Alkoholabhängigkeit wird seit einigen Jahrzehnten als Krankheit anerkannt, erforscht und behandelt. Sowohl professionelle Bemühungen durch Mediziner, Soziologen, Psychologen etc. als auch Aktivitäten der Betroffenen selbst (insbesondere Selbsthilfegruppen und -organisationen) sind in diesem Zusammenhang erwähnenswert. Im Laufe der Zeit wurde die wichtige Erkenntnis, dass in Bezug auf „Sucht” in der Regel nicht ein einzelnes, isoliertes Individuum „zur Behandlung ansteht”, sondern dass sich Abhängigkeit entwickelt, dass vielfache Ursachen hierfür maßgeblich sind und - vor allem - dass die Menschen in der sozialen Umgebung des Süchtigen an der Entstehung und Aufrechterhaltung der Suchtkrankheit mitwirken, entwickelt. Der Fachbegriff für dies unbeabsichtigt suchtfördernde Verhalten der Mitbetroffenen (Ehe-/Partner, Kinder, Geschwister oder Eltern und Freunde) lautet „Co-Abhängigkeit” oder „Co-Alkoholismus”. Hauptsächlich jedoch soll im Folgenden von einer Gruppe die Rede sein, die bislang in den Hintergrund trat: den Kindern aus Alkoholikerfamilien.
Es gibt einige typische Verhaltensweisen und oft eingenommene Rollen von Kindern aus Alkoholikerfamilien. In der Begegnung mit dem Kind und den weiteren Co-Abhängigen ist es eine der Grundbedingungen für das rechtzeitige „In – Gang - Setzen” eines Hilfeprozesses diese Muster der Rollenverteilungen zu kennen, um präventiv arbeiten zu können. Es soll demnach in der vorliegenden Literatur zunächst einmal auf die Krankheit und das Verhalten der Co-Abhängigen eingegangen werden, um im Anschluss auf die Risiken und Schädigungen der betroffenen Kinder hinzuweisen.
Ein weiterer Themenschwerpunkt des Buches bilden die präventiven und interventiven Arbeitsformen, die in pädagogischen Einrichtungen zur Anwendung kommen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2. Alkoholabhängigkeit
2.1 ICD - 10
2.2 Psychische und schädliche Erkrankungen
3. Alkoholikerfamilien
3.1 Co – Abhängigkeit
4 Schädigungen und Risiken des Alkoholismus bei Kindern
4.1 Epidemiologie
4.2 Physische, psychische und soziale Schäden
5. Kinder und Jugendliche als Angehörige von suchtkranken Eltern(-teilen)
5.1 Erkennen gefährdeter Kinder
5.2 Kontakte mit dem Betroffenen / sonstigen Personen
5.3 Kindes Äußerungen beachten und Rollenmuster erkennen
5.3.1 Der Sündenbock
5.3.2 Das Maskottchen
5.3.3 Das Verlorenes Kind
5.3.4 Held, Heldin
6. Präventionsmöglichkeiten
7. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Auswirkungen der Alkoholabhängigkeit von Eltern auf die Sozialisation und Entwicklung ihrer Kinder. Ziel ist es, pädagogische Fachkräfte für die spezifischen Belastungen dieser Kinder zu sensibilisieren, Möglichkeiten zur frühzeitigen Identifizierung gefährdeter Kinder aufzuzeigen und präventive Interventionsansätze für pädagogische Einrichtungen zu erarbeiten.
- Psychologische und soziale Folgen der Alkoholabhängigkeit in Familien
- Phänomen der Co-Abhängigkeit bei Angehörigen
- Typische Rollenmuster von Kindern in Suchtfamilien
- Erkennungsmöglichkeiten für pädagogisches Personal
- Präventions- und Interventionskonzepte für Schulen und Jugendeinrichtungen
Auszug aus dem Buch
5.3.1 Der Sündenbock
Diesem Typus, dem Feindseligkeit und Abwehr, sowie Zurückgezogenheit und Verdrossenheit zugeschrieben werden, begegnen Sonder-/Sozialpädagogen in der beruflichen Praxis relativ häufig. Die Kinder, welche unter dieses Muster fallen, erhalten negative Aufmerksamkeit und “machen Ärger”, auch eine beginnende Straffälligkeit ist des Öfteren festzustellen. Das beschriebene Verhalten kann, muss aber nicht mit einem Alkoholiker in der Familie in Zusammenhang stehen. Andere Stressfaktoren können durchaus ähnliche Rollenmuster hervorbringen. So ist beispielsweise eine Konstellation möglich, in der der Vater oder die Mutter allein erziehend, beruflich überlastet und/oder körperlich chronisch krank ist. Weitere Faktoren können eine ungünstige Wohnsituation (sozialer Brennpunkt, 3 Geschwister in einem Zimmer, etc.) sein oder auch eine Minderbegabung des Kindes mit entsprechenden Versagenserlebnissen in der Schule. Körperliche Unattraktivität, starkes Übergewicht und noch einige andere „Negativ-Bausteine” sind vorstellbar und treten in der Praxis auch tatsächlich auf. Häufiger als man glaubt, treffen drei oder gar vier dieser Faktoren aufeinander, bzw. generieren einander.
