Hat die Wahl der Ehefrau Gerda den Untergang beeinflusst? Gibt es eine Verweiblichung durch den Hang zur Kunst, einhergehend mit einer zunehmenden Sensibilität und Lebensuntauglichkeit, die die männlichen Buddenbrooks in ihrer bürgerlichen Identität verfallen lässt? Nach einer inhaltlichen Einführung folgt eine kurze Beschreibung der Buddenbrooks als bürgerliche Familie hinsichtlich der Aspekte, die für die Fragestellung dieser Arbeit von Bedeutung ist. Dabei wird insbesondere auf die bürgerlichen Werte sowie die familiären Rollen eingegangen.
Anschließend geht es um die Figurengestaltung der Gerda. In mehreren Unterkapiteln sollen dabei ihre Rolle als (Ehe-)frau, als Mutter und als Künstlerin skizziert werden. Besonders die Musik und ihre Bedeutung für den Roman erhält besondere Aufmerksamkeit, denn: „Musik ist in Buddenbrooks ein Hauptthema. Sie wirkt als stilbildendes Element im Formalen und im Inhaltlichen als Chance, mit Hilfe der Musik aus der Kaufmannswelt auszubrechen, also mit Mitteln der Kunst traditionelle Bürgerlichkeit zu überwinden.“
Anschließend wird die Figurengestaltung von Hanno in den Blick genommen. Dabei stehen ebenfalls sein Künstlertum sowie die Gestaltung seiner Geschlechtlichkeit im Zentrum der Analyse. In mehreren Unterpunkten soll seine Rolle als Sohn, Schüler, Freund und Künstler betrachtet werden, so dass sich der Frage genähert wird, inwiefern „die buddenbrooksche Familie an Auszehrung männlicher Vitalität“ leidet. Auf die Analyse der Figuren Gerda und Hanno folgt eine Diskussion der Ergebnisse, in der die These abschließend abgewogen werden soll, ob die Aspekte Weiblichkeit, Künstlertum und Bürgerlichkeit sich gegenseitig bedingen und deren Dreiklang den Verfall der Familie unvermeidbar werden ließ. Die Ergebnisse dieser Untersuchung werden in einem abschließenden Kapitel zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Buddenbrooks als bürgerliche Familie
3 Gerda – „Mutter der zukünftigen Buddenbrooks“
3.1 Die (Ehe-)Frau
3.2 Die Mutter
3.3 Die Künstlerin
4 Hanno – der letzte Buddenbrook
4.1 Der Sohn
4.2 Der Schüler
4.3 Der Freund
4.4 Der Künstler
5 Im Spannungsfeld von Weiblichkeit, Künstlertum und Bürgerlichkeit – Dem Untergang geweiht?
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle von Weiblichkeit und Künstlertum als wesentliche Faktoren für den Niedergang der Familie Buddenbrook in Thomas Manns gleichnamigem Gesellschaftsroman. Dabei wird insbesondere analysiert, wie diese Aspekte in den Figuren Gerda und Hanno Buddenbrook das bürgerliche Pflichtethos unterminieren und den Verfallsprozess maßgeblich beschleunigen oder vollenden.
- Analyse der bürgerlichen Familienstrukturen und Werte in den Buddenbrooks.
- Untersuchung der Figurengestaltung von Gerda Buddenbrook und ihrer Bedeutung als Künstlerin und Mutter.
- Betrachtung der Entwicklung von Hanno Buddenbrook und seiner Rolle als letzter männlicher Erbe.
- Diskussion des Spannungsfeldes zwischen bürgerlicher Lebensführung und künstlerischer Existenz.
- Reflexion über die Bedeutung von Musik als Medium der Entfremdung und Destabilisierung.
Auszug aus dem Buch
3.3 Die Künstlerin
Auch wenn Gerda Interesse an Theater und Literatur zeigt, gilt ihre Leidenschaft besonders der Musik. Anders als die anderen spielt Gerda Geige, nicht Klavier, wie der Leser direkt nach ihrer Einführung erfährt (vgl. B 77). Neumann weist auf die Geige als „Satansinstrument sinnlicher Verführung“ hin, welche im starken Kontrast zur Flöte steht, die noch der Vorfahre Johann Buddenbrook melodisch spielte. Er wagt die etwas vage These, das Zusammenspiel von Gerda und ihrem Vater auf der Geige habe eine erotische Konnotation, die auf eine unsittlich nahe Beziehung hinweist.
