Ist der Erwerb lebenspraktischer Fähigkeiten die Basis für gute Schulleistungen? Warum Schulen nicht nur Wissen vermitteln sollten


Hausarbeit, 2014

18 Seiten, Note: 1,30


Leseprobe

Inhalt

1. Lebenspraktische Fähigkeiten als Basis guter Schulleistung

2. Erläuterung der Konzepte lebenspraktischer Fähigkeiten
2.1 Konzept der lebenspraktischen Kompetenzen nach
Saskia Schuppener
2.2 Konzept des lebenspraktischen Lernens am Beispiel
Hoyerswerda von Stephanie Odenwald
2.3 Konzept der lebenspraktischen Förderung der Roda-
Schule
2.4 Konzept der lebenspraktisch orientierten komplexen Leis- tung des sächsischen Bildungsinstituts

3. Bewertung der Konzepte lebenspraktischer Fähigkeiten

4. Bestehende Konzepte als Anregung zur eigenen Umsetzung

5. Literaturverzeichnis

1. Lebenspraktische Fähigkeiten als Basis guter Schulleistung

In den Augen vieler kommt der Schule in erster Linie eine Aufgabe zu: Die Wissensvermittlung. Außen vor gelassen wird hierbei, dass in einigen Familien die Vermittlung lebenspraktisch bedeutsamer Fähigkeiten in der Erziehung zu kurz kommt oder vollständig ausbleibt. Es erscheint logisch, dass ein Kind, dass mit der Bewältigung alltäglicher Anforderungen und Probleme überfordert ist keine Kapazitäten hat um gute Schulleistungen zu erbringen, sowie seinen Aufgaben als Schulkind aber auch als Teil der Gesellschaft gerecht zu werden. In diesen Fällen ist es Aufgabe der Schule das Kind lebensfähig zu machen um die Voraussetzungen zu erfüllen dafür, dass das Kind bestmögliche Schulleistungen erbringen kann und später in der Lage ist sich in die Gesellschaft zu integrieren, sowie seinen Beruf gut ausführen zu können. Die lebenspraktischen Fähigkeiten können somit als Basis gesehen werden. Erst wenn das Kind diese beherrscht kann darauf aufgebaut werden.

Es ist also entscheidend die Lehrpläne in der Art zu modifizieren, dass als zentraler Aspekt der Leistung durch die Schule nicht nur die Wissens- und Stoffvermittlung steht, sondern die Vermittlung von lebenspraktischen Fähigkeiten.

Über die Frage welche diese zentralen Fähigkeiten sind gibt es eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten.

Im Folgenden werde ich vier Konzepte lebenspraktischer Fähigkeiten erläutern sowie bewerten.

2. Erläuterung der Konzepte lebenspraktischer Fähigkeiten

Ausführungen zu lebenspraktischen Bezügen findet man in vielen Schulkonzepten oder auch in solchen von Bund und Ländern. Zwar unterscheiden sie sich oftmals in ihrer Terminologie, der wesentliche Inhalt bleibt jedoch der gleiche: Es handelt sich um Lernen für die Selbstständigkeit.1 Laut Odenwald zielt das Einbringen von lebenspraktischen Bezügen ab auf den Erwerb eines „Ensemble[s] von Kompetenzen“2 das laut einer Handreichung des Sächsischen Bildungsinstituts für Lehrkräfte an der Schule zur Lernförderung helfen soll, „aktuelle und zukünftige Lebensaufgaben in Familie und Freizeit, Gesellschaft und Staat, in Berufs- und Arbeitswelt sowie in Natur und Umwelt zu bewältigen.“3

Oft wird der Begriff der lebenspraktischen Kompetenzen eng aufgefasst, was bedeutet, dass er sich nur auf grundlegende Fähigkeiten wie Nahrungsaufnahme, Bekleidung sowie Körperhygiene und –pflege bezieht.4 Den im folgenden aufgeführten Konzepten liegt meist ein weiter gefasster Kompetenzbegriff zugrunde.