Häufig aber liegt natürlich doch ein Fall von „Alkoholikerfamilie” vor. Die Aufgabe lautet also, die vom Kind gegebenen Signale aufmerksam wahrzunehmen und die möglicherweise aufgekommene Vermutung auf einen Alkohol-Fall zu bekräftigen. In gewissem Sinne ist der Typus des „Sündenbocks” der einfachste Fall. Wie schon Wegscheider-Cruse richtig beschreibt, steht er im „Zentrum der negativen Aufmerksamkeit“. Insbesondere pädagogische Fachkräfte nehmen Kinder dieser Art i.d.R. sehr bewusst wahr und diskutieren Möglichkeiten, wie mit diesen Kindern umgegangen werden soll. So ist der Schritt zu der Vermutung, dass in der Familie möglicherweise ein Alkoholiker existiert, oft nicht groß.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema der Alkoholabhängigkeit als Familienerkrankung ein und betont die besondere Betroffenheit von Kindern, die bislang in der Forschung unterrepräsentiert waren.
2. Alkoholabhängigkeit: Dieses Kapitel definiert Alkoholabhängigkeit medizinisch nach ICD-10 und unterscheidet zwischen verschiedenen Krankheitsbildern und Symptomen.
3. Alkoholikerfamilien: Der Fokus liegt auf der Systematik von Alkoholikerfamilien und dem Phänomen der Co-Abhängigkeit bei Angehörigen.
4 Schädigungen und Risiken des Alkoholismus bei Kindern: Hier werden physische, psychische und soziale Schädigungen sowie die epidemiologische Situation von Kindern in suchtbelasteten Familien analysiert.
5. Kinder und Jugendliche als Angehörige von suchtkranken Eltern(-teilen): Dieses Kapitel widmet sich der Identifikation gefährdeter Kinder sowie der Analyse spezifischer Rollenmuster wie Sündenbock, Maskottchen oder Held.
6. Präventionsmöglichkeiten: Abschließend werden Strategien der Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention im pädagogischen Kontext diskutiert.
7. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die wesentlichen Erkenntnisse und gibt konkrete Handlungsleitlinien für den Umgang mit betroffenen Familien an die Hand.
Schlüsselwörter
Alkoholabhängigkeit, Co-Abhängigkeit, Kinder, Suchtfamilie, Sozialisation, Rollenmuster, Prävention, Intervention, Pädagogik, Identifikation, Vernachlässigung, Kindeswohl, Suchtprävention, Familiensysteme, Psychische Gesundheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert die lebensweltlichen Herausforderungen und Entwicklungsrisiken von Kindern, die in einer Familie mit mindestens einem alkoholabhängigen Elternteil aufwachsen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder umfassen die Definition von Alkoholismus, das systemische Verständnis von Co-Abhängigkeit sowie die Analyse spezifischer kindlicher Rollenmuster und präventiver Ansätze für pädagogische Fachkräfte.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Fachkräfte in pädagogischen Einrichtungen zu befähigen, Anzeichen einer Suchtbelastung bei Kindern frühzeitig zu erkennen und angemessene Hilfsangebote bereitzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch orientierte Vordiplomarbeit, die auf Basis von Fachliteratur, diagnostischen Kriterien (ICD-10) und psychologischen Modellen (z.B. Wegscheider-Cruse) eine Synthese für den pädagogischen Praxisalltag erstellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Risiken und Schädigungsformen, beschreibt die Dynamik in betroffenen Familien und stellt ein Instrumentarium zur Beobachtung und Intervention (Rollenmuster, Präventionsstufen) vor.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Alkoholabhängigkeit, Co-Abhängigkeit, Suchtfamilien, kindliche Rollenmuster und pädagogische Präventionsstrategien charakterisieren.
Was unterscheidet den „Sündenbock“ von anderen Rollenmustern?
Der Sündenbock steht durch negatives Verhalten und Abwehr im Zentrum der Aufmerksamkeit, was ihn für Fachkräfte zwar sichtbar, aber auch zu einem häufigen Ziel für Zuweisungen macht.
Warum ist das „Maskottchen“ für pädagogisches Personal schwer zu erfassen?
Das Maskottchen nutzt Charme und Humor, um Spannungen abzubauen, wodurch die zugrundeliegende Problematik oft hinter einer Fassade aus „Nettigkeit“ verborgen bleibt.
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- Markus Wohlleber (Author), 2005, Sozialisation und Entwicklung der Kinder von alkoholabhängigen Eltern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45719