Tolkiens Mittelerde und die Eddas der altnordischen Überlieferung


Bachelorarbeit, 2018
41 Seiten, Note: 1,8

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. J. R. R. Tolkien und die altnordische Sagenwelt

3. Eddische Einflüsse in der Middle-earth
3.1. Konkreta
3.1.1. Orte
3.1.2. Mythologische Wesen
3.1.3. Charaktere
3.1.4. Götter
3.2. Konzepte
3.2.1. Der „verfluchte“ Ring
3.2.2. Zahlensymbolik
3.2.3. Runen

4. Resümee

5. Literaturverzeichnis
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

Magie, Fabelwesen und mystische Welten: Das Genre der Fantasy erfreut sich heutzutage in allen kulturellen Bereichen großer Beliebtheit, von Kinofilmen und TV-Serien bis hin zu Großveranstaltungen und Festivals. Kern und Ursprung dieses Genres bildet jedoch nach wie vor die Literatur, welche auch die gängige Unterscheidung in „High“ und „Low“ Fantasy hervorbrachte. Während die sogenannte „Low Fantasy“ fantastische Elemente in die uns bekannte, realistische Welt integriert,1 schafft die „High Fantasy“ völlig neue Welten, die unabhängig von der unseren bestehen.2

Auffällig ist, dass Werke der „High Fantasy“, obwohl sie eben neue Welten schaffen, oft signifikante Einflüsse aus unterschiedlichen Kulturen und Mythologien beziehen, sodass die in ihnen portraitierten Welten wesentliche Charakterzüge bestehender Vorstellungen in abgewandelter oder gar unveränderter Form übernehmen. Selbst die tolkiensche Mittelerde (orig. Middle-earth), welche außergewöhnlich umfangreich und komplex ausgearbeitet worden ist, ist keinesfalls frei von derartigen Einflüssen. Tatsächlich ließ sich Tolkien sogar von einer Vielzahl unterschiedlicher Quellen aus verschiedenen Kulturkreisen bei der Erschaffung seiner fantastischen Welt inspirieren.3 Besonders präsent ist in seinem Werk unter anderem der Stoff der altnordischen Eddas, welche, obgleich in christlicher Zeit entstanden, neben der Mythologie auch einige Heldenlieder des vorchristlichen Skandinaviens wiedergeben.

Im Folgenden soll daher erarbeitet werden, inwieweit J. R. R. Tolkien mit den Eddas in Berührung kam und welchen Einfluss sie auf seine Middle-earth ausübten.

Dabei soll nicht nur Bezug genommen werden auf die eigentlichen Eddas, nämlich den Codex Regius („Lieder-Edda“) und die Snorra-Edda („Prosa-Edda“), sondern auch auf die sogenannte vǫlsunga saga, von welcher angenommen wird, dass sie verloren gegangene Teile des Codex Regius, die als „Lieder der Lücke“ bezeichnet werden, enthält.4 Die vǫlsunga saga kann somit als sinnvolle Ergänzung zu den eigentlichen Eddas betrachtet werden und wird daher in dieser Arbeit gleichwertig zum Stoff der beiden Eddas behandelt.

2. J. R. R. Tolkien und die altnordische Sagenwelt

Ehe jedoch die Middle-earth auf eddische Aspekte untersucht werden soll, erscheint es durchaus sinnvoll, zunächst einen Blick auf dessen Schöpfer und seine Verbindungen zur altnordischen Literatur zu werfen, denn wo keine Berührungspunkte bestehen, ist auch eine Einflussnahme nicht möglich. Aus diesem Grunde wird folglich eine kurze Biografie des Autors dargelegt, um aus dieser Kontakte mit dem Stoff der Eddas ableiten zu können.