Die Förderung lebenspraktischer Kompetenzen soll den Schüler dazu bringen ein „weitgehend selbst bestimmte[s] Leben im Sinne einer Integration in die Gesellschaft“5 zu führen. Durch lebenspraktische Förderung können lebenspraktische Fertigkeiten und Fähigkeiten des einzelnen Schülers verbessert und gefördert werden und somit die aktuelle und auch zukünftige Lebenssituation verbessert werden. Lebenspraktisch geförderte Kinder sind unabhängiger von Fremdhilfe, wissen jedoch auch wo sie sächliche beziehungsweise personelle Fremdhilfe als nötig empfinden und können diese einfordern. Durch lebenspraktische Förderung kann die individuelle und soziale Kompetenzebene erweitert werden. Im Allgemeinen kann der Nutzen der Förderung lebenspraktischer Kompetenzen beschrieben werden als Hilfe zur Selbsthilfe.6

2.1 Konzept der lebenspraktischen Kompetenzen nach Saskia Schuppener

Schuppener bezieht sich in ihren Ausführungen zur Förderung lebenspraktischer Kompetenzen auf den weiten Kompetenzbegriff, wobei sie darauf hinweist, dass im pädagogisch-psychologischen Bereich der Begriff Kompetenz mit dem Begriff Fähigkeit gleichgesetzt werden kann. Sie legt ihren Ausführungen zugrunde, dass Kompetenz definiert werden kann als „die Verfügbarkeit und die angemessene Anwendung von Verhaltensweisen […] zur effektiven Auseinandersetzung mit konkreten Lebenssituationen, die für das Individuum und/oder seine Umwelt relevant sind“7

Schuppener arbeitet auf Basis eines Zwei-Ebenen-Kompetenzmodells und nimmt eine grundlegende Unterscheidung vor zwischen der individuellen Kompetenzebene und der sozialen Kompetenzebene. Die individuelle Kompetenzebene umfasst die Kompetenzen Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Selbstversorgung, während die soziale Kompetenzebene die Kompetenzen Interaktion, Kommunikation und Orientierung beinhaltet.8

Die in der individuellen Kompetenzebene aufgeführte Kompetenz Selbstständigkeit sieht Schuppener als Kernkompetenz eines Individuums. Das beherrschen der Kompetenz Selbstständigkeit ermöglicht die Umsetzung selbstbestimmten Agierens, was wiederum zu einem Höchstmaß an Selbstverantwortung führt.9

Weiterhin zählt Schuppener Selbstbestimmung zur individuellen Kompetenzebene und setzt dies mit der Entscheidungsfähigkeit gleich. Genauer ist dies ausgeführt als Fähigkeit, Aktivitäten auszuwählen sowie anfallende Aufgaben zu erledigen und eigene Interessen und Wünsche zu analysieren und zu äußern.10

Als letzte Fähigkeit im Rahmen der individuellen Kompetenzebene bezeichnet Schuppener die Selbstversorgung, die weitestgehend mit dem engen Begriff der lebenspraktischen Kompetenzen übereinstimmt und neben Essen, Bekleidung, Körperpflege und Hygiene auch das eigene Wohlbefinden betreffende Fähigkeiten und Verhaltensweisen wie Prävention und Erkennen von Krankheiten, gesunde Ernährung und Sexualität mit einbezieht.11

Die soziale Kompetenzebene umfasst die Kompetenz Interaktion, die alle Formen sozialen und emotionalen Verhaltens einschließt, sowie die Fähigkeit, Beziehungen und Freundschaften zu knüpfen und zu gestalten, das gemeinsame Spielen und Teilen von Rechten und Pflichten. Zudem die Fähigkeit zur Empathie und Fairness, sowie das Wahrnehmen, Äußern und Deuten von Emotionen. Zudem gehört zur Kompetenz Interaktion die Fähigkeit, Interesse an anderen zu zeigen.12

