Nach dem zweiten Weltkrieg, dem darauf folgendem Wiederaufbau, der verstärkten Institutionalisierung der Sozialen Arbeit und den Vorkommnissen, die auf die so genannte “schwarze Pädagogik” zurückgehen, kam es in den 60er Jahren, ausgelöst u.a. durch den Vietnamkrieg der Amerikaner, zu erneuten Veränderungen in der Gesellschaft. Die Jugend protestierte gegen „... Konsumorientierung, imperialistische Kriege und Ausbeutung der dritten Welt“ (Kuhlmann 2011, S. 43).
Die Soziale Arbeit versuchte zu dieser Zeit „... sich aus dem Schatten ihrer disziplinierenden und stigmatisierenden Tradition zu lösen...“ (Thiersch et al. 2012, S. 179). Es entstanden, geprägt von den Studentenbewegungen, neue soziale Bewegungen, die die einzelnen Handelsfelder der Sozialen Arbeit veränderten.
Die Individualisierung und Pluralisierung der Lebensverhältnisse forderte in den 1980er Jahren eine weitere Ausdifferenzierung der Theorieansätze der Sozialen Arbeit. Neben dem subjektorientierten Ansatz von Michael Winkler und dem systemtheoretischen Ansatz von Silvia Staub-Bernasconi, entwickelte Hans Thiersch den Ansatz der Lebensweltorientierung. Dabei wurde das Ziel verfolgt gerechtere Lebensverhältnisse zu schaffen, Demokratisierung und Emanzipation voranzutreiben und als Basis rechtlich gesicherte, fachlich verantwortbare Arbeit zu nutzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Die zentralen Begriffe, Bezugspunkte und Prämissen der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit
1.1 Geschichtlicher Abriss
1.2 Theoretische Wurzeln
1.3 Aspekte der Lebensweltorientierung
1.4 Handlungsmuster
1.5. Kritik
2. Struktur- und Handlungsmaximen
2.1 Beschreibung der Strukturmaxime „Prävention“
2.2 Vor- und Nachteile der „Prävention“
2.3 Beschreibung der Strukturmaxime „Integration“
2.4 Vor- und Nachteile der „Integration“
3. Die Maxime Prävention in einem Handlungsfeld
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit setzt sich kritisch mit dem lebensweltorientierten Ansatz in der Sozialen Arbeit auseinander. Ziel ist es, die theoretischen Grundlagen und die zentralen Struktur- und Handlungsmaximen – insbesondere Prävention und Integration – zu erläutern, ihre praktische Anwendbarkeit zu prüfen und die Herausforderungen bei der Umsetzung in realen Handlungsfeldern aufzuzeigen.
- Historische Genese und theoretische Fundierung des lebensweltorientierten Ansatzes.
- Analyse der zentralen Strukturmaximen: Prävention und Integration.
- Diskussion von Vor- und Nachteilen sowie kritische Reflexion der Maximen.
- Konkretisierung theoretischer Konzepte am Beispiel der Trauerbegleitung in der Behindertenhilfe.
- Reflexion über die Rolle der SozialarbeiterInnen und notwendige institutionelle Rahmenbedingungen.
Auszug aus dem Buch
3. Konkretisierung der Maxime “Prävention” anhand des Beispiels Umgangsmöglichkeiten mit Trauer im Alltag von Menschen mit einer geistigen Behinderung.
Wir können auch die Trauerarbeit als präventive lebensweltorientierte Arbeit verstehen. Wenn betroffene Menschen die Möglichkeit haben, sich mit ihrer Trauer in einem begleiteten und geschützten Rahmen auseinanderzusetzen, verringert sich die Gefahr belastender psychosomatischer und psychischer Folgen.
Leben Menschen in einem Umfeld, welches ihnen, womöglich aus falsch verstandenem Schutz, nicht zugesteht auf ihre individuelle Art mit den Gefühlen der Trauer umzugehen, können sich die unterdrückten Gefühle andere Ventile suchen. Psychische Traumata werden nicht erkannt oder verharmlost und bekommen wenig Raum.