Zwar wurde John Ronald Reuel Tolkien 1892 in Bloemfontein – und somit im damaligen Oranje-Freistaat bzw. dem heutigen Südafrika - geboren,5 doch zog es seine Familie bereits 1895 wieder zurück nach Großbritannien. Schon in seiner Schulzeit entwickelte er ein gesteigertes Interesse an der Philologie und machte sich mit altenglischer Literatur vertraut, unter anderem mit dem Epos Beowulf.6 Diese Vorliebe für Sprache und Epik begleitete ihn während seines ganzen Lebens und mag ihn auch dazu veranlasst haben, 1911 in Oxford ein Studium der Klassischen Philologie zu beginnen, obgleich seine Interessen den Rahmen dessen weit überstiegen. So widmete er sich darüber hinaus auch weiteren Altphilologien und modernen Sprachen, wie dem Walisischen und Finnischen.7

Nach dem Abschluss seines Studiums konnte Tolkien dem zu jenem Zeitpunkt wütenden 1. Weltkrieg nicht mehr entfliehen: 1916 wurde er an die Front berufen, erkrankte jedoch noch im gleichen Jahr und erlebte den Rest des Krieges hauptsächlich in verschiedenen Krankenhäusern in England,8 in welchen er auch mit der Ausarbeitung seiner Middle-earth und dessen Mythologie begann.9

Seit 1920 arbeitete er dann am Institut für Englische Sprache in Leeds, wo eigens für ihn eine Professur geschaffen wurde, ehe er 1925 an die Universität Oxford wechselte und dort fortan den Lehrstuhl für Angelsächsisch vertrat.10

Diese Jahre nutzte er, um neben der universitären Arbeit weiter an seiner fantastischen Welt zu feilen, ehe er in den 30er Jahren seinen ersten wirklichen Roman in dieser verankerte, nämlich The Hobbit, 11 welcher schließlich 1937 erschien. Eigentlich als Kinderbuch publiziert, wurde vom Verlag umgehend eine Fortsetzung der Geschichte angefordert, an welcher Tolkien bis zu dessen Erscheinung 1954 unter dem Titel The Lord of the Rings 12 akribisch arbeitete.13 Aufgrund der Komplexität sowohl der Handlung als auch der ihr zugrunde liegenden Welt, konnte jedoch von einem einfachen Kinderbuch keinesfalls mehr die Rede sein. Die Arbeiten an seiner Middle-earth sah er damit jedoch noch nicht abgeschlossen: Bis zu seinem Tode im Jahre 1973 entwickelte er in Form seines Silmarillions insbesondere Mythologie und Historie seiner Welt weiter.14 Dabei hinterließ er derart viele Fragmente, dass eine Aufbereitung dieser bis heute noch nicht abgeschlossen ist: Die heutige Verantwortung dafür trägt sein Sohn, Christopher Tolkien, welcher diese Fragmente kompiliert und veröffentlicht, so zuletzt im August 2018, in welchem mit The Fall of Gondolin die neuste Publikation aus dem Middle-earth -Kosmos erschien.15

Nun stellt sich die Frage, welche Berührungspunkte der Sprach- und Literaturwissenschaftler Tolkien mit der altnordischen Sagenwelt hatte. Zwar studierte er an der Universität lediglich die klassischen Philologien, also Latein und Griechisch, sowie Englisch, doch wie oben bereits deutlich wurde, ging sein sprachliches Interesse weit darüber hinaus. Dieses Interesse spiegelt sich nicht zuletzt in den Kunstsprachen wider, welche er für seine Middle-earth geschaffen hat und welche unter anderem auf dem Walisischen und dem Finnischen basieren.16

Jedoch scheint auch das Altnordische für Tolkien einen besonderen Reiz gehabt zu haben, denn schon in seiner Jugend soll er sich intensiv damit auseinandergesetzt haben.17 Dass seine Faszination auch während des Studiums nicht abbrach, ergibt sich nicht zuletzt aus Berichten darüber, dass er für seine Studienfreunde Auszüge aus der vǫlsunga saga rezitiert haben soll.18 Zu diesen Freunden gehörte unter anderem auch der Altskandinavist E. V. Gordon, welcher später ein Lehrbuch für altnordische Sprache verfasste,19 welches noch bis heute Verwendung findet. Zusammen mit diesem gründete er auch den Viking Club, einen literarischen Kreis, in welchem gemeinsam altnordische Sagaliteratur gelesen wurde. Der Viking Club war jedoch keineswegs die einzige Literatengruppe, in welcher Tolkien maßgeblich involviert gewesen ist. Eine weitere waren die Kolbitar, welche sich ebenfalls altisländischer Literatur im Original widmeten.20

