Stefan George. Religiöse Lyrik in "Maximin"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

17 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. STEFAN GEORGE, MAXIMILIAN KRONBERGER UND „DER SIEBENTE
RING“

2.DER SIEBENTE RING– STRUKTUR UND BEDEUTUNGMAXIMINS

3. MAXIMIN – RELIGIÖSE MOTIVE IN DEN TITELN DES BANDES UND
INHALTLICHER ÜBERBLICK

4.KUNFTTAG I

5. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1. Stefan George, Maximilian Kronberger und „Der siebente Ring“

„Weiß der Teufel, woher das kommt, dass ich vom Christentum außer in seiner heidnischen Form so gar nichts verstehe. Ich bin doch [...] aus einer guten alten katholischen Familie. Wenn ich Plutarch lese, das versteht man doch so ziemlich, da fühlt man sich zu Haus.“1

Durch dieses Zitat Stefan Georges wird deutlich, dass er sich nicht dem Katholismus zugehörig fühlte, umso mehr jedoch der Antike zugeneigt war. Diese Vorliebe machte George dadurch deutlich, dass er seine eigene Person, ja sein ganzes Heimatgefühl mit dem antiken Griechenland gleichstellte: Wo er sei, da sei Griechenland.2Diese Affinität lässt sich in vielen seiner Gedichte wiederfinden. Außerhalb seiner lyrischen Kunst verdeutlichte sich Georges Verehrung in Verkleidungen an Fasching: Seine Rolle als„Meister“ nahm er in einem Caesar Kostüm wahr.3Nach Georg Dörr sah sich George als „graecus redivivus“4, also als wiedererstandener Grieche. Im Gegensatz zu dieser unmissverständlichen Antike-Verehrung ist Stefan Georges religiöse Zugehörigkeit umso komplizierter. Es ist wenig verwunderlich, dass sein Verhältnis zur Religion als „zwiespältig“5betitelt wird: In seinem Zitat wird deutlich, dass er vom Christentum wenig verstand, jedoch nutzt er eindeutig christliche Symbole, vor allem in seinen späteren Werken und allen voran im GedichtzyklusDer siebente Ring. Dieser wurde 1907 in denBlättern für die Kunstpubliziert. Maximilian Kronberger sollte in diesem die zentrale Figur sein. George und Kronberger lernten sich 1902, als letzterer erst 13 Jahre alt war, kennen. Im Winter war Stefan George auf der Leopoldstraße der Junge aufgefallen. Er sprach ihn einige Zeit später an und fragte ihn, ob er ein Bild von ihm haben dürfe.6Aus diesem ersten Treffen entstand eine enge Bindung, durch die Maximilian, der schon in seinen jungen Jahren als Dichter fungierte, Unterstützung und Bekanntheit seiner Gedichte erhoffte.7Kronberger kam durch den Kontakt auch in Berührung mit dem George Kreis.8

Dass der talentierte Junge wenige Zeit später, am 15. April 1904, starb, traf George sehr. In einem Brief an Sabine Lepsius vom Juni 1904 heißt es: „Ich trauere über einen unbegreiflichen und frühen tod der auch mich an die lezten klüfte hinführen wollte“.9Die literarische Auseinandersetzung mit seiner Trauer ist ein behandeltes Thema im GedichtzyklusDer siebente Ring. Innerhalb dieser Sammlung von Gedichten widmet er dem Jungen ein „Zyklus im Zyklus“ mit einer Gedichtsammlung unter dem TitelMaximin.

In welcher Art und Weise wird Maximilian Kronberger inDer siebente Ringbeziehungsweise inMaximindargestellt? Welche religiösen Symbole sind im allgemeinen in diesem Gedichtzyklus vorzufinden, welche im speziellen im GedichtKunfttag Iund wie kann man diese deuten? Welche Struktur hatDer siebente Ringund welche Schlussfolgerungen kann man aus dieser ziehen?

Die Bearbeitung dieser Fragen soll eine Grundlage schaffen, um die Leitfrage dieser Arbeit beantworten zu können: Welche religiösen Symbole verwendet Stefan George in seinem GedichtzyklusMaximin, wie kann man diese deuten und welche Art von Religion ist vorzufinden?

Um ein vollumfängliches Verständnis dieses Gedichtbandes zu erhalten, soll im nächsten Schritt die Struktur dessen erläutert werden. Hierbei soll sich herauskristallisieren, welche Bedeutung hinter dieser Strukturierung festzustellen ist und welche Rolle Maximillian Kronberger beziehungsweise der ZyklusMaximinspielt. Anschließend wird dieser Teil dessiebenten Ringshinsichtlich seiner Struktur und der darin enthaltenen Gedichte analysiert. In erster Linie sollen hierbei die religiösen Mittel beschrieben werden. Diese grobe Interpretation wird mit einer genauen Betrachtung des GedichtsKunfttag Iergänzt. Abschließend wird ein Fazit gezogen und die Ergebnisse dieser Untersuchung resümiert.

