Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Frage, ob die von Frank Thissen als Aphorismen von Oscar Wilde ausgewählten Textausschnitte unter Berücksichtigung der und literaturwissenschaftlichen Definition vom Aphorismus als solche bestätigt werden können. Des Weiteren soll eine Überlegung dahingehend erfolgen, welche anderen Möglichkeiten der Zuordnung zu kleinen Textformen wie Fragment, Maxime und Sentenz die für die Analyse ausgewählten Beispiele bieten.
Beim Insel Verlag ist 1987 eine Sammlung der Aphorismen von Oscar Wilde erschienen. Diese ist aber nicht als solche entstanden und nicht in der wiedergegebenen Form von Wilde selbst veröffentlicht worden. Es handelt sich stattdessen um eine Sammlung von Aphorismen, Werk-Zitaten und persönlichen Aussprüchen, die dem ins Deutsche übersetzten Gesamtwerk und den Briefen von Oscar Wilde entnommen und nachträglich thematisch geordnet wurden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einführung
1. Definition Aphorismus
2. Definition Sentenz, Maxime, Fragment
3. Analyse
1. Eine Sammlung von Frank Thissen
2. Aphorismen der Kunst
3. Betrachtung weiterer Aphorismen
4. Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob die von Frank Thissen als Aphorismen von Oscar Wilde ausgewählten Textausschnitte den literaturwissenschaftlichen Definitionen eines Aphorismus entsprechen. Dabei wird insbesondere analysiert, inwieweit diese Fragmente aus dem Gesamtwerk von Oscar Wilde als eigenständige, kontextunabhängige Einheiten fungieren können oder ob sie als andere literarische Kleinformen wie Sentenz, Maxime oder Fragment klassifiziert werden müssten.
- Literaturwissenschaftliche Definitionen von Aphorismus, Sentenz, Maxime und Fragment
- Die Konzeption und Funktion der Aphorismen-Sammlung von Frank Thissen
- Analyse der Aphorismen der Kunst im Werkkontext (insbes. "Das Bildnis des Dorian Gray")
- Untersuchung weiterer Textbeispiele auf ihre formale und inhaltliche Kategorisierung
- Vergleich der isolierten Wirkung gegenüber dem ursprünglichen Werkkontext
Auszug aus dem Buch
Beispiel 1:
Ein Künstler sollte schöne Dinge schaffen, aber nichts aus seinem eigenen Leben hineintun. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen mit der Kunst umgehen, als sei sie eine Art Autobiographie. Wir haben das abstrakte Gefühl für Schönheit verloren.
Das erste Beispiel steht bei Thissen in dem Kapitel ‚Kunst und Wahrheit.‘ Es beginnt mit einer Aussage, die als Wahrheit präsentiert wird und die auch als Anweisung an die Berufsgruppe der Künstler angesehen werden kann. Der zweite Satz liefert eine Erklärung für die erste Aussage und zugleich Kritik an den bestehenden Verhältnissen hinsichtlich des Umgangs der Menschen mit Kunst. Möglicherweise richtet sich die Kritik mit dem Verweis auf Kunst als Autobiographie auch gegen das egozentrische Schaffen der Künstler, das ihrer eigentlichen Aufgabe widerspricht, Kunst zu schaffen, die nur Schönheit ausdrückt. Dann folgt erneut eine Behauptung.
Auffällig bei der Wortwahl des Aphorismus ist, dass Wilde am Anfang zunächst von der allgemeinen Figur des Künstlers spricht, dann jedoch von den Menschen. Den zweiten und dritten Satz beginnt Wilde zudem jeweils mit ‚Wir‘. Seine Kritik bezieht sich also entweder auf ein Problem der Allgemeinheit, zu der er sich selbst auch zählt, oder ein Problem des Künstlerstandes, dem er ebenfalls angehört. Und dieses Problem ist der Verlust der in seinen Augen richtigen Wahrnehmung von Schönheit. Er macht den Leser auf dieses Problem aufmerksam und fordert gleichzeitig von den Künstlern, nichts aus ihrem eigenen Leben in ihre Kunst einfließen zu lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt Oscar Wilde als bedeutenden Ästheten und Meister des Aphorismus vor und führt in die Fragestellung der Arbeit ein, ob die Sammlung von Frank Thissen den literaturwissenschaftlichen Kriterien für Aphorismen standhält.
