Das Weiblichkeitsbild und die Frauenfiguren in 'Ecotopia' von Ernest Callenbach


Hausarbeit, 2003

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Literarische Einordnung von “Ecotopia”

3 Weiblichkeit in der Gesellschaft von "Ecotopia"
3.1 Ehe und Familie
3.2 Das Verständnis von Sexualität
3.3 Die Stellung der Ökotopianerin in Politik und Wirtschaft

4 Darstellung der Frauenfiguren
4.1 Marissa Brightcloud - Führerin in eine neue Welt?
4.2 Vera Allwen – personifizierte Macht Ecotopias?

5 Schlussbetrachtungen und Ausblick

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Diskrepanz zwischen der Darstellung der Frau in der Literatur und ihrer tatsächlichen Rolle in der Wirklichkeit ist ein häufig beobachtetes Phänomen. Entwirft Ernest Callenbach in Ecotopia ein Weib-lichkeitsideal, welches (noch) weit von der Realität entfernt ist? Die vorliegende Seminararbeit befasst sich mit dem Weiblichkeitsbild und den einzelnen Frauenfiguren in Ernest Callenbach´s „Ecotopia- The Notebooks and Reports of William Weston“. Die verschiedenen Aspekte der feministischen Grundidee in dem vorliegenden Werk werden hierzu genauer analysiert und herausgearbeitet.

Dies bildet den Schwerpunkt dieser Analyse. Zunächst soll jedoch eine literarische Einordnung vorgenommen werden, um den Rahmen für ein tieferes Textverständnis zu schaffen. Dabei soll vor allem geklärt werden, was explizit eine ökologische Utopie auszeichnet und von anderen Utopien unterscheidet. Zum Vergleich und um das vorliegende Werk von anderen bekannten Utopien abzugrenzen, sowie um Parallelen anzudeuten, wird das ebenfalls der Gattung „ökologische Utopie“ zugehörige Werk „News from Nowhere“ von William Morris angesprochen.

Anschließend wende ich mich dem Kernthema dieser Arbeit zu, dem Begriff von Weiblichkeit in der Gesellschaft von Ecotopia. Dabei wird versucht, insbesondere die verschiedenen sozialen Bereiche, den Bereich Ehe und Familie, das ökotopianische Verständnis von Sexualität sowie die Stellung der Ökotopianerin in der Politik und Wirtschaft genauer zu beschreiben und zu analysieren.

Der 2. Hauptteil dieser Arbeit ist der expliziten Beschreibung und Charakterisierung der wichtigsten Frauenfiguren in dem Werk gewidmet. Auch werden diese Figuren mit den Frauen, die die männliche Hauptperson William Weston aus seiner früheren Welt kennt, in Ansätzen verglichen, um so die Unterschiede herauszuarbeiten. Es gilt in diesem Zusammenhang auch zu klären, ob Westons Verständnis der Frau auf dem von Männern entworfenen Bild der Frau als Dienerin des Mannes bzw. als passiv, nicht aggressiv, emotional und gering durchsetzungsfähig basiert, oder genauer ob dies zumindest der Fall ist, bevor er die Frauen Ecotopias kennen und lieben lernt.

2 Literarische Einordnung von “Ecotopia”

Wie bereits schon der mehrdeutige Titel vermuten lässt, handelt es sich bei “Ecotopia” um eine ökologische Utopie: „Eco“ von dem griechischen Wort o ikos ´Behausung´, ´Haushalt´, ´Heimat´ abgeleitet, deutet jedoch von vornherein an, dass hier nicht nur die Ökologie primär Begriff ist, sondern durchaus auch die Ökonomie (eco-nomy), also das Haushalten, sowie im wirtschaftlichen Bereich als auch im Bereich der Natur, und schließlich auch die Vorstellung einer Heimat eine wichtige Rolle spielen. Der zweite Teil des Titels „-topia“ ist ab-zuleiten von griech. topos und bedeutet ursprünglich Ort, knüpft also hiermit wieder an die Vorstellung einer bestimmten Heimat an. Er bezieht sich jedoch auch auf den verwandten Begriff „Utopie“ (u-topia), womit deutlich wird, dass Callenbach an die Tradition dieser literarischen Gattung anknüpft.