Mit der Aufnahme seiner Professur an der Universität Oxford ging Tolkien sogar noch einen Schritt weiter: Christopher Tolkien berichtet, dass sein Vater in den Jahren 1926 bis 1939 an der Universität gewissermaßen als „Professor für Altnordisch“ galt. Dass ein solcher Lehrstuhl zu jener Zeit nicht existierte, hielt ihn dennoch nicht davon ab, Vorlesungen über die altnordische Sprache und Literatur abzuhalten.21

Dass er auf diesem Gebiet als Spezialist galt, geht außerdem aus dem Umstand hervor, dass ihm eine englische Übersetzung der Lieder-Edda noch vor dessen Erscheinung zur Ansicht vorgelegt worden ist.22

Es wird also überaus deutlich, dass zwischen Tolkien und dem altnordischen Edda-Stoff nicht allein lose Berührungspunkte bestehen, sondern dass es eine feste Verbindung zwischen beiden gibt. Sein ganzes Leben lang beschäftigte er sich auf die ein oder andere Weise mit Sprache und Literatur des mittelalterlichen Skandinaviens, was sich, abseits der bereits genannten Punkte, auch in dem Versuch widerspiegelt, den Stoff der vǫlsunga saga selbst neu zu arrangieren. Auch diese Fragmente wurden nachträglich von seinem Sohn veröffentlicht, welcher darüber hinaus selbst den Einfluss der eddischen Stoffe auf das Werk seines Vaters betont.23

3. Eddische Einflüsse in der Middle-earth

Damit steht nun fest, dass sich J. R. R. Tolkien ausgiebig mit der altnordischen Sprache und Sagenwelt auseinandergesetzt hat, doch bedeutet dies noch nicht zwangsweise, dass er sich dadurch maßgeblich bei der Erschaffung seiner Middle-earth hat beeinflussen lassen. Dass dies dennoch der Fall ist, soll in der nun folgenden Analyse anhand einer Vielzahl von Beispielen veranschaulicht werden.

Während der Auseinandersetzung mit den beiden zu vergleichenden Stoffen wurde relativ schnell deutlich, dass sich in Tolkiens Welt zweierlei Typen von Einflüssen wiederfinden lassen, nämlich zum einen die direkte Übernahme gewisser Konkreta, wie zum Beispiel von Orten und Personengruppen, sowie die Übernahme von Motiven, welche oftmals etwas subtiler eingearbeitet worden sind und sich in ihrer Ausarbeitung drastisch von ihrem Vorbild unterscheiden können. Es bietet sich somit an, die im Folgenden analysierten Beispiele in zwei Gruppen zu unterteilen, nämlich in Konkreta und Konzepte.

3.1. Konkreta

Zunächst einmal soll auf die Übernahme konkreter Dinge aus der altnordischen Literatur in Tolkiens Werk eingegangen werden. Dabei handelt es sich um Orte, Wesen und Figuren, welche auf die eine oder andere Weise direkten Eingang in die Middle-earth gefunden haben oder deren Gestaltung maßgeblich beeinflusst zu haben scheinen.

3.1.1. Orte

Die Eddas stellen in ihren Götter- und Heldenliedern eine Vielzahl von Orten mehr oder weniger ausführlich vor. Während die Heldenlieder in unterschiedlichen Regionen der Menschenwelt mi ð gar ðr angesiedelt sind, verteilen sich die Schauplätze der erzählenden Götterlieder auf die acht übrigen Welten, welche, ebenso wie mi ð gar ðr, im Weltenbaum Yggdrasill gelegen sind.24

Eine solche Weltenbaum-Konstruktion mit mehreren unterschiedlichen Welten findet sich in Tolkiens Werk nicht wieder, es existieren lediglich mehrere Kontinente, welche jedoch alle in der Welt Arda gelegen sind.25 Dennoch scheint mindestens ein Ort des Edda-Stoffes fast unverändert in die Middle-earth übernommen worden zu sein.

