Nicht, was die Figuren sagen, ist entscheidend, sondern was sie verschweigen: Gute Dialoge besitzen immer eine Subtextebene. Subtext meint das, was die Sprechenden in Wirklichkeit denken und fühlen. Welche Voraussetzungen müssen geschaffen werden, um Subtext zu generieren?
Anhand von Text- und Filmbeispielen wird die Kluft zwischen dem Gesagten und dem Ungesagten – aber eigentlich Gemeinten -, erläutert. Kreative Methoden werden aufgezeigt, mit deren Hilfe Autorinnen und Autoren ihre Figuren in erzählender Prosa, in Theatertexten und im Drehbuch in die Lage versetzen können, Spannung zwischen Text und Subtext zu erzeugen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Ein Beispiel: Woody Allen: Der Stadtneurotiker
1.2 Subtext als Bestandteil von Alltagskommunikation
1.3 Subtext im Filmdialog
1.4 Dialoge ohne Subtext
2. Subtext und Charakter
2.1 Subtext und Unbewusstes
3. Wie wird Subtext generiert?
3.1 Die Textebene – sprachliche Gestaltungsmittel
3.1.1. Diktion
3.1.2. Wortwitz, Ironie und indirekte Reaktionen
3.2 Der Kontext
3.2.1 Der Kontext des Charakters - Vorinformation
3.2.1 Der Kontext der Zeit und des Milieus
3.3 Körpersprache
4. Text schreiben
Zielsetzung & Themen
Das Ziel der Arbeit ist es, die essenzielle Rolle des Subtextes bei der Gestaltung von Dialogen in Prosa, Theater und Drehbuch zu untersuchen und aufzuzeigen, wie Autoren Spannung zwischen dem Gesagten und dem eigentlich Gemeinten erzeugen können.
- Die Definition und Bedeutung des Subtextes in der zwischenmenschlichen Kommunikation und im Film.
- Die Wechselwirkung zwischen Charakterentwicklung, unbewussten Bedürfnissen und szenischem Subtext.
- Sprachliche Gestaltungsmittel auf der Textebene wie Diktion, Ironie und Wortwitz.
- Die Bedeutung von Kontext (Charakter-Vorinformation, Zeit, Milieu) und Körpersprache für die Subtextgenerierung.
- Die praktische Umsetzung beim Schreiben von Dialogtexten.
Auszug aus dem Buch
1.1 Ein Beispiel: Woody Allen: Der Stadtneurotiker
In seinem Filmklassiker Annie Hall aus dem Jahr 1977 – Der Stadtneurotiker – hat sich Woody Allen einen Spaß erlaubt, der Eingang in die Drehbuch Fachliteratur gefunden hat. Auf der Terrasse ihrer Wohnung beginnt der TV Komiker Alvy Singer – verkörpert von Woody Allen selbst – mit der Dame seines Herzens, der Bar-Sängerin Annie Hall (Diane Keaton), ein Gespräch über Fotografie als Genre der Bildenden Kunst. Während des Dialogs in dieser berühmten Szene sehen wir Untertitel auf der Leinwand:
ALVY: Sind das da Fotografien, die Sie gemacht haben?
ANNIE: Ja…ja… die Klimmzüge eines Dilettanten.
Untertitel: Versuch mich dran? Ich Idiot!
ALVY: Sie sind wundervoll. Für mich haben sie so was Bildliches.
Untertitel: Du siehst toll aus!
ANNIE: Mein Traum wäre es, mal einen ganz richtigen Fotokurs zu absolvieren.
Untertitel: Er hält mich sicher für ‘nen Volltrottel!
ALVY: Ja, Fotografieren ist hochinteressant. Eine neue Kunstform, in der man ästhetische Kriterien noch nicht festgeschrieben hat.
Untertitel: Wie sie wohl nackt aussieht?
ANNIE: Ästhetische Kriterien – Sie meinen - ob es ein gutes Foto ist oder nicht?