Thomas, der sich der Unmusikalität der Buddenbrooks bewusst ist und diese scheinbar als Teil seiner Identität angenommen hat, treibt ihr Spiel „beinahe [Hervorhebung d.V.] die Tränen in die Augen“ (B 262). Er vermag die Qualität ihrer Fertigkeit zu erkennen, doch offensichtlich reicht sein Verständnis nicht für die Art der Ergriffenheit, wie sie Gerda, der Leutnant oder Hanno empfinden. Als zentrale Textstelle lässt sich die Hochzeitsfeier von Thomas und Gerda benennen, in der Gerda und ihr Vater ihr Können unter Beweis stellen und damit eine neue Zeit für die Familie einläuten: [...] spielte er die Geige wie ein Zigeuner, mit einer Wildheit, einer Leidenschaft, einer Fertigkeit … Aber auch Gerda holte ihre Stradivari herbei, von der sie sich niemals trennte, und griff mir ihrer süßen Cantilene in seine Passagen ein, und sie spielten pompöse Duos im Landschaftszimmer, beim Harmonium, an derselben Stelle, wo einstmals des Konsuls Großvater seine kleinen, sinnigen Melodien auf der Flöte geblasen hatte. (B 269)
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das zentrale Spannungsfeld zwischen Bürgertum und Künstlertum bei Thomas Mann ein und definiert das Ziel der Arbeit, den Einfluss von Weiblichkeit und Kunst auf den Verfall der Buddenbrooks zu untersuchen.
2 Die Buddenbrooks als bürgerliche Familie: Dieses Kapitel beschreibt die soziokulturellen Grundlagen der bürgerlichen Kaufmannsfamilie, ihre Werte wie Pflicht, Fleiß und Nützlichkeit sowie die familiäre Rollenverteilung.
3 Gerda – „Mutter der zukünftigen Buddenbrooks“: Es folgt eine detaillierte Analyse der Figur Gerda Arnoldson hinsichtlich ihrer Rollen als Ehefrau, Mutter und Künstlerin, wobei ihr exotisches Anderssein und ihre Musikalität im Fokus stehen.
4 Hanno – der letzte Buddenbrook: Dieses Kapitel betrachtet Hannos Entwicklung als Sohn, Schüler, Freund und Künstler und zeigt auf, wie seine Sensibilität und sein Scheitern an den bürgerlichen Anforderungen zu seinem tragischen Ende führen.
5 Im Spannungsfeld von Weiblichkeit, Künstlertum und Bürgerlichkeit – Dem Untergang geweiht?: Hier werden die Ergebnisse der Figurenanalyse diskutiert, um die These zu prüfen, inwieweit das Eindringen der Kunst in das Familienleben den Untergang der Buddenbrooks unvermeidbar machte.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass Gerdas Einfluss den Verfall beschleunigt hat, wobei das Scheitern der Familie primär in einem starren Traditionsverständnis gründet.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Buddenbrooks, Bürgerlichkeit, Künstlertum, Weiblichkeit, Verfall, Hanno Buddenbrook, Gerda Buddenbrook, Musik, Identitätskonflikt, Sensibilität, Entbürgerlichung, Familiengeschichte, Lebensuntauglichkeit, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Familie Buddenbrook in Thomas Manns gleichnamigem Roman unter besonderer Berücksichtigung der Einflüsse von Weiblichkeit und Künstlertum auf den schleichenden Niedergang der bürgerlichen Familie.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Spannungsverhältnis zwischen bürgerlichem Pflichtethos und künstlerischer Bohème-Existenz, die Rolle der Geschlechterrollen sowie die Symbolik von Musik, Krankheit und Todessehnsucht.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage dieser Arbeit?
Das primäre Ziel ist es zu untersuchen, inwieweit die Figuren Gerda und Hanno Buddenbrook durch ihre künstlerische Veranlagung zum Verfall der Familie beitragen und ob ihre Andersartigkeit als zerstörerisches Element innerhalb der bürgerlichen Ordnung gewertet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit folgt einer literaturwissenschaftlichen Analyse, die den Text des Romans unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur auf Motive, Figurengestaltung und soziokulturelle Kontexte hin untersucht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine allgemeine Beschreibung der bürgerlichen Familie, eine vertiefende Figurenanalyse von Gerda und Hanno Buddenbrook sowie eine abschließende Diskussion über die Rolle des Künstlertums im Kontext des familiären Untergangs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Bürgerlichkeit, Künstlertum, Verfall, Identitätskonflikt und die Charakterisierung der Protagonisten Gerda und Hanno Buddenbrook gekennzeichnet.
Welche Bedeutung kommt der Figur der Gerda Buddenbrook in Bezug auf das Familienerbe zu?
Gerda wird als eine "Fremde" innerhalb der bürgerlichen Welt dargestellt, die durch ihre Musikleidenschaft und ihre kühle, unnahbare Art ein neues, für die Familie destruktives Wertesystem einführt, das nicht mit der bürgerlichen Nützlichkeitsmoral vereinbar ist.
Warum wird Hanno Buddenbrook trotz seiner Begabung als "lebensuntauglich" beschrieben?
Hanno gilt als lebensuntauglich, da seine hohe Sensibilität und sein Bedürfnis nach künstlerischer Selbstverwirklichung in einen massiven Konflikt mit den harten Anforderungen der bürgerlichen Schule und der kaufmännischen Erbenrolle geraten, an denen er letztlich scheitert.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2017, Weiblichkeit und Künstlertum in Thomas Manns "Buddenbrooks", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457989