Die Bedeutung von Frauengestalten für Stephen in A Portrait of the Artist as a Young Man von James Joyce


Hausarbeit, 2005
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Vorwort

James Joyce schrieb den Roman „A Portrait of the Artist as a Young Man“ in der Epoche der Moderne. Die Moderne stand für die Zeit des Umbruchs: die Menschen wandten sich ab von der Prüderie und Doppelmoral der viktorianischen Zeit und verlangten anstatt nach sexueller Verdrängung und dem Wahren des „schönen Scheins“ nach Aufklärung und Toleranz. Freuds Entwicklung der Psychoanalyse, von der auch James Joyce nicht unbeeindruckt gewesen sein soll, stellte nun die Entwicklung des Individuums und des menschlichen Bewusstseins in den Mittelpunkt. In der Moderne wurde das althergebrachte Bild der Ehe hinterfragt. Des Weiteren veränderte sich die Stellung der Frau in der Gesellschaft im Sinne der Emanzipation und auch die Frage der Sexualität erfuhr eine neue Bedeutung, nachdem Sigmund Freud den Sexualtrieb als wesentlich für die Menschheit herausstellte.

James Joyce war, neben D.H. Lawrence, der herausragenden Schriftsteller dieser Epoche:

„I have opened the new way, and you will find that it will be followed more and more. In fact from it you may date a new orientation in literature- the new realism.”

(Zitat J. Joyce)

Dieser „neue Realismus“, den Joyce hier nennt, kommt vor allem durch den Bruch mit konventionellen Erzählstrukturen zum Ausdruck: James Joyce war neben Virginia Woolf einer der ersten, der sich der Technik des „stream of consciousness“ bediente: hier existiert kein auktorialer Erzähler, der das Geschehen kommentiert. Das Erzählte erfahren die Leser aus der Sicht des Protagonisten selbst, durch seine Gedanken und inneren Vorgänge, die sehr konfus wirken können. Joyce begründet die Verwendung dieser Technik dadurch, dass eine Welt, die so fremd, rätselhaft und komplex ist, nicht durch die althergebrachte Erzählstruktur der reinen Abbildung erfasst werden kann. Im Mittelpunkt des Portraits steht die individuelle Entwicklung eines jungen Mannes und Künstlers, sein Kampf gegen die Bevormundung durch Bezugspersonen, Religion und Moral, der nur durch einen Bruch mit der Familie, der Religion und der Heimat gewonnen werden kann. All diese Punkte stellen eindeutig autobiografische Elemente dar, da sie auch in James Joyces eigenem Leben von immenser Bedeutung waren. Dennoch sollte das Portrait nicht als autobiografischer Roman verstanden werden. Joyces Bruder erklärte zu diesem Thema: „A Portrait of the Artist as a Young Man is not an autobiography, it is an artistic creation.”[1] Trotz seines teilweise autobiografischen Charakters enthält der Roman auch fiktionale Elemente, die diese Sichtweise rechtfertigen. James Joyce sieht einerseits die Probleme eines Mannes, sich zu einem eigenständigen und unabhängigen Individuum zu entwickeln in Frauen verkörpert (Hinweise darauf finden sich z.B. in der Darstellung von Stephens überfürsorglicher und einengenden Mutter), andererseits wird seine Entwicklung jedoch auch von Frauen gefördert und bestimmt. Er empfindet es so, dass jede der Frauen ihrem Schicksal, das ihr von ihrem Land auferlegt wurde, ausgeliefert ist. So vergleicht er die irischen Frauen mit Fledermäusen: sie sind für ihn blind – erzogen in devotem Gehorsam dem Katholizismus und ihrem Land gegenüber.

„a type of her race and his own, a batlike soul waking to the consciousness of itself in darkness and secrecy and loneliness”[2]

1. Hintergrund

Die Entstehung des Romans „A Portrait of the Artist as a Young Man“ vollzog sich in einem mehr als zehn Jahre andauernden Prozess. 1904 schrieb James Joyce einen Essay, der jedoch von den Verlegern abgelehnt wurde. Er entschloss sich dazu, diesen Essay in einen Roman zu überarbeiten. Dieser erhielt den Titel „Stephen Hero“ und wurde im „auktorial-kommentierenden“[3] Erzählstil verfasst. 1907 jedoch beschloss Joyce den Roman noch einmal neu zu schreiben und fasste ihn in fünf Bilder, die die jeweiligen Entwicklungsstufen des Protagonisten repräsentieren sollten, zusammen, woraus schließlich die endgültige Fassung entstand.