3.1.1.1. Miðgarðr

Die vermeintlich prominenteste Parallele trägt der Schauplatz Tolkiens bekanntester Romane, The Hobbit und The Lord of the Rings, bereits in seinem Namen, denn die Welt der Menschen wird in der altnordischen Literatur in aller Regel als mi ð gar ðr bezeichnet.26 Dieses wird oftmals als „ Mittelerde “,27 in der englischen Literatur auch als „ Middle-earth “ übersetzt,28 wobei es sich jedoch um eine recht freie Übersetzung handelt, denn das altnordische Wort mi ð gar ðr lässt sich in zwei Bestandteile zerlegen: Nämlich zum einen in mið, was auch gemeinhin korrekt als Mitte oder Mittel- übersetzt wird,29 und zum anderen in gar ðr, welches jedoch nicht direkt „Erde“ bedeutet, sondern eher einen umfriedeten Ort bezeichnet.30 Eine genauere Übersetzung für mi ð gar ðr wäre somit etwas wie „mittlere Umfriedung“, welche im eddischen Kontext auch durchaus sinnvoll erscheint, denn in der Gylfaginning heißt es, die Erde sei kreisförmig und in ihrer Mitte läge mi ð gar ðr, umgeben von einem Wall aus den Wimpern des Riesen Ymir.31 Auch Tolkien scheint sich dieser eigentlichen Bedeutung des Wortes gar ðr bewusst zu sein, denn er verwendet es als Namensbestandteil des Ortes Isengard, welcher ebenfalls von einer Mauer umgeben ist.32 Es erscheint daher wahrscheinlicher, dass der Anglist Tolkien die Bezeichnung für seine Welt vom Mittelenglischen middel-erde bzw. middel-erthe ableitet, worauf sich außerdem auch aus seinen Briefen schließen lässt.33. Zwar mag, wie Tolkien in diesen Briefen selbst ausführt, die altenglische Form dieser Bezeichnung, nämlich middangeard, auf das altnordische mi ð gar ðr zurückgehen, doch der eigentliche Einfluss stammt hier somit aus dem Mittelenglischen.

3.1.1.2. Myrkviðr

Ganz anders verhält es sich im Falle des Mirkwood (dt. Düsterwald). Zwar ist es nicht mit Sicherheit auszuschließen, dass Tolkien diesen Namen selbst erdacht hat, dennoch ist es auffällig, dass das Wort mirk (dt. dunkel, düster) außerhalb des Eigennamens Mirkwood in Tolkiens Schriftsprache kaum bis gar nicht in Erscheinung tritt.34 Ein Vorbild für diesen Namen findet sich jedoch eventuell in der eddischen Literatur, welche den myrkviðr kennt. In aller Regel handelt es sich bei diesen um eine Art Grenzwald, welcher das Bekannte vom Unbekannten trennt. In der hlǫðskviða etwa trennt der myrkviðr das Land der Goten von jenem der bedrohlichen Hunnen, welche diesen letztlich durchqueren und in das Gotenland einfallen.35 Eine ähnlich imminente Bedrohung lauert auch in und hinter Tolkiens Mirkwood:

This is a great war long-planned, and we are but one piece in it, whatever pride may say. Things move in the far East beyond the Inland Sea, it is reported; and north in Mirkwood and beyond; and south in Harad. 36

Somit erfüllt der Mirkwood eine ähnliche Aufgabe wie der eddische myrkviðr, denn auch er trennt das bekannte Land vom wilden Unbekannten und ist eigentlich zu gefährlich, um unter gewöhnlichen Umständen betreten zu werden. Während die menschlichen Figuren der Edda-Lieder lediglich in Form von Kriegszügen37 und dringenden Botengängen38 Anlass zur Durchquerung des myrkviðr finden,39 ist es die Rückeroberung ihrer Heimat, welche die Gruppe der Zwerge in Tolkiens The Hobbit dazu veranlasst, sich auf den Weg durch den Mirkwood zu begeben.40

Mirkwood und myrkviðr weisen also zu viele Parallelen auf, um bei ihnen von bloßen Zufällen sprechen zu können. Hier wird unzweifelhaft ein eddischer Einfluss in Tolkiens Werk deutlich.