Ecotopia ist eine positive Utopie, da sich der Ort für den männlichen Helden Weston schließlich zu einem guten Ort entwickelt. In Dystopien bzw. Anti-Utopien dagegen werden meist Schreckensvisionen beschrieben, die dem Leser vor Augen führen sollen, dass die momentane Staatsform oder Gesellschaft ins Unglück führen wird (z. B. George Orwells „1984“ oder Aldous Huxley´s „Brave New World“).

Dies ist bei Callenbach ebenso wie in der ebenfalls positiven Utopie „News from Nowhere“ von William Morris (aus dem Jahre 1890) nicht der Fall. Obwohl beide Utopien als wichtigste Gemeinsamkeit die Ökologie als Zentralthema aufzeigen, sieht Morris als Ziel eine Rückkehr zur Natur im Sinne der englischen Romantik, geht jedoch in seinem Werk davon aus, dass die Menschheit auf die meisten Errungenschaften der modernen Technik verzichten kann und will.

Die Industrialisierung wird als hässlich empfunden (daher eher eine Kritik an den tatsächlichen damaligen Gesellschaftszuständen) und ein vor-industrielller Zustand wird herbeigesehnt. Callenbach dagegen integriert die seit den 60er Jahren in den USA immer akuter werdenden Themen ökologisches Denken und Feminismus in sein Werk und liefert somit die Ideen für eine zukünftige Verwirklichung.

Wo William Morris 1890 noch für ein vor-industrielles Konzept war, setzt Callenbach auch auf umweltverträgliche, innovative Techno-logien. Eine weitere literarische Besonderheit ist die Tatsache, dass die Hauptperson William Weston zwar im zeitlichen Raum verbleibt und lediglich in das neue Gebiet reist, das Werk jedoch für den Leser trotzdem eine Raum- und Zeitutopie darstellt, da die beschriebenen Ereignisse bzw. Errungenschaften in einer erheblich von 1975 entfernten Zukunft angesiedelt sind. Obwohl im Untertitel der Erstausgabe („ a novel about ecology, people and politics“) vermutlich deutlich werden soll, dass das Thema Ökologie an erster Stelle steht - es wird auch zuerst genannt - sind die in Ecotopia beschriebenen gesellschaftlichen Beziehungen besonders im Hinblick auf die Bedeutung der Frau in der Gesellschaft nicht weniger wichtig. Sie bildet daher den Hauptteil meiner Arbeit.

3 Weiblichkeit in der Gesellschaft von „Ecotopia“

Ein ganzes Kapitel in Callenbachs Werk trägt den Titel: „Women in Power: Politicians, Sex and Law in Ecotopia”. Dies zeigt, dass die Emanzipation der Frau eine große Bedeutung in dieser Gesellschaft erlangt hat. Die Rolle der Frau in Ecotopia ist geprägt von uneingeschränkter Gleichberechtigung in Ehe, Familie und Sexualität, aber auch in Bildung, Politik und Beruf. Die gewohnte Klassengesellschaft ist aufgelöst, hierarchische Strukturen etwa gibt es in Ecotopia nicht, sie wurden aufgehoben und es herrscht eine Art Kreisverständnis, in dem jeder Mensch ein Glied in der Kette, in einem ökologischen Kreislauf darstellt. Die Bewohner leben in erster Linie alle –also unabhängig von dem Verständnis als Frau oder Mann- als Teil der Natur, Teil eines Systems: „I am part of systems; no one, not even myself, can separate me off as an individual thing.” (S. 173-174).

