymmetrisch und nichtlinear. So kann - im Gegensatz zu korrelativen Verfahren - nicht automatisch von einer kausalen Erklarung fur das Auftreten eines spezifischen Outcomes auf die Erklarung des Nicht-Auftretens geschlossen werden. Daraus folgt, dass der Outcome wie auch dessen Negationjeweils einer eigenstandigen Analyse bedurfen. Zum anderen eignet sich die QCA ganz besonders zur Entdeckung von Aquifinalitat und kausaler Konjunkturalitat (Schneider/Wagemann 2012: 78-79, 81-83; vgl. auch Ragin 1987, 2008; Rihoux/Ragin 2009). Abgeleitet aus diesen Prinzipien, konnen INUS- und SUIN-Bedingungen analysiert werden.25 Diese sind zwar alleine weder hinreichend noch notwendig fur den untersuchten Outcome, spielenjedoch in Kombination mit anderen Bedingungen eine wichtige Rolle fur die Erklarung eines sozialen Phanomens (Schneider/Wagemann 2012: 79-80).

Die in dieser Arbeit verwendete fsQCA entstand als Reaktion auf die Kritik an der ursprunglichen Crisp-Set QCA (csQCA).26 Da in der csQCA die spezifischen Konditionen und der Outcome dichotomisiert werden mussen, konnen mit dieser Methode ausschlieBlich einfache soziale Phanomene adaquat analysiert werden (vgl. Schneider/Wagemann 2012: 24-27).27 Im Gegensatz dazu ist es mithilfe von Fuzzy Sets28 - zu Deutsch etwa ,unscharfe Mengen‘ (Wagemann/Schneider 2003) - moglich nicht nur qualitative Unterschiede zwischen verschiedenen Falle festzustellen, sondem diese qualitativen Unterschiede zudem quantitativ voneinander abzugrenzen (vgl. Schneider/Wagemann 2012: 27). Die fsQCA ermoglicht es somit auch partielle Mengenmitgliedschaften innerhalb des Intervalls zwischen 0 und 1 zu erfassen. So kann ein Fall beispielsweise eher Mitglied als Nicht- Mitglied einer Menge sein, ohne aber eine Vollmitgliedschaft aufzuweisen. Der sogenannte ,Crossover Point‘ (0,5), auch ,Indifferenzpunkt‘ genannt, beschreibt den Punkt in derMitte der beiden Idealtypen (0 und 1), an welchem es unklar ist, ob der Fall eher Mitglied oder Nicht-Mitglied ist (Ragin 2000: 154, 157; Ragin 2009: 89).

Die Bestimmung der spezifischen Mitgliedschaftswerte wird im Rahmen der Kalibrierung vorgenommen. Fur die fsQCA bedeutet dies, dass die fur jeden Fall verwendeten qualitativen oder quantitativen Daten in spezifische, definierte quantitative Fuzzy-Werte transferiert werden mussen. Die Kalibrierung und die Determination der Kalibrierungsregeln mussen in jedem Fall transparent begrundet und basierend auf einem iterativen Prozess zwischen den verwendeten theoretischen Konzepten sowie fallspezifischer, empirischer Evidenz festgelegt werden.29 Besonders transparent muss die Entscheidung zur Vollmitgliedschaft, dervollenNicht-Mitgliedschaft sowie des Indifferenzpunktes aufgezeigt werden (Ragin 2000: 150; Schneider/Wagemann 2012: 32-35).30 Zudem kommt der Auswahl der Bedingungen, des Outcomes wie auch der zu untersuchenden Falle eine hervorgehobene Bedeutung zu (vgl. Amenta/Poulsen 1994; Berg-Schlosser/De Meur 2009: 28; Rihoux/Yamasaki 2009: 124-130).

Nach der Kalibrierung der Bedingungen und des Outcomes folgt die Analyse notwendiger und hinreichender Bedingungen. Dabei sollte die Analyse notwendiger Bedingungen inje- dem Fall separat und im Vorfeld der Suche nach hinreichenden Bedingungen durchgefuhrt werden (Schneider/Wagemann 2012: 8). So kann zum einen dem Risiko entgangen werden, von der Analyse hinreichender Bedingungen auf ,falsche‘ notwendige Bedingungen zu schlieBen (vgl. Schneider/Wagemann 2012: 227-232). Zum anderen wird dadurch vermie- den, etwaige ,versteckte‘ notwendige Bedingungen zu ubersehen (Schneider/Wagemann 2012: 221-227). Fur die Analyse hinreichender Bedingungen wird auf Truth Tables, zu Deutsch ,Wahrheitstafeln‘, zuruckgegriffen.

