Transsexualität und Intersexualität. Eine Alternative zur Zweigeschlechternorm?


Hausarbeit, 2013

14 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die gesellschaftliche Konstruktion von Körper und Geschlecht nach Hubert Knoblauch
2.1 Biologie und die subjektive Konstitution des transsexuellen Körpers
2.2 Die interaktive Konstruktion und der Diskurs
2.3 Die institutionelle Konstruktion der Transsexualität

3 Darstellung der Hauptthesen nach Kathrin Zehnder
3.1 Deutungsmuster der Medizin und feministische Kritik
3.2 Deutungsmuster der Aktivisten – Verletzungen
3.3 Conclusio

4 Reflexion

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die postmoderne Zeit, in der wir heute leben, ist gekennzeichnet durch einen ausgeprägten Diskurs vieler Themengebiete - Langzeitgeglaubtes wird hinterfragt, alte Denkmuster aufgebrochen. Neben anderen Diskussionsbereichen ist besonders der Geschlechterdiskurs ein aktuelles Thema. Das, was jahrzehntelange indiskutabel schien, die klare Zuordnung zum männlichen bzw. weiblichen Geschlecht, wurde mit der Etablierung und Ausweitung der Gender-Forschung plötzlich verhandelbar: es gab Männliches und Weibliches, das sich eindeutig unterschied – eine klare Zweigeschlechternorm, die sich zum Beispiel in Gebieten wie Erziehung, Rollenverhalten oder Berufstätigkeit reproduzierte. Die Forschung hat sich in den letzten Jahren diesem unantastbaren Thema mehr gewidmet und sich die Frage gestellt, wie Geschlecht entsteht. Mit der Differenzierung zwischen Sex und Gender, biologischem und sozialem Geschlecht, wurde ein erster Schritt gemacht. Das Geschlecht lässt sich nicht mehr nur dem Bereich der Medizin und Biologie zuordnen, sondern auch Soziologie und Psychologie prägen und beeinflussen den Diskurs um die Entstehung und Bestimmung von Geschlecht.

Transsexualität und Intersexualität werden als Alternative zum vorherrschenden bipolaren Geschlechterbinarismus gehandelt und nehmen so eine Sonderstellung in der Geschlechterforschung ein. Transsexualität meint dabei Menschen, die sich zum anderen Geschlecht zugehörig fühlen und ihren Köper dementsprechend angleichen bzw. umwandeln wollen. Intersexuelle Menschen hingegen wurden mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren und können so weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht eindeutig zugeordnet werden. In dieser Hausarbeit setze ich mich mit beiden Begriffen auseinander. Dazu werde ich am Anschluss an diese Einleitung zwei Texte vorstellen: Herbert Knoblauch (2002) widmet sich in seinem Aufsatz „Die gesellschaftliche Konstruktion von Körper und Geschlecht oder: Was die Soziologie des Körpers von den Transsexuellen lernen kann“ dem transsexuellen Körper. Kathrin Zehnder (2011) dagegen erforscht intersexuelles Erleben Betroffener in ihrem Text „‘Man hat mich so beschädigt‘ Zur unterschiedlichen Deutung von Verletzbarkeit und Verletzung am Beispiel medizinischer Eingriffe am intersexuellen Körper“. Nach einer Darstellung der wichtigsten Thesen der beiden Aufsätze werde ich die Ergebnisse kritisch diskutieren und der Frage nachgehen, inwiefern von einer Alternative zur Zweigeschlechternorm gesprochen werden kann. Dabei möchte ich ebenso reflektieren, welche Rolle hierbei der Medizin zukommt und welche Bedeutung der Körper für die Entwicklung einer Identität hat. Die Reflexion beinhaltet zudem meine persönliche Meinung bezüglich der Thematik.

2 Die gesellschaftliche Konstruktion von Körper und Geschlecht nach Hubert Knoblauch

Hubert Knoblauch befasst sich in seinem Aufsatz mit der Entstehung von Geschlecht und widmet sich insbesondere der These, dass Körper und Geschlecht letztlich eine gesellschaftliche Konstruktion sind. Diese These macht er anhand der Transsexuellen fest.

