Nukleare Abschreckungspolitik. Legitimes Instrument der Friedenssicherung oder globales Sicherheitsrisiko?

Eine Analyse der Nonproliferationsstrukturen in der Global Governance und aktueller Herausforderungen anhand der Iran-Sanktionen durch die USA


Hausarbeit, 2018
22 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleit

2. Das globale (Non-)Proliferationsregi
2.1 Begriff Proliferatio
2.2 Regimetheorie
2.3 Akteur
2.3.1 Die Vereinten Natione
2.3.2 Die Internationale Atomenergie-Organisation
2.4 Instrumentar
2.4.1 Atomwaffensperrvert
2.4.2 Resolution 154
2.4.3 Wiener Atomabkom
2.5 Sonstige Akteure und Verträ

3. Iran-Konfli
3.1 Hintergrund und zentrale Inha
3.2 Legitimität der Sanktione

4. Ergebnisdiskussion und Kriti
4.1 Konfliktlinien in der Abschreckungspoli
4.2 Ethische Beleuchtung und alternative Metho

5. Fazi

6. Abkürzungsverzeichn

7. Literaturverzeichni

1 . Einleit

Der erneut aufgeflammte Konflikt zwischen dem Iran und der USA ist zur Zeit zentraler Inhalt der Berichterstattung und sorgt nicht nur bei Akteuren der internationalen Politik für Diskussionen, sondern birgt auch enorme wirtschaftliche Risiken für das Land Iran und dessen Bevölkerung. Mitte August diesen Jahres setzte Donald Trump die Sanktionen gegen den Iran wieder in Kraft. Betroffen sind unter anderem der Automobilsektor und der Export von Metallen. Weitere Sanktionen des Öl-Exports sollen ab November folgen (zeit.de). Möglich ist dies durch den Austritt der Vereinigten Staaten aus dem Wiener Atomabkommen von 2015, bei dem sich die fünf UN-Vetomächte USA, China, Russland, Frankreich und England mit Deutschland und dem Iran geeinigt haben. Der Vertrag hindert den Iran an der Produktion von Atomwaffen und hebt gleichzeitig die Sanktionen durch die USA auf. Die neuen Strafmaßnahmen für den Iran durch US-Präsident Donald Trump,der das Abkommen im Mai 2018 kündigte, da er trotz der Kontrollen durch die IAEO 1 dessen Wirksamkeit anzweifelte, treffen das Land härter denn je. Bis Ende des Jahres sei ein Währungsverfall von bis zu 50 Prozent zu erwarten (tagesschau.de).

Doch sind die Sanktionen durch die USA überhaupt legitim? In jedem Fall sind die neusten Entwicklungen Zeuge des Umstandes, dass nukleare Rüstungspolitik noch immer im Brennpunkt internationaler Politik steht. Fragen der Rüstungskontrolle 2 geriet im Zuge der nuklearen Aufrüstung im 20. Jahrhundert immer weiter in den Fokus. Besonders nach dem zweiten Weltkrieg wuchs die Unsicherheit vor nuklearen Waffen und einem Wettrüsten der Großmächte. Es entwickelte sich ein öffentliches Problembewusstsein, was Maßnahmen für Kalkulierbarkeit und Vertrauensbildung erforderte. Die Vereinigten Staaten formulierten die Forderung nach einer Beschränkung der Verfügbarkeit von Kernwaffen und gründeten daraus die Initiative für den Abschluss eines multilateralen Vertrages zur Nicht-Weiterverbreitung von Kernwaffen (Kohler, S.27). Mit der Ratifizierung des Atomwaffensperrvertrags durch mittlerweile 191 Länder entstand ein Non-Proliferationsregime, das das Ziel verfolgt, die wachsende Gefahr nuklearer Kriege einzudämmen. Der damit verbundene Diskurs über Abschreckungspolitik steht dennoch nicht still. Lässt sich von einem „Abschreckungsfrieden“ (Kohler, S.28) sprechen? Oder wird die Gefahr eines nuklearen Krieges nur durch totales Abrüsten eingedämmt? Die Meinungen im Diskurs über Abschreckungspolitik weisen eine große Heterogenität auf. Ziel dieser Arbeit mit der Fragestellung „Nukleare Abschreckungspolitik – Instrument der Friedenssicherung oder globales Sicherheitsrisiko?“ ist es, diese verschiedenen Standpunkte gegenüberzustellen sowie die Global Governance Strukturen bei der Verbreitung von Atomwaffen zu beleuchten und ihren friedenssichernden Charakter zu hinterfragen. Dazu wird zunächst auf die Strukturen des globalen (Non-) Proliferationsregimes eingegangen, indem Begriffe wie Proliferation und Regime erklärt werden. Anschließend werden Akteure und Instrumente der internationalen Weiterverbreitung von Kernwaffen und der Kontrolle darüber genannt. Um auf die eingangs gestellte Frage der Legitimität der Iran-Sanktionen näher einzugehen, sollen außerdem die Hintergründe und Inhalte des Konflikts näher beschrieben und einer Bewertung unterzogen werden. Abschließend folgt eine Ergebnisdiskussion unter der traditionellen Fragestellung „Abrüsten oder Aufrüsten?“. Dazu werden im letzten Abschnitt ethische Gesichtspunkte und alternative Verteidigungsstrategien eingebracht, bevor im Fazit die Forschungsfrage beantwortet wird.