2. Einführung: Dieses Kapitel definiert die zentralen Begriffe Aphorismus, Sentenz, Maxime und Fragment und grenzt sie voneinander ab, um ein theoretisches Fundament für die anschließende Analyse zu schaffen.
3. Analyse: Die Analyse untersucht die Struktur der Sammlung von Thissen und überprüft anhand verschiedener Textbeispiele, wie die Zuordnung als Aphorismus in Abhängigkeit vom Werkkontext und den spezifischen Eigenschaften der Gattung zu bewerten ist.
4. Zusammenfassung der Ergebnisse: Das Fazit resümiert, dass viele der von Thissen ausgewählten Texte zwar als Aphorismen wahrgenommen werden, bei genauerer Betrachtung jedoch häufig Fragmente sind, deren Unabhängigkeit vom ursprünglichen Werkkontext kritisch hinterfragt werden muss.
Schlüsselwörter
Aphorismus, Oscar Wilde, Literaturtheorie, Fragment, Maxime, Sentenz, Frank Thissen, Ästhetizismus, Werkanalyse, Textgattung, Kleinformen, Kunstkritik, Kontextabhängigkeit, Struktur, Interpretation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht kritisch die von Frank Thissen herausgegebene Sammlung "Oscar Wilde. Aphorismen" auf ihre literaturwissenschaftliche Korrektheit.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Definitionen und Abgrenzungen literarischer Kleinformen wie Aphorismus, Maxime, Sentenz und Fragment sowie deren Anwendung auf die Texte von Oscar Wilde.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Es wird gefragt, ob die als Aphorismen betitelten Textausschnitte bei Thissen tatsächlich die literaturwissenschaftlichen Kriterien für Aphorismen erfüllen oder ob sie treffender als Fragmente oder andere Kleinformen bezeichnet werden sollten.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine theoretische Fundierung durch literaturwissenschaftliche Lexika und Fachliteratur, um diese Definitionen auf ausgewählte Primärtexte aus Oscar Wildes Werk anzuwenden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Begriffsbestimmung und die praktische Analyse einzelner Textbeispiele, die sowohl in ihrer isolierten Form als auch in ihrem ursprünglichen Werkkontext betrachtet werden.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben dem zentralen Begriff des Aphorismus prägen die Begriffe Fragment, Kontextabhängigkeit und Ästhetizismus die wissenschaftliche Argumentation.
Warum ist die Abgrenzung zum "Fragment" bei Oscar Wilde so schwierig?
Da Wildes Sätze oft in fiktionalen Werken stehen, ist ihre Entnahme und isolierte Präsentation eher als gewaltsame Trennung von einem größeren Ganzen zu verstehen, was dem Entstehungsprozess eines Fragments ähnelt.
Welche Rolle spielt der "Werkkontext" für das Verständnis der Zitate?
Der Kontext ist entscheidend: Einige Aussagen, die isoliert als allgemeine Lebensweisheiten erscheinen, entpuppen sich im Ursprungstext als situative, teils ironische oder pessimistische Äußerungen fiktiver Figuren.
Wie bewertet die Autorin die Rolle von Frank Thissen?
Die Autorin erkennt an, dass Thissen eine Sammlung schuf, um das Denken Wildes zu illustrieren, stellt aber in Frage, ob die Bezeichnung "Aphorismus" für alle enthaltenen Texte wissenschaftlich haltbar ist.
- Quote paper
- Jenny Spanier (Author), 2018, Aphorismen von Oscar Wilde im Spiegel der Literaturtheorie, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457833