Störungsbilder als Beziehungsmuster. Sexuelle Störungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung…. S.

2. Störungsbilder…. S.

3. Beziehungsmuster…. S.

4. Entstörungen ….. S.
4.1 Vier Phasen einer systemischen Sexualtherapie... S.
4.2 Systemische Therapie sexueller Unlust… S.
4.3 Übungen aus der systemischen Sexualtherapie… S.

5. Fazit….. S.

6. Quellenverzeichnis…. S.

7. Anhang. S.

1. Einleitung

Diese Ausarbeitung bezieht sich auf das Referatsthema „Störungsbilder als Beziehungsmuster: Sexuelle Störungen“ im Rahmen des Seminars „Systemische Einzel-, Paar- und Familienberatung im Vergleich“.

Innerhalb dieses Themas wird sich mit einem Phänomen beschäftigt, welches nicht nur das Gleichgewicht der Beziehung beeinträchtigt und zu Problemen mit dem Partner führt, sondern ebenfalls psychische Auswirkungen auf die betroffene Person selbst hat, welche sich in Schuldgefühlen und/oder sexueller Frustration widerspiegeln kann. Die Thematik des gestörten oder unbefriedigenden Sexuallebens kann jeden treffen und ist innerhalb der Bevölkerung verbreiteter als man denkt. Ihre Behandlung erfordert eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen den Betroffenen und einem Psychotherapeut/einer Psychotherapeutin oder einem Berater/einer Beraterin.

Um einen Einstieg in die Thematik zu erlangen, werden zu Anfang dieser Ausarbeitung die verschiedenen Störungsbilder in der ICD-10 erläutert, welche als nichtorganische sexuelle Funktionsstörungen verstanden werden. Daraufhin wird kurz auf die Muster in einer Beziehung eingegangen. Im darauffolgenden Kapitel wird der Aspekt der Entstörungen betrachtet, in dem zu Anfang die vier Phasen einer systemischen Sexualtherapie erläutert werden. Anschließend liegt das Augenmerk speziell auf dem Aspekt der sexuellen Unlust und den dafür vorgesehenen Übungen aus der systemischen Sexualtherapie. Abgerundet wird diese Ausarbeitung durch ein persönliches Fazit.

2. Störungsbilder

Laut Schweitzer und Schlippe stellen sexuelle Funktionsstörungen einen „Oberbegriff für Beeinträchtigung der sexuellen Appetenz sowie der physiologischen und psychischen Reaktion auf sexuelle Reize [dar] “. 1 Die Anfänge der Sexualtherapie lassen sich in den 1920er Jahren verzeichnen und thematisierten Probleme im Sexualleben „ bei denen etwas nicht geht, was eigentlich gewollt wird“ 2 sowie unerwünschte sexuelle Veranlagungen. Noch bis zum Jahre 1960 wurde diesen „falschen“ sexuellen Strebungen die homosexuelle Ausrichtung zugeordnet sowie die Transsexualität, bei der die betreffende Person das Verlangen verspürt, dem anderen Geschlecht anzugehören. Auch der Transvestismus, bei dem der Wunsch besteht, die für das andere Geschlecht typische Kleidung zu tragen, zählte zu diesen vermeintlich unerwünschten sexuellen Vorlieben. In der heutigen Zeit sind diese sexuellen Vorlieben jedoch nicht als behandelbare Störungen in der ICD-10 verzeichnet.

Die Abkürzung ICD steht für „ International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“ und fungiert weltweit als anerkanntes Diagnose-klassifikationssystem der Medizin. Dabei steht die Zahl hinter der Bezeichnung ICD für die zehnte Revision der Klassifikation. Die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellt und ist auch in deutscher Sprache verfügbar.3

Kapitel V. der ICD-10 beinhaltet unter F50-F59 Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen und Faktoren. Die unter F52 aufgelisteten sexuellen Funktionsstörungen die nicht durch eine organische Störung oder Krankheit verursacht sind, lassen sich im Anhang einsehen.