Inhaltlich geht es im Portrait um die Entwicklung des Stephen Dedalus von einem devoten, von Zwängen geängstigten, kleinen Jungen, zu einem Künstler: Im ersten Kapitel wird seine behütete, katholisch orientierte Kindheit dargestellt; der Gegenstand des zweiten Kapitels ist Stephens Pubertät, in der er zum ersten Mal gegen die Zwänge, die ihm von Religion und Moral auferlegt wurden, rebelliert, indem er ein Bordell besucht; im dritten Kapitel kehrt er reuevoll zur Kirche zurück und ergibt sich seinem Glauben völlig; Im vierten Kapitel lehnt er es ab, zum Priester zu werden und entdeckt seine Berufung zum Künstler; im fünften Kapitel schließlich führt Stephen den endgültigen Bruch mit der Religion und seiner Familie herbei und beschließt, seine Heimat Irland zu verlassen, um sich voll und ganz der Kunst zu widmen.

Im Portrait nehmen die Liebe und die Sexualität eine zentrale Stellung ein und somit auch die diversen Frauenfiguren. Joyces eigenes Frauenbild kommt durch die verschiedenen Frauencharaktäre zum Ausdruck: jede von ihnen spiegelt einen anderen Aspekt wider, wobei diese desöfteren widersprüchlich erscheinen. Diese Frauen durchziehen zwar einerseits den gesamten Roman, werden jedoch niemals wirklich charakterisiert: es werden oft nur Fragmente genannt. Auffällig ist auch, dass der Protagonist Vieles und vor allem die Frauen in erster Linie über Sinneseindrücke wahrnimmt (siehe Punkt 2.1). Die Gestalten sind untereinander verwoben: jede Figur enthält Züge der Vorangegangenen und bereitet gleichzeitig das Erscheinen der nächsten Frauengestalt vor. Somit ist keine der Frauen eindeutig, wenn auch gewisse Schwerpunkte vorherrschend sein mögen.

2. Die Frauenfiguren

2.1 Stephens Mutter (Mary Dedalus)

Stephens Mutter ist die erste Frauenfigur, die im Roman genannt wird: „His mother put on the oilsheet.“[4], was auch logisch erscheint, da der Gegenstand des ersten Kapitels seine Kindheit ist und welche Person steht einem Kind in den ersten Lebensjahren wohl näher als die eigene Mutter?! Zwischen Stephen Dedalus und seiner Mutter besteht während seiner Kindheit noch eine sehr starke emotionale Bindung, was sich mit zunehmendem Alter ändert. Durch die Mutterfigur wird auch eines der Leitmotive des Romans eingeführt: die Liebe und die Weiblichkeit.

In diesem ersten Kapitel des Portraits gelingt es Joyce sich auf einzigartige Weise in die kindliche Psyche seines Protagonisten hineinzuversetzen, was durch die Verwendung der infantilen Sprache und der Darstellung der kindlich-naiven Ansichten Stephens zum Ausdruck gebracht wird. Des Weiteren bekommt der Leser Einblick in das altersgemäße egozentrische Weltbild des kleinen Stephen, für den nur Dinge oder Personen zählen, zu denen er einen direkten Bezug hat. Im Portrait werden nur wenige Informationen über den Charakter der Mary Dedalus gegeben. Beschrieben wird sie einzig dadurch, dass sie in ihren Betätigungsfeldern gezeigt wird: im Haushalt, in der Familie und in der Kirche – und zwar ausschließlich dort. Daraus resultiert die Annahme, dass sie eine warmherzige, fürsorgliche und zugleich sehr gläubige Frau ist, die jedoch niemals eine Chance auf Selbstverwirklichung hatte und durch ihre Lebensumstände massiv in ihrer Freiheit eingeschränkt ist. Sie wird lediglich aus der Sicht ihres Sohnes beschrieben, der sie wiederum in erster Linie über den Geruchssinn wahrnimmt: „nicer smell“[5], „such a lovely warm smell“[6], so wie er alle anderen Frauen später auch vorrangig über seine Sinne erfährt. In seiner Kindheit spielt Stephens Mutter noch die Rolle einer Muse für ihn: in einer Szene spielt sie Klavier, während er zu ihrer Musik tanzt. Dies könnte man dahingehend interpretieren, dass sie für ihn eine Autorität und ein Ideal in einem darstellt und er tut, was sie ihm sagt. Er „tanzt nach ihrer Pfeife“ und muss früher oder später seine „eigene Musik“ finden, nach der er tanzt. Es wird also hier schon ein potentieller, zukünftiger Abnabelungsprozess angedeutet.

Im zweiten Kapitel, als er die Schule in Clongowes besucht, findet Stephen keinen Anschluss. Er führt eine Art Außenseiterdasein, hat daher großes Heimweh und vermisst die Wärme, Zärtlichkeit und Sicherheit, die ihm seine Mutter bis dato gegeben hatte: „He longed to be at home and lay his head on his mother`s lap.”[7]. Sie stellt für ihn einen Ort der Zuflucht vor den Gefahren der Wirklichkeit und seinen eigenen Ängsten dar.