2. Das globale (Non-)Proliferationsreg

In folgendem Abschnitt soll es um die Frage gehen, wie sich Proliferation, Nonproliferation und Regime definieren lassen und inwiefern diese miteinander verknüpft sind. Dazu werden zentrale Akteure und Instrumente, wie die Vereinten Nationen und der Atomwaffensperrvertrag beschrieben, um eine gute Ausgangslage für die Bearbeitung der Forschungsfrage im nächsten Kapitel zu schaffen.

2.1 Begriff Proliferat

Spricht man in der Politikwissenschaft von Proliferation, ist damit die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen 3 und von Technologie für deren Herstellung gemeint. Man unterscheidet zwischen horizontaler Proliferation, bei der sich die Anzahl der atomar gerüsteten Länder erhöht, und vertikaler Proliferation, wenn die Zahl der Kernwaffen in Besitz der bestehenden Atommächte wächst (Kohler, S.36). Die Debatte über Weitergabe von Waffen und der für deren Herstellung benötigten Technologie ist Teil der Rüstungskontrollpolitik und zählt somit zu den sogenannten „high politics“, die in der Regel in den Händen der Staaten liegt, wobei heutzutage auch Nicht-Regierungs Organisationen zunehmend in die rüstungsbezogenen Normsetzungsprozesse involviert werden.

Unter den bestehenden Atommächten herrscht Konsens darüber, dass Proliferation unterbunden werden sollte, da Rüstungs- und Technologieexporte stets mit Sicherheitsrisiken verbunden sind (Wilson, S. 193). Deshalb starteten die USA Ende der sechziger Jahre eine politische Initiative für die Nicht-Weiterverbreitung von Kernwaffen (Non-Proliferation), welche sich in zahlreichen Verträgen und Abkommen manifestierte (Kohler, S.27).

2.2 Regimetheo

Wie gelingt also die Unterbindung von Proliferation? Eine Antwort lässt sich in der dem Neoinstitutionalismus entsprungenen Regimetheorie finden. Diese ist eng verknüpft mit der Interdependenztheorie 4. Demnach findet eine zunehmende Vernetzung der Nationalstaaten statt, was wiederum Anreize für internationale Kooperation schafft, denn die Konsequenzen des eigenen Handels können nun leichter auf einen selbst zurück wirken (Zangl, S.125). Dabei büßen Staaten zwar an Souveränität ein, profitieren aber wirtschaftlich und politisch von der Zusammenarbeit mit anderen Staaten, was mittlerweile unabdinglich ist, um auf internationaler Ebene eigene Interessen durchsetzen zu können (Rittberger et al., S. 89). Die Schaffung eines Verhandlungsrahmens und die Kontrolle der Kooperation wird dabei durch Regime gesichert (Zangl, S.128). In einer Definition von Robert O. Keohane werden Regime als kooperative internationale Strukturen bezeichnet, die sich auf spezifische Problemfelder internationaler Politik beziehen, aber nicht als eigenständige Akteure auftreten (Zangl, S.123). Die Strukturmerkmale eines Regimes sind die jeweils problemfeldspezifischen, inhaltlichen und prozeduralen Prinzipien, Normen, Regeln und Verfahrensweisen, die von Staaten vereinbart und als gültig betrachtet werden (Krasner, S.2; Zangl, S.123). Neben einem Verhandlungsrahmen erzeugen Regime des Weiteren eine gewisse Erwartungsverlässlichkeit, indem sie verschiedene Kooperationsvereinbarungen verknüpfen und eine Kontrollinstanz bieten. Damit werden auf der einen Seite Transaktionskosten gesenkt und auf der anderen Seite Reputationskosten für Staaten, die ihre Pflichten verletzen, erhöht (Zangl, S. 128-131). Ewird deutlich: In einer interdependenten Welt sorgen Regime dafür, dass der politische Diskurs die militärische Gewalt als Mittel zum Interessenaustausch zunehmend ersetzt und so Anreize für Kriege minimiert werden. So liegt dem Proliferationsregime beispielsweise die gemeinsame Überzeugung zu Grunde, dass die Verbreitung kernwaffentauglicher Technologie friedensgefährdend sei und bildet somit den Grundstein für eine dauerhafte Zusammenarbeit (Müller, S.39).

