Hintergründe zur Verfolgung von Hexen als Feindbilder


Essay, 2007

8 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Der Glaube an Hexen, schwarze und weiße Magie, Zauberei existiert auch heutzutage, trotz Aufklärung, Technisierung und Wissenschaft. In vielen Kulturen, ganz zu schweigen von christlichem Mittelalter und Frühneuzeit existieren Hexenbilder. Dabei verleiht man diesen Wörtern keinen so verächtlichen Sinn wie es früher der Fall war. „Hexen“ verkörperten Feindbilder der Menschheit und bezahlten oft mir ihrem Leben für ihre Reputation. Das Thema der Hexenjagd ruft eine Menge Fragen hervor: Wann begannen und warum hörten Hexenprozesse auf? Worin genau bestand die Schuld der angeblichen Hexen? Welche psychologischen Mechanismen liegen dem Hexenglauben zugrunde?

Die Hexenjagd dauerte einige Jahrzehnte und wird von vielen als Symbol „des finsteren Mittelalters“ empfunden. Im 14. Jahrhundert gab es erste Anklagen zur Hexerei, Hinrichtungen waren jedoch selten. Die „große Jagd“ begann Mitte des 16. Jahrhunderts und dauerte ungefähr 300 Jahre. Ihren Höhenpunkt erreichte die Hexenhysterie Anfang der Neuzeit – 17. und sogar 18. Jahrhundert in Deutschland, der Schweiz, Frankreich und Schottland, weniger betroffen waren England, