Die Psychiatriekritik der 1970er Jahre und Antipsychiatrie. Welche internationalen Einflüsse gab es?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Internationale Einflüsse

3. Persönlicher Kommentar

4. Fazit

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Das Seminar „Die Anormalen. Psychiatriekritik in den 1970er Jahren“ legt, worauf der Titel bereits verweist, sein Augenmerk auf die Vorkommnisse der Psychiatriekritik in den 1970er Jahren. Behinderte Menschen kämpften während der Zeit der Krüppelbewegung und der Psychiatriekritik darum, nicht mehr Objekte von Mitleid, Fürsorge und Menschenrechtsverletzungen zu sein, sondern wahrgenommene Subjekte und Experten in eigener Sache. So sollten Diskriminierung, Misshandlung sowie Isolierung für sie ein Ende haben.

Der Begriff „Krüppel“ stammt ursprünglich aus dem mittelhochdeutschen „ krüp(p)el “ bzw. aus dem mittelniederdeutschen „ krop(p)el “ und bedeutet ursprünglich “der Gekrümmte1. Aufgrund der Bedeutungsverschlechterung wird der Begriff heute als ein Schimpfwort sowie als eine Diskriminierung angesehen und verliert somit seine eigentliche Funktion, eine körperliche oder geistige Behinderung festzustellen. Vertreter der Psychiatriekritik und der „Krüppelbewegung“ forderten in den 1970er Jahren eine Änderung bezüglich des Blickwinkels auf Behinderung und dessen Begriff und erhielten dabei auch Unterstützung von Medizinern, Erziehungswissenschaftlern und Soziologen. Dabei eigneten sich die Mitglieder der Krüppelbewegung das Wort „Krüppel“ selbst an, um zu provozieren und Aufmerksamkeit zu erlangen.2

Da der Umfang dieses Themengebietes sehr weiträumig ist, wurde sich in dieser Ausarbeitung auf den Themenschwerpunkt der internationalen Einflüsse fokussiert, um den vorgegebenen Rahmen einhalten zu können. Trotz dieser Einschränkung werden lediglich nur Teilgebiete genannt bzw. angeschnitten werden können. So soll anhand einiger Beispiele gezeigt werden, inwieweit internationale Einflüsse im Zuge der Psychiatriekritik zutragen kamen und die Aktivität einiger ausgewählter Länder bezüglich der Thematik der Psychiatriekritik angesprochen werden. Dabei wurde sich hauptsächlich am Text „ Mapping antipsychiatry. Elemente für die Geschichte einer transnationalen Bewegung “ von Benoît Majerus orientiert. Obwohl es schwer fällt, eine Einschätzung über vergangene Geschehnisse, die man selbst nicht erlebt hat, abzu-geben, soll dies in einem persönlichen Statement versucht werden.

2. Internationale Einflüsse

Betrachtet man internationale Geschehnisse der Psychiatriekritik, lassen sich bestimmte Konzepte und Institutionen erkennen, die einflussreicher waren als andere. Doch gibt es in diesem Zusammenhang nicht nur nennenswerte Institutionen, sondern auch bestimmte Persönlichkeiten, die dieses Themengebiet und dessen Entwicklung maßgeblich beeinflussten. Zudem zeichnet sich ab, dass der Einfluss der Anti-psychiatrie in verschiedenen Ländern unterschiedlich groß war. Auf all diese Punkte soll im Folgenden eingegangen werden.

In England starteten mehrere Psychiater gegen Ende der 1950er Jahre den Versuch, eine grundlegende Veränderung in der medizinischen psychiatrischen Versorgung zu erreichen. Eines der bekannteren Beispiele dafür ist das Experiment von David Cooper, die „ Villa 21 “.3 Dabei handelte es sich um eine Forschungsstation für junge Schizophrene im Shenley Hospital in Hertfordshire, in der Cooper sein Konzept der antiautoritären Psychiatrie erprobte. Zu seinen Leitideen gehörte, dass die Patienten ihre Behandlung größtenteils selbst bestimmen durften.4 So verwendete Cooper den Begriff der „Antipsychiatrie“ erstmals in seinem 1967 veröffentlichten Buch.5