2.3 Akte

Die Gewährleistung der Einhaltung der zwischenstaatlichen Normen und Regeln liegt großenteils in der Hand transnationaler Akteure. Welche internationalen Organisationen innerhalb des Non-Proliferationsregimes von Relevanz sind, soll im Folgenden dargestellt werden.

2.3. 1 Die Vereinten Natio

Aus dem Völkerbund hervorgegangen, entstanden im Jahr 1945 die Vereinten Nationen. Als eine zwischenstaatliche Organisation mit 193 Mitgliedstaaten bietet die UN ein Diskussions- und Verhandlungsforum für globale Sicherheitsfragen und leistet so einen nennenswerten Beitrag zur Kriegsverhinderung und Friedenssicherung. Des Weiteren überwacht sie die Einhaltung bzw. Durchsetzung geschlossener Verträge (Brühl, S.173; un.org). Trotz begrenzter Rüstungskontrollkompetenzen in der UN-Charta gilt die UN als wichtige Normsetzungsinstanz. Wichtigstes Beratungsorgan der UN ist die Generalversammlung . Darin haben alle Länder die Möglichkeit, sich zu relevanten weltpolitischen Angelegenheiten zu beraten und nach dem Mehrheitsprinzip darüber abzustimmen. Die dort verabschiedeten Resolutionen sind zwar völkerrechtlich nicht bindend, bilden aber einen normativen Rahmen für die Global Governance. Somit verfolgt die Generalversammlung nicht nur das übergeordnete Ziel der UN der Förderung des internationalen Friedens, sondern stellt auch eine Plattform für den Austausch von Informationen dar (Brühl, S.176ff.). Laut Artikel 24 der UN-Charta hauptverantwortlich für die Wahrung des Weltfriedens ist der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Abrüstung ist zwar keine Kernkompetenz des Sicherheitsrats, dennoch kann er bindende Resolutionen mit Sanktionsmaßnahmen zur Normdurchsetzung, beispielsweise Waffenembargos, verabschieden. Von seinen 15 Mitgliedern besitzen die fünf ständigen Mitglieder Veto-Rechte. Da es sich dabei um die fünf Atommächte USA, Russland, China, England und Frankreich handelt, könnte man dem Sicherheitsrat bei Debatten über atomare Abrüstung eingeschränktes Engagement vorwerfen, denn die Ausübung des Exekutivrechts wurde aufgrund von politischen Kalkülen nicht selten verhindert. Der Fokus liegt generell weniger auf allgemein rüstungspolitischen Debatten, sondern eher auf einzelnen Verstößen gegen das Nonproliferationsregime, wie aktuell vom Iran oder von Nordkorea (Brühl, S.178ff.).