In dieser Arbeit werden die Werke von Wolfgang Braungart, Geord Dörr und Edith Landmann als zentrale Sekundärliteratur herangezogen, die von weiteren Autoren und deren Untersuchungen unterstützt werden soll.

2.Der siebente Ring – Struktur und Bedeutung Maximins

„ImTeppichschien das Leben schon gebändigt, imsiebenten Ringbricht alles Chaotische wieder neu herein, wie das Leben eben ist. Etwas so Einheitliches wie derStern des Bundeskonnte nur entstehen, wo solch ein Chaos vorausgegangen war.“10

George selbst betitelte 1909 den GedichtzyklusDer siebente Ringals Chaos, doch dies sollte wohl eher an die verschiedenen lyrischen Techniken und die inhaltliche Vielfalt adressiert sein, denn die Organisation des Bandes ist mit großer Raffinesse und Ordnung verfasst worden.

Er publizierte 1907 seinen siebten GedichtbandDer siebente Ring, welcher mit siebenjährigem Abstand zum zuvor publiziertenDer Teppich des Lebens und die Lieder von Traum und Tod. Mit einem Vorspielerschien.11Welche Struktur hat dieser Zyklus und welche Schlussfolgerungen kann man aus dieser ziehen?

Der siebente Ringenthält sieben Gedichtbände, die in folgender Reihenfolge gegliedert sind: 1.Zeitgedichte,2.Gestalten,3.Gezeiten, 4.Maximin, 5.Traumdunkel, 6.Liederund 7.Tafeln. Die Zahl sieben wird also nicht nur im Titel in den Vordergrund gestellt, sondern meint auch eben diese Anzahl an Gedichtbänden. Bei genauer Betrachtung taucht sie auch innerhalb der Gedichtsammlungen auf: Jeder dieser hat einen Umfang an Seiten, der ein Vielfaches von sieben ist.12Potentielle Bedeutungen könnten neben des siebten Gedichtbandes die religiöse Herkunft sein: Am siebten Tag ruhte Gott, nachdem er die Welt erschaffen hatte und es gibt sieben Todsünden.13Zusätzlich ist nicht zu vergessen, dass der Band im Jahr 1907 erschien. Doch was hat diese Struktur mit dem zu betrachtenden Band,Maximin, zu tun?

Die Anordnung des BandesMaximinan vierter Stelle erfüllt den Zweck, dass er drei Gedichtzyklen vor und hinter sich hat. Somit ist rein strukturell eine Zentrierung festzustellen. Die Zahl der Buchstaben des Bandes ist ebenfalls sieben, ganz im Gegensatz zu den anderen Titeln. So ist hier inhaltlich bereits eine deutliche Aufwertung festzustellen, daMaximinals einziger Titel mit der in den Vordergrund gestellten Zahl in Form von Buchstabenanzahl versehen ist.

Die 4. Todsünde ist die des Zorns14, also die Ira. Wenn dieser Gedichtzyklus die des Zorns sein soll, dann ist sie auch gleichzeitig die, die am lautesten, am aggressivsten, am deutlichsten und am erschreckendsten aller Zyklen ist, wodurch sie erneut in den Vordergrund rückt. So ist es außerdem möglich, dassMaximinabsichtlich von George an dieser Stelle platziert wurde, um beispielsweise seine Wut über den verstorbenen Jungen auszudrücken. Nennenswert ist außerdem, dassMaximinsich von Seite 96 bis Seite 123 erstreckt. Es sind also genau 28 Seiten - eine Vervierfachung der Zahl sieben - die mit Gedichten gefüllt sind.

Doch viel mehr scheint die erste Vermutung, dass der Band die Anordnung an vierter Stelle zugeteilt bekam, um ihn als zentralen zu stilisieren, am wahrscheinlichsten.

Die Zentrierung des GedichtbandesMaximinverdeutlicht die Wichtigkeit des Zyklus´ und sollte deshalb genauer betrachtet werden. Im Folgenden werde ich die Struktur dessen näher beäugen und der Frage auf den Grund gehen, welche religiösen Elemente und weitere Auffälligkeiten in der Betitelung der Gedichte in diesem Band zu finden sind. Eine grobe inhaltliche Auseinandersetzung soll dazu beitragen, den gesamtenMaximin- Zyklus zu verstehen, um anschließend das GedichtKunfttag Inach einer genaueren Untersuchung einordnen zu können.

3.Maximin – Religiöse Motive in den Titeln des Bandes und inhaltlicher Überblick

Um das später folgende Gedicht besser einordnen zu können, ist ein kurzer inhaltlicher Überblick der weiteren Werke innerhalb vonMaximinnotwendig.