3. Beziehungsmuster

Denkt man an sexuelle Funktionsstörungen, so ist zumeist die erste Vermutung, dass die Betroffenen am meisten unter dem Funktionsverlust leiden. Jedoch ist die Bedeutung, die dieser Verlust auf ihre Beziehung hat, viel leidvoller. Brandenburg und Kersting erklärten: „ Sexuelle Systeme zeichnen sich häufig aus durch eine Mischung von Verbot an Kommunikation und grandiosen Leistungsnormen in Bezug auf sexuelle Performance. Paare, die diese Mischung verinnerlichen, haben eine gute Chance, sexuelle Probleme zu entwickeln. Vielleicht sogar als letzte Rettung dagegen.“ 4 Es lässt sich erkennen, dass die menschliche Sexualität komplex und kompliziert ist. In ihr stehen sich natürliches Phänomen auf der einen und Kulturphänomen auf der anderen Seite gegenüber. Dem liegt zugrunde, dass Sexualität in der heutigen Zeit so präsent in den Medien und der Kultur vertreten ist, dass sie nicht nur eine natürliche Funktion innehat. Die Definition als „Natürlichkeit“ führt zu Problemen, da sie Beschreibungen beinhaltet, die wiederum moralische Fallen aufzeigen („Was hast du nur für unnatürliche Wünsche, geradezu widerlich!“ oder „Wenn du natürlich empfinden würdest, dann würde es zwischen uns klappen, du brauchst dich doch nur einfach hinzugeben“ 5 ). Heer geht davon aus, dass in unserem Kulturkreis keine menschliche Sexualität ohne eine Art Drehbuch im Kopf vonstattengeht. Nach diesem Gesichtspunkt ergeben sich Konsequenzen für die Therapie sexueller Störungen und der Kontrast zwischen Natur- und Kulturphänomen wird deutlich. Ein Naturphänomen läuft von selbst ab. Tauchen hier Störungen auf, muss der den natürlichen Ablauf störende Faktor entfernt und eine Harmonisierung zurückerlangt werden. Im Gegensatz dazu muss ein Kulturphänomen gestaltet werden und benötigt die Spannung unterschiedlicher Formen von Gestaltung. Die Leitidee therapeutischer Intervention fungiert in der Suche nach kreativen Differenzen beider Partner sowie dem Konflikt. Zudem können sich Blockierungen ergeben, wenn man die Faktoren Sexualität und Liebe zu eng verknüpft („Wenn du mich wirklich lieben würdest…“). An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass beide Faktoren selbstverständlich in Verbindung zueinander stehen, allerdings nicht so eng, wie manche Menschen es sich vorstellen oder wünschen. Hilfestellung kann geleistet werden, indem die unterschiedlichen sexuellen Vorlieben beider Partner unabhängig von der Verwirklichung durch den Liebespartner erarbeitet werden, wodurch der Spannungsbogen und die Unvorhersagbarkeit der Partner erhöht werden.

Eine weitere Schwierigkeit stellt die Aufgeklärtheit in der heutigen Zeit dar, weshalb die „ Ausrichtung von psychotherapeutischer Praxis zur Behandlung sexueller Störungen an einem normativen Funktionsparadigma kritisiert6 wird. Der therapeutische Ansatz, der eine aufklärerische Wirkung beinhaltet sowie die inbegriffene Erlaubnis, sich dem natürlichen Ablauf hinzugeben, konnte sich vielleicht noch bei den unerfahrenen und gehemmten Paaren, die es bis in die 1970er Jahre gab, erfolgreich auswirken. Heutzutage verfügen die Paare in der Sexualtherapie zumeist über das gleiche Wissen wie der Therapeut und sind sexuell erfahren. Hier stellt größtenteils weder die Angst noch die Unwissenheit ein Problem dar, sondern eine vorhandene Appetenzstörung. Oftmals ist für eine Funktionsstörung die Angst beider Partner vor Differenzierung und Unterschiedlichkeit von Bedeutung.

