Das Schreiben eines philosophischen Tagebuchs


Hausarbeit, 2005

22 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Gliederung

- Einführung

- Warum gerade ein philosophisches Tagebuch?

- Die Individualisierung des Schülers

- Die Beseitigung der äußeren Hindernisse

- Die ersten Schritte zum kritischen Selberdenken

- Die zwei Grundtypen beim Tagebuchschreiben

- Reflexives Schreiben

- Unmittelbares Schreiben

- Zusammenfassung

- Literaturnachweis

Einführung

In Zeiten von Lernstudien, wie PISA und dem damit verbundenen scheinbar schlechten Abschneiden unseres Schulsystems sollte sich jeder einzelne Lehrer fragen, ob ein bloßer Frontalunterricht noch ausreichend ist. Der Autor dieser Hausarbeit meint die Frage mit einem klaren Nein beantworten zu können. Nicht nur, dass diese Art von Unterricht langweilig und demotivierend auf den Schüler wirken, sie vernachlässigt auch die individuelle Lernprozessbildung des Lernenden. In meiner Hausarbeit möchte ich darauf eingehen, warum gerade das philosophische Tagebuch dafür geeignet ist, zu neuen Wegen in Sachen Unterrichtsführung aufzubrechen. Ich werde dabei sowohl die philosophiegeschichtlichen Hintergründe beleuchten, als auch hervorheben wie man äußerliche Hindernisse zur induviduallisierten Selbsterkennung aus dem Weg räumt. Außerdem möchte ich darstellen, was wichtig beim kritischen Umgang mit der erforderlichen Lektüre ist. Desweiteren zeige ich die beiden Grundtypen des Tagebuchschreibens auf und rege im nächsten Schritt zur Anwendung durch einige Beispiele an.

Warum gerade ein philosophisches Tagebuch?

Es gibt wohl kaum einen Philosophen, dessen visionäres Denken nicht in Notizen eingeflossen ist. Einen der besten Orte dafür, behält sich wohl noch immer das philosophische Tagebuch vor. Es zielt auf die Analyse und Selbsterkenntnis der philosophierenden Person. Die im Tagebuch enthaltenen literarischen Texte erhalten vom Autoren eine argumentative und methodische Form und erweitern damit das Spektrum der fachspezifischen Methoden im Ethikunterricht. Viele philosophische Tagebücher halfen dabei ihren Autoren sich von einer störenden Weltinterpretation zu befreien. Die enorme Wichtigkeit der Tagebuchform für die Geschichte der Philosophie erkennt man darin, dass große Philosophen wie Kiergegaard, Novalis, Sartre, Jaspers, usw. und ihre Gedanken in deren Tagebüchern überliefert wurden. Besonders in der klassischen Zeit der Empfindsamkeit, des Wühlens in den Seelenzuständen, der Selbstbeobachtungen und Selbstbekenntnisse, der zärtlichen Freundschaften, der Gefühlsseligkeit, kurz in der Zeit der Aufklärung, erfreuten sich philosophische Tagebücher einer hohen Beliebtheit, die sie bis in die Gegenwart getragen haben. Doch auch schon vor der Aufklärung, in der Zeit eines Sokrates oder der Stoiker waren Tagebücher eine wichtige Form der Niederlegung philosophischer Gedanken. Für den Einzelnen, der die philosophische Lebenskunst als Selbstmanagement entwickeln möchte, ist wohl die Arbeit an einem philosophischen Tagebuch der beste Weg sich in diese Lebenskunst der Philosophie einzuführen, da ein großer Teil von verschiedenen Methoden der Didaktik der Philosophie in einem Tagebuch vereint werden können. Nun ist es aber sinnvoll, wenn man vor hat ein philosophisches Tagebuch zu schreiben, es als Methode zur Selbsterkennung nutzen will, seine Spontaneität etwas einzugrenzen und nicht einfach unkoordiniert los zu schreiben. „Man sollte die philosophischen Grundtechniken benutzen und dann ein System des philosophischen Tagebuchschreibens entwickeln.“(EPL;S.32,16f.) Arbeitet man mit diesen Schreibtechniken, so fragt sich der Schüler wohl möglich, wo eigentlich das eigene Ich ist, wenn man gerade am Tagebuch schreibt. Die Erfahrung zeigt, dass man durch Selberdenken beim Tagebuchschreiben, sich an einen anderen Ort versetzt. Alltag und gewöhnliches Leben des Ichs werden unterbrochen. Das denkende Ich wird aus seiner Welt herausgerissen und man „...ist streng genommen nirgends...“(HA,S.195). Das philosophische Tagebuchschreiben findet jenseits des Ichs statt, beim Schreiben im Nirgendwo und Nichts. Der Denkende befaßt sich mit dem Nicht-Gegenwärtigen und Nicht-Erscheinenden und erlebt im Nirgendwo und Nirgends einen ortlosen Raum und einen zeitlosen Abschnitt. Er erfährt „die fortdauernde Gegenwart inmitten der ständig sich wandelnden Flüchtigkeit der Welt.“(HA,S.207) So schafft sich der Schreibende für einen Augenblick einen sicheren Ort, jenseits des Ichs in allen Strömen der Zeit. Diese Methode des Tagebuchschreibens zielt darauf hin, dass man sich, Tag für Tag, vom Abstrakten bis zum Konkreten schreibend vorantreibt und sich dabei selbst erkennt. Um ein philosophisches Tagebuch zu schreiben, bedarf es nun noch eine Ausschaltung der Hindernisse, welche bei der Selbsterkennung des Schülers stören können...