In einer Wahrheitstafel - im Gegensatz zu einer normalen Datenmatrix - stehtjede Zeile fur eine der logisch moglichen UND-Kombinationen der Bedingungen. Die Anzahl der Wahrheitstafelzeilen ergibt sich aus den zwei moglichen qualitativen Zustanden der Konditionen - Anwesenheit und Abwesenheit - sowie der Anzahl der Bedingungen (Schneider/Wagemann 2012: 92; vgl. auch Ragin 2008: 124-125). Basierend auf den spezifischen Mitgliedschaftswerten werden die Falle der fur sie idealtypischen Zeile zugeteilt. Auf Grundlage der Minimumregel fur UND-Kombinationen werden die Mitgliedschaftswerte der Falle fur jede logisch mogliche Kombination von Bedingungen ermittelt. Fur jeden Fall gibt es nur jeweils eine idealtypische Zeile, in welcher dieser einen Wert uber 0,5 aufweist.31 Damit kann jeder Fall unzweifelhaft der auf ihn am ehesten zutreffenden Wahrheitstafelzeile zugeschrieben werden (vgl. Schneider/Wagemann 2012: 96-101). Die Outcome-Spalte einer Wahrheitstafel zeigt an, ob die jeweilige Zeile eine Untermenge des Outcomes darstellt und damit auf eine hinreichende Bedingung hinweist (vgl. Ragin 2009: 99; Schneider/Wagemann 2012: 102).32 Diejenigen Zeilen der Wahrheitstafeln, welche als hinreichend fur den Outcome bewertet werden konnen, werden anschlieBend - basierend auf den Prinzipien der logischen Minimierung - vereinfacht (vgl. Schneider/Wagemann2012: 104-115).

In der Realitat kann allerdings nicht davon ausgegangen werden, dass die Zeilen einer Wahrheitstafel ein eindeutiges Bild bezuglich der etwaigen hinreichenden Bedingungen abgeben. Im Folgenden soil aus diesem Grund kurz auf den Umgang mit widerspruchlichen und inkonsistenten Zeilen eingegangen werden. Diese treten auf, wenn verschiedene Falle mit derselben Kombination von Bedingungen widerspruchliche Aussagen bezuglich des Outcomes aufweisen. Somit kann nicht eindeutig entschieden werden, ob diese Aussage hinreichend fur den positiven oder negativen Outcome ist. Zum Umgang mit dieser Problematik gibt es sowohl vor als auch wahrend des Minimierungsprozesses eine Reihe von Strategien (Schneider/Wagemann 2012: 120).

Im Vorfeld der logischen Minimierung kann eine weitere Bedingung eingefuhrt werden, um so die Falle mit widerspruchlichen Outcome-Werten unterschiedlichen Wahrheitstafelzeilen zuordnen zu konnen. Da diesjedoch das Problem der begrenzten empirischen Vielfalt deut- lich erhohen wurde, wird in dieser Arbeit von einer solchen Moglichkeit abgesehen (vgl. Schneider/Wagemann 2012: 121). AuBerdem soil darauf verzichtet werden, einzelne Falle von der Analyse ganzlich auszuschlieBen. Die Moglichkeit weitere Falle hinzuzuziehen, er- weist sich im Rahmen des spezifischen Forschungskontexts ohnehin als unmoglich. Auf Basis eines iterativen Forschungsprozesses sollen jedoch - falls notwendig - sowohl der Outcome als auch die Bedingungen (re)spezifiziert werden. Um nicht den Eindruck von Willkur entstehen zu lassen, wird dies basierend auf theoretischen und empirischen Argu- mentenbegrundet (vgl. Schneider/Wagemann2012: 120-121).