Letztendlich sind zentrale Ziele systemischer Sexualtherapie die Anregung und Förderung von Angsttoleranz und von psychischer Differenzierung der Partner.

4. Entstörungen

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit Theorien der Auflösung beziehungsweise mit der Behandlung von sexuellen Funktionsstörungen und wird zum besseren Verständnis durch Beispiele veranschaulicht.

4.1 Vier Phasen einer systemischen Sexualtherapie

Brandenburg und Kersting (2001) stellten eine systemische Sexualtherapie vor, die aus vier aufeinanderfolgenden Phasen besteht.

Die erste Phase nennt sich „Systemische Problem- und Ressourcenanalyse mittels zirkulären Fragen oder „Überkreuzfragen“ und beinhaltet ein unverfänglicheres Sprechen über Sexualität durch zirkuläres Fragen. In einer Beziehung sind Spekulationen über Mängelerlebnisse, Fantasien und Wünsche normal – tauscht man sich darüber mit seinem Partner aus, stärkt dies das Vertrauen innerhalb der Beziehung. Meist entsteht durch diesen Informationsaustausch eine neue Nähe und Weichheit im Kontakt, da sich herausstellt, dass die Partner meist eine größere Kenntnis über die Nöte des Anderen besitzen als angenommen. In dieser Phase ist es von Bedeutung, dass der Therapeut Äußerungen zu Ressourcen und Kompetenzen der Partner fokussiert und durch Nachfragen dafür sorgt, dass beide Partner sie hören sowie bewusst wahrnehmen.

Die zweite Phase, „ Anamnese des aktuellen Sexualverhaltens “, hat zur Aufgabe, dass sie Details des Sexualverhaltens und der Funktionsstörung konkret erfragt, da besonders im Themengebiet Sexualität oft unpräzise Anamnesen und Diagnosen gestellt werden. Der Therapeut gilt hier als Vorbild für das Paar, indem er offen über den Bereich der Sexualität spricht und somit ein Modelllernen stattfindet. Besonders wichtig in dieser Phase ist die Nachfrage, wann es Phasen oder Situationen gab, in denen die sexuelle Störung nicht auftrat.

Die dritte Phase wird betitelt als „ Exploration der Bedeutung bzw. der „guten Gründe“ für die aktuelle Funktionsstörung“. Hier werden sexuelle Funktionsstörung im Kontext des sozialen Systems und der Beziehungsgeschichte versteh- und deutbar.

Die vierte Phase bildet die „ Schlussintervention “. Hier steht ein positives Feedback im Vordergrund, sodass das Paar Respekt und Anerkennung für ihre Mitarbeit während der Sitzungen erhält. Abschließend werden die erarbeiteten Ressourcen noch einmal betont und die Empfehlung ausgesprochen, sich an einer Aufgabe zu probieren.7

4.2 Systemische Therapie sexueller Unlust

Schnarch (1995) und Clement (2004) kombinierten die Komponenten Mangel oder Verlust von sexuellem Verlangen in Partnerschaften mit der Thematik „Macht und Kontrolle“. Dabei kamen sie zu der Erkenntnis, dass der Partner mit der geringsten sexuellen Lust den Sex kontrolliert, indem er bestimmt, wann und ob Sex stattfindet. Dahingegen verfügt die Person mit dem höheren sexuellen Verlangen über die sexuelle Initiative. Dies hat zur Folge, dass das Selbstwertgefühl des Partners mit der größeren Lust von der Person mit der geringeren Lust abhängt, aufgrund der Tatsache, dass sein Selbstwertgefühl zumeist mit der Erfüllung seines sexuellen Verlangens zusammenhängt. Jedoch befindet sich auch der regressive (Lustlosigkeit zeigende) Partner in einem Zwiespalt, da er von seinem progressiven (Lust zeigenden) Partner immer wieder in eine Situation gedrängt wird, in der er sich zwischen der Loyalität der Partnerschaft gegenüber und wiederum der Loyalität sich selbst gegenüber entscheiden muss.