Die Individualisierung des Schülers

Noch immer gibt es Lehrer, die eher eine Indoktrination in ihrem Unterricht vorziehen, da dies für sie der vermeintlich leichtere Weg ist eine Unterrichtsstunde durchzuführen, als das sie auf die individuellen Lernbedürfnisse des einzelnen Schülers eingehen mögen. Die Darstellungsweise im philosophischen Tagebuch dient nun nicht mehr nur, wie bei anderen Formen, der Veranschaulichung fertiger Gedanken und der Motivation des Lesers.

Um einen anderen Weg einzuschlagen, besteht daher zu aller erst die Notwendigkeit, dass der Lehrende, von seinem hohen Rosse steigt und nicht, wie es schon Immanuel Kant beschreibt „...durch einfaches Machtwort und Kraft seines Ansehens...“(MD;S.116) einen meinungsunterdrückenden Frontalunterricht durchführt. Ein solcher Unterricht erklärt den Schüler zu einem unmündigen Bürger. Er langweilt und demotiviert ihn. Zugleich ist es oftmals der Notendruck oder die schlechte zeitliche Planung des Lehrers, die dem Schüler einen fehlenden Überblick über große Themenbereiche verschafft. Somit erscheinen diese Themenfelder dem Lernenden endlos und schließlich wird ein solches Fach zur Qual, da der Schüler am Ende eines Tages das Gefühl hat, genauso schlau zu sein, wie am Morgen zuvor, auch wenn er noch so viel geschuftet hat. Letzten Endes wird der Lernende unzufrieden, weil die Aufgabenstellung des Lehrers kein eigenständiges Entdecken erlaubt und damit der Schüler ein dekonstruktives Gefühl erfährt.

Klar ist aber auch, dass Schüler nicht nur der Schule wegen lernen sollen. In diesem Falle reichte im Ethikunterricht eine bloße Philosophie geschichtliche Abhandlung.