Zudem gibt es eine weitere, fur diese Arbeit relevantere Strategic zum Umgang mit wider­spruchlichen Zeilen einer Wahrheitstafel. Um zu vermeiden, dass ein Fall oder eine kleine Anzahl an Fallen die Moglichkeit zur Feststellung einer hinreichenden Bedingung zunichte- machen konnen, fuhrt Ragin (2000: 234-238; vgl. auch Schneider/Wagemann 2012: 123— 150) die Idee einer ,quasi‘-hinreichenden Bedingung ein. Diese wird durch einen speziellen Konsistenztest festgestellt und analysiert, zu welchem Grad alle Falle mit derselben Konfi- guration auch denselben Outcome aufweisen (vgl. Ragin 2008: 44, 46-54). Auf Basis dieses Werts wird dann - unter Berucksichtigung der darin idealtypisch enthaltenen Falle - ent­schieden, ob die spezifische Bedingungskonfiguration der jeweiligen Wahrheitstafelzeile hinreichend fur den untersuchten Outcome bewertet werden kann.33 Des Weiteren ist es von groBem Interesse, welcher der unterschiedlichen Konfigurationen das groBte empirische Ge- wicht zukommt. So wird in einem zweiten Test das AbdeckungsmaB der verschiedenen Konfigurationen festgestellt (vgl. Ragin 2008: 44, 54-68). Diese beiden Tests gelten ebenso fur die notwendigen Bedingungen. Jedoch muss die Konsistenz einer etwaigen notwendigen Bedingung vergleichsweise extrem hoch sein.34 Das AbdeckungsmaB hilft bei der Analyse notwendiger Bedingungen festzustellen, ob eine notwendige Bedingung empirisch relevant odertrivial ist (vgl. Schneider/Wagemann 2012: 233-37).

Nach der Vorgehensweise bei widerspruchlichen Wahrheitstafelzeilen, soil an dieser Stelle kurz auf den Umgang mit logischen Rudimenten und begrenzter empirischer Vielfalt einge- gangen werden. Als ,logische Rudimente‘ werden diejenigen Wahrheitstafelzeilen defmiert, welche nicht ausreichend empirische Evidenz aufweisen. Generell kann die begrenzte em­pirische Vielfalt in drei Arten unterteilt werden: Wahrend ,arithmetische‘35 und ,geclusterte‘ Rudimente potentiell existieren konnten - in der empirischen Beobachtung allerdings nicht auftreten -, widersprechen ,unmogliche‘ Rudimente der bekannten Welt grundsatzlich (vgl. Schneider/Wagemann2012: 152-157).

Der bewusste Umgang mit begrenzter empirischer Vielfalt ist von besonderer Relevanz fur die Gute der QCA und muss moglichst transparent dargestellt werden. Denn fur jede Wahr- heitstafelzeile muss entschieden werden, ob sie potentiell hinreichend fur den untersuchten Outcome ist und damit in den Prozess der Minimierung aufgenommen wird - oder aber ge­nerell ausgeschlossen wird. Dadurch besitzt der Umgang mit logischen Rudimenten einen unmittelbaren Einfluss auf die aquifinalen Losungen einer QCA.

Um eine Entscheidung bezuglich der Miteinbeziehung logischer Rudimente treffen zu kon- nen, wird die sogenannte ,,Standard Analysis ‘ herangezogen (vgl. Schneider/Wagemann 2012: 160-177; Ragin/Sonnet 2004; Ragin 2008). Die Analyse einer QCA auf Basis der Standard Analysis ergibt grundsatzlich drei verschiedene Losungen: Wahrend die konserva- tive Losung (Conservative Solution ‘) keine logischen Rudimente miteinbezieht, nimmt die sparsamste Losung (Most Parsimonious Solution ‘) alle logischen Rudimente in den Mini- mierungsprozess auf, welche die Losung sparsamer machen. Die mittlere Losung (,Intermediate Solution ‘) bietet einen Mittelweg und bezieht nur logische Rudimente in den Minimierungsprozess mit ein, die die Losung einerseits sparsamer machen und andererseits den theoretischen Annahmen der spezifischen Bedingungen entsprechen. Aus diesem Grund eignet sich die mittlere Losung in besonderem MaBe fur die Interpretation der Ergebnisse und soil auch in dieser Arbeit im Fokus der empirischen Analyse stehen (vgl. Schneider/Wagemann 2012: 175). Basierend auf den Grundlagen der Standard Analysis werden somit fur die mittlere Losung nur sogenannte ,Easy Counterfactuals' berucksichtigt. Als solche werden vereinfachende Annahmen definiert, welche sowohl mit der empirischen Evidenz als auch mit den theoretischen Grundlagen dieser Arbeit vereinbar sind.36 Dazu werden fur jede Bedingung theoriegeleitete, den Hypothesen entsprechende Annahmen (.,Directional Expectations') formuliert (vgl. Schneider/Wagemann 2012: 168-174). Schnei­der und Wagemann (2012: 198-211) empfehlen zudem etwaige unhaltbare Annahmen (., Untenable Assumptions') bereits im Vorfeld aus dem Minimierungsprozess auszuschlie- Ben.37 Diese Strategic der Enhanced Standard Analysis vermeidet, dass beispielsweise logische Rudimente in den Minimierungsprozess einbezogen werden, die etwaigen notwen- digen Bedingungen widersprechen.