2.3. 2 Die Internationale Atomenergie-Organisat

Zentraler Akteur des Nichtverbreitungsregimes ist die Internationale Atomenergie- Organisation mit Amtssitz in Wien. Sie erfüllt sowohl Kontroll- als auch Verifikationsfunktionen und gilt als unabhängige, intergouvernale Organisation. Streng genommen handelt es sich bei der IAEO nicht um eine Sonderorganisation der Vereinigten Nationen, dennoch verbindet beide ein sogenanntes „special agreement“, ein Kooperationsabkommen, dass die IAEO Teil der Organisationsfamilie der Vereinten Nationen werden lässt. Die Gründung der IAEO geht auf die „Atoms-for-Peace“-Initiative des damaligen US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower zurück, dessen wesentliches Ziel die Gründung einer internationalen Organisation war, die eine ausschließlich zivile Nutzung von Kernenergie sicherstellt. Mit dem Inkrafttreten der Satzung der IAEO am 29. Juli 1957, durch die Ratifizierung von mindestens 18 Staaten, davon mindestens drei der fünf damaligen Atommächte Frankreich, USA, Kanada, Sowjetunion und das Vereinigte Königreich, wurde eine nie da gewesene Handlungsfähigkeit des Nonproliferationsregimes geschaffen, die mit mittlerweile 170 Mitgliedstaaten weiter an Gewicht zunahm (Schriefer et al., S.30-31; iaeo.org). Zu Beginn bot die IAEO überwiegend Hilfestellungsmaßnahmen zur friedlichen Nutzung von Kernenergie in den Mitgliedstaaten an. Zu den zwei satzungsmäßigen Hauptaufgaben gehört zum einen, die zivile Nutzung von besonders spaltbarem Material zu gewährleisten (Artikel 3, Abs. A.5), und zum anderen die Erforschung und Entwicklung der Atomenergie für friedliche Zwecke zu fördern und zu unterstützen (Artikel 3, Abs. A.1). Mit dem Inkrafttreten des Nichtverbreitungsvertrags für Atomwaffentechnologie im Jahre 1970 gewann die IAEO deutlich an Relevanz als Akteur in der internationalen Friedens- und Sicherheitspolitik und verfolgte neben der Kontroll- und Verifikationsfunktion nun auch die effektive Implementierung des NVV (Rittberger et al., S.460). Der Vertrag stellte von nun an ein zentrales und effektives Instrument der Organisation dar. Dieser Bedeutungszuwachs manifestierte sich nicht nur in der gestiegenen Handlungsfähigkeit der Organisation, sondern auch in einem merklichen Anstieg der Überwachungsmaßnahmen, der sogenannten „safeguards“. Dabei werden die nuklearen Anlagen der Mitgliedsländer unangemeldet von Experten auf kritische Materialien und Technologien untersucht. Die Kontrollen sind seit den 1990er Jahren und auch aktuell noch Gegenstand von Diskussionen, da der IAEO vermehrt eine selektive Ausrichtung der Kontrolle und der Eingriff in staatliche Souveränitäten vorgeworfen wird. Ersteres lässt sich auf die institutionelle Beschaffenheit der inneren Strukturen der Organisation zurück führen. Während in der Generalkonferenz jeder Mitgliedstaat eine Stimme und somit Mitspracherecht bei der Formulierung der Leitlinien besitzt, hat der vergleichsweise mächtigere Gouverneursrat nur 35 Mitglieder, davon stetig die zehn fortgeschrittensten Nuklearmächte, der Rest wird von der Generalkonferenz gewählt. Kritiker sehen darin eine Gefahr der Polarisierung, indem ein Spannungsverhältnis zwischen Entwicklungsländern und technologisch fortgeschrittenen Ländern entsteht (Andersen/Woyke, S.156). Neben dem Gouverneursrat und der Generalversammlung bildet das Sekretariat gemeinsam mit dem Generaldirektor das dritte Organ der IAEO. Der Generaldirektor ist nicht nur der höchste Repräsentant der Organisation, er ist außerdem befugt, den Sicherheitsrat und die Generalversammlung der UN jederzeit direkt zu kontaktieren, falls eine Gefährdung internationaler Sicherheit festgestellt wird (Gröning et al., S.38ff.). Die über 2200 Mitarbeiter des Sekretariats sind für die Implementierung der Agenda zuständig und einem striktem Neutralitätsgebot unterworfen (Bress, S.300). Debatten um die Wirksamkeit der IAEO-Tätigkeit existieren bis heute. Neben Machtungleichgewichten zwischen den Organen wird der IAEO von Nicht-Mitgliedstaaten wie z.B. Indien wirtschaftliche Spionage durch Wissenschaftler, die „safeguards“- Inspektionen durchführen, vorgeworfen (Quester, S.235). Zudem lässt sich in den zwei Hauptaufgaben der Organisation eine gewisse Widersprüchlichkeit erkennen. Ist es praktisch überhaupt möglich, parallel Nonproliferation und die Förderung ziviler, friedlicher Nutzung von Kernenergie zu betreiben? Die IAEO ist zweifellos kein universal funktionierendes Organ des Nichtverbreitungsregimes, dennoch leistet sie mittels Kontrollen und Normverbreitung einen messbaren Beitrag zur Friedenssicherung und zu der sukzessiven atomaren Abrüstung weltweit.