3.1.2. Mythologische Wesen

Wesentlich auffälliger als der Einfluss der Orte ist jener der Wesenheiten der nordischen Mythologie auf Tolkiens Welt. Mit ihrer Fülle an unterschiedlichen Wesen, wie beispielsweise álfar oder jǫtnar, bieten die Eddas ein reiches Spektrum an Vorbildern, aus welchem Tolkien bei der Ausgestaltung seines Kosmos hat schöpfen können. Tatsächlich finden sich viele dieser Geschöpfe dort auch wieder, weshalb im Folgenden untersucht werden soll, inwieweit er sich von diesen hat inspirieren lassen.

3.1.2.1. Dvergar

Sowohl bei Tolkien als auch in der altnordischen Literatur findet sich das Wesen des Zwerges, welches jedoch zweifellos auch darüber hinaus weit verbreitet ist und deshalb nicht zwingend einen eddischen Einfluss auf die Welt Tolkiens darstellen muss. Dennoch lohnt es sich, einen genaueren Blick auf die Darstellung der Zwerge sowohl bei Tolkien als auch in den eddischen Stoffen zu werfen, um mögliche Beeinflussungen erkennen zu können.

Die wahrscheinlich offensichtlichste Parallele zwischen beiden Arten von Zwergen besteht in den Namen, die Tolkien für seine zwergischen Figuren ausgewählt hat. Bereits die Namen der 13 handlungstragenden Zwerge aus Tolkiens Erstlingswerk The Hobbit lassen aufhorchen, denn tatsächlich sind die meisten von ihnen nahezu unverändert aus der eddischen vǫluspá entnommen:41 Dies ist der Fall bei Dwalin (Dvalinn), Bifur (Bifurr), Bofur (Bafurr), Bombur (Bömburr), Nori (Nóri), Oin (Óinn), Thorin (Þorinn), Fili (Fíli), Kili (Kíli), Gloin (Glóinn), Dori (Dóri) und Ori (Órinn), einzig den Namen Balin erfand Tolkien selbst, vermutlich als Gegenstück zu Dwalin, da sich alle von Tolkien ausgewählten Namen dieser Zwergengesellschaft in stabreimende (z.B. Bifur / Bofur / Bombur), binnenreimende (z.B. Fili / Kili oder eben Dwalin / Balin) und endreimende (z.B. Thorin / Dwalin) Gruppen einteilen lassen.

Selbst der Beiname des Anführers der Gruppe, Thorin Oakenshield, entstammt der vǫluspá, in welcher er als Eikinskjaldi vorkommt.42 Auch weitere tolkiensche Zwergennamen, wie Durin (Durinn) oder Thrain (Þráinn), werden direkt aus dieser als dvergatal bezeichneten Passage der vǫluspá entnommen.

Wie für viele Namen in der altnordischen Literatur nicht unüblich, handelt es sich auch bei diesen um sprechende Namen, welche ihren jeweiligen Trägern gewisse Eigenschaften zuweisen, die sich zum Teil auch bei den tolkienschen Charakteren widerspiegeln: Þorinn etwa bedeutet „der Tapfere“43 und Bömburr „der Dicke“44 – diese Namen beinhalten somit Eigenschaften, die auch auf Thorin Oakenshield45 und Bombur46 zutreffen.

Die sprechenden Namen sagen jedoch nicht allein etwas über die individuellen Eigenschaften ihrer Träger aus, sondern in ihrer Gesamtheit auch über das Zwergenbild. Viele der Namen aus der dvergatal lassen auf Zwerge als ein Volk von begabten Kunsthandwerkern schließen, wofür exemplarisch auch die von Tolkien gewählten Namen Kíli (womöglich „der Keilschmied“)47 und Glóinn („der Glühende“)48 stehen mögen; aber auch Hánarr („der Kunstfertige“)49 oder Náli („der Nadelschmied“), welche bei Tolkien außen vor bleiben, bekräftigen diese Darstellung.