Coopers Versuche fanden jedoch kaum Zuspruch und hatten eine Radikalisierung der Reformer zur Konsequenz, welche im Laufe der 1960er Jahre folglich eigene Konzepte außerhalb der Psychiatrie umzusetzen versuchten. So gründeten beispielsweise 1965 sechs Psychiater unter dem Vorsitz von Ronald D. Laing die „ Philadelphia Association “. Die Vereinigung hatte zum Ziel, psychisch Kranken durch gemein-schaftliches Zusammenleben in Form von betreutem Wohnen die Einweisung in eine psychiatrische Anstalt zu ersparen. So stellte dies eine radikale Abkehr von den herkömmlichen psychiatrischen Behandlungen dar.6

Ein daraus resultierendes Konzept war eine 1965 gegründete therapeutische Wohn-gemeinschaft in London, welche den Namen „ Kingsley Hall “ trug. Das Haus lässt sich als eine Art Wallfahrtsort bezeichnen, da sich dort in den 1960er Jahren eine Vielzahl reformorientierter Psychiater aus ganz Westeuropa versammelten.7 Diese sprachen sich für eine Veränderung der Situation psychisch Kranker aus. Ihr Konzept besagte, dass Mitglieder der Philadelphia Association sowie weitere Personen in der WG zusammenlebten. So befanden sich unter den Bewohner Kingsley Hall’s Menschen, die früher als schizophren diagnostiziert und in die Nervenklinik eingewiesen worden waren und welche, die diese Diagnose erhalten hätten, sich jedoch weigerten, psychiatrische Patienten zu sein.8 Zum Denkschema von Kingsley Hall gehörten das Einreißen von Hierarchien, die Deinstitutionalisierung von psychiatrischen Strukturen sowie das Ausleben der Krankheiten - des „ Wahnsinns “. Somit zogen sie auch ein Ausbrechen aus der herkömmlichen medizinischen Logik in Betracht. Ihr Vorhaben lag darin, nicht nur die Medizin, sondern auch die Gesellschaft zu verändern, die ihrer Ansicht nach den Wahnsinn erst hervorkommen ließe.9

Anlässlich dieser Vorstellungen und Vorhaben organisierten im Jahr 1967 vier Psychiater eine Tagung im Londoner Kulturzentrum Roundhouse, die im Juli desselben Jahres abgehalten wurde. Die Organisatoren Ronald D. Laing, David Cooper, Aaron Esterson und Clancy Sigal gaben dieser Zusammenkunft den Namen „ Dialectics of Liberation “ und luden zahlreiche Gäste ein, die in der zweiwöchigen Tagung über die Gefangenschaft der Gesellschaften diskutierten und somit „ die politischen und akademischen Debatten der 1960er Jahre maßgeblich beeinflussten10. Ihr Schwerpunkt lag auf den Überlegungen, wie sich das Individuum aus den zahlreichen gesellschaftlichen Zwängen befreien könne, was auch die Kritik der modernen Institutionen (Schulen, Krankenhäusern, Fabriken u.ä.) beinhaltete.

Obwohl das Phänomen der Antipsychiatrie in mehreren Ländern von einer Vielzahl kritischer Sozialwissenschaftler und Psychiater konzipiert und verbreitet wurde, gab es einige Persönlichkeiten, die besonders hervorstachen und führende Positionen einnahmen.

Zum Kreis dieser Persönlichkeiten gehörte der bereits genannte britische Psychiater Ronald D. Laing. Er vertrat die Idee eines „ökologischen Selbst“, welches besagte, dass der Mensch nicht von (einzelnen) Spezialisten behandelt werden sollte. Stattdessen forderte er die Ärzte auf, den Patienten als Ganzes zu betrachten. Zudem entwickelte Laing eine existentielle Psychologie und Psychiatrie und betonte immer wieder, dass die subjektive Erfahrung berücksichtigt werden sollte. In seiner Praxistätigkeit versuchte er die geschilderten Erlebnisse seiner Patienten nicht als Ausdruck einer psychischen Krankheit zu definieren, sondern diese vielmehr „ als sinnvoll zu lesen11. In seinem 1960 veröffentlichten Buch „ Divided Self“ berichtete Laing über die Behandlung von Schizophrenie diagnostizierten Menschen und versuchte so, die Psychiatrie durch eine kritische Analyse zu definieren. Auffällig war, dass Laing die Problemursache nicht hauptsächlich im Patienten selbst verankert, sondern viel mehr durch das Beziehungsgeflecht der Familie ausgelöst sah. So war es nicht verwunderlich, dass das Augenmerk seiner Analysen auf den Kontext des Familiengefüges beschränkt blieb und man eine darüber hinausführende gesell-schaftliche Kritik vergeblich suchte.12