Als zweiter Kompetenz der sozialen Kompetenzebene führt Schuppener die Kommunikation auf. Als diese werden fast alle Formen verbaler und nonverbaler Ausdrucks- und Mitteilungsfähigkeit bezeichnet, beispielsweise symbolisch ausgedrückt durch Wort, Schrift, Symbol- sowie Zeichensprache, als auch non-symbolisch ausgedrückt durch Mimik, Gestik und Berührung. Kommunikation ist entscheidend um Informationen aufzunehmen aber auch mitteilen zu können.13

Die letzte Kompetenz der Ausführungen Schuppeners ist die Orientierung, die ebenfalls auf der sozialen Kompetenzebene angesiedelt ist. Bei Orientierung handelt es sich um die Kompetenz, bekannte und neue situative Schwierigkeiten zu meistern. Diese wichtige Kompetenz ist in vielen Bereichen erforderlich, unter anderem bei Wohnen, Freizeit, Arbeit, Schule, Straßenverkehr und dem Umgang mit Geld.14

Die Einteilung der lebenspraktischen Kompetenzen nach Schuppener findet sich nach eigener Aussage innerhalb der Dimensionen des „Individuellen Kompetenzinventars“ der AAMR von 2005 wieder.15 Bei der AAMR handelt es sich um die American Association on Mental Retardation, mithilfe deren Empfehlungen, der aktuelle Grad der Handlungsfähigkeit beschrieben werden kann. Als Grad der Handlungsfähigkeit wird die Fähigkeit bezeichnet, sich mit durch die Gesellschaft gesetzte Anforderungen auseinander zu setzen.16

2.2Konzept des lebenspraktischen Lernens am Beispiel Hoyerswerda von Stephanie Odenwald

In ihrem Fachbeitrag zum Thema „Hoyerswerda und das Konzept des lebenspraktischen Lernens – ein Lehrstück für die Demokratie“ beschreibt Stephanie Odenwald das Projekt „Fit für’s Leben“ welches später umbenannt wurde in „Konzept des lebenspraktischen Lernens“. Das Projekt wurde 2006 beschlossen um allen Jugendlichen die in Hoyerswerda aufwuchsen, eine Bildung zu ermöglichen die sowohl Lebensnähe als auch hohe Qualität sichert.17

Die Stadt Hoyerswerda erlebte zu DDR-Zeiten großen Wachstum. Um die Kohleförderung und –verarbeitung voranzutreiben wurden riesige Wohnkomplexe erbaut in denen 70 000 Menschen ein Zuhause fanden. Der Plan war, Arbeit und Freizeit zu verknüpfen und in unmittelbarer Nähe zur Arbeitsstätte einen Lebensraum für Mitarbeiter und deren Familien zu schaffen. Das Ende der Kohleförderung und –verarbeitung an diesem Standort hatte zur Folge, dass sich die Bevölkerung stark verringerte und eine Stadt mit überdurchschnittlich alter Bevölkerung blieb. Es drohten soziale Folgen wie Verfall oder kulturelle Zerstörung. Im Jahr 1991 kam es zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen. Um die Lebensbedingungen der Menschen und somit das soziale Gleichgewicht zu stabilisieren sah die Stadt die einzige Möglichkeit in der Bildung der jungen Menschen. Durch hohe Bildung sollten sie Ziele vor Augen haben und ihr Leben ordnen.18

Das Konzept des lebenspraktischen Lernens besteht aus verschiedenen Kompetenzfeldern, die jedoch in einem engen Bezug zueinander stehen. Als erste Kompetenz ist aufgeführt, den Lernstoff als lebenswichtig zu erfahren und zu erwerben. Zudem zählt zu den Kompetenzen die Fähigkeit zur Bewältigung schwieriger Probleme. Als weitere entscheidende Komponente des lebenspraktischen Lernens wird die praxisorientierte Fähigkeit zur Auseinandersetzung mit der Arbeitswelt genannt. Weiter sind zwei Schritte der Umsetzung des Konzepts des lebenspraktischen Lernens das Erproben von Eigenverantwortung sowie das positive Erleben des sozialen Zusammenhangs. Als letzten Baustein des Konzepts nennt Odenwald das Erlernen, Leben und Erfahren demokratischer Regeln, Normen und Werte.19

[...]


