Krankheit und Wahnsinn in Georg Büchners "Woyzeck" und "Lenz"

Wie werden sie literarisch dargestellt?


Term Paper, 2015
12 Pages, Grade: 1,7

Excerpt

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Was ist Wahnsinn?
2.1.Wahnsinn bei Büchners Werk „Woyzeck“
2.2.Wahnsinn bei Büchners Werk „Lenz“
2.3.Vergleich der Protagonisten Woyzeck und Lenz

3.Fazit

Literaturverzeichnis.

1.Einleitung

„Wir alle sind Narren; aber keiner hat das Recht, einem anderen seine eigentümliche Narrheit aufzudrängen“1 Dieses Zitat Georg Büchners beschreibt sehr gut das Thema meiner vorliegenden Seminararbeit. Sie soll dazu dienen, einen Einblick in zwei Werke Büchners zu erhalten und vor allem die Darstellung des Wahnsinns in jenen verdeutlichen. Zudem stellt sich die Frage, ob Woyzeck und Lenz wirklich als wahnsinnig gelten. Wodurch werden sie wahnsinnig? Und: sind die beiden Protagonisten miteinander zu vergleichen?

Die Werke des 1837 verstorbenen Georg Büchner sind auch heutzutage immer noch aktuell, was sich im späteren Verlauf meiner Arbeit zeigen wird.

Ich werde zunächst den Wahnsinn definieren, was versteht man unter dem Wahnsinn, woran lässt er sich erkennen. Dazu beziehe ich mich auf die Forschung Georg Reuchleins. Die Wahnsinnstheorie(n) möchte ich danach auf die ausgewählten Werke „Woyzeck“ und „Lenz“ übertragen. Anschließend werde ich untersuchen, ob und inwiefern sich die beiden Protagonisten unterscheiden, um daraufhin ein Fazit zu ziehen. Reuchlein unterscheidet zwischen dem rationalistischen (klassischen) Wahnsinnsverständnis, dem medizinischen Wahnsinnsverständnis, dem philosophisch – spekulativen Wahnsinnsverständnis und dem literarischen Wahnsinnsverständnis, sowie zwischen dem ausgehenden 18. und späten 19. Jahrhundert. Im Folgenden werde ich mich auf das philosophisch-spekulative und literarische Wahnsinnsverständnis und auf das späte 18. Jahrhundert konzentrieren.

2.Was ist Wahnsinn?

Georg Reuchlein, der sich in seiner Arbeit auf die Zeit von 1780 – 1835, der Entstehungszeit Büchners Werke – konzentrierte, deutet an, dass sich das Wahnsinnsverständnis stets weiterentwickelt: „Was der einen Epoche als wahnsinnig gilt, gilt es der anderen nicht; was die eine Zeit unter Wahnsinn versteht, ist anderen Zeiten völlig fremd usw. (vgl. hierzu Foucault 3. Auflage 1978 S. 212 oder Foucault 1981 S.49 f. und S.61.ff).“2 Dennoch seien in dieser Phase die „Grundlagen des modernen Wahnsinnsverständnisses“3 geschaffen worden.

Durch die philosophische Ausgrenzung des Wahnsinns aus dem Bereich der Vernunft habe dieser laut Foucault „aufgehört, ‚Zeichen einer anderen Welt‘ zu sein.“4 Im 15. Jahrhundert stand neben der tragischen Erfahrung des Wahnsinns eine kritische, die „dem Wahnsinn keinerlei Wissen und Einsicht zugestanden, sondern ihn als reine Verkörperung z.B. sozialer, moralischer oder wissenschaftlicher Unvernunft dargestellt“ hat.5 Abschließend für diesen Bereich gliedert Reuchlein die philosophische Wahnsinnsauffassung in einen negativen und einen positiven Teil: Der Wahnsinn definiert sich für die rationalistische Philosophie somit negativ durch die Abwesenheit und Unmöglichkeit des Denkens, durch das Moment der Un-Vernunft bzw. des Un-Sinns oder Un-Verstandes; positiv dagegen entsprechend durch das, ihn – bei allen Differenzen – in die Nähe von Traum und Irrtum rückende, Vorliegen eines Deliriums, dessen charakteristisches Merkmal die ‚Verblendung‘ sei.6

Für das literarische Wahnsinnsverständnis erfolgte um 1800 ein Umbruch7: Adelung brachte mit seiner Begriffsdefinition den Narr mit dem Wahnsinnigen in noch engeren Zusammenhang, wenn nicht gar in Einklang: […] erscheint als das entscheidende Kennzeichen des Narren die Widervernünftigkeit, die Abweichung von der ‚gesunden Vernunft‘, d.h. das, was nach rationalistischer Auffassung das genuine Merkmal des Wahnsinns darstellt.8

Desweiteren führte Wolf Lepenies ein Modell zur Epoche der Aufklärung ein, welches eine Art bürgerliche Melancholie behauptet. Jedoch wird er von Hans-Jürgen Schings diesbezüglich kritisiert, er stehe durch das Modell in Widerspruch zu Foucault oder Dörners, da diese laut Schings einen „durch und durch antimelancholischen Bürger vorstellten“9. Im 18. Jahrhundert war das Verständnis dieses Begriffs vor allem geprägt durch die Wahnvorstellung, welche einen großen Teil der psychischen Krankheit ausmachte.10 1801 führte der französische Arzt Pinel neben den bereits bekannten Diagnosen Melancholie, Wahnsinn mit Delirium, Blödsinn und Idiotismus eine neue, unbekannte ein: die Manie ohne Delirium.11 Hier lässt sich ein Rückbezug zu Reuchleins positiver philosophischer Wahnsinnsauffassung herstellen. Folglich erhielt der Wahnsinn einige neue Auffassungsmöglichkeiten und wurde, wie Reuchlein behauptet, zu einer „Art Schauspiel oder Jahrmarktsattraktion, [zu] etwas, dem man sich uneingeschränkt überlegen fühlte und das man, wie sonst wilde oder gefährliche Tiere, neugierig betrachten konnte.“12 Aber auch die Leidenschaften machten einen großen Teil des Wahnsinnsverständnisses aus: so konnten „heftige Leidenschaften selbst schon in dem Maße, in dem sie die Vernunft überwältigten, als ‚zweitweiser Wahnsinn‘“, so Mackenzie, „bezeichnet werden.“13

Alles in allem kann man festhalten, dass sich der Begriff und die Vorstellung des Wahnsinns im Laufe der Zeit nicht nur ausgedehnt, sondern in einigen Teilen auch geändert haben.

2.1.Wahnsinn bei Büchners Werk „Woyzeck“

Das von Georg Büchner 1836 verfasste Fragment „Woyzeck“ thematisiert die gesellschaftliche Unterdrückung eines Soldaten aus der Unterschicht namens Woyzeck. Die Kritik an der gesellschaftlichen Ordnung in diesem Werk verknüpft Büchner mit der damaligen Diskussion über die Frage, ob Johann Christian Woyzeck, der seine Frau Christiane Woost im Wahn erstach, zurechnungsfähig sei oder nicht, was Clarus in seinem Gutachten mit „Ja“ beantwortete und damit eine Krankheit beim historischen Woyzeck ausschloss.14 Dieser Fall, über den lange Zeit diskutiert worden ist, gilt als Grundlage für Georg Büchners Fragment.

Doch wie äußert sich der Wahnsinn in „Woyzeck“? Ist Woyzeck überhaupt wahnsinnig und wenn ja, warum? Bevor das Drama beginnt, befindet sich der einfache, arbeitslose Soldat Woyzeck bereits seit 90 Tagen in einem durch den Doktor geleiteten Experiment, einer Erbsendiät.15 Woyzeck akzeptiert die Tatsache, unterdrückt und erniedrigt zu werden, um so Geld für seine Frau Marie und das uneheliche Kind aufzutreiben.16 Vorgeführt wird Woyzeck vor allem vom Doktor, durch dessen Erbsendiät der Protagonist wahnsinnig geworden zu sein scheint: Zum anderen veranschaulicht die Begeisterung des Doktors über den partiellen Wahnsinn seines Probanden, dass er keineswegs einen schon Wahnsinnigen zu seinem Experiment ausgewählt hat, sondern eine Versuchsreihe an einem physisch wie psychisch Normalen durchführt.17

Folglich drückt sich der Wahnsinn bereits in der ersten Szene aus, in der Woyzeck an Halluzinationen, Freimaurerängsten, apokalyptischen Visionen und generell an Verwirrtheit leidet („Andres, das waren die Freimaurer“, „Alles hohl da unten“18 ). Udo Roth beschreibt in seiner medizinischen Dissertation den Versuch Magendies, welcher Hunde unter einseitige Ernährung setzte: den „Hunden fielen, ähnlich wie Woyzeck, dessen ‚Haare ganz dünn geworden sind‘, die Haare aus.“19 Die oben genannte wissenschaftliche Unvernunft wird dabei deutlich. Möglicherweise möchte Büchner durch die Anlehnung an dieses Experiment darauf verweisen, dass Woyzeck von Doktor, Hauptmann und Tambourmajor wie ein Tier behandelt, unterdrückt und erniedrigt wird. Erneut zeigt sich dieser Aspekt in der Analyse vom Urin des Probanden, in dem die „Mengenangabe ‚0,10 Harnstoff‘ bzw. ‚Harnstoff 0,10‘ den Urin Woyzecks als den eines Herbivoren“20, eines Pflanzenfressers, beschreibt.

[...]


1 Georg Büchner, Quelle unbekannt.

2 Reuchlein, Georg: Bürgerliche Gesellschaft, Psychiatrie und Literatur. Zur Entwicklung der Wahnsinnsthematik in der deutschen Literatur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. München 1986. S.10.

3 Reuchlein, Georg: Bürgerliche Gesellschaft, Psychiatrie und Literatur. Zur Entwicklung der Wahnsinnsthematik in der deutschen Literatur des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. München 1986. S.35.

4 Ebd., S.42f.

5 Ebd., S.44.

6 Ebd., S.47.

7 Vgl. ebd., S.48.

8 Ebd., S.49.

9 Ebd., S.48.

10 Vgl. Reuchlein, Georg: Das Problem der Zurechnungsfähigkeit bei E.T.A. Hoffmann und Georg Büchner. Zum Verhältnis von Literatur, Psychiatrie und Justiz im frühen 19. Jahrhundert. Frankfurt am Main u.a. 1985. S.15.

11 Vgl. ebd., S.15.

12 Reuchlein, 1986, S.69.

13 Ebd., S.80.

14 Vgl. Hofmann, Michael; Kanning, Julian: G.B. Epoche – Werk – Wirkung. München 2013. S.153f.

15 Vgl. Borgards, Roland; Neumeyer, Harald (Hg.). Büchner-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart-Weimar 2009. S.243.

16 Vgl. Woyzeck, S.16.

17 Borgards, Roland; Neumeyer, Harald (Hg.). Büchner-Handbuch. Leben-Werk-Wirkung. Stuttgart-Weimar 2009. S.243.

18 Woyzeck, S.9.

19 Roth, Udo: Georg Büchners Woyzeck als medizinhistorisches Dokument. In: Georg-Büchner-Jahrbuch 9 (1995-1999) S.503 – 519. S. 507.

20 Ebd., S.513.

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Details

Title
Krankheit und Wahnsinn in Georg Büchners "Woyzeck" und "Lenz"
Subtitle
Wie werden sie literarisch dargestellt?
College
RWTH Aachen University  (Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaft)
Grade
1,7
Author
Year
2015
Pages
12
Catalog Number
V456982
ISBN (eBook)
9783668885295
ISBN (Book)
9783668885301
Language
German
Tags
krankheit, wahnsinn, georg, büchners, woyzeck, lenz
Quote paper
Mara Galinski (Author), 2015, Krankheit und Wahnsinn in Georg Büchners "Woyzeck" und "Lenz", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/456982

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