Mit zunehmender Forschung und demnach verfeinerten Methoden wird die Bestimmung von Geschlecht zunehmend schwieriger: wo man bisher eine Differenzierung anhand der äußeren Geschlechtsmerkmale festgemacht hat, erfolgt die Bestimmung heute durch Hormone, Chromosomen- oder Hirnstruktur. Mit der Unterscheidung zwischen Sex und Gender ist die Zuschreibung noch schwieriger geworden (vgl. Knoblauch 2002: 117). Soziologie und Psychologie sind sich nicht einig, in welchem Verhältnis Sex und Gender zueinander stehen. Neben der Vorstellung, Geschlecht sei biologisch im Körper verankert und müsse sich nur noch anhand von bipolaren gesellschaftlichen Kriterien ausformen, steht die These der Konstruktion von Geschlecht, die „‘Gender‘ als ein Produkt der jeweiligen Kultur ansieht. (...) Ebenso wie Gender sei auch ‚Sex‘ eine in Interaktion, Diskurs oder Kommunikation konstruierte Eigenschaft“ (ebd.: 118). Diese These wird am Beispiel der Transsexuellen festgemacht, die gewissermaßen als Experten auf dem Gebiet der Geschlechterkonstruktion gelten, was Knoblauch anhand von vier Punkten begründet: Transsexuelle stellen ihr biologisches Geschlecht „künstlich“ her und sind somit ein Musterbeispiel für Konstruktion. Zudem setzen sie sich intensiv mit ihrer Geschlechts-zugehörigkeit auseinander. Drittens weisen sie darauf hin, dass soziales und biologisches Geschlecht voneinander abweichen kann – betonen aber gleichzeitig, dass Sex und Gender für gewöhnlich kongruent sein müssen. Zuletzt thematisiert die Transsexualität die Frage, in welchem Maße der Körper ein soziales Konstrukt sei (vgl. ebd.: 118/119).

Im Folgenden beschreibt Knoblauch in seinem Aufsatz drei verschiedene konstruktivistische Positionen, die ich im Einzelnen vorstellen möchte. Diese drei Positionen stehen laut Knoblauch nicht gegensätzlich zueinander, sondern helfen, ein komplettes Bild der Transsexualität zu schaffen.

2.1 Biologie und die subjektive Konstitution des transsexuellen Körpers

Neben soziologischen und psychologischen Erklärungen für Transsexualität liefern auch Biologie und Medizin entsprechende Begründungen. Eine Erklärung bezieht sich beispielsweise auf einen Androgenüberschuss oder -defizit. Diese naturwissenschaftlichen Erklärungen reichen jedoch für eine ausreichende Begründung nicht aus. Zum einen liegt dies an der Zirkularität: Transsexualität wird erst durch Medizin in Form von Hormonbehandlungen und Operationen möglich, soll aber gleichzeitig durch Medizin erklärt werden. Weiter ist festzuhalten, dass Transsexualität selbst gewählt sei: wer transsexuell wird, entscheidet sich selbst dazu, ohne primäre Berücksichtigung von biologischen Gründen. Dies spiegelt sich auch in der deutschen Gesetzeslage wider: als transsexuell gilt, wer sich operieren lassen will, so muss festgehalten werden: „Sowohl die medizinische wie die rechtliche Konstruktion der Transsexualität geht damit von einer subjektiven, psychisch ausgeprägten und möglicherweise biologisch bedingten Entscheidung Handelnder zum anderen Geschlecht aus“ (ebd.: 120). Knoblauch führt in diesem Zusammenhang den Begriff der Subjektivität ein, den er als zentrales Merkmal der Transsexualität sieht.

2.2 Die interaktive Konstruktion und der Diskurs

Eine andere Position vertritt die Ansicht, dass Transsexualität das Resultat einer interaktiven Zuschreibung sei: „Generell betrachtet sie das Geschlecht als eine andauernde Handlungsleistung der Gesellschaftsmitglieder.“ (ebd.: 122). Diese „Erzeugung von Geschlecht“ setzt demnach ein gewisses Wissen voraus, wie Geschlecht entsteht und körperlich manifestiert wird: Transsexuelle lernen, wie sie erwünschte Geschlechts-attributionen erzielen und darstellen, um als Mann bzw. Frau erkannt und akzeptiert zu werden (vgl. ebd.: 123). Besonders bedeutend ist dabei das Alltagsverständnis von Geschlechtsdarstellungen. Dem Arzt fällt hier eine wichtige Rolle zu, denn er beeinflusst die Entscheidung vor einer operativen Geschlechtsumwandlung. Seine Einschätzung, wer tatsächlich weiblich genug ist, um auch einen weiblichen Körper zu bekommen, führt dazu, dass Transsexuelle sich gezwungen sehen, ihre Weiblichkeit besonders zu betonen, was z.B. durch körperliche Manipulation, erlernte Verhaltensweisen oder kulturell gedeutete Körperzeichen bewirkt wird (vgl. ebd.).