1 Vgl.: Roda-Schule: Miteinander Leben Lernen… durch Lebenspraktische Förderung – ein Förderkonzept der Roda-Schule, Herzogenrath. Herzogenrath. Ohne Jahr. S. 4.

2 Zit.: Odenwald, Stephanie: Hoyerswerda und das Konzept des lebenspraktischen Lernens – ein Lehrstück für Demokratie. In: Polis. Report der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung. Heft 3/2011. S. 14.

3 Zit.: Sächsisches Bildungsinstitut: Lebenspraktisch orientierte Komplexe Leistung. Handreichung für Lehrkräfte an der Schule zur Lernförderung. Radebeul. 2010. S. 2.

4 Vgl.: Saskia Schuppener: Inklusive Voraussetzungen für eine Förderung lebenspraktischer Kompetenzen von Menschen mit einer geistigen Behinderung. In: Geistige Behinderung. Fachzeitschrift der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. 44. Jahrgang. Oktober 2005. S. 278.

5 Zit.: Roda-Schule: Miteinander Leben Lernen… durch Lebenspraktische Förderung – ein Förderkonzept der Roda-Schule, Herzogenrath. Herzogenrath. Ohne Jahr. S. 5.

6 Vgl.: s.o. S. 5.

7 Zit.: Saskia Schuppener: Inklusive Voraussetzungen für eine Förderung lebenspraktischer Kompetenzen von Menschen mit einer geistigen Behinderung. In: Geistige Behinderung. Fachzeitschrift der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. 44. Jahrgang. Oktober 2005. S. 278.

8 Vgl.: s.o. S. 278.

9 Vgl.: s.o. S. 279.

10 Vgl.: s.o. S. 279.

11 Vgl. s.o. S. 279.

12 Vgl. Saskia Schuppener: Inklusive Voraussetzungen für eine Förderung lebenspraktischer Kompetenzen von Menschen mit einer geistigen Behinderung. In: Geistige Behinderung. Fachzeitschrift der Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. 44. Jahrgang. Oktober 2005. S. 279.

13 Vgl.: s.o. S. 279.

14 Vgl.: s.o. S. 279.

15 Vgl.: s.o. S. 279.

16 Vgl.: Bundesarbeitgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe: Der Behinderungsbegriff nach SGB IX und SGB XII und dessen Umsetzung in der Sozialhilfe. Ohne Ort. 2007. S. 18.

17 Vgl.: Odenwald, Stephanie: Hoyerswerda und das Konzept des lebenspraktischen Lernens – ein Lehrstück für Demokratie. In: Polis. Report der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung. Heft 3/2011. S. 13f.

18 Vgl.: s.o. S. 13.

19 Vgl.: s.o . S. 14.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ist der Erwerb lebenspraktischer Fähigkeiten die Basis für gute Schulleistungen? Warum Schulen nicht nur Wissen vermitteln sollten
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,30
Autor
Jahr
2014
Seiten
18
Katalognummer
V457306
ISBN (eBook)
9783668886902
ISBN (Buch)
9783668886919
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lebenspraktisch, Schulleistung, Fähigkeit, Schulpädagogik, Didaktik, Schuppener, Hoyerswerda, Odenwald, Roda-Schule, Förderung
Arbeit zitieren
Linda Mitterweger (Autor), 2014, Ist der Erwerb lebenspraktischer Fähigkeiten die Basis für gute Schulleistungen? Warum Schulen nicht nur Wissen vermitteln sollten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457306

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