Welche Stellung gibt der Koran der Frau im islamischen Glauben?


Hausarbeit, 2018
16 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Islamischer Feminismus

3. Tafsir (Auslegung von den Versen) aus traditioneller und islamisch- feministischer Sicht
3.1. Geschlechterstellung im Islam
3.2. Ehe- und Scheidungsrecht
3.3. Erbrecht und Gewalt

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Um Salama, die Frau des Propheten Muhammed, soll eines Tages zu ihm gesagt haben: „ W arum spricht der Koran nicht von uns Frauen, so wie er doch von den Männern spricht?“ noch am selben Tag verkündete der Prophet beim Mittagsgebet von seinem Minbar herab: „ Hört! Folgendes teilt uns Gott in seinem Koran mit: ,Ihr Herr erhörte sie mit den Worten: Ich werde keine Handlung unbelohnt lassen, die einer von euch begeht, gleichviel ob männlich oder weiblich. Ihr gehört ja als Gläubige zueinander ohne Unterschied des Geschlechtes. Darum werde ich denen, die um meinetwegen ausgewandert und aus ihren Häusern vertrieben worden sind und ungemacht erlitten haben, die gekämpft haben und dabei getötet worden sind, ihre schlechten Taten tilgen und ich werde sie in den Gärten eingehen lassen, in deren Niederungen Bäche fließen. Das soll ihre Belohnung von Seiten Gottes sein. Bei Gott wird man dereinst reich belohnt“. 1

In diesem Zitat wollen islamische Feministinnen aufzeigen, dass der Islam nicht frauenfeindlich ist. Sie setzen sich kritisch mit den Versen der traditionellen und islamisch- feministischen Interpretation auseinander. Die Frage nach der rechtlichen Stellung der Frau im Koran als rechtmäßiger Quelle des Islam steht im Fokus der Untersuchungen. Ihr Ziel ist die offene und kontroverse Meinungsbildung zu einem immer schon konfliktreichen Thema: Gewalt gegen Frauen im Islam. Verschiedene Blickwinkel lassen gerade zu dem Thema verschiedene Verständnismöglichkeiten zu, die mit unterschiedlichen Methoden untersucht werden.

2. Islamischer Feminismus

Bei dem Begriff „islamischer Feminismus“ handelt es sich um die Gerechtigkeit der Geschlechter in der islamischen und nicht-islamischen Gesellschaft. Nach Margot Bardan ist islamischer Feminismus eine spezielle Art des Feminismus. Er ist eine feministisch-methodisch aufgebaute Abhandlung, die im religiösen Rahmen stattfindet und ihre Erkenntnisse und Befugnisse vom Koran herleitet. Zu Beginn der 90er Jahre hat sich der islamische Feminismus in den Weltregionen verbreitet.2 Marcia Hermansen ordnet den islamischen Feminismus neben anderen kultur- und religionsspezifischen Feminismen in der dritten Welle des Feminismus zu.3 Die Auffassung des islamischen Feminismus ist es, dass beide Geschlechter im Islam gleichgestellt und gleichberechtigt sind. Die gesellschaftliche Unterdrückung und die rechtliche Unterordnung der Frau haben im Islam in den Anfängen immer zugenommen, weil die religiöse Botschaft des Islam falsch oder nur einseitig interpretiert und nur von männlichen Gelehrten ausgeführt wurde.4 Der islamische Feminismus ruft zu einer Rückkehr zu den Quellen des Islam (Koran und Sunna) auf, mit dem Ziel, den Islam von sexistischen Lesarten und Interpretationen zu befreien5. Sie versuchen dabei, das originäre Glaubensbekenntnis durch ihre eigenen Interpretationen wiederherzustellen und dies neu in der gesellschaftlichen Praxis zu etablieren.6 Sie arbeiten zielorientiert, die Gleichheit aller Menschen ungeachtet des Geschlechts neu entstehen zu lassen. Sie sind davon überzeugt, dass der Status der Frau und des Mannes in den religiösen Quellen geistig gleichberechtig sei, aber weil die Männer und Frauen von ihren biologischen charakteristischen Eigenschaften unterschiedlich sind, nehmen sie dementsprechend unterschiedliche Rollen und ungleiche Pflichten an. Die gleichwertigen Rechte jedes Menschen werden durch den Islam somit gesichert.7 Laut Amina Wadud, einer der Aktivistinnen islamischer Feministinnen, hat der Koran keine Absicht, Unterschiede zwischen Männer und Frauen und die Bedeutung funktionaler Geschlechterunterschiede zu beseitigen. Denn diese Unterschiede zwischen Männer und Frauen lassen unsere Gesellschaften ohne Schwierigkeiten funktionieren und alle Bedürfnisse zu erfüllen. Der Koran schlägt jedoch keine bestimmte Rolle für jeden Mann oder jede Frau in der Gesellschaft vor.8 Alle Forscherinnen und Aktivistinnen, die im Buch von Zahra Ali (veröffentlicht im Jahr 2014) zu Wort kommen, sind der Meinung, dass Gleichberechtigung der Geschlechter die Grundlage der muslimischen Religion bildet, und dass die Botschaft der koranischen Offenbarung die Rechte der Frauen geradezu garantiert.9