Das Bild, das die Namen der Zwerge zeichnen, zieht sich durch den gesamten Edda-Stoff: Die Zwerge, welche hier als svartálfar bezeichnet werden,50 treten als Erschaffer zahlreicher übernatürlicher Gegenstände auf, wie etwa Freyrs Schiff Skíðblaðnir , 51 Odins Speer Gungnir und Thors Hammer Mjǫllnir.52

Dieses deckt sich völlig mit dem Bild der tolkienschen Zwerge, welche sich ebenfalls durch ungeheure Kunstfertigkeit hervortun und mit dem Nauglamír das großartigste Schmuckstück der Middle-earth erschaffen.53 Jedoch sind es nicht allein außergewöhnliche Schmiedearbeiten, die die Zwerge in Tolkiens Werk verrichten, sondern sie vollbringen auch ebenso kunstvolle architektonische Leistungen. Als besonders prunkvoll gelten die Hallen von Moria, welche von Zwergenhand in den Fels geschlagen wurden.54 Wie auch in der Edda, wo die Zwerge als Maden im Fleische des Riesen Ymir bezeichnet werden,55 so handelt es sich auch bei diesen Zwergen um Bergbewohner, obgleich sie schadlos mit dem Tageslicht in Kontakt kommen können: Den Zwergen der Edda ist dies nicht möglich, da sie, wie im alvíssmál beschrieben, im Sonnenlicht zu Stein erstarren.56

Das Bild des unterirdischen, kunstvoll schmiedenden Zwerges mag ein solches sein, welches sich über Jahrhunderte hinweg in Literatur und Volkssagen verfestigt hat,57 doch ist bei Tolkien der direkte eddische Einfluss, nicht zuletzt aufgrund der Namensgebungen, schwer zu leugnen. Obgleich Tolkien selbst es abstreitet, seine Zwerge direkt der altnordischen Literatur entnommen zu haben,58 so sind die oben herausgearbeiteten Parallelen doch existent und zeugen erneut vom Einfluss, den die Eddas auf seine Arbeit gehabt haben.

[...]


1 Vgl. z.B. J. K. Rowlings Harry Potter -Reihe, in welcher in unserer Welt eine versteckte, magische Parallelgesellschaft existiert.

2 Vgl. Wolfe, Gary K.: The Critical Terms for Science Fiction and Fantasy. A Glossary and Guide to Scholarship, New York 1982, S. 67.

3 Vgl. Simek, Rudolf: Mittelerde. Tolkien und die germanische Mythologie, München 2005, S. 9.

4 Vgl. Würth, Stephanie: Sigurdlieder. §4: Die ‚Lieder der Lücke‘. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 28, Berlin/New York 2005, S. 423-427.

5 Vgl. Carpenter, Humphrey: J. R. R. Tolkien. Eine Biographie, Stuttgart 1979, S. 22-26.

6 Vgl. ebd., S. 46-48.

7 Vgl. ebd., S. 69-72.

8 Vgl. ebd., S. 103.

9 Vgl. ebd., S. 115.

10 Vgl. ebd., S. 129-133.

11 Erstmals erschienen als: Tolkien, John Ronald Reuel: The Hobbit. Or There and Back Again, London 1937.

12 Erstmals erschienen als: Tolkien, John Ronald Reuel: The Fellowship of the Ring: being the first part of The Lord of the Rings, London 1954; Ders.: The Two Towers: being the second part of The Lord of the Rings, London 1954; Ders.: The Return of the King: being the third part of The Lord of the Rings, London 1955.

13 Vgl. Simek, Mittelerde: S. 19f.

14 Vgl. Carpenter, Biographie, S. 283-285.

15 Vgl. Tolkien, John Ronald Reuel: The Fall of Gondolin, London 2018.

16 Vorrangig Quenya (basierend u.a. auf dem Finnischen) sowie Sindarin (basierend u.a. auf dem Britisch-Walisischen), vgl.: Ders.: The Letters of J. R. R. Tolkien, London 1981, S. 194.