Nach Schneider und Wagemann (2012: 282) hat es sich als sinnvoll erwiesen, bei der QCA auf spezielle Software zuruckzugreifen. Aus diesem Grund wird das ProgrammfQCA 2.5 (Ragin/Davey 2009) zur Erstellung der Wahrheitstafel, der Durchfuhrung des Mini- mierungsprozesses sowie zur grafischen Darstellung der Ergebnisse in XY-Diagrammen verwendet.

3.2 Auswahl der Falle und des Untersuchungszeitraums

Nachdem die Methode dieser Arbeit vorgestellt wurde, soil in diesem Abschnitt zunachst naher auf die Fallauswahl fur die empirische Analyse eingegangen werden. AnschlieBend wird der Untersuchungszeitraum festgelegt und begrundet.

Wie bereits angemerkt, ist die Fallauswahl fur eine erfolgreiche QCA von zentraler Bedeu- tung. Allerdings erweist sich die Auswahl der Falle unter Berucksichtigung des Forschungskontexts und -ziels einfach.

[...]


1 So stellten die Mitgliedsparteien von funf der sieben Fraktionen des Europaischen Parlaments erstmals gemeinsame Kandidat_innen fur den Wahlkampf auf: Die Europaische Volkspartei (EVP) Jean-Claude Juncker; die Fraktion der Progressiven Allianz der Sozialdemokraten (S&D) Martin Schulz; die Fraktion der Allianz der Liberalen und Demokraten fur Europa (ALDE) Guy Verhofstadt; die Grunen/Europaische Allianz (Grune/EFA) Ska Keller und Jose Bove; die Konfoderale Fraktion der Vereinigten Europaischen Linken/Nordischen Grunen Linken (GUE/NGL) Alexis Tsipras.

2 Selbstverstandlich ist der Ubergang zwischen theoretischen Grundlagen und dem Forschungsstand flie- flend. Dennoch wird darauf geachtet beide Abschnitte inhaltlich so gut wie moglich zu trennen.

3 Aus pragmatischen Grunden soil an dieser Stelle nur auf diese drei exponiertesten Stromungen der Wahl- beteiligungsforschung eingegangen werden. Fur einen Uberblick weiterer theoretischer Ansatze vgl. Clarke etal. (2004: 217-277).

4 Fur einen detaillierten Uberblick zur Entstehungsgeschichte des rationalistischen Ansatzes nach Downs vgl. auch Arzheimer und Schmitt (2014: 334-342).

5 Der Nutzen fur eine Person hangt besonders von den personlichen Erwartungen uber den Wahlausgang ab. Daher wirdhiervom ,erwartetenNutzen‘ gesprochen (vgl. Caballero 2014: 446).

6 Aus pragmatischen Grunden soil an dieser Stelle auf eine detaillierte Darstellung der Kritik an der Rational Choice-Theorie wie auch der darauf beruhenden Erweiterungsvorschlage verzichtet werden. Fur einen Uberblick vgl. etwa Arzheimer und Schmitt (2014) sowie Schwenk (2008).

7 Auf die Ausfuhrung weiterer Faktoren des rationalistischen Ansatzes soil an dieser Stelle verzichtet wer­den. Einen detaillierten Uberblick liefert etwa Blais (2000).

8 Einen detaillierteren Einblick in die theoretischen Hintergrunde des soziologischen Ansatzes bietet Schoen (2014b: 169-194).

9 Radtke (1972: 9-12) kritisiert allerdings die Unklarheit bezuglich der Umstande, unter denen solche Ein­stellungen ein spezifisches Verhalten erzeugen.

10 Da die Political Efficacy insbcsonderc in der nordamerikanischcn Partizipationsforschung Anwendung fin-det und thcorctisch ohnehin auf dem Kon/ept der politischcn Zutricdcnhcit bemht. findet sie in dicser Arbeit keine Bcachtung. Aus diesem Grund soil an diescr Stelle nicht weiter aufdiesen Faktör eingegangen werden.