2.4 Instrumentar

Welche Mittel stehen den Teilnehmern der internationalen Rüstungs- und Proliferationspolitik zu Verfügung? Im Folgenden werden die wichtigsten Abkommen und Verträge vorgestellt und deren Bedeutung für das Nichtverbreitungsregime erläutert.

2.4. 1 Atomwaffensperrvert

Kern des Nichtverbreitungsregimes und zentrales Instrument der IAEO ist der Atomwaffensperrvertrag, auch Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen oder Nuklearer Nichtverbreitungsvertrag (NVV) genannt. Dieser ist 1970 in Kraft getreten und wurde mittlerweile von 191 Staaten unterzeichnet, während Indien, Israel, Pakistan und Südsudan bis heute nicht unterschrieben haben. Nordkorea trat 2003 von dem Abkommen zurück, wozu jeder Mitgliedstaat jederzeit befugt ist, sofern er den Rücktritt den anderen Vertragsparteien sowie dem Sicherheitsrat der UN drei Monate im Voraus mitteilt (bpb.de; Wilson, S.240). Unter der Annahme, dass eine hohe Anzahl von Atommächten die Wahrscheinlichkeit eines nuklearen Krieges erhöhe, starteten die fünf Atommächte USA, Sowjetunion, China, Frankreich und Großbritannien die Initiative für den Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag. Diese basiert auf der Einsicht aller Staaten, dass ihre Sicherheitsinteressen weniger durch Aufrüsten verfolgt werden könnten, als durch Transparenz, Kommunikation und Kooperation und letztendlich vollständige Abrüstung (Müller et al., S.15ff.). Der Vertrag beruht auf drei Kernprinzipien mit dem Ziel, die wachsende Gefahr nuklearer Kriege einzudämmen. Erstens dürfen keine Atomwaffen über die fünf anerkannten Kernwaffenstaaten hinaus erworben werden. Zweitens verpflichten sich letztere zur Abrüstung der Nuklearwaffenbestände. Dennoch bleibt drittens jedem Staat das Recht zur zivilen Nutzung von Atomenergie, was durch die IAEO gefördert und kontrolliert wird (Rittberger et al., S.457). Es verpflichtet sich deshalb jeder Mitgliedstaat, die Sicherungsmaßnahmen durch die IAEO („safeguards“) anzunehmen. Zusätzlich findet im Turnus von fünf Jahren ein Staatentreffen statt, bei dem Fortschritte überprüft und bei Bedarf einzuleitende Maßnahmen besprochen werden (Müller et al., S.52).

Der NVV ist einer der wenigen Verträge, der nahezu universelle Gültigkeit erreicht hat. Bis auf Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea haben ihn alle Staaten ratifiziert. Dieser Umstand ist aber keinesfalls trivial und die fehlenden Staaten sind als sehr kritisch zu betrachten. Da besonders Indien und Nordkorea weiterhin offenkundig Atombomben entwickeln und testen, lässt sich nicht von einer ausreichenden Begrenzung von Proliferation sprechen (Wilson, S.194). Des Weiteren handelt es sich bei den fünf anerkannten Atomstaaten um die Veto-Mächte des Sicherheitsrats der UN, die völkerrechtliche Versuche, sie zur Abrüstung zu bewegen, blockieren können. Das sorgt wiederum für eine gewisse Diskrepanz zwischen Nuklear- und Nichtatomwaffenstaaten, es ist sogar von einer nuklearen Zweiklassengesellschaft die Rede (Kohler S.37-38). Der Schwerpunkt liegt also eher auf der Verhinderung horizontaler Proliferation (Rittberger et al., S.461). Eine Erhöhung der Anzahl der Staaten mit Nuklearwaffen zu unterbinden, liegt nicht zuletzt deshalb im Interesse der Großmächte, da deren Interventions- und Kontrollmöglichkeiten begrenzt würden (Kohler, S.47). Auch die Rücktrittsklausel lässt sich kritisch betrachten, da diese im Widerspruch zu einem rechtlich verbindlichen Abkommen steht. Die Gefahr, der Fall Nordkorea könnte anderen Staaten zum Vorbild werden, steht aktuell mehr denn je im Raum. Um die Legitimität dieses zentralen Instruments des Nichtverbreitungsregimes zu sichern, gilt es, Schlupflöcher wie diese zu schließen. Aktuell scheint der NVV überwiegend die bestehende Rüstungspolitik zu stabilisieren, indem er den ersten wichtigen Schritt zur globalen atomaren Abrüstung darstellt und somit eine große Chance für die internationale Staatengesellschaft bietet.