Generell ist der islamische Feminismus fokussiert auf den tafsir (der Auslegung des Koran) und eine Revision des fiqh (die islamische Rechtswissenschaft) , indem man sich mit dem Begriff ijtihad (Bemühung) beschäftigt, um die rechtlichen Inhalte des Islam frei gleichberechtigt und unabhängig vom patriarchalischen Einfluss herausarbeiten zu können.10 Wie beispielsweise Ziba Mir-Hosseini, die sich für das Gleichberechtigung der muslimischen Frauen im Iran einsetzt und GIERFI11, die in 2004 gegründete Organisation, setzt sich mit einem neuen muslimischen Frauenbewusstsein auseinander, welches aktiv und zentriert mit dem Wandel der eigenen Spiegelung von Religion und Gesellschaft, in der sie lebt und mitdenken kann, beschäftigt. Darüber hinaus beschäftigt sich der islamische Feminismus mit der Anerkennung und Integration der Stellung der muslimischen Frauen in der historischen Geschichte. Ebenso haben sie sich um die namentliche Nennung der Arbeiten der jeweiligen muslimischen Frauen, welche die Entwicklung des muslimischen Denkens und muslimischen Rechtsproduktionen beeinflusst hatten, bemüht. Außerdem fördert der islamische Feminismus das weibliche muslimische Denken hinsichtlich einer globalen Entwicklung, welche an Hand der tawhid (die muslimischen Monotheismus) für die Gleichheit zwischen den Menschen, die die Scharia als Weg und nicht als Gesetz betrachten, zu reformieren versuchen.12 Demnach soll islamischer Feminismus als eine Verbindung zwischen Feminismus und Islam gesehen werden, die die Gleichberechtigung der Geschlechter innerhalb der muslimischen Religion eingefordert wird. Es sind in erster Linie muslimische Forscherinnen in den Sozialwissenschaften und islamische- feministische Aktivistinnen, die das Ziel Verfolgern, den Islam bzw. den Koran neu zu interpretieren.13

In diesem Abschnitt werden kurz ein paar Kritikpunkte zum „islamischen Feminismus“ erwähnt. Für Kathrin Klausing kann die Bezeichnung des Begriffes nicht gerechtfertigt und legitimiert werden, da „die islamischen Feministinnen keine Bewegung muslimscher Frauen“14 seien. Laut Klausing sind sie junge Aktivistinnen und Akademikerinnen, die die Unterdrückung muslimischer Frauen allgemein als Fakten innerhalb eines religiösen Rahmens betrachten.15 Nichtsdestotrotz wurde die methodische und systematische Arbeitsweise des islamischen Feminismus scharf kritisiert, was die Interpretation der religiösen Quellen und auch die Heterogenität des islamischen Feminismus betrifft.16 Die Zuverlässigkeit des wissenschaftlichen Versuchs der koranischen Auslegung (tafsir) des islamischen Feminismus wird von einem Gelehrten der Al-Azhar Universität in Kairo sehr stark kritisiert: Dr. Ḥasan Al- Shāfi’ī stellt fest, dass die islamisch-feministischen Interpretationen sich über die Anwendung des tafsir -Gedanken darüber hinwegsetze und die Reinheit der wahren Botschaft des Islam verzerre.17 Aysha A. Hidayatullah ist Assistenzprofessorin in der Abteilung für Theologie und Religionswissenschaft der Universität von San Francisco, einer katholischen Jesuiten- Einrichtung, an der sie Kurse zu Islam, Gender und Rasse anbietet. Laut Aisha Hidayatullah würde diese Form des Feminismus seine eigene Religion verfälschen und beschuldigt, es wäre ein ideologischer Einfluss des Westens zur Unterwerfung der islamischen Welt.18