11 Reif und Schmitt baucn dabei auf mchrcrc. frilhere Untersuchungen auf: In dcr IJS-amcrikanischcn Wahl* YcthaltcnsfoiNchung wurdc die Frage analysiert, warum die Panei desjeweilig amtierenden Prãsidcntcn in sogenannten .A/jJ/erm-Kongresswahlen* hSufig groBe Stimmvetlusie hinnehmen musste (vgl. hierzu Hirschımn 1970: Tufte 1975: Sıim & on 1976). Miller und Maekie (1973: 263-279) beobachtcten in GroB-britannien. dass die anuierende bribsche Regierung kurz vor den Wahlen deutlich popularcr als wahrend der Legislaturperiode sei.

12 So wurden bislang alle Europawahlen auf Grundlage des Modells untersucht (vgl. etwa Reif/Schmitt 1980; van der Eijk/Franklin 1996; Marsh 1998; Hix/Marsh 2007, 2011; van der Brug/van der Eijk 2007; Hix et al. 2007; Hix 2008). Besonders umfangreich sind die Studien nach der EU-Osterweiterung, als 2004 erst- mals die neuen osteuropaischen Mitgliedstaaten abstimmen konnten (vgl. etwa Marsh 2005: 142-158; Schmitt 2005; Koepke/Ringe 2006: 231-346).

13 In parlamentarischen Regierungssystemen sind dies die nationalen Parlamentswahlen, in prasidentiellen oder semi-prasidentiellen Systemen sind dies entsprechend die Prasidentschaftswahlen.

14 Ein detaillierter Uberblick der funf weiteren Dimensionen findet sich bei Reif und Schmitt (1980: 10-15).

15 Eine Ausnahme bietet sich jedoch, wenn europaische Themen auch in Wahlen erster Ordnung eine beson- dere Rolle spielen (vgl. de Vries et al. 2011).

16 Die hier aufgestellten Hypothesen werden jeweils anhand einer (Makro-)Bedingung untersucht, welche in Kapitel 3.4 operationalisiert werden. Des Weiteren ist darauf hinzuweisen, dass die Hypothesen durch ihren ,Wenn..., dann... ‘-Charakter die Voraussetzung zur Uberprufung notwendiger und hinreichender Bedin- gungen erfullen.

17 Fur einen detaillierteren Einblick in die theoretische Unterscheidung zwischen Aggregat- und Individual­daten vgl. Schoen (2014a: 109-131). Auf die Vor- und Nachteile der verschiedenen Datentypen - insbesondere auch der aggregierten Individualdaten - wird auflerdem noch einmal kurz in Kapitel 3.5. ein­gegangen.

18 Aus pragmatischen Grunden soil an dieser Stelle auf die Darstellung weiterer Studien mit Bezug auf insti­tutionelle Faktoren verzichtet werden (fur einen Uberblick weiterer Faktoren vgl. etwa Blais 2006; Geys 2006).

19 Wie bereits erwahnt, soil in dieser Arbeit auf die Analyse der soziologischen Faktoren verzichtet werden. Es zeigt sich auch, dass die Faktoren des soziologischen Ansatzes in der aktuellen Forschung zur Beteili- gung an den Europawahlen - wenn uberhaupt - nur als Kontrollvariablen der einzelnen Modelle Verwendung finden.

20 Griechenland, Italien, Portugal, Spanien und Zypem. Irland, als ursprungliches Mitglied der sogenannten GUPS-Staaten, hatte die Krise zum Zeitpunkt der Wahlen 2014 grofltenteils uberwunden. Dafur kann Zy­pem zum Zeitpunkt der Untersuchung durchaus als Krisenstaat bezeichnet werden.

21 Nach Key (1955) tritt eine Critical Election immer dann auf, wenn sich traditionelle Koalitionen zwischen Parteien und sozialen Gruppen langfristig verandem.

22 Der QCA-Ansatz verwendet insbesondere die booleschen Prinzipien der Minimierung, der Negation, des logischen UND sowie des logischen ODER. Fur einen detaillierteren Uberblick vgl. bspw. Schneider/Wa- gemann (2012: 42-52) und Ragin (1987: 85-102).

23 Auf die allgemeinen mengentheoretischen Grundlagen soil an dieser Stelle nicht weiter eingegangen wer­den. Fur einen detaillierteren Einblick vgl. Schneider/Wagemann (2012: 5-8).