Religiöse Motive sind bereits in den Titeln der Gedichte des Zyklus´Maximinim Vordergrund: Die WerkeKunftag I - IIIsind angelehnt an den Advent,Gebete I-IIIzeigen bereits die Untergebenheit zu einer Form von Gott, die angebetet wird undEinverleibungist als die Kommunion zu deuten.15

Inhaltlich ist eine fast durchgängige, zyklusübergreifende Verschränkung von göttlicher

und menschlicher Ebene vorzufinden: In den GedichtenKunfttag I-IIIist festzustellen,

1Landmann, Edith: Gespräche mit Stefan George. Düsseldorf / München, 1963. S. 47.

2Vgl. Morwitz, Ernst: Kommentar zu dem Werk Stefan Georges. 2. Band. Düsseldorf / München 1969. S. 228.

3Vgl. Thimann, Michael: Mythische Gestalt – magischer Name – historische Person. Friedrich Gundolfs Bibliothek zum Nachleben Julius Caesars und die Traditionsforschung. In: Schlieben, Barbara, Schneider, Olaf und Schulmeyer, Kersin: Geschichtsbilder im George-Kreis: Wege zur Wissenschaft. Göttingen, 2004. S. 317 – 330. Hier S. 325. Vgl. auch Wendt, Gunna: Wolfskehlfest. Münchner Fasching. Zuletzt abgerufen am 17.09.2018. URL: https://www.literaturportal- bayern.de/themen?task=lpbtheme.default&id=1001.

4Dörr, Geord: Stefan Georges neopagane Maximin-Religion. In: Braungart, Wolfgang (Hrsg.): Stefan George und die Religion. Untersuchungen zur deutschen Literaturgeschichte. Band 147. Berlin/Boston, 2015. S. 52 – 79. Hier S. 52.

5Breuer, Stefan: Zur Religion Stefan Georges. In: Braungart, Religion. S. 225 – 239. Hier S. 225. Jürgen Egyptien stellt ebenfalls die schwer durchschaubare Religiosität in Stefan George und seiner Lyrik und merkt hierzu folgendes an: „Unausgeschöpft scheint auch die Frage nach Georges Religiosität zu sein. [...] Von der religiösen Dimension wäre auch der Brückenschlag zu Geschichts- und Zeitkonzeptionen im Werk Georges vorstellbar." Siehe hierzu Egyptien, Jürgen: Entwicklung und Stand der George-Forschung 1955- 2005. In: Arnold, Heinz Ludwig (Hrsg.): Text + Kritik. Stefan George. Heft 168. S. 105 – 122. Hier S. 121f. Siehe außerdem die Untersuchung von Bodo Würffel, der derMaximinDichtung die Religiosität Georges zu finden vermag und Simon Ralf, der in diesem Werk eine rein literarische Religion und als „bloße Inszenierung“ deutet. Vgl. hierzu Würffel, Bodo: Wirkungswille und Prophetie. Studien zu Werk und Wirkung Stefan Georges. Bonn, 1978, S. 133 und vgl. Simon, Ralf: Die Bildlichkeit des lyrischen Texts. Studien zu Hölderlin, Brentano, Eichendorff, Heine, Mörike, George und Rilke. München, 2011. S. 215f.

6Vgl. Kaufmann, Kai: Das Leben Stefan Georges. Biographische Skizze. In: Aurnhammer, Achim; Braungart, Wolfgang; Breuer, Stefan und Oelmann, Ute: Stefan George und sein Kreis. Ein Handbuch. 2. Auflage, Band 1. Berlin/Boston, 2016. S. 7 – 92. Hier S. 48.

7Vgl. ebd.

8Karlauf, Thomas: Großes Abrakadabra im zweiten Stock. DIE ZEIT Nr.29/2018, 12.06.2018. Zuletzt abgerufen am 14.09.2018. URL: https://www.zeit.de/2018/29/george-kreis-wolfgang-frommel- missbrauchsvorwuerfe.

9Stefan Georg an Sabine Lepsius, Juni 1904, in: Kronberger, Maximilian: Gedichte. Tagebücher. Briefe. Hrsg. von Landmann, Geort Peter. Stuttgart, 1987. S. 136.

10Landmann, Gespräche, S. 78.

11Vgl. Schäfer, Armin: Die Intensität der Form: Stefan Georges Lyrik. Köln / Weimar, 2005. S. 222.

12Vgl. ebd.

13Vgl. ebd.

14Vgl. Hoefer, Frank: Liste der sieben Todsünden. Zuletzt abgerufen am 14.09.2018. URL: http://die-sieben-todsuenden.blogspot.com/2011/04/liste-der-sieben-todsunden.html.

15Vgl. Landmann, Edith: Stefan George und die Griechen: Ideen einer neuen Ethik. Göttingen, 1971. S.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Stefan George. Religiöse Lyrik in "Maximin"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V456794
ISBN (eBook)
9783668870178
ISBN (Buch)
9783668870185
Sprache
Deutsch
Schlagworte
stefan, george, religiöse, lyrik, maximin
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Stefan George. Religiöse Lyrik in "Maximin", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456794

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