"Ich soll berichten...". Zum Status des Boten in Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)"


Term Paper (Advanced seminar), 2010
19 Pages, Grade: 1,7

Excerpt

„Ich soll berichten Zum Status des Boten in Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel).

I. Untersuchung des Botenberichtes: Vorgehensweise und Ziele

II. „Ich soll berichten...“. Zum Status des Boten in Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel)

1. Form und Funktion des Botenberichtes seit der griechischen Tragödie

2. Analyse des Theatertextes Rechnitz (Der Würgeengel) von Elfriede Jelinek
2.1. Das Verhältnis der Boten zu ihrem Sprechen
2.2. Das Verhältnis der Boten zum Angesprochenen
2.3. Zur zeitlichen Dimension des Botenberichtes
2.4. Zur Botschaft und wie sie durch die Boten überbracht wird

3. Der Bote als Wesen der Zwischenzeit und des Zwischenraums

III. Ausblick

IV. Literaturverzeichnis

„Ich soll berichten...“. Zum Status des Boten in Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel).

I. Untersuchung des Botenberichtes: Vorgehensweise und Ziele.

Mit Rechnitz (Der Würgeengel) legt Elfriede Jelinek einen Botenbericht vor, der die Grenzen der konventionellen Form überschreitet. Tritt in der antiken Tragödie und in späteren dramatischen Formen der Bote als Nebenfigur auf und berichtet von einem außerhalb des Bühnengeschehens und zeitlich zurück liegenden Ereignis, wodurch der Fortgang der Handlung maßgeblich beeinflusst, wenn nicht sogar eine Wende erreicht wird, rückt er in Rechnitz (Der Würgeengel) in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit; alleine durch die Rede des beziehungsweise der Boten konstituiert sich der gesamte Text. Aus diesem Grund ist das Botendasein in Jelineks Theatertext problematisch, denn die ansonsten im Drama übliche Verortung und die somit eigentliche Funktion des Boten entfällt. Die fehlende Einbettung in den Bezugsrahmen einer kausal-logischen Handlungsfolge oder zumindest einer ersichtlichen Kommunikationssituation trägt darüber hinaus dazu bei, dass sich die berichtenden Boten jedweder Verantwortung im Hinblick auf das Berichtete entziehen.

Die nachfolgenden Ausführungen sollen zeigen, dass der Bote in Rechnitz (Der Würgeengel) auf Grund dieses fehlenden Rahmens ein Wesen der Zwischenzeit und des Zwischenraumes ist und sich seine Rede im Text dadurch verselbständigt.

Ein Blick auf die spezifische Form des Botenberichtes ausgehend von der antiken Tragödie soll als Folie dienen, um daran im Folgenden Besonderheiten des Jelinekschen Botenberichtes zu verdeutlichen. Hierzu werden im Text einzelne Aspekte der Botenrede gezielt untersucht: die Position des Sprechers beziehungsweise der Sprechenden, der mittels des Botenberichtes Angesprochene, die zeitliche Dimension der Rede sowie der Inhalt und Status der Botschaft.

II. „Ich soll berichten...“. Zum Status des Boten in Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel).

1. Form und Funktion des Botenberichtes seit der griechischen Tragödie

Als nachträglicher Bericht eines in der Vergangenheit stattgefundenen Ereignisses nimmt die vom Boten überbrachte Nachricht in der Regel Einfluss auf den Fortlauf der dramatischen Handlung, bedingt meist sogar deren Wende – oftmals durch das Wiedererkennen zweier Charaktere. Das zeitlich dem erzählten Ereignis nachfolgende Berichten unterbricht die dramatisch-dialogische Figurenrede und präsentiert sich in narrativem, kaum szenischem Charakter. Der Bote fungiert hierbei als Ich-Erzähler, weshalb das berichtete Ereignis durch dessen subjektive Wahrnehmung und Wiedergabe gefiltert ist.1

Im Gegensatz zum epischen Erzähler ist der Bote selbst nicht nur wiedergebende Instanz, sondern gleichzeitig mit seinem Berichten aktiv handelnde dramatische Figur (wenngleich er andererseits passiv miterlebender Zuschauer beziehungsweise Zuhörer des berichteten Ereignisses gewesen ist2 ), die wiederum einem direkt Angesprochenen, in der Regel einer (der) Hauptfigur(en), gegenübersteht. Obwohl er nur als Nebenfigur auftritt, beeinflusst der Bote mit seiner Botschaft das Schicksal des Protagonisten, der auf Wahrheit und Vollständigkeit des Berichts angewiesen ist und vertrauen muss, maßgeblich.

Der Bote berichtet als beim Ereignis Anwesender einem zum damaligen Zeitpunkt abwesenden, nun aber kopräsenten Akteur, wodurch sich die Zeitebenen von Vergangenheit und Gegenwart überlagern und der Bote die zwischen diesen vermittelnde Position innehat. Das vergangene Ereignis wird reaktualisiert:

„Für denjenigen, den der Bericht betrifft, ist es so, als würde sich alles erst jetzt ereignen. Der Bericht tritt an die Stelle des Ereignisses, übernimmt dessen Funktion. Er stellt soetwas wie eine verzögerte Live-Schaltung dar. Man nimmt das Geschehen wahr, ohne unmittelbar eingreifen zu können. Das Vergangene wird gegenwärtig, tritt in die zeitliche Kontinuität des sichtbaren Geschehens ein mit der Eigenschaft, ungreifbar zu sein. Es stößt wie eine Lanze auf die Bühne, der man nicht ausweichen kann.“3

Den Berichtempfänger trifft die Nachricht oftmals erschütternd und folgenschwer. Dem Publikum jedoch bleiben auf diese Weise unästhetische und/oder moralisch fragwürdige Darstellungen erspart, in einigen Fällen erlauben auch die bühnentechnischen Begebenheiten nur eine berichtende Repräsentation eines Geschehens.

Tritt ein Bote ohne angesprochenen Gegenüber auf und biete seinen Bericht dar, so hat seine Botschaft in der Regel Expositionscharakter und wendet sich unvermittelt an das Theaterpublikum ohne auf das Schicksal eines Protagonisten einzuwirken.4 Wie hierdurch die räumliche Distanz zwischen Publikum und Darstellungsebene überbrückt wird, leistet der Bote dies auch auf zeitlicher Ebene, wenn er von Vergangenem berichtet. Der dem Boten zugemutete Auftrag ist nicht leicht zu erfüllen, wird doch erwartet die räumlichen und zeitlichen Entfernungen zu durchqueren, gleichzeitig soll die zu überbringende Botschaft erhalten bleiben: „Der Bote überbrückt Abstände, aber er beseitigt sie nicht; Vermittlung und Trennung greifen in der Botenfigur ineinander.“5 Zusätzlich tritt den erschwerten Bedingungen noch hinzu, dass der Bote von einem Anderen Aufgetragenes vermittelt und sich nicht selbst als Subjekt mitteilt. Gewissermaßen leiht er seinen Körper zur Übermittlung einer fremden Stimme; Sybille Krämer bezeichnet dies als „Fremdvergegenwärtigung durch Selbstneutralisierung“6, wodurch der Bote als solcher austauschbar wird in seiner (Nicht-)Identität:

„Er spricht nicht in eigenem, sondern in fremdem Namen. Er denkt und meint nicht, was er sagt. Er darf, was er sagt, nicht selbst produzieren; er muss es noch nicht einmal verstehen. Der Bote steht nicht in der Verantwortung für den Inhalt dessen, was ihm zu sagen aufgetragen ist.“7

2. Analyse des Theatertextes Rechnitz (Der Würgeengel)von Elfriede Jelinek

Äußerte sich bereits der Bote in der antiken Tragödie hin und wieder selbstreferentiell und versichert sich seines Status als Nachrichtenübermittler, so wird diese Tradition in Rechnitz (Der Würgeengel) weitergeführt und radikalisiert. Immer wieder vergewissern sich die Botenstimmen bei Jelinek ihrer selbst und ihrer Haltung gegenüber dem Berichteten. Doch nicht immer sind Übergänge von Berichterstattung zu subjektiver Botenstimme deutlich markiert und lassen die Frage nach der Beteiligung der Boten am berichteten Geschehen aufkommen. Der in seiner Form und Länge ursprünglich knapp und prägnant wiedergegebene Botenbericht nimmt bei Elfriede Jelinek ungeheure Ausmaße an – wie kann eine derart riesige Informationsmasse aufgetragen und wiedergegeben werde, inwieweit gestaltet der Bote hier selbst seine Botschaft?

Fast der gesamte Theatertext konstituiert sich über Botenrede und verleiht dem Text dadurch eine vom konventionellen Drama durchgängig abweichende Struktur. Nach Gerda Poschmanns Ausführungen zum postdramatischen Theatertext8 begründet sich die Analyse und Interpretation eines derartigen Textes in seiner eigentümlichen Form, was eine genauere Untersuchung des schier endlosen Botenberichtes nahelegt.