Im Gegenteil, die Philosophiegeschichte sollte nur ein Bruchstück des eigentlichen Unterrichts bilden. Der Bodensatz und Anfang des Pfades auf dem die Schüler ihr ethisches Verständnis aufbauen. In der Hauptsache sollte ihnen etwas auf ihren Lebensweg mitgegeben werden, damit sie nicht nur unmündige Gesprächspartner und somit einer ständigen Beeinflussung ausgesetzt sind, welche ihnen zum Beispiel von Seiten der Medien bevorstehen mag. Der Lehrer sollte sich darüber Gedanken machen, wie er der Unmündigkeit des Schülers Abhilfe schaffen kann. Die Rolle des Lehrers muss sich radikal hin zum Berater und Organisator ändern. Es ist doch eine Tatsache, dass gerade eine konstruktive philosophische Auseinandersetzung ein autonomes Selberdenken und damit die Mündigkeit der beteiligten Personen voraussetzt. Ohne diesen Gebrauch der freien Meinungsäußerung akzeptiert der Mensch äußere Faktoren, von denen er zwar abhängig ist, aber die er nicht selbst scheint beeinflussen zu können. Urs Thurnherr bezeichnet diese Unmündigkeit des Bürgers als „fehlende Kultur der Freiheit“(UT,S.110) und vermerkt dazu, dass menschliches Verhalten, heutzutage, nur mit dem Ziel interpretiert wird „Zustände und Verhaltensweisen, Charakterzüge und Lebensprobleme als fremdbestimmte Wirkungen zu erklären.“(UT,S.110) Um dem, wie es Kant bezeichnet, „Unvermögen sich seines eigenen Verstandes ohne Fremdleistung zu bedienen“(UT,S.110) Abhilfe zu leisten und somit ein abwechslungsreiches Gespräch mit dem freien und selbsteigenen Gebrauch der Vernunft zu Stande zu bekommen, bedarf es der Mündigkeit der philosophierenden Personen. Daher sollten schon Schüler mit spezifischen Aufgaben konfrontiert werden um ihren philosophischen Horizont zu erweitern, um sie somit von der Unmündigkeit zu befreien. Auch wenn es einigen Lehrern schwer fallen wird, da diese Aufgaben ein höheres Maß an Zeit verlangen, besteht die Notwendigkeit, dass man von der sklavischen Nachahmung des Frontalunterrichts abweicht und den Schüler sich zur Freiheit des Selberdenkens bekennen lässt. Die Lernenden müssen aus der Abhängigkeit abweichen dürfen, um ihre individuellen Lernbedürfnisse und fachspezifischen Interessen zu verfolgen. Geschieht dies nicht, so leiden die Schüler nicht nur an den oben genannten Folgen in der Schule, sondern sie werden auch im späteren Leben ein Problem bei der freien Meinungsäußerung haben, da sie diese, wenn überhaupt, erst nach ihrer Schulzeit erlernen. Was passiert wenn sich Menschen unmündig fühlen, das zeichnet sich in diesen Tagen in der Politik ab. Immer weniger Bürger gehen wählen, da sie sich ohnmächtig fühlen, keine Veränderung sehen, und wenn, dann zum Schlechten hin. Sie sehen sich ihrer Stimme betrogen, unverstanden und eine Verdrossenheit setzt bei ihnen ein. Um eine solche Verdrossenheit, das Gefühl der Unmündigkeit nicht im Ethikunterricht zu spüren, bedarf es einer Emanzipation des Schülers vom Lehrer. Den beteiligten Personen muss klar werden, dass Lernen nichts mehr mit der Ausgangslage des in sich aufnehmen, was ein anderer für mich entscheidet, sondern das es was mit eigenen Entscheidungen zu tun hat. „Emanzipation heißt soweit, nicht mehr Fremde bestimmen lassen, was für mich wesentlich ist, sondern die Vielzahl der Akte des Wählens und Entscheidens frei aus der Mitte der eigenen Existenz vorzunehmen.“(UT,S.113.) Gleichenteils müssen die Lernenden aber auch darüber aufgeklärt werden, dass jede Entscheidung auch gewisse Konsequenzen mit sich trägt, die sie gegebenenfalls selber zu verantworten haben.