Michel Foucault, der in Frankreich tätig war, hatte hingegen eine ganz andere Sicht bezüglich der Antipsychiatrie, die historisch begründet war. Seiner Auffassung nach gab es bereits vor dem Zeitalter der Aufklärung einen Dialog zwischen Verstand und Unvernunft. Letztendlich stellt er fest, dass die Bedeutung des Wahnsinns als eine Fehlfunktion einer ursprünglich gesund angelegten Vernunft gesehen wird. Wahnsinn wird somit schlussfolgernd als der defekte Modus einer natürlichen Vernünftigkeit angesehen. In seinem 1961 erschienenen Werk „ Folie et déraison“ (dt. Wahnsinn und Unvernunft) erklärt er, dass der Aufstieg der Vernunft im Zeitalter der Aufklärung „ die Macht nicht in Frage gestellt, sondern sie legitimiert13 hat, weshalb er diese Zeit auch als dunkles Mittelalter betitelt. Seiner Auffassung nach wurde der „ Wahnsinn “ zu früheren Zeitpunkten noch nicht als etwas radikal „ Anderes “ betrachtet. Zudem vertritt Foucault die Ansicht, dass der veränderte Status der Wahnsinnigen eng mit dem Kapitalismus verbunden sei. Einen Beweis sah er in der Tatsache, dass notwendige flexible Arbeitskräfte in den Anstalten eingesetzt wurden. Er klagte an, dass das Einsperren den Umstand der Entfremdung erst produziert habe.14

Eine weitere nennenswerte Persönlichkeit dieses Themenbereichs ist der US-amerikanische Soziologe Erving Goffman. Er veröffentliche zu Anfang der 1960er Jahre das bedeutende Buch „ Asylums“. Goffman lieferte der Antipsychiatrie das zentrale Stichwort in ihrem Kampf, indem er vom Konzept der „ totalen Institutionen “ sprach, welches sich durch mehrere Elemente auszeichnete, die er allesamt stark kritisierte. So wäre der Zustand zu nennen, dass die traditionellen Grenzen zwischen Schlaf-, Freizeit-und Arbeitsraum vollends aufgelöst sind, was eine Reduzierung des Raums als Konsequenz mit sich zieht und ihn multifunktional werden lässt. Zudem vergleicht er den Zustand der Einlieferung des Patienten in eine totale Institution mit dem bürgerlichen Tod, da ihm hierdurch Merkmale des alltäglichen Lebens geraubt werden. Hierzu zählt Goffman das Privatleben des Patienten sowie seine Kleider oder weitere persönliche Dinge, wodurch die Person letztendlich ihre Individualität verliert. In einer totalen Institution erhält der Patient eine Identität, die nicht mit der außerhalb der Anstalt zu vergleichen ist. Goffman kritisiert in seiner Antipsychiatrie den Umstand der alltäglichen Zeremonien in besagten Institutionen, der den ständigen Gegensatz zwischen Insassen und Personal vor Augen führt. Er verwies darauf, dass solche Prozesse ebenfalls in Klöstern oder Gefängnissen zu finden sind oder in nationalsozialistischen Konzentrationslagern zu finden waren. All diese Kritikpunkte führten zu zwei Phänomenen, erklärte er. Das erste Phänomen sei, dass das Verhalten des Patienten als Teil seiner Krankheit interpretiert werde. Somit würden Verhaltens-weisen, „ die von der Gesellschaft akzeptiert werden, solange der Handelnde nicht als psychisch krank betrachtet wird, einen neuen Sinn in der Anstalt15 erhalten. Das zweite Phänomen sieht er in der sozialen Entfremdung, welche eine Folgeerscheinung der geistigen Entfremdung sei und welche durch die Entfremdung im Asyl zusätzlich verstärkt wird. Zustände wie die räumliche Organisation, die Behandlung der Patienten oder das Einschließen sorgten so für eine Verschlechterung des Zustandes des Patienten.16