Untertitel: Ich bin nicht clever genug für ihn.
ALVY: Ja, ja, das Medium tritt als Träger der Kunstform an ihre Stelle…
Untertitel: Wovon spreche ich eigentlich?
ANNIE: Wissen Sie… für mich ist das alles mehr eine Sache des Instinkts, ich meine mehr eine Sache des Gefühls, und schon ganz und gar nicht von der Reflektion her zu erfassen.
Untertitel: Ich hoffe, er ist nicht auch so ein Schwachkopf.
ALVY: Intellektuell gesehen richtig, aber ohne ästhetische Leitlinien fehlt die soziale Perspektive...
Untertitel: Ich klinge wie ein Rundfunksender.
Die Untertitel drücken aus, was die sprechenden Personen in Wahrheit denken und fühlen: Den Subtext.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Phänomen des Subtextes als das, was Figuren verschweigen, illustriert anhand von Filmbeispielen und kommunikationspsychologischen Grundlagen.
2. Subtext und Charakter: Analyse der Verbindung zwischen der inneren Motivation (dem Need) einer Figur und der Entstehung von Subtext, verdeutlicht an Filmcharakteren wie Will Freeman.
3. Wie wird Subtext generiert?: Detaillierte Untersuchung technischer Mittel zur Subtextbildung, unterteilt in sprachliche Gestaltungsmittel (Diktion, Ironie), den Kontext (Vorinformation, Milieu) und die Körpersprache.
4. Text schreiben: Zusammenführung der Erkenntnisse zur praktischen Anwendung beim Verfassen von Dialogen, wobei der Fokus auf dem bewussten Verschweigen und der Vermeidung von Erklärungen liegt.
Schlüsselwörter
Subtext, Dialoggestaltung, Filmdialog, Charakterentwicklung, Drehbuchschreiben, Inhaltssebene, Beziehungsebene, Unbewusstes, Bedürfnis, Need, Diktion, Ironie, Körpersprache, Kontext, Szenisches Erzählen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Subtext im Dialog, also das, was Figuren denken und fühlen, ohne es explizit auszusprechen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Theorie des Subtextes, die Rolle des unbewussten Bedürfnisses (Need) einer Figur, sprachliche und visuelle Gestaltungsmittel sowie die Kontextualisierung von Dialogszenen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Autoren kreative Methoden an die Hand zu geben, um Spannung zwischen Text und Subtext in Drehbüchern, Theatertexten und Prosa zu erzeugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine analytische Untersuchung, die auf film- und literaturtheoretischen Ansätzen sowie praktischen Drehbucharbeitskonzepten basiert, untermauert durch zahlreiche Text- und Filmbeispiele.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Charakterpsychologie, der sprachlichen Gestaltung der Diktion, den Einsatz von Ironie und Kontext sowie die Bedeutung der Körpersprache für die Subtextgenerierung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Subtext, Dialoggestaltung, Need, Körpersprache und die Kunst des Verschweigens.
Welche Rolle spielt das Konzept des „Need“ für den Subtext?
Das „Need“ ist das dem Charakter unbewusste Bedürfnis, das oft im Widerspruch zu seinem bewussten Ziel steht und dadurch den Subtext einer Szene maßgeblich prägt.
Warum ist Körpersprache für den Subtext entscheidend?
Die Körpersprache entlarvt oft, dass das Gesagte nicht der Wahrheit entspricht; sie bietet eine zusätzliche Ebene, in der sich verborgene Emotionen gegen den Willen der Figur offenbaren.
Wie unterscheidet sich die „Kunst des Verschweigens“ von Seifenoperndialogen?
Während in Seifenoperndialogen die Figuren ihre Gefühle direkt aussprechen und erklären, zeichnet sich anspruchsvolle Dialoggestaltung durch eine Kluft zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten aus.
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- Bernd Storz (Author), 2018, Heute Abend ist Dienstag. Subtext im Dialog, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456668