2.4. 2 Resolution 1

In der modernisierten Welt sind Kriege zwischen Nationalstaaten zwar selten geworden, doch mit der zunehmenden Vernetzung durch die Globalisierung wuchs die Gefahr durch nichtstaatliche Akteure wie beispielsweise Terrorismusgruppen. Wie groß diese Gefahr ist, wurde durch die Attacken vom 11. September 2001 deutlich. Um den akuten Handlungsbedarf zu decken, brachten die USA daraufhin den Entwurf für die Resolution 1540 in den Sicherheitsrat der UN ein (Wolter, S.168). Mit einem einstimmigen Beschluss wurde diese am 28. April 2004 verabschiedet. Ergänzend zum NVV umfasst die Resolution die Kontrolle von Proliferation an nichtstaatliche Akteure und verlangt von allen Staaten dementsprechende Maßnahmen. Dazu wurden letztere aufgefordert, einen Bericht mit unternommenen Schritten einzureichen. Zur Überwachung wurde ein Ausschuss eingerichtet, das 1540-Committee . Um eine umfangreiche Implementierung der Resolution zu erreichen, forderte der Präsident des Sicherheitsrats im Jahre 2014 alle Staaten auf, ihren Bericht bis 2021 vorzulegen, da bis dato nur 155 Staaten teilnahmen, denen außerdem teilweise eine mangelhafte Umsetzung vorgeworfen wird (Salisbury et al., S.2). Besonders Entwicklungsländer gaben als Grund hierfür an, sie würden an erster Stelle dringendere Angelegenheiten verfolgen, weshalb die Bedrohung durch die Weitergabe von Massenvernichtungswaffen durch nichtstaatliche Akteure ein sekundäres Problem darstelle (Salisbury et al., S.97). Die Proliferation von Massenvernichtungswaffen(WMD) an nichtstaatliche Akteure ist dennoch nachweislich eine der akutesten Gefahren für die internationale Staatengemeinschaft, die nicht unterschätzt werden darf, wenn eine umfangreiche Non-Proliferation oder sogar globale Abrüstung erreicht werden soll (Wolter, S.170).

[...]


1 I nternationale A tom e nergie O rganisation

2 übergeordneter Begriff für alle Vereinbarungen, die zwischen Staaten in Bezug auf ihre militärischen Kapazitäten getroffen werden (Brühl/Rosert 2014, S.173.)

3 haben großes Zerstörungspotential und können viele Menschenleben kosten; auch weapons of mass destruction(WMD) oder ABC-Waffen(atomare, biologische, chemische Waffen) genannt

4 Interdependenz bezeichnet „ein Beziehungsmuster zwischen staatlich verfassten Gesellschaften, das sich durch eine hohe Interaktionsdichte auszeichnet, deren Verlust oder drastische Beschneidung mit erheblichen Kosten für beide Seiten verbunden wäre.“(Rittberger et al., S.88)

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Details

Titel
Nukleare Abschreckungspolitik. Legitimes Instrument der Friedenssicherung oder globales Sicherheitsrisiko?
Untertitel
Eine Analyse der Nonproliferationsstrukturen in der Global Governance und aktueller Herausforderungen anhand der Iran-Sanktionen durch die USA
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Veranstaltung
Internationale Beziehungen
Note
2,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V456880
ISBN (eBook)
9783668871397
ISBN (Buch)
9783668871403
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Abschreckungspolitik Nonproliferation Iran-Sanktionen USA Außenpolitik Nuklearwaffen
Arbeit zitieren
Ella Leicht (Autor), 2018, Nukleare Abschreckungspolitik. Legitimes Instrument der Friedenssicherung oder globales Sicherheitsrisiko?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456880

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