Der letzte in dieser Ausarbeitung zu nennende Verfechter der Antipsychiatrie ist der italienische Psychiater Franco Basaglia, der sich seit 1961 für eine Lockerung der Anstaltsstrukturen einsetzte. Bekanntheit erlangte er durch sein Werk „ L’istituzione negata“ (dt. „Die negierte Institution“, 1968). Als er 1964 seinen Lebensstandort nach Triest verlagerte, entwickelte sich die norditalienische Stadt schnell zu einem „ Mekka der Antipsychiatrie17, in die viele kritisch eingestellte Psychiater aus Westeuropa pilgerten. Basaglia ist an dieser Stelle zu nennen, da es der antipsychiatrischen Bewegung um ihn herum gelang, die Thematik dauerhaft in der Gesellschaft und im politischen Tagesgeschehen aufrechtzuhalten. Dies hatte zur Folge, dass eine reformierte Psychiatrie ein breites Anliegen der Gesellschaft wurde. 1978 ließ sich mit dem „ Gesetz 180 “ ein erster großer Erfolg verzeichnen, welches verordnete, sämtliche psychiatrische Asyle mittelfristig zu schließen. Da die Umsetzung abhängig von den jeweiligen lokalen und regionalen Behörden erfolgte, gibt es noch heutzutage geographisch auffallende Kontraste. Findet man heutzutage im südlichen Italien noch immer große asyläre Strukturen, sind diese im Norden kaum noch aufzufinden.18

[...]


1 Vgl. Bibliographisches Institut GmbH (2014). Suchwort: Krüppel. Dudenverlag: Berlin.

2 Vgl. https://web.archive.org/web/20121003051722/http://www.zedis.uni-hamburg.de/dokumente/ Bewegungsgeschichte_HH_04-06_Vortrag.pdf

3 Vgl. Majerus, Benoît (2010). Mapping antipsychiatry. Elemente für die Geschichte einer transnationalen Bewegung. In: Themenportal Europäische Geschichte. S. 2.

4 Vgl. Wall, Oisin (2013). The birth and death of Villa 21. In: History of Psychiatry, Band 24. S. 326ff.

5 Vgl. Crossley, Nick (1998). R. D. Laing and the british anti-psychiatry movement: A socio-historical analysis. S. 877.

6 Vgl. http://www.philadelphia-association.org.uk/documents/SidBriskinobituary.pdf

7 Vgl. Majerus, Benoît (2010). Mapping antipsychiatry. S. 2.

8 Vgl. http://www.sgipt.org/medppp/antips1.htm#Kingsley-Hall.

9 Vgl. Majerus, Benoît (2010). Mapping antipsychiatry. S. 2.

10 Ebd. S. 1.

11 Ebd. S. 3.

12 Vgl. ebd. S. 3.

13 Ebd. S. 3

14 Vgl. ebd. S. 3.

15 Ebd. S. 4.

16 Vgl. ebd. S. 3f.

17 Ebd. S. 5.

18 Vgl. ebd. S. 5.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Psychiatriekritik der 1970er Jahre und Antipsychiatrie. Welche internationalen Einflüsse gab es?
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Die Anormalen. Psychiatriekritik in den 1970er Jahren.
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
16
Katalognummer
V456662
ISBN (eBook)
9783668879584
ISBN (Buch)
9783668879591
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Psychiatriekritik, Kritik, Psychiatrie, Erziehungswissenschaft, Gesellschaftskritik, Sozialpädagogik, 1970, Pädagogik, international
Arbeit zitieren
Katharina Mentz (Autor), 2014, Die Psychiatriekritik der 1970er Jahre und Antipsychiatrie. Welche internationalen Einflüsse gab es?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456662

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