3. Tafsir (Auslegung) nach traditionellen und islamisch-feministischen Ansichten

3.2. Geschlechterstellung im Koran

Die Debatte über die Gleichberechtigung der Geschlechter im Islam ist immer ein strittiges Thema gewesen. In diesem Abschnitt wird die Gleichstellung der Geschlechter an Hand des Korans mit den jeweiligen Versen überprüft, ob Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Dies wird sowohl aus der traditionellen Auslegung, als auch aus den islamisch- feministischen Ansichten betrachtet. Als Beispiel zu dieser Debatte dient der umstrittenste Vers 4:34 Al-Nissa, übersetzt von Adel Theody der Khoury:

(Erster Teil) „ Die Männer haben Vollmacht und Verantwortung gegenüber den Frauen, weil Gott die einen vor den anderen bevorzugt hat und weil sie von ihren Vermögen (für die Frauen) ausgeben. Die rechtschaffenen (Frauen) sind demütig ergeben und bewahren das, was geheim gehalten werden soll, da Gott (es) bewahrt…“. 19

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den Auslegungen des Korans von Al-Tabari und Ibn Kathir. Außerdem wird auch mit Al-Shafi’is Auslegungen gearbeitet, einer der bedeutenden islamischen Rechtsgelehrten im Islam, auf den eine eigene Rechtschule „schafitisch“ zurückgeführt wird. Die traditionellen Auslegungen zu diesem Vers zeigen deutlich, dass der Mann über der Frau steht, mit dem Argument, dass die Männer verpflichtet sind, die Vollmacht und die Verantwortung für die Frauen zu übernehmen.20 Dabei sind die islamischen Gelehrten einig, dass der Mann der Chef und der Herrscher der Frau ist, besonders in der Ehe.21 Auf der anderen Seite ist die islamische Feministin Amina Wadud der Überzeugung, dass die Botschaft dieses Verses nicht so angenommen werden sollte, wie die traditionellen Interpretationen sie ausgelegen, sondern nur unter bestimmten Umständen. Die Männer sind verpflichtet, beispielsweise in der Schwangerschaft die Vollmacht und die Verantwortung für die Frauen zu übernehmen. Das arabische Wort (qawwamun ‘ala) stellen sie dar, als Fürsorge für die Frau in der Schwangerschaft oder während der Erziehung der Kinder dar und nicht als zwangsläufige Aufklärung aller Zeiten.22 Im Bezug darauf argumentiert Asma Barlas in ihrer Forschung zu den 99 im Koran genannten Attribute Gottes, dass Souveränität Gottes und seine Macht nicht zerlegbar, und daher dies gar nicht beanspruchbar ist. Dadurch, dass die männlichen Interpretationen die Souveränität der Frau zugunsten patriarchaler Herrschaft beanspruchen und sich als Vermittler zwischen Gott und die Frauen darstellen, verstoßen sie gegen das Wort Gottes.23 Für die islamischen Feministinnen ist der Vers 13:49 konkretestes Beispiel zur Verdeutlichung der Gleichberechtigung der Geschlechter, den Asma Barlas interpretiert hat, da sie diesen Vers wesentlich als einen grundlegenden Beweis der Gleichstellung darstellt.24 Sie nimmt an, dass Gott durch diesen Vers alle Menschen ontologisch gleich stellt und Frauen und Männer als ein ganzes Bild abbildet. Die traditionellen Auslegungen zu diesem Vers sind identisch mit den islamisch-feministischen Auslegungen25, was dann ihre Interpretationen zu Vers 4:1 wiederspricht.26 Ibn Kathir und Al-Tabari äußern sich dazu, dass der Gott zuerst Adam erschaffen hat und danach Eva. D.h. laut den beiden Theologen, dass der Mann doch über der Frau steht. Dahingegen äußert sich Amina Wadud, dass der vorhergenannte Vers die grundlegenden Elemente der Ursprünge der Menschen in der koranischen Version abbildet.

[...]


