Unterschiede in der Person Wielands in der Thidrekssaga und der Völundarkviða


Hausarbeit, 2016
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung S.

2. Völundr in der Völundarkviða S.
2.1. Völundrs Herkunft S.
2.2. Körperliche Eigenschaften S.
2.3. Charakterliche und geistige Eigenschaften S.
2.4. Fähigkeiten und Leistungen S.

3. Welent in der Thidrekssaga S.
3.1. Welents Herkunft S.
3.2. Körperliche Eigenschaften S.
3.3. Charakterliche und geistige Eigenschaften S.
3.4. Fähigkeiten und Leistungen S.

4. Resümee S.

5. Literaturverzeichnis S.

1. Einleitung

In der heutigen Zeit gibt es unzählige Geschichten und literarische Figuren, welche in vielerlei Ländern und Kulturen bekannt sind. Wie selbstverständlich können wir uns mit Menschen auf der ganzen Welt über diese Geschichten und Figuren unterhalten, denn sie sind überall gleich: durch die Verbreitung dieser in gedruckter Form lernen wir sie alle in der gleichen Form kennen. Die unterschiedlichen Ausgaben unterscheiden sich höchstens in ihrer Sprache, nicht aber in ihrem Inhalt. Populäre Beispiele für solche Geschichten sind etwa der „ Herr der Ringe “, „ Harry Potter “ oder „ Huckleberry Finn “. Die Abenteuer, welche in diesen Büchern geschildert werden, sind in ihrer Form auf der ganzen Welt bekannt.

Möglich ist dies einzig mithilfe der Massenmedien. Durch den Buchdruck können Geschichten über die ganze Welt verbreitet werden. Aber wie gestaltete sich die Verbreitung von Geschichten in früheren Zeiten, als Bücher keineswegs von vielen Menschen gelesen worden sind, geschweige denn gelesen werden konnten?

Sicher ist, dass eine solche Verbreitung dennoch stattfand. Die Erzählungen wurden mündlich von Generation zu Generation weitergegeben und verbreiteten sich mit Sicherheit auch durch Völkerwanderungen, Handel und sonstigen kulturellen Kontakt. Ein Beispiel dafür stellt die Sage von Wieland dem Schmied dar. Sie wird bereits im frühen Mittelalter in vielen Regionen Europas bekannt gewesen sein, wie an verschiedenen schriftlichen und bildlichen Überlieferungen erkennbar ist.

Eine bildliche Darstellung finden wir beispielsweise auf dem Runenkästchen von Auzon, welches wohl im frühen 8. Jahrhundert im angelsächsischen Northumbria gefertigt und im französischen Auzon gefunden worden ist.1 Auch der Bildstein von Ardre auf der Ostseeinsel Gotland zeigt Szenen aus der Wielandsage. Er wird auf die zweite Hälfte des 8. Jahrhunderts datiert.2

Schriftliche Quellen existieren, neben einer kurzen Erwähnung Wielands im altenglischen Gedicht „ The Lament of Deor3, welches wohl aus dem 11. Jahrhundert stammt, vor allem in Form der Völundarkviða der Älteren Edda und des Welent-Abschnittes der Thidrekssaga. Beide werden im 13. Jahrhundert verfasst worden sein.

Nun liegt, besonders in Anbetracht der beiden letztgenannten Quellen, die Frage nahe, inwiefern sich diese beiden Versionen voneinander unterscheiden. Handelt es sich bei dem Protagonisten, also Wieland dem Schmied, tatsächlich noch um die gleiche Person?

Im Folgenden werde ich die Protagonisten der beiden Überlieferungen vorstellen, nämlich zum einen den Völundr der Völundarkviða, zum anderen den Welent der Thidrekssaga, um abschließend die Frage beantworten zu können, ob sich ein homogenes Bild Wielands erhalten oder sich seine Figur in den unterschiedlichen Überlieferungen durch die mündliche Weitergabe gravierend verändert hat.

2. Völundr in der Völundarkviða

Die Völundarkviða finden wir in modernen Edda-Übersetzungen zwar in aller Regel im Teil der Heldenlieder4, doch ursprünglich wird sie noch zum Abschnitt der mythologischen Liedern gezählt haben, wie wir aus der Position des Liedes im Codex Regius, also der isländischen Handschrift aus dem 13. Jahrhundert, welche die Lieder der Älteren Edda beinhaltet, schließen können. Dort werden die mythologischen Lieder, zwischen der Alvísmál, welche auf die Völundarkviða folgt, und der Helgakviða Hundingsbana, durch eine mehrzeilige Initiale von den Heldenliedern getrennt. Damit zählt die Völundarkviða, entgegen der Aufteilung einiger moderner Übersetzungen, ursprünglich zu den mythologischen Liedern.5

Ein Teil des prosaischen Prologs der Völundarkviða ist zudem auch in einer weiteren Handschrift überliefert, nämlich in der Handschrift „AM 748 I 4to“ aus dem 14. Jahrhundert. Diese ist für uns an dieser Stelle jedoch nicht weiter interessant.