Knoblauch zieht hier noch explizit eine Abgrenzung zum Transvestismus und betont, dass die beiden bisher genannten Positionen nicht konkurrieren müssen: er nennt Beispiele von Menschen, die sich in ihrer subjektiven Wahrnehmung dem anderen Geschlecht zugehörig fühlen. Gleichzeitig orientieren sie sich dabei an den gesellschaftlich verfügbaren Kategorien, in diesem Fall der präsenten Kategorie Transsexualität, obwohl sie in Wirklichkeit dem Transvestismus zugehörig sind (vgl. ebd.: 124).

2.3 Die institutionelle Konstruktion der Transsexualität

Knoblauch betont auch die Rolle von einer institutionellen Realisierung der Transsexualität, die neben die subjektiven und die kommunikative Konstruktion tritt: „(...) dass die hiesigen Transsexuellen zu einem guten Teil eine besondere kulturelle, von gesellschaftlichen Institutionen getragene Institution darstellen.“ (ebd.: 126). Mit dem Beginn der 70er Jahre wurde Transsexualität zu einer öffentlichen und medialen Kategorie (vgl. ebd.), was sich auch in der Entstehung einer Subkultur zeigte. Diese manifestiert sich in speziellen Einrichtungen und einer öffentlich unterstützten Infrastruktur, in der das nötige Wissen für den Umgang mit Experten erlernt und reproduziert wird: „In diesen informellen Gruppier-ungen lernen die sich betroffen Glaubenden, wie sie diesen offiziellen Forderungen gerecht werden können.“ (ebd.). Zusätzlich zu den Subkulturen ist die Bedeutung von Institutionen wie der Medizin, der Rechtsprechung oder der Psychiatrie für den Erhalt und die Verfestigung der Kategorie nicht zu unterschätzen. Knoblauch hält hier fest: „Besonders die medizinisch-psychiatrischen Einrichtungen [...] bilden eine Art institutionelles Rückgrat des Transsexualität, und sie liefern auch ihre gesellschaftlich akzeptablen Legitimationen.“ (ebd.: 127). Die Etablierung sowie die gesellschaftliche und medizinische Anerkennung der Transsexualität nahm gewisse Zeit und Forschung in Anspruch. 1952 wurde der erste Fall öffentlich diskutiert und führte letztlich dazu, dass Operationen durchgeführt und Transsexualität als ernsthafte Geschlechtserkrankung anerkannt wurde. Mit der Einführung des Begriffs „Gender Dysphoria Syndrom“ wurde eine Umdeutung vorgenommen: statt einer Änderung geht es hier um eine Wiederherstellung des Geschlechts, die zur Verbesserung der psychologischen Verfassung des Patienten beiträgt (ebd.: 129). Legitimiert wurde diese umstrittene Ansicht mit der Funktion des Arztes als Heiler, sowie der soziologischen Bedeutung der Transsexuellen für den Diskurs der Geschlechtsidentität und -zugehörigkeit. Kritiker der Operationen bemängeln dagegen, dass ein psychologisches Problem medizinisch gelöst wird. Um die Bestimmung von Transsexuellen zu erleichtern und von anderen Kategorien abzugrenzen, wurden allgemein gültige Kriterien geschaffen: eine Abscheu vor Homosexualität, der früh und langeanhaltende Kleidertausch, sowie das lebenslange Gefühl, im falschen Körper zu sein. Davon ausgehend entwickelte sich ein Behandlungsmuster, das mit einer ausgiebigen psychiatrischen Beobachtung und Beratung der Geschlechtsidentität beginnt, dann in eine Hormonbehandlung übergeht und als letzten Schritt ein 12-monatiges Leben „auf Probe“ in der anderen Geschlechtsidentität vorsieht. Anschließend kann die Operation erfolgen.

Nichtsdestotrotz lassen sich auch gewisse Probleme und Hindernisse nicht von der Hand weisen. Viele Operationen benötigten Nachbehandlungen und auch die diagnostische Bestimmung von Transsexuellen erwies sich teilweise als uneindeutig. So waren Personen mit wechselnder Geschlechtsidentität zu finden, Transsexuelle, die ihre Operation bereuten oder auch Menschen, die aus pragmatischen Gründe eine Geschlechtsumwandlung durchgeführt haben wollten (vgl. ebd.: 131).