Eine Haltung, welche auf die Hoffnung abzielt, dass das Erlebte ohne Probleme von alleine gut verläuft. Dies wäre die Vorgehensweise „erst einzugreifen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist“, (vgl. BMJFFG 1990, S. 85).
Dies sieht in der Praxis beispielsweise so aus, dass ein Mensch mit geistiger Behinderung, plötzlich das Sprechen einstellt und zusätzlich beginnt alle seine Kleidungsstücke zu zerstören, als Lösung mit dem Gefühl der Traurigkeit umzugehen bzw. als Ausdruck eines diffusen Empfindens, welches nicht selbst geklärt und verarbeitet werden kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die zentralen Begriffe, Bezugspunkte und Prämissen der Lebensweltorientierten Sozialen Arbeit: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entstehung des Ansatzes nach und erläutert seine hermeneutischen sowie phänomenologischen Grundlagen als Ausgangspunkt für fachliches Handeln.
2. Struktur- und Handlungsmaximen: Hier werden die zentralen Prinzipien der Lebensweltorientierung definiert, wobei insbesondere die Konzepte der Prävention und Integration samt ihrer Chancen und Risiken detailliert analysiert werden.
3. Die Maxime Prävention in einem Handlungsfeld: Das abschließende Kapitel verdeutlicht die theoretischen Maximen anhand eines konkreten Praxisbeispiels aus der Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung.
Schlüsselwörter
Lebensweltorientierung, Soziale Arbeit, Prävention, Integration, Alltag, Handlungsmaximen, Strukturmaximen, Inklusion, Partizipation, Trauerarbeit, Behindertenhilfe, Hilfeplanung, Sozialraumorientierung, Empowerment, Reflexion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem lebensweltorientierten Ansatz in der Sozialen Arbeit, seiner theoretischen Verankerung sowie der praktischen Anwendung durch spezifische Struktur- und Handlungsmaximen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den zentralen Themen gehören die historische Entwicklung des Ansatzes, die Bedeutung der Alltagspraxis für Adressaten, die Analyse von Prävention und Integration sowie die professionelle Rolle der SozialarbeiterInnen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, den lebensweltorientierten Ansatz zu systematisieren und aufzuzeigen, wie durch eine Ausrichtung an den Lebenswelten und Ressourcen der Adressaten eine wirksamere Unterstützung in verschiedenen Handlungsfeldern erreicht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und der theoretischen Durchdringung des lebensweltorientierten Konzepts, ergänzt durch eine beispielhafte Konkretisierung im Praxisfeld.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begründung des Ansatzes, die Darstellung der Struktur- und Handlungsmaximen sowie eine praktische Fallanwendung zum Thema Trauerbegleitung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Schlagworte sind Lebensweltorientierung, Prävention, Integration, Alltag, Partizipation und Ressourcenorientierung.
Wie wird das Konzept der Prävention in der Arbeit definiert?
Prävention wird hier als vorsorgliches Handeln verstanden, das nicht erst bei Krisen ansetzt, sondern Lebensverhältnisse stabilisiert und Belastungen frühzeitig begegnet, um schwerwiegende Probleme zu verhindern.
Welche Rolle spielt die „Integration“ im lebensweltorientierten Kontext?
Integration wird als Prozess verstanden, der Ausgrenzung entgegenwirkt, Vielfalt respektiert und darauf abzielt, benachteiligte Personen in den gesellschaftlichen Kontext und normale Hilfsstrukturen einzubinden.
Warum ist die Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Prävention relevant?
Die Unterscheidung hilft, zielgerichtete Hilfen zu planen: primäre Prävention fokussiert auf stabile Verhältnisse für alle, während sekundäre Prävention gezielt bei belastenden Übergängen oder Lebenslagen interveniert.
Was ist das zentrale Fazit des Praxisbeispiels zur Trauerbegleitung?
Das Beispiel zeigt, dass lebensweltorientierte Prävention darin besteht, den Betroffenen einen geschützten Raum für Ausdruck zu bieten, statt ihr Verhalten als Störung zu stigmatisieren.
- Arbeit zitieren
- Carsten Friebis (Autor:in), 2013, Geschichte und Struktur Sozialer Arbeit. Der lebensweltorientierte Ansatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456909