Die Beseitigung der äußeren Hindernisse

Nachdem ich nun ausführlich darüber berichtet habe, warum es so wichtig ist dem Schüler seine Freiheiten in der individuellen Entfaltung zu geben, möchte ich als nächstes auf die äußeren Umstände eingehen, die eine solche Selbsterkenntnis fördern. In meiner Hausarbeit geht es, wie schon erwähnt um das Verfassen eines philosophischen Tagebuches. Um den Schüler für ein solches Thema zu sensibilisieren, sollte man sich vorerst darüber Gedanken machen, welche Vergleichslitaratur man ihm anbietet. Als wichtig erachte ich dabei, dass diese Texte den Schüler ansprechen. Daher ist es von großer Bedeutung, dass sie in einer verständlichen und nicht zu abstrakten Form geschrieben sind. Es ist für ihn keine große Hilfe, wenn man eine Lektüre benutzt, die mit endlosen Zitaten überladen ist oder Referenzen aus der klassischen Literatur besitzt, die dann aber für den Uneingeweihten eine Überforderung darstellen. Des weiteren sollen sie einen zeitgemäßen Vergleich bieten, so dass der Lernende sie gerne liest und die Texte damit vor allem einen Dienst des Denkens antreten, der auf die Selbstaufklärung des Menschens und damit des Lesenden zielt. Außerdem scheint mir ein diskussionwürdiger Inhalt als ein nicht zu verachtendes Kriterium. Denn nur so wird der Lernende zum Weiterdenken angeregt. Und das Ziel eines jeden Lehrers für seinen Unterricht besteht doch unbestritten darin, seinen Schüler etwas über sich selbst erfahren zu lassen, um ihm damit eine Anregung zur eigenen Weltorientierung zu bieten. Auch Martina Dege weist darauf hin, wenn sie eine Ausgabe von Motaignes Essays anpreist, die den Schüler zum stöbern anregt, dass die Lesbarkeit der Lektüre für den Lernenden „primär“(MD;S.116) ist und danach erst die „Rezeption der Marginaltexte in wissenschaftlicher Absicht“(MD;S.116) erfolgen sollte.

Im gleichen Maße, wie die richtige Lektüre, ist auch die Wahl eines angemessenen Arbeitsplatzes von großer Bedeutung. Denn was nützten dem Schüler die perfekten Arbeitsmaterialien, wenn die Bedingungen unter denen er arbeiten soll, ihn nicht zum Denken anregen. So halte ich es für sinnvoll, dass Schulen, die mit Baulärm zu kämpfen haben, vermieden werden und Lehrer mit ihren Diskussionsgruppen an einen anderen Ort ausweichen. Das Philosophieren in der freien Natur hat schon so manchen unerwarteten gedanklichen Erguß hervor gebracht. Aber auch für Klassenzimmer die nicht mit solchen Störungen zu tun haben oder für den heimischen Arbeitsplatz des Schülers ordne ich der Ausrichtung nach Schreib- und Denkfreundlichkeit einen hohen Stellenwert zu. Michel de Montaigne drückte es in seinen „Essais“ so aus: „Arm dran ist meines Erachtens, wer bei sich zu Hause nichts hat, wo er bei sich zu Hause ist, wo er sich verbergen, wo er mit sich selbst hofhalten kann“ Jedoch übertrieb er seine Abschottung so sehr, dass er sich weder für die ehelichen und väterlichen, noch für die gesellschaftlichen Pflichten interessierte. Er zog sich ganz aus seinen öffentlichen Ämtern zurück und verkroch sich in seinem Arbeitszimmer auf seinem Schloß. Doch gerade bei diesem Denker kann man einen Ort des in sich Gehens ablesen. Nicht nur seine philosophischen Leitsätze, die er an den Deckenbalken seines Zimmers manifestiert hatte, können den Schüler motivieren auch ein individualisierter Arbeitsplatz, der direkt auf ihn zugeschnitten ist, wirkt als Ansporn für bessere Denkleistungen. So kann es für den Lernenden ganz hilfreich sein einen Vergleich zwischen der vorherrschenden Stimmung im Klassenzimmer oder am Arbeitsplatz zu Hause mit Dichtern und deren Arbeitsorten zu ziehen. Deshalb ist es in diesem Falle sehr sinnvoll Bildbände zur Hilfe zu nehmen und den Schüler zu fragen, an welchem Schreibtisch der berühmten Autoren er am liebsten Arbeiten würde. Es muss auch geklärt werden welche Schreibutensilien bereit stehen müssen und welche anderen Umstände noch zu einer Verbesserung des Arbeitsklimas beitragen können. Das Ziel einer solchen Aktion sollte mit der Frage nach den individuellen Vorlieben und den darauf angepaßten spezifischen Umständen begleitet werden, welche die Vorteile herausheben und die Nachteile des eigenen Arbeitsplatzes in Schule und zu Haus beseitigen sollen.

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Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Schreiben eines philosophischen Tagebuchs
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophische Fakultät)
Note
gut
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V45780
ISBN (eBook)
9783638431279
ISBN (Buch)
9783638658232
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schreiben, Tagebuchs
Arbeit zitieren
Toni Bäurich (Autor), 2005, Das Schreiben eines philosophischen Tagebuchs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/45780

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