17 Vgl. Simek, Mittelerde, S 17.

18 Vgl. Carpenter, Biographie, S. 61.

19 Gordon, Eric Valentine: An Introduction to Old Norse, Oxford 1927.

20 Vgl. Simek, Mittelerde, S. 19.

21 Vgl. Tolkien, John Ronald Reuel: The Legend of Sigurd and Gudrún, London 2009, S. 4.

22 Vgl. ders., Letters, S. 409.

23 Vgl. z.B. ders., Sigurd and Gudrún, S. 3.

24 Vgl. Vǫluspá 2.

25 Vgl. Tolkien, John Ronald Reuel: The Silmarillion, 2. Auflage, Boston/New York 2001, S. 19.

26 Vgl. z.B. Gylfaginning 8.

27 Vgl. z.B. Golther, Wolfgang: Germanische Mythologie. Vollständige Ausgabe, Wiesbaden 2013, S. 2. Vorwort von Hans-Jürgen Hube.

28 Vgl. z.B. Day, David: Tolkien’s Ring, London 1999, S. 31.

29 Vgl. Baetke, Walter: Wörterbuch zur altnordischen Prosaliteratur, 7. Auflage, Berlin 2005, S. 418.

30 Vgl. ebd., S. 186.

31 Vgl. Gylfaginning 8.

32 Vgl. Tolkien, John Ronald Reuel: The Fellowship of the Ring. Being the first part of The Lord of the Rings, Boston/New York 2014, S. 251.

33 Vgl. ders., Letters, S. 233.

34 Zählung nur in den Bänden des Lord of the Rings vorgenommen. Einziges Vorkommen als Adjektiv mirky: „[…] for here as the Mountain drew near the air was ever mirky, […]” – Tolkien, John Ronald Reuel: The Return of the King. Being the third part of The Lord of the Rings, Boston/New York 2014, S. 915.

35 Vgl. Hlǫðskviða 17, 19.

36 Tolkien, Return of the King, S 748.

37 Vgl. Hlǫðskviða 17, 19.

38 Vgl. Atlakviða 3.

39 In der Vǫlundarkviða 1 hingegen sind es Walküren, die den myrkviðr durchfliegen, in der Lokasenna 42 „ Múspells synir“, also Riesen.

40 Vgl. Tolkien, John Ronald Reuel: The Hobbit. Or There and Back Again, Boston/New York 2014, S. 118.

41 Vgl. Vǫluspá 10-15.

42 Vgl. ebd., 13, 16.

43 Vgl. Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie, 3. Ausgabe, Stuttgart 2006 (= Kröners Taschenausgabe, Bd. 368), S. 426.

44 Vgl. ebd., S. 55.

45 Vgl. Thorins Rolle als Anführer der Gruppe.

46 Vgl. Tolkien, Hobbit, S. 11.

47 Vgl. Simek, Mythologie, S. 234.

48 Vgl. ebd., S. 141.

49 Vgl. ebd., S. 167.

50 Vgl. Skáldskaparmál 35.

51 Vgl. z.B. Grímnismál 43.

52 Vgl. Skáldskaparmál 35.

53 Vgl. Tolkien, Silmarillion, S. 232.

54 Vgl. ders., Fellowship, S. 307.

55 Vgl. Gylfaginning 14.

56 Vgl. Alvíssmál 35.

57 Vgl. Simek, Mittelerde, S. 105.

58 Vgl. Tolkien, Letters, S. 40.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Tolkiens Mittelerde und die Eddas der altnordischen Überlieferung
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Institut für Fennistik und Skandinavistik)
Note
1,8
Autor
Jahr
2018
Seiten
41
Katalognummer
V456750
ISBN (eBook)
9783668906396
ISBN (Buch)
9783668906402
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tolkien, Herr der Ringe, Hobbit, Silmarillion, Sigurd, Edda, Altnordische Literatur, Fafnir, Mittelerde, Odin, Gandalf, Zwerge, Elfen, Elben, Midgard, Walküren
Arbeit zitieren
Finja Heeger (Autor), 2018, Tolkiens Mittelerde und die Eddas der altnordischen Überlieferung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456750

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