2.1. Völundrs Herkunft

Gleich zu Beginn der Prosaeinleitung wird Völundr als einer der „Söhne des Finnenkönigs“6 bezeichnet, was ihm augenscheinlich eine menschliche, königliche Herkunft bescheinigt. Die Finnen galten zu jener Zeit oft als wild und zauberkundig7, was Völundr somit etwas Geheimnisvolles und Übernatürliches verleiht.

Allerdings wird ihm auch die Bezeichnung „Anführer“8 und „Fürst der Alben“9 zuteil, welche aus ihm wiederum ein mythologisches Wesen machen könnte. Die Alben werden oft in einem Atemzug mit den Asen, also den Göttern, genannt10, stehen aber auch in enger Verbindung mit den Zwergen, welche laut der Gylfaginning ihren Platz in Svartálfaheimr finden11, also als Svartálfa einen eigenen Zweig der Alben darstellen könnten. Bekräftigt wird diese Annahme durch die Namen einiger Zwerge, welche in der Dvergatal der Völuspá genannt werden, wie Vind álfr, Gand álfr oder Álfr, deren Namen ihren Status als Alben bereits bezeugen.12 Diese Verbindung zu den Zwergen bietet sich im Kontext Völundrs besonders an, da Zwerge gemeinhin mit der Schmiedekunst in Verbindung gebracht werden, wie es zum Beispiel auch beim Zwerg Reginn, dem Schmiedemeister Sigurðrs, der Fall ist.

Die beiden Aussagen bezüglich Völundrs Herkunft stehen sich also gegensätzlich gegenüber, wird Völundr doch an einer Stelle eine königlich-menschliche, an anderer jedoch eine mythologische, zwergische Herkunft zugewiesen. Wir können an dieser Stelle daher keine klare Aussage treffen, doch werden wir, wenn wir uns mit Völundrs Fähigkeiten beschäftigen, erkennen, dass beide Arten der Herkunft für ihn treffend wären. Offensichtlich wird nämlich, dass beide Möglichkeiten seiner Person etwas Übernatürliches verleihen und ihm magische Kräfte zusprechen.

2.2. Körperliche Eigenschaften

Mit Ausnahme der erfolgten Lähmung seiner Beine, wird von Völundrs körperlichen Eigenschaften in der Völundarkviða nicht viel mehr berichtet. Interessant ist hier jedoch der Aspekt, warum Völundr direkt die Beinsehnen durchtrennt werden, obwohl dieser keinerlei Fluchtversuch unternimmt oder sich auf andere Weise seiner Gefangenschaft widersetzt. Einzig der Blick Völundrs auf sein Schwert, welches der König nun trägt, und auf den kostbaren Goldring, welcher an die Königstochter gegeben worden ist, genügt bereits, um die Königin zur Verstümmelung des Gefangenen raten zu lassen:

„Er zeigt die Zähne / lässt man ihn das Schwert sehn
und blickt er auf / den Ring Bödwilds;
seine Augen gleichen / der glänzenden Schlange.
nehmt ihm / der Sehnen Kraft
und setzt ihn dann / auf Säwarstad.“
13

Die Frage, die sich nun stellt, ist jene, ob es sich bei dieser Handlung um eine bloße Demütigung handelt, die Völundr von etwaigen späteren Fluchtversuchen abzuhalten, oder ob Völundr wirklich gefürchtet wird, etwa aufgrund eines besonders kräftigen Körperbaus. Eine weitere Möglichkeit wäre es, dass die „kluge Frau“14 von Völundrs Zauberkundigkeit bzw. Übermenschlichkeit weiß und ihn deshalb unschädlich machen möchte. In diesem Falle könnten wir keinerlei Rückschlüsse auf Völundrs körperliche Eigenschaften ziehen. Sicher ist also bloß, dass er ab diesem Moment gelähmt ist.

2.3. Charakterliche und geistige Eigenschaften

Die wohl auffälligste Eigenschaft Völundrs ist die Grausamkeit, mit welcher er seine Rache vollstreckt. Als ihn die Königssöhne in seiner Schmiede besuchen, scheint er direkt den Entschluss zum Mord an ihnen zu fassen, denn er lockt sie mit dem Versprechen, ihnen seine Schätze zu übergeben, sobald sie allein zu ihm kämen; kaum tun sie es, enthauptet er die beiden über die Truhe gebeugten Jungen mit dem Truhendeckel.15 Der Mord an den Söhnen eines Mannes gilt in den Sagen oft als eine der schwerwiegendsten Formen der Rache, denn er beraubt die Person ihrer Zukunft bzw. der Zukunft ihrer Familie.16 Deutlich wird dies hier am König Niðuðr, welcher bereits vor der Rachebeichte Völundrs stark unter dem Verlust seiner Söhne leidet:

„Ich wache fortwährend / freudlos,
ich schlaf überhaupt nicht / seit dem Tod meiner Söhne.“ 17