Auch James Joyce selbst hatte ein enges Verhältnis zu seiner Mutter, womit ein weiteres autobiografisches Element dieses Romans zum Vorschein kommt.

Als Stephen von seinen Schulkameraden gefragt wird, ob er vor dem Zubettgehen seiner Mutter einen Kuss gibt und daraufhin ausgelacht wird, kommen in ihm zum zweiten Mal Gefühle von Schuld und Sünde auf: „Was it right to kiss his mother or wrong to kiss his mother?“[8]. (Seine ersten Erfahrungen mit Schuldgefühlen verdankte Stephen übrigens Dante Riordan, als der Junge mit dem kleinen Nachbarsmädchen Eileen spielt.) Er ist plötzlich verwirrt und versteht nicht, was daran so falsch sein kann, seine Mutter zu küssen. In dieser Situation werden seine Unschuld und kindliche Naivität deutlich gemacht, die er trotz der einsetzenden Pubertät noch nicht abgeworfen hat. Außerdem erhält die Mutter-Sohn-Beziehung hierdurch einen ersten erotischen Aspekt, wodurch eine gewisse Widersprüchlichkeit entsteht, die ein weiteres wichtiges Motiv des Portraits darstellt.

In Stephens Kindheit übt die Mutter also auch einen großen Einfluss auf ihren Sohn aus, der allerdings im Laufe dessen Entwicklung drastisch abnimmt und gegen Ende des Romans in ein eher kühles Verhältnis umschlägt. Seine Mutter wird für Stephen schließlich zur Vertreterin von Moral und stellt in seiner Sicht die Autorität der Kirche dar. Er kann seine Mutter nicht verstehen und sich auch nicht einmal ansatzweise in sie hineinversetzen. Im Gegensatz dazu steht Cranly, ein Freund Stephens: er sieht, wie Mrs. Dedalus sich fühlen muss, nämlich erschöpft und müde. Cranly erkennt ihre Leistung an, die Familie zusammenzuhalten, die durch ihren Mann verschuldete Armut zu ertragen und sich für das Wohl ihrer Kinder aufzuopfern. Sie symbolisiert für ihn das Leid der irischen Frau im Allgemeinen. Stephen hingegen fühlt sich durch die Liebe seiner Mutter und durch ihre Besitzansprüche an ihn eingeschränkt. Er sieht in seiner Mutter die Personifikation des Katholizismus, von dem er sich lösen muss. Auch ist sie für ihn ein Symbol für seine Heimat, Irland, mit der ihn eine Art Hassliebe verbindet: seine Heimat, die ihn – genau wie seine Mutter – auf der einen Seite hervorgebracht hat und ihn auf der anderen Seite in seiner Entwicklung behindert. Von beiden muss er sich also abnabeln.

[...]


[1] Bleisteiner, Angela. Variationen des Themas Liebe und die Rolle der Frau in James Joyces “A Portrait of the Artist as a Young Man” und D.H. Lawrences “Sons and Lovers”. Heuchling: 1987. S.9

[2] Joyce, James. A Portrait of the Artist as a Young Man. Berkshire: Penguin Popular Classics, 1916. S.251

[3] Bleisteiner.Variationen des Themas Liebe und die Rolle der Frau in James Joyces “A Portrait of the Artist as a Young Man” und D.H. Lawrences “Sons and Lovers”, S.8

[4] Joyce, James. A Portrait of the Artist as a Young Man. Berkshire: Penguin Popular Classics, 1916. S. 7

[5] Joyce, James. A Portrait of the Artist as a Young Man. Berkshire: Penguin Popular Classics, 1916. S.7

[6] Joyce, James. A Portrait of the Artist as a Young Man. Berkshire: Penguin Popular Classics, 1916. S.11

[7] Joyce, James. A Portrait of the Artist as a Young Man. Berkshire: Penguin Popular Classics, 1916. S.14

[8] Joyce, James. A Portrait of the Artist as a Young Man. Berkshire: Penguin Popular Classics, 1916. S.16

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung von Frauengestalten für Stephen in A Portrait of the Artist as a Young Man von James Joyce
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V45692
ISBN (eBook)
9783638430494
Dateigröße
532 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bedeutung, Frauengestalten, Stephen, Portrait, Artist, Young, James, Joyce
Arbeit zitieren
Sabine Teichrieb (Autor), 2005, Die Bedeutung von Frauengestalten für Stephen in A Portrait of the Artist as a Young Man von James Joyce, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45692

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