2.1. Das Verhältnis der Boten zu ihrem Sprechen

Wirft man zunächst einen Blick auf die Struktur des Textes, so sticht die im Vergleich zur Figurenrede äußerst geringe Menge an Regieanweisungen ins Auge. Auch ist nur ein einziges Mal ein Sprecherwechsel markiert. Zu Anfang sprechen „Botinnen und Boten, zueinander oder solo“9, später tritt „ein Ausnahmebote“10 auf. Parallel zur Rede der Boten laufen weitere stumme Aktionen ab: „Ab und zu kommt jemand in seiner etwas derangierten Abendkleidung, aber mit Gewehr. Die betreffende Person drängt sich durch die Boten, die weggeschoben werden, zu einem Fenster durch und schießt ab und zu hinaus.“11 Die Boten reagieren auf diese Handlungen: „Sie versuchen jeweils, den bewaffneten Menschen entweder zurückzuhalten oder ihn nach vorn zu schieben, zum Fenster, damit hinausgeschossen werden kann.“12 Ihre Rede jedoch steht im weiteren Verlauf im Vordergrund und nimmt keinen Bezug zu den gestischen Aktionen, außer „wenn von Deutschland oder den Deutschen dir Rede ist, macht die eine oder andere Botenperson einen gespielten Selbstmordversuch“13. Obwohl sich die Rede des/der Boten auf 140 Textseiten erstreckt, weist sie der Text zum Ende als Nebenfiguren aus: „Boten alle ab, alles abmontieren. […] Dann wenden die eigentlichen Akteure sich im Konversationston einander zu“14, deren Redeanteil am Ende nur noch weitere neun Seiten umfasst.

Immer wieder bezieht sich der sprechende Bote auf seine Rolle als solcher mit Floskeln wie „ich als Berichterstatter“, „Bitte sehr, der Bote berichtet ja nur“ oder „Ich armer Bote“.15 Auch die Aufgabe als Sprechender wird wiederkehrend thematisiert, wobei besonders auf die Eigenheit mündlicher Übermittlung Bezug genommen und diese simuliert wird durch Versprecher oder Sprachspiele, nachträgliches Korrigieren von Fehlern oder Infragestellen des Ausgesagten: „Wir versprechen es. Wir versprechen uns.“, „oder verwechsle ich da was?“, „Und was man gern tut, das ist wohlgetan, äh, nicht getan, äh, nein, das wird einfach besser als das, was man widerwillig tut. Bitte, gern geschehn. Es ist gern geschehen. Aber es wird später ungern geschehen sein.“.16 Die wiederkehrende Bezugnahme auf die eigene Rolle und Sprechen in der ersten Person wirft darüber hinaus auch Fragen auf hinsichtlich der Beteiligung der Boten am berichteten Geschehen, ihrer Zeugenschaft, Glaubwürdigkeit und generell ihrem Interesse an einer korrekten, wahrheitsgetreuen Überlieferung: „Sie wissen ja, wie weit man uns glauben kann.“, „Erst als sich die Frau Gräfin selber auch ein Gewehr nahm, wußte ich, daß sie es war. […] Ich sah erst viel später, als ich sie nach Jahren wiedersah, daß sie damals eine scheue, zurückhaltende Frau gewesen sein mußte.“, „das turnt uns an, wenn die Menschen total nackt sind und wir total voll“, „Wir Boten sorgen dafür, daß es nachher nicht so geschehen sein wird! Wir werden einander widersprechen, manche werde gar nichts sagen, doch ohne uns wüßten Sie überhaupt nichts […].“17 Das Verhältnis der Boten zum Berichteten schwankt, mal schaffen sie als Subjekt die Botschaft selbst, dann wieder scheinen sie Objekt der eigenen Rede und am Geschehen beteiligt zu sein; die Stimmen oszillieren zwischen Äußerungen von Opfern, Tätern, Zeitzeugen und Nachgeborenen.

„Meine Boten stehen nie außerhalb, sie machen die Geschichte, von der sie berichten, und daher ist auch die Versuchung groß, zu sagen, sie hätten das alles sowieso 'nur' erfunden. Sie machen als sprechende Subjekte aus der Geschichte ein Objekt, und das Objekt macht wiederum sie. Das Objekt erschafft sich seine Boten selbst. Die Geschichte hat diese Boten, die von den Ereignissen berichten, von denen man weder sprechen noch schweigen kann, erfunden. Ohne die Geschichte gäbe es die Boten nicht. Ohne Boten, ohne ihr unauf-hörliches Sprechen, denn sie SIND ja selber nichts als Sprechen (was aber das meiste ist, das es gibt), gäbe es die Geschichte nicht.“18,

so die Autorin. Nur solange sie sprechen, existieren die Boten und durch bloße Veränderungen des sprachlichen Materials gehen ihre Stimmen über beispielsweise in Täter- oder Opferaussagen. Nicht durch äußere Charakterisierungen oder Figuren-beziehungen sind die Botinnen und Boten angelegt, einzig ihr Sprechen lässt sie unterschiedliche Positionen zum Geschehen einnehmen und wieder verlassen. Hinter den wechselnden Sprachflächen findet sich jedoch keine Innerlichkeit und Tiefe, sondern Leere, worüber sich die Boten jedoch bewusst sind: „Ich bin außer mir, doch das hat wieder den Vorteil, daß außer mir keiner da ist. Alle sind in mir und wollen raus, noch dazu alle auf einmal. Aber außer mir: keiner da.“19

[...]


1 Vgl. dazu Irene J.F. de Jong: Narrative in drama. The art of the Euripidean messenger-speech. Leiden u.a 1991. [= Mnemosyne / Supplementum, 116], S. 1f und Haiko Wandhoff: Artikel „Botenbericht“. In: Dieter Burdorf, Christoph Fasbender und Burkhard Moennighoff (Hg): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. Begründet von Günther und Irmgard Schweikle. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart, Weimar 2007, S. 95.

2 Vgl. dazu Sybille Krämer: Medium, Bote, Übertragung. Kleine Metaphysik der Medialität. Frankfurt am Main 2008, S. 229: „ Der Zeuge zeugt kraft seiner Wahrnehmung. - Der Zeuge ist bei einem in der Vergangenheit liegenden Ereignis in körperlicher Kopräsenz dabei gewesen; er hat etwas 'mit eigenen Augen' gesehen, zeugt also von einer unmittelbaren Wahrnehmung, von einer Erfahrung, die er selbst gemacht hat.“

3 S. Ulf Heuner: Tragisches Handeln in Raum und Zeit. Raum-zeitliche Tragik und Ästhetik in der sophokleischen Tragödie und im griechischen Theater. Stuttgart 200, S. 11.

4 Vgl. dazu Peter Hartmann: Zur Dramaturgie der Nebenfigur in Theater und Film. Marburg 2000 [= Wissenschaft im Tectum-Verlag ], S. 13.

5 S. Krämer 2008, S. 111.

6 S. ebd., S. 118.

7 S. ebd., S. 119.

8 S. dazu Gerda Poschmann: Der nicht mehr dramatische Theatertext. Aktuelle Bühnenstücke und ihre dramaturgische Analyse. Tübingen 1997.

9 S. Elfriede Jelinek: Rechnitz (Der Würgeengel)“. In: Jelinek, Elfriede: Drei Theaterstücke. Die Kon-trakte des Kaufmanns. Rechnitz (Der Würgeengel). Über Tiere. Reinbek bei Hamburg 2009, S. 56.

10 S. ebd., S. 78.

11 S. ebd., S. 55.

12 S. ebd.

13 S. ebd.

14 S. ebd., S. 195.

15 S. ebd., S. 79, 140, 194.

16 S. ebd., S. 67, 72, 102.

17 S. ebd., S. 58, 94, 111, 143.

18 S. Elfriede Jelinek: „Gesprochen und beglaubigt. Dankesrede zur Verleihung des Mülheimer Drama- tikerpreises 2009“. In: Pia Janke (Hg): Die endlose Unschuldigkeit. Elfriede Jelineks 'Rechnitz (Der Würgeengel)'. Wien 2010 [= DISKURSE.KONTEXTE.IMPULSE, 6], S. 453.

19 S. Jelinek: Rechnitz (Der Würgeengel) 2009, S. 194.

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Details

Title
"Ich soll berichten...". Zum Status des Boten in Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)"
College
LMU Munich  (Institut für Deutsche Philologie)
Course
Hauptseminar Zeitstrukturen des Dramas
Grade
1,7
Author
Year
2010
Pages
19
Catalog Number
V457980
ISBN (eBook)
9783668897465
ISBN (Book)
9783668897472
Language
German
Tags
rechnitz, botenbericht, postmoderne, postdramatik, tragödie, antike, drama, dramatik, botenrede, sprechakte, jelinek, elfriede jelinek, würgeengel, theatralität
Quote paper
Ina Hemmelmann (Author), 2010, "Ich soll berichten...". Zum Status des Boten in Elfriede Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457980

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