24 Mengen werden dabei als ,,zones of inclusion and exclusion ‘ definiert, in welche die Falle „according to their fit within the boundaries of a set‘ eingeordnet werden konnen (Mahoney 2010, zit. nach Schnei­der/Wagemann 2012: 24).

25 INUS-Bedingungen stehen dabei fur , insufficient but necessary part of a condition which is itself unneces­sary but sufficient for the result. ’ (Mackie 1974: 62; Goertz 2003: 68; Mahoney 2008). Eine SUIN- Bedingung steht dabei fur , sufficient, but unnecessary part of a factor that is insufficient, but necessary for the solution (Mahoney et al. 2009: 126).

26 Entgegen der chronologischen Reihenfolge ihrer Entstehung sollte die fsQCA allerdings nicht als Erweite- rung der csQCA, sondem eher umgekehrt die csQCA als Extremform der fsQCA verstanden werden.

27 Da der Outcome dieser Arbeit nicht dichotomisiert werden soil, kann dieses Forschungsdesign weder mit der csQCA noch mit der Multi-Value QCA (mvQCA) arbeiten. Aus diesem Grand soil an dieser Stelle auf eine weitere Darstellung der csQCA und der mvQCA verzichtet werden. Fur weitere, detailliertere Infor- mationen zur csQCA vgl. insbesondere Ragin (1987). Fur einen weiteren Einblick in die mvQCA vgl. Cronquist (2005; 2007).

28 Der Begriff ,Fuzzy Sef besteht nicht erst durch die fsQCA, sondem geht auf die Arbeit von Lotfi Zadeh (1965, 1968) zuruck und findet in den verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen Verwendung.

29 Auf die Kalibrierung und den ihr zugrundliegenden Regeln fur diese Arbeit wird in den folgenden Kapiteln 3.3 und 3.4 sowie im Anhang dieser Arbeit detaillierter eingegangen.

30 Fur weitere Information zu den verschiedenen Methoden zur Kalibrierung von Daten vgl. Ragin (2008: 85­105); Schneider/Wagemann (2012: 33-41).

31 Dies gilt allerdings nur, wenn - wie in dieser Arbeit - keine Werte von exakt 0,5 vergeben werden (vgl. Schneider/Wagemann 2012: 100-101).

32 Die Darstellung der Fuzzy-Mengen in einer Cr/'s^-Set-Wahrheitstafel bedeutet jedoch keine grundsatzliche Umwandlung derWerte(vgl. Schneider/Wagemann 2012: 103).

33 Auf die Festlegung der Grenzwerte der Konsistenz notwendiger und hinreichender Bedingungen wird in den entsprechenden Kapiteln noch einmal genauer eingegangen.

34 Um in dieser Arbeit als notwendige Bedingung gelten zu konnen, muss mindestens ein Konsistenzwert von 0,9 erreicht werden.

35 Die funf in dieser Arbeit untersuchten Bedingungen ergeben 32 Wahrheitstafelzeilen. Bei 28 untersuchten Fallen resultieren daraus zumindest funf logische Rudimente.

36 Als ,Difficult Counterfactuals‘ werden demgegenuber solche vereinfachenden Annahmen bezeichnet, die ausschliefllich mit der empirischen Evidenz, jedoch nicht mit dem theoretischen Wissen vereinbar sind (Schneider/Wagemann 2012: 168).

37 Die Entscheidung zu unhaltbaren Annahmen uber logische Rudimente beeinflusst sowohl die sparsamste als auch die mittlere Losung. Unter dem Begriff Untenable Assumptions' werden all jene Annahmen zu- sammengefasst, die logisch nicht plausibel sind, etwaigen notwendigen Bedingungen widersprechen oder in den Minimierungsprozess des Outcomes sowie dessen Negation miteinbezogen werden (vgl. Schneider/Wagemann 2012: 198-211).

Ende der Leseprobe aus 120 Seiten

Details

Titel
Stell dir vor, es ist Wahl und keiner geht hin. Eine fsQCA der Bedingungen für die Höhe der Wahlbeteiligung
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
120
Katalognummer
V456386
ISBN (eBook)
9783668931534
ISBN (Buch)
9783668931541
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wahlen, fuzzy-set Qualitative Comparative Analysis, Politikwissenschaften, Europäisches Parlament, Europäische Union
Arbeit zitieren
Nikolas Groß (Autor), 2017, Stell dir vor, es ist Wahl und keiner geht hin. Eine fsQCA der Bedingungen für die Höhe der Wahlbeteiligung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456386

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