Zum Ende seines Aufsatzes fasst Hubert Knoblauch zusammen, dass für die gesellschaftliche Konstruktion des Körpers alle drei vorgestellten Dimensionen berücksichtig werden müssen, da sie sich zu einer ganzheitlichen These ergänzen: „Die gesellschaftliche Konstruktion baut auf subjektiv entworfenem Sinne auf, sie realisiert sich in Handlungen und Interaktionen, sie wird befestigt und (diskursiv) legitimiert von den sozialen Institutionen“ (ebd.: 132).

3 Darstellung der Hauptthesen nach Kathrin Zehnder

Kathrin Zehnder stellt in ihrem Aufsatz zwei Dimensionen gegenüber: die Sicht der Medizin gegenüber dem Erleben betroffener Menschen. Durch sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale lässt der intersexuelle Körper sich nicht eindeutig in die Zweigeschlechternorm integrieren und stellt somit eine Sonderform dar, die durch medizinische Eingriffe korrigiert wird. So werden uneindeutige Genitalien korrigiert oder gesunde Geschlechtsorgane entfernt, um einen Einklang zu schaffen. Zehnder beschreibt diese Handlungen sowohl als Heilungseingriffe, als auch als Verletzungen des betroffenen Körpers.

3.1 Deutungsmuster der Medizin und feministische Kritik

Intersexualität war zunächst hauptsächlich ein medizinisches Thema und wurde dementsprechend medizinisch behandelt und gelöst. Seit den 50er Jahren werden an intersexuellen Körpern angleichende Operationen durchgeführt. Die Frage nach dem „richtigen“ Geschlecht hat sich dabei im Laufe der letzten Jahrzehnte der Forschung verändert, heute wird insbesondere von körperlichen Indizien ausgegangen. Als Legitimation für die Eingriffe dient die gängige Ansicht von Psychologie und Medizin, eindeutige Geschlechtsmerkmale seien eine Grundvoraussetzung für eine gesunde psychosexuelle Entwicklung (vgl. Zehnder 2011: 250).

Die medizinische Fachliteratur nennt drei Ansätze, in denen Intersexualität als eine Störung aufgefasst wird. Zum einen wird Intersexualität als fehlerhafte Kombination von Geschlechtsmerkmalen verstanden. Die Biologie gibt demnach vor, welche Merkmale der Norm nach kombiniert werden dürfen und welche nicht. Bei einer falschen Zuweisung wird auch das soziale Geschlecht fehlerhaft. Ziel eines operativen Eingriffs ist dabei eine „harmonische Identität von genetischem, phänotypischen und soziokulturellen Geschlecht“ (ebd.: 250), um einer möglichen Benachteiligung entgegenzuwirken. Intersexuellen Körpern wird zudem eine Miss- oder Fehlbildung unterstellt. Die Abweichung der Norm mache den intersexuellen Körper verletzlich. Drittens wird Intersexualität mit einem gescheiterten Prozess der Virilisierung und Feminisierung erklärt (vgl. ebd.: 251). Dabei wird zu der pränatalen sexuellen Differenzierung Bezug genommen, die an einem Punkt fehlerhaft verlaufen ist und sich im Zuge der kaskadenartigen Entwicklung durchgezogen hat. Intersexuelle geschlechtliche Entwicklung wird hier als „Entgleisung“ aufgefasst.

Zehnder fasst die medizinische Sicht wie folgt zusammen: „In allen drei Lesarten […] wird die Behandlung als Korrektur einer Störung, als ein Richtigstellen oder Wiederherstellen des Normalen verstanden“ (ebd.: 251). Die Operationen sind demnach Heilungsversuche mit dem Ziel, dem Intersexuellen mit dem zugewiesenen Geschlecht eine normale psychosexuelle Entwicklung zu ermöglichen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Transsexualität und Intersexualität. Eine Alternative zur Zweigeschlechternorm?
Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung)  (Soziologie)
Note
1,0
Jahr
2013
Seiten
14
Katalognummer
V457999
ISBN (eBook)
9783668888227
ISBN (Buch)
9783668888234
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intersexualität, Transsexualität, Geschlechternorm, Gender, Soziologie
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Transsexualität und Intersexualität. Eine Alternative zur Zweigeschlechternorm?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/457999

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