Dass der Schmied es jedoch nicht dabei belässt, zeugt sowohl von Grausamkeit als auch von Rachsucht: aus den Hirnschalen der Söhne fertigt er silberne Trinkgefäße für Niðuðr, für die Königin formt er Edelsteine aus deren Augen und aus den Zähnen macht er Schmuck für die Königstochter.18 Und auch damit soll seine Rache noch nicht vollendet sein: bevor er sich in die Lüfte schwingt, vergewaltigt er noch die Königstochter – und schwängert diese.19

In der Art und Weise, wie der Schmied seine Rache verübt, spiegelt sich nicht bloß Grausamkeit, sondern auch eine Listigkeit wider, welche eng damit verknüpft ist: seine Rache verübt er zunächst im Geheimen und kann sich ihrer bereits erfreuen, ohne dass die Geschädigten etwas davon erfahren. So wartet er mit der Offenbarung seiner Gräueltaten bis zum letzten Moment und lässt dabei den König auch noch schwören, seiner „Frau“, also der vergewaltigten Königstochter, sowie seinem Kinde kein Leid anzutun.20 Damit gelingt ihm die endgültige Bloßstellung und Demütigung Niðuðrs.

Dabei handelt es sich bei Völundr eigentlich um eine sehr empfindsame, verletzliche Person, wie sich an seinem anfänglichen Verhalten zeigt: als seine Frau eines Tages zusammen mit den übrigen beiden Walküren wieder verschwindet, machen sich die zwei anderen Brüder direkt auf den Weg, um sie zu suchen. Nur Völundr bleibt verletzt und sehnsüchtig zuhause, in der Hoffnung, sie würde wieder heimkehren.21 Wie teuer die Walküre ihm ist, zeigt sich nicht nur darin, dass er siebenhundert Ringe für sie schmiedet, er spricht es auch direkt an, nämlich gegenüber König Niðuðr während seiner Gefangennahme:

„Ich erinnre mich, dass wir mehr / Kostbarkeiten besaßen,
als unsre Sippe noch heil / zu Hause war.“ 22

Ihr Verlust scheint den Schmied also tief getroffen zu haben – und genau in diese Wunde schlägt Niðuðr, wenn auch unbewusst, als er den schönsten der siebenhundert Ringe stiehlt, denn so erweckt er in dem Verlassenen die Hoffnung, das Schwanenmädchen könne zurückgekehrt sein.23 Die unendliche Enttäuschung, welche Völundr in jenem Moment, in welchem ihm klar wird, dass er stattdessen beraubt und gefangen worden ist, erfahren haben dürfte, wird zumindest zum Teil für sein starkes Rachegelüst verantwortlich sein.

[...]


1 Nedoma, Robert: Die bildlichen und schriftlichen Denkmäler der Wielandsage, Göppingen 1988, S. 5.

2 Ebd.

3 Ebd., S. 71.

4 Vgl.: Krause, Arnulf: Die Heldenlieder der Älteren Edda, Stuttgart 2001. Oder: Genzmer, Felix: Die Edda. Götterdichtung. Spruchweisheit und Heldengesänge der Germanen, München ²1992.

5 Nedoma: Denkmäler, S. 108ff.

6 Krause, Arnulf: Die Heldenlieder der Älteren Edda, Stuttgart 2001, S. 9.

7 Vgl.: „Auch sind alle Bewohner Norwegens gute Christen, mit Ausnahme derer, die fern im Norden am Ozean leben. Die sollen durch Zauberkünste und Beschwörungen über solche Macht verfügen, dass sie sich rühmen, dass sie wüssten, was jeder Mensch auf der ganzen Erde tut.“ Adam von Bremen, IV 32, in: Werner Trillmich / Rudolf Buchner (Hgg.): Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des Reiches, Darmstadt 61990.

8alfa ljóði “, Völundarkviða 10.

9vísi alfa “, Völundarkviða 13.

10 Vgl.: Lokasenna 2; Grímnismál 4; Skírnismál 7; etc.

11 Gylfaginning 34.

12 Völuspá 10-16.

13 Krause: Heldenlieder, S. 14.

14kunnig kván “, Völundarkviða 16.

15 Völundarkviða 20-24.

16 Vgl. Gudruns Rache an Atli im Atlamál bzw. Altlamál in grœnlenzku.

17 Krause: Heldenlieder, S. 18.

18 Völundarkviða 24-25.

19 Ebd., 28.

20 Völundarkviða, 33.

21 Ebd., 4-5.

22 Krause: Heldenlieder, S. 13.

23 Völundarkviða 10-11.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Unterschiede in der Person Wielands in der Thidrekssaga und der Völundarkviða
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Fennistik und Skandinavistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V456746
ISBN (eBook)
9783668892309
ISBN (Buch)
9783668892316
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wieland, Welent, Völund, Völundr, Dietrichsage, Wielandlied, Edda, Altnordische Literatur, Altnordische Literaturwissenschaft, Nordische Sage
Arbeit zitieren
Mario Polzin (Autor), 2016, Unterschiede in der Person Wielands in der Thidrekssaga und der Völundarkviða, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456746

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