Schlippe und Schweitzer bildeten zum besseren Verständnis der Thematik im Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung einen Dialog von Clement (2001) ab, der in einer solchen Partnerschaft zwischen der progressiven und regressiven Position verdeckt ablaufen könnte und im Folgenden dargestellt wird.

Progressiv: Wolle das, was ich will.

Regressiv: Ich will etwas anderes.

Progressiv: Ich ertrage nicht, dass du etwas anderes willst als ich.

Regressiv: Dann rette ich mich in die Lustlosigkeit. Damit akzeptiere ich deine Definition von Lust und zeige mich innerhalb dieser Definition als behindert. Progressiv: Ich danke dir, dass du meine Definition als gültig für uns beide akzeptierst und bin dir deshalb nicht böse.

Regressiv: Es freut mich, dass du mich nicht für böse, sondern für behindert hältst. Du hast Recht und ich habe meine Ruhe, weil du mein Nein akzeptierst.

Progressiv: Ich kriege die Definitionsmacht….

Regressiv: …und ich die Verhaltensmacht

Abb. 1.: Verdeckter Dialog nach Clement (2001)8

Hier zeigt sich deutlich die Problematik, dass die Auseinandersetzung zwischen beiden Partnern nicht offen ausgesprochen wird, was zur Folge hat, dass beide, der progressive wie auch der regressive Part, ihre Unterschiedlichkeit in Form dieses Kompromisses gebannt haben. So ist der Vorschlag eines Gesprächs im Sinne von „ Wie hättest du es denn gerne ?“ wahrscheinlich als Lösungsstrategie erfolglos und lässt keine neue erotische Spannung entspringen. Ein Paar mit Störungen des Lustempfindens hat sich in ein gemeinsames sexuelles Szenario manövriert, in dem beide Partner füreinander völlig vorhersehbar sind. Es zeigt sich deutlich, dass das Bekannte und Vertraute das Unbekannte so abgelöst hat, dass Langeweile aufgekommen ist.

[...]


1 Schlippe, A. / Schweitzer, J. (2009 ). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II. Das störungsspezifische Wissen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 212.

2 Ebd. S.212.

3 Statistisches Bundesamt (2014). ICD. Wiesbaden. Online unter: http://www.gbe-bund.de/gbe10 /abrechnung.prc_abr_test_logon?p_uid=gasts&p_aid=&p_knoten=FID&p_sprache=D&p_ suchstring=8670::dimdi [Letzter Zugriff: 20.02.2014].

4 Schlippe, A. / Schweitzer, J. (2009 ). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II. Das störungsspezifische Wissen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 214.

5 Ebd. S. 215.

6 Ebd. S.215.

7 Vgl. Schlippe, A. / Schweitzer, J. (2009 ). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II. Das störungsspezifische Wissen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 217 – 219.

8 Schlippe, A. / Schweitzer, J. (2009 ). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II. Das störungsspezifische Wissen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. S. 220.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Störungsbilder als Beziehungsmuster. Sexuelle Störungen
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Veranstaltung
Systemische Einzel-, Paar- und Familienberatung im Vergleich
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V456664
ISBN (eBook)
9783668870116
ISBN (Buch)
9783668870123
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Pädagogik, Erziehungswissenschaft, Systemische Beratung, Sexuelle Störungen, Paarberatung, Einzelberatung, Familienberatung, Störungsbilder, Beziehungsmuster, Humanwissenschaft
Arbeit zitieren
Katharina Mentz (Autor), 2014, Störungsbilder als Beziehungsmuster. Sexuelle Störungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456664

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Störungsbilder als Beziehungsmuster. Sexuelle Störungen


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden