Haithabu als Beispiel der frühen Stadtentwickung im nördlichen Europa


Hausarbeit, 2016

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Merkmale früher Städte in Nordeuropa

3. Haithabu als Beispiel einer frühen Stadt im Norden Europas
3.1. Die äußeren Kriterien
3.2. Die inneren Kriterien

4. Zum Vergleich: der slawische Handelsort Reric

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Städte prägen unser modernes Europa. Sie sind aus unserer Zeit nicht wegzudenken, haben sie sich doch im Laufe des vergangenen Jahrtausends zum Lebensraum und –mittelpunkt vieler Europäer entwickelt. Das Leben spielt sich zu großen Teil eben dort ab: Wohnen, Arbeiten, Vergnügen. Viele von uns veranlasst diese Tatsache dazu, uns fort vom urbanen Trubel in die ruhige Dorfidylle zu wünschen und frühere Zeiten zu romantisieren. Zeiten, in denen Städte noch nicht die Rolle gespielt haben, die sie heute eingenommen haben, vielleicht sogar noch gar nicht existiert haben. Mit Blick auf Norddeutschland und Skandinavien fällt da der Gedanke schnell auf die Wikingerzeit, mit der wir kleine Dörfer verbinden, getreu dem Vorbild des Dörfchens Flake aus der bekannten Zeichentrickserie „Wickie und die starken Männer“. Aber stimmt dieses Bild überhaupt? Können wir bei einigen größeren Orten nicht tatsächlich schon von Städten sprechen?

Anhand des Beispiels Haithabu möchte ich im Folgenden auf die frühe Stadtentwicklung im Norden Europas eingehen. Dabei werde ich einige Charakteristiken einer Stadt definieren und Haithabu an diesen messen, um abschließend die Frage beantworten zu können, ob es sich bei einem Ort wie Haithabu bereits um eine Frühform einer modernen Stadt oder doch „nur“ um einen größeren Handelsplatz gehandelt hat.

2. Merkmale früher Städte in Nordeuropa

Um ermessen zu können, ob wir bei größeren Ortschaften der Wikingerzeit bereits von Städten reden können, müssen wir zunächst definieren, was eine Stadt überhaupt zu einer Stadt macht. Bei Städten denken wir zunächst an viele Menschen – doch reicht eine entsprechend hohe Einwohnerzahl bereits aus, um von einer Stadt sprechen zu können? Und wenn ja, wo liegt die Grenze, ab wann handelt es sich um eine Stadt?

Klar ist, dass sich der Stadtbegriff mit der Zeit stark verändert hat. Was in vergangenen Jahrhunderten als Stadt bezeichnet worden ist, würde uns heute wohl eher als Dorf erscheinen. Daher können wir mit unseren modernen, allerdings dennoch kaum klar fassbaren, Kriterien1 nicht an eine Beantwortung unserer Leitfrage wagen. Wir müssen uns der Sache also aus einem anderen Blickwinkel heraus nähern und uns die Frage stellen, was zur damaligen Zeit eine Stadt ausgemacht haben könnte. Eine gute Grundlage bietet uns hier Heiko Steuer, der sich diese Frage aus der Sicht der Archäologie des Mittelalters gestellt hat.2 Er unterscheidet dabei zwischen inneren und äußeren Kriterien einer Stadt, geht also sowohl auf die baulichen Merkmale als auch auf die Bewohner der Stadt ein.

Ein äußeres Merkmal einer Stadt stellt für ihn beispielsweise eine verdichtete und oft (wenn auch, vor allem in der Frühphase, nicht zwangsläufig) mit einer Mauer umgebene Besiedelung in Verbindung mit einer, im Vergleich zu „dörfischen“ Siedlungen derselben Region, höheren Einwohnerzahl dar.3 Mit der verdichteten Besiedelung geht eine Aufteilung der Fläche in Parzellen einher, also in kleine, abgesteckte Grundstücke, welche aufgrund ihrer geringen Fläche von den Bewohnern umso intensiver genutzt werden müssen. Dies wiederum führt dazu, dass die Häuser in der Stadt von der Grundfläche her meist kleiner waren als auf dem Lande.4 Darüber hinaus seien auch spezielle, nur in der Stadt vorkommende Wohn- und Wirtschaftsformen bezeichnend für eine frühe Stadt.5

Den Äußerlichkeiten stehen nun die inneren Kriterien einer Stadt entgegen, wie zum Beispiel ein städtisches Lebensgefühl, auch wenn dieses mitunter schwer fassbar sein kann. Hinweise geben uns hier aber die Lebensverhältnisse der Einwohner, in welche wir mithilfe archäologischer und teils auch zeitgenössischer, schriftlicher Quellen Einblick bekommen können. Zuletzt werden spezialisierte Werkstätten zur Produktion von Handelsgütern und veränderte Ernährungsgewohnheiten genannt, etwa durch Nahrungsimporte und den Mangel von eigenen, größeren Anbauflächen, bedingt eben durch die Aufteilung des Stadtgebietes in kleine Parzellen.6

Steuer bietet uns hier also einige Kriterien, auf die wir uns bei unserer folgenden Beurteilung stützen können. Damit uns dies gelingt, werden wir uns, gemäß Steuers Sicht aus der Archäologie des Mittelalters, verstärkt auf archäologische Funde stützen müssen.

Ergänzen werden wir diese Kriterien durch einige Beobachtungen von Thomas Riis, der sich mit dem frühen Städtewesen, insbesondere mit jenem Dänemarks, beschäftigte.7 Er betont, dass die ersten Kirchen Dänemarks zumeist in Orten errichtet worden sind, welchen schon früh eine große Bedeutung beigemessen worden war und welche zu den ersten Städten Dänemarks gerechnet werden konnten. Zwar sei das Vorhandensein einer Kirche zu dieser Zeit keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der Städte, es würde jedoch die Urbanisierung des Ortes beschleunigen.8 Ähnliches gelte auch für Münzstätten: diese hätten sich gemeinhin an bedeutungsvollen Orten befunden.9

Zudem weist er auf eine Aussage Adams von Bremen hin, welcher bemerkt, dass an den Küsten Jütlands große Städte liegen würden, womit er eine Verbindung zwischen Fernhandel bzw. der Seefahrt und dem städtischen Leben herstellt.10

Versuchen wir nun, Haithabu auf all diese Aspekte zu untersuchen, um so über die Bezeichnung Haithabus als Stadt urteilen zu können.

3. Haithabu als Beispiel einer frühen Stadt im Norden Europas

3.1. Die äußeren Kriterien

Um das Jahr 800, also vor der eigentlichen Blütezeit Haithabus, bestanden auf dessen Gebiet drei eigenständige Siedlungskomplexe, einer im Norden des Halbkreiswalles11, einer im Süden und einer im späteren „Altstadtkern“. Alle drei Siedlungskomplexe weisen dazugehörige Gräberfelder auf, welche zum Teil innerhalb des Walles liegen, was bereits darauf hindeutet, dass dieser zu dieser Zeit noch nicht existiert hat. Ausgrabungen belegen, dass alle drei Siedlungskomplexe zu diesem Zeitpunkt noch relativ locker bebaut gewesen sind, also noch keinerlei Urbanisierungsprozess eingesetzt hatte.12

Die jüngsten Funde aus der Süd- und der Nordsiedlung werden etwa auf das Jahr 850 datiert und damit auf einen Zeitpunkt, zu welchem sich die mittlere Siedlung, der „Altstadtkern“, langsam auszuweiten begann.13 Diese Vergrößerung dürfte auch durch die Ansiedlung von dänischen Kaufleuten nach der Zerstörung des slawischen Handelsortes Rerics im Jahre 808 begünstigt worden sein.14 Die Tatsache, dass die dem Dänenkönig tributpflichtigen Kaufleute Rerics bewusst nach Haithabu umgesiedelt worden sind, deutet zudem auf eine bereits existente Bedeutung dieser Siedlung als Handelsplatz hin, vielleicht bedingt durch die eventuelle Existenz eines dänischen Flottenstützpunktes in der mittleren Siedlung.15 Auch die Münzen, die wohl um 825 erstmals auf Geheiß des dänischen Königs nach dem Vorbild karolingischer Münzen aus Dorestad16 in Haithabu geprägt worden sind, stellen ein weiteres Indiz für diese Bedeutung dar.17 Tatsächlich konnte sich die Münzwirtschaft zu diesem Zeitpunkt in Haithabu, wie übrigens auch im Rest Skandinaviens, noch nicht durchsetzen. Stattdessen herrschte zunächst die Gewichtsgeldwirtschaft; eine These, die durch zahlreiche Waagenfunde im Hafenbereich gestützt wird.18 Das ist insofern relevant, als dass auch beim zweiten Versuch der Einführung einer Münzgeldwirtschaft im späten 10. Jahrhundert Haithabu erneut als Münzstätte auftritt. Dass sich dieser Versuch in Haithabu, diesmal anders als im Rest Skandinaviens, nun erfolgreich gestalten sollte, findet seine Ursache wohl auch in der Nähe zum Frankenreich, in welchem diese Art der Wirtschaft bereits alltäglich war.19

Zurück zur Siedlungsstruktur. Mit dem Bedeutungsgewinn Haithabus ging wohl auch ein steter Bevölkerungszuwachs einher, wie die bisher erfolgten Ausgrabungen auf dem Gelände nahelegen. Zur Blütezeit dürften hier knapp 1000 Menschen ansässig gewesen sein20, was sich auch in der Bebauungsdichte niederschlägt: Anhand von Zaunresten, die im Altstadtkern ausgegraben worden sind, lassen sich die Grundstücksgrößen der jeweiligen Häuser erkennen, welche in der Regel sehr schmal und selten viel größer waren als die Häuser selbst. Hinter den eigentlichen Häusern befanden sich oft kleine Nebengebäude, vielleicht eine Art Schuppen oder kleine Ställe. In den meisten Fällen fanden sich dort auch Brunnen. Aufgrund der Tatsache, dass Reste mehrerer Häuser oft direkt übereinander gefunden worden sind, können wir annehmen, dass die Grundstücksverhältnisse sehr stabil und wahrscheinlich geplant waren.21 Dafür sprechen auch vorgenommene Begradigungen des Baches, der die Siedlung mit Frischwasser versorgte, sowie die die sehr gleichmäßig wirkende Wegführung, an welcher sich die Grundstücke orientierten.22

Auch die Gebäude selbst hatten sich der „städtischeren“ Lebensweise angepasst: wie oben bereits erwähnt, fehlten die Ställe für die umfangreichere Nutztierhaltung und mit ihnen auch die Lagerräume für Futtermittel.23 Stattdessen entwickelten sich in diesen Räumlichkeiten die ersten „industriellen“ Berufe, wie zahlreiche Funde belegen. Tatsächlich ließen sich bislang, mit Ausnahme von Helgö, Birka und Ribe, aus keiner anderen Ortschaft so viele Rückschlüsse auf das frühmittelalterliche Handwerk ziehen, wie aus Haithabu. Zu den Funden gehören neben Werkzeugen und Schmiedeöfen auch allerlei Arten verschiedener Produktionsstadien, von den fertigen Waren bis hin zu den Rohmaterialien.24 An dieser Stelle seien, stellvertretend für einige der verschiedenen Stadien, Bronzebarren25, Kammrohlinge aus Horn26 sowie fertige Glasperlen27 zu nennen. Zwar gehörte die Herstellung von Kleidung und Gebrauchsgut zumeist nach wie vor zur Hausarbeit und auch viele Bauern erledigten handwerkliche Arbeiten noch selbst, doch konnte in Haithabu zeitgleich ein selbstständiges Berufshandwerk, insbesondere im kunsthandwerklichen Bereich, existieren, welches nicht mehr bloß für den Eigenbedarf, sondern vor allem für den gewerbsmäßigen Verkauf produzierte.28 Die produzierten Waren konnten direkt verschifft oder an reisende Kaufleute verkauft werden. Auch dies unterschied eine Ortschaft wie Haithabu von ländlichen Regionen.

Wir sehen also, dass bereits viele der oben genannten Kriterien erfüllt werden: Die Einwohnerzahl liegt im Vergleich zum Lande wesentlich höher und dies auf einer verdichteten, in Parzellen geteilten Fläche. Zudem haben sich Wirtschaftsformen entwickelt, die in diesem Ausmaß nur in städtischen Räumen zu finden sind. Haithabu war darüber hinaus eine königlich-dänische Münzstätte – und auch der Kirchenbau ist vor Ort bereits früh belegt: Schon im Jahre 849 gestattete der dänische König Horich der Ältere dem bekannten Missionar Ansgar den Bau einer christlichen Kirche im Handelsort. Dies hatte vermutlich handelspolitische Gründe, denn es ist anzunehmen, dass man sich davon versprach, durch den Bau der Kirche christliche Kaufleute aus West- und Mitteleuropa anzuziehen.29 Eine Absicht, die auch von Rimbert in seiner Vita Anskarii geteilt und bestätigt wird.30 Ab dem Jahre 948 war Schleswig/Haithabu sogar ein Bistum Dänemarks, was besonders für Christen einen besonders starken Pull-Faktor dargestellt haben dürfte.31

Ab der Mitte des 10. Jahrhunderts wurden auch die ersten „öffentlichen“ Bauvorhaben verwirklicht, etwa in Form des Ringwalles, welcher Haithabu umgab und in das Danewerk eingliederte, oder der Hafenanlagen mitsamt seiner Palisaden.32 Ob diese Anlagen vom König, von dem eingesetzten Wikgrafen oder von der Bevölkerung selbst veranlasst worden sind, wissen wir heute nicht mehr.

[...]


1 Vgl. Arnis in Schleswig-Holstein, mit kaum mehr als 300 Einwohnern die kleinste Stadt Deutschlands.

2 Steuer, Heiko: Überlegungen zum Stadtbegriff aus der Sicht der Archäologie des Mittelalters, in: Peter Johanek / Franz-Joseph Post (Hgg.): Vielerlei Städte. Der Stadtbegriff (Städteforschung. Veröffentlichungen des Instituts für vergleichende Städtegeschichte in Münster, Bd. 61), Köln / Weimar / Wien 2004, S. 31-52.

3 Ebd., S. 41.

4 Ebd., S. 46.

5 Ebd., S. 41.

6 Ebd., S. 46.

7 Riis, Thomas: Das Städtewesen Dänemarks im 11. Jahrhundert, in: Jörg Jarnut / Peter Johanek (Hgg.): Die Frühgeschichte der europäischen Stadt im 11. Jahrhundert (Städteforschung. Veröffentlichungen des Instituts für vergleichende Städtegeschichte in Münster, Bd. 43), Köln / Weimar / Wien 1998, S. 229-244.

8 Ebd., S. 234ff.

9 Ebd., S. 235.

10 Ebd., S. 233.

11 Der Halbkreiswall, welcher Haithabu umgab, ist der einzige, heute noch mit bloßem Auge sichtbare Überrest des Handelsortes.

12 Jankuhn, Herbert: Haithabu. Ein Handelsplatz der Wikingerzeit, Neumünster 81986, S. 81ff.

13 Jankuhn: Haithabu, S. 91.

14 Elsner, Hildegard: Wikinger Museum Haithabu. Schaufenster einer frühen Stadt, Neumünster ³2004, S. 14.

15 Kramer, Willi: Neue Untersuchungen im Hafen von Haithabu, in: Archäologische Nachrichten aus Schleswig-Holstein, Heft 9/10 (1998/1999), S. 97f.

16 Jankuhn: Haithabu, S. 177.

17 Kramer: Untersuchungen, S. 96.

18 Jankuhn: Haithabu, S. 171.

19 Ebd., S. 177.

20 Elsner: Schaufenster, S. 14.

21 Jankuhn: Haithabu, S. 99.

22 Elsner: Schaufenster, S. 30.

23 Ebd., S. 29.

24 Ebd., S. 102ff.

25 Schietzel, Kurt: Spurensuche Haithabu. Dokumentation und Chronik 1963-2013, Neumünster 2014, S. 415.

26 Ebd., S. 350.

27 Ebd., S. 455.

28 Jankuhn: Haithabu, S. 194.

29 Elsner: Schaufenster, S 82.

30 Trillmich, Werner (Hg.): Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des Reiches, Darmstadt 61990, S. 81.

31 Riis: Städtewesen, S. 234.

32 Elsner: Schaufenster, S. 29.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Haithabu als Beispiel der frühen Stadtentwickung im nördlichen Europa
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Historisches Institut)
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
20
Katalognummer
V456744
ISBN (eBook)
9783668870130
ISBN (Buch)
9783668870147
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Haithabu, Hedeby, Wikinger, Mittelalter, Schleswig-Holstein, Schleswig, Stadtgeschichte, Nordeuropa, Skandinavien
Arbeit zitieren
Mario Polzin (Autor:in), 2016, Haithabu als Beispiel der frühen Stadtentwickung im nördlichen Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456744

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