Sie sehen sich als “...an animal creature on the earth…”(S.173) und das Lebensmotto lautet “treat the earth as a mother” wobei allerdings möglicherweise beabsichtigt durchaus wieder der weibliche Bezug hervorgehoben wird. Trotz der Gleichstellung der männlichen und weiblichen Bewohner Ecotopias und ihrer Einordnung in den Kreislauf der Natur als biologische Lebewesen, gibt es durchaus geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen ihnen: Die Frauen haben ein weniger ausgeprägtes Aggressionspotential als die Männer, was sich in einem besonderen Ritual der jüngeren Männer, den sogenannten „war games“ widerspiegelt. Diese werden in dem Werk als die unzivilisierte, barbarische „Ecotopia’s Dark Side“ beschrieben. Frauen sind von diesem Ritual ausgeschlossen, sie nehmen daran lediglich passiv als Zuschauerinnen teil. In Ecotopia versteht man dieses sehr brutale “bloody ritual” (S. 83) als „open civic expression for the physical competitiveness that seemed to be inherent in man´s biological programming- and otherwise came out in perverse forms, like war.” (S. 160), doch sie wurden von der von Frauen geleiteten Survivalist Party (worauf im Kapitel 3.3 noch genauer eingegangen wird) bewusst als Teil eines “cooperation-oriented program“ eingeführt. Darüber hinaus bevorzugen es die Ökotopianer und legen Wert darauf, weibliches Konkurrenz- und Wettbewerbsverhalten auf andere Bereiche zu fokussieren:

„through contests for political leadership, through organizing work- at which women are believed to excel- and through rivalry over men to father their children.” (S.161). Interessant ist daher der Aspekt, dass der Eindruck entsteht, Frauen seien von Natur aus gut und nährend (wie eine Mutter). In ihrer Verantwortung stehen daher die offenbar wirklich wichtigen Bereiche der Gesellschaft wie z.B. wichtige politische Funktionen (wie sie die Staatspräsidentin Vera Allwen innehat). Es entsteht der Eindruck, die Geschlechterstereotypen seien auf die Natur zurückzuführen, und die Männer hätten nun einmal von Natur aus ein gewisses Aggressionspotential, welches in den war games freigesetzt und ausgelebt wird. Zudem fällt auf, dass verstärkt Frauen eine tragende Rolle in verschiedenen Gesellschaftsbereichen spielen.

Diese Aspekte deuten daher auf ein Matriarchat im Sinne des gynozentrischen Feminismus hin, bei dem die Andersartigkeit der Frau (zurückzuführen auf die Differenzhypothese) gefeiert wird. Vertreter dieser feministischen Bewegung führen die Geschlechterstereotypen auf die Natur zurück. Frauen sind hierbei von Natur aus gut und nährend, Männer dagegen von Natur aus böse und aggressiv. Dies trifft hierbei zumindest in Verbindung mit den „war games“ zu. Allerdings lässt sich im Übrigen auch eine gewisse Androgynie, d. h. eine Vermischung der Eigenschaften beider Geschlechter erkennen, etwa in der Darstellung der typischen Ökotopianerin: das Idealbild der Frau zeigt sie unabhängig, eigenständig, leidenschaftlich „direct, open“ (S. 76) und völlig „ungeschminkt“ natürlich. Keineswegs also verkörpert die Frau hier „das schwache Geschlecht“. Trotzdem wird auch immer wieder von der männlichen Hauptfigur Weston betont, die Frauen Ecotopias hätten keineswegs etwa äusserlich ihre Weiblichkeit verloren: „I notice, however, that Ecotopian women still seem to me feminine, with a relaxed air of their biological attractiveness, even fertility...“ (S. 75) Diese biologische Attraktivität, die Weston beschreibt, macht sie, wie er schreibt „beautiful in a simple, unadorned way. They´re not dependent…on cosmetics or dress- they give the impression of being strong, secure, pleasure-loving people, very honest and straightforward emotionally.” (S. 77).

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Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das Weiblichkeitsbild und die Frauenfiguren in 'Ecotopia' von Ernest Callenbach
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Englisches Seminar Anglistik/Amerikanistik)
Veranstaltung
Green Utopias
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V45695
ISBN (eBook)
9783638430524
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Weiblichkeitsbild, Frauenfiguren, Ecotopia, Ernest, Callenbach, Green, Utopias, Gender, Frauen
Arbeit zitieren
Denise Sajdl (Autor:in), 2003, Das Weiblichkeitsbild und die Frauenfiguren in 'Ecotopia' von Ernest Callenbach, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45695

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