1 Ali, Zahra (Hg.), Islamische Feminismen, Wien, 2014, S. 9.

2 Vgl. Badran, Margot: Islamischer Feminismus: Was steckt dahinter? in Ali, Zahra (Hg.): Islamische Feminismen,Wien, 2014, S. 39-41.

3 Vgl. Hermansen, Marcia: Introduction. The New Voices of Muslim Women Theologians. In: Ednan Aslan, Marcia Hermansen und Elif Medeni (Hg.): Muslima Theology. The Voices of Muslim Women Theologians. Frankfurt, 2013, S. 16.

4 Vgl. Badran, Margot: Où en est le féminisme islamique ? (englische Version: "Re/placing Islamic Feminism"). In: Critique internationale 46 (1), 2010, S. 2f.

5 S. Ali 2014, S. 22.

6 Vgl. Basarudin, Azza: Redefining Feminism/s, Re-Imagining Faith? Margot Badran on Islamic Feminism. in: Al-Raida (109-110), 2005, S. 57ff.

7 Vgl. Ali 2014,S. 27.

8 Vgl. Wadud, Amina: Quran and Women, Rereading the Sacreh Text from a Woman’s Perspective, New York Oxford, 1999, S. 8f.

9 Ali 2014, S. 16.

10 Vgl. ebd., S. 23f.

11 Groupe International d’etude et de recherche sur les femmes en Islam( übersetzt: Internationale Studien- und Forschungsgruppe über Frauen im Islam)

12 Vgl. Ali 2014, S. 25f.

13 Vgl. ebd., S. 21.

14 Klausing Kathrin: Muslimische Positionen zu Feminismus- Begriffe, Bewegungen, Methoden, in Yvonne Franke, Kati Mozygemba, Kathleen Pöge, Bettina Ritter, Dagmar Venohr (Hg.): Feminismen heute, Positionen in Theorie und Praxis, Bielefeld, 2014, S.89.

15 Vgl. ebd, S. 90.

16 Al-Sharmani, Mulki Mohamed : Islamic Feminism: transnational and national reflections. In: Approaching Religion 4 (2), ort, 2014, S. 83.

17 Vgl. Al-Shafi‘i, Hasan M.: The Movement for Feminist Interpretation of the Qur’an and Religion and its Threat to the Arabic Language and Tradition. In: International Journal for Qur’anic Studies, Ort ,2010, S. 1, 14.

18 Vgl. Hidayatullah, Aysha A. : Feminist edges of the Qur'an. New York, 2010, S. 39.

19 Der Koran: arabisch-deutsch/ übers. Und kommentiert von Adel Theodor Khoury, 1930, Gütersloh, 2004, Sure 4, Vers 34, S. 158-159.

20 Vgl. Tafsir al- Tabari Jāmiʿ al-bayān ʿan taʾwīl āy al-Qurʾān ^, zweite Bnad, in Beirut, 1994, S. 450-455.

21 Vgl. Ibn kathir, Tafsīr al-Qurʾān, zweite Band, erste Auflage, in Riad, 1997, S 292-296.

22 Vgl. Wadud Amina, Quran and Women, Rereading the Sacreh Textfrom a Woman’s Perspective, New York Oxford, 1999, S. 70.

23 Vgl. Barlas Asma, Muslimische Frauen und ihre Unterdrückung: im Koran die Befreiung lesen, in Zahra Ali (Hg.): Islamische Feminismen, Wien, (Passagen Thema), S. 84f.

24 Vgl. Ebd., S. 87f

25 Vgl. Tafsir al-Tabari, sechste Band, 1994, S. 85f. und Ibn kathir, siebte Band, erste Auflage, 1997, S.384-387.

26 Vgl Tafsir al-Tabari, zweite Band, 1994, S.387. und Ibn kathir, zweite Band, erste Auflage, 1997, S.206.

27 Vgl. Wadud, 1999, S. 17f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Welche Stellung gibt der Koran der Frau im islamischen Glauben?
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Basisseminar Politische Theorie und Ideengeschichte
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V456766
ISBN (eBook)
9783668931619
ISBN (Buch)
9783668931626
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Frauenrechte, Koran, Islamischer Feminismus
Arbeit zitieren
Khaled Hasso (Autor), 2018, Welche Stellung gibt der Koran der Frau im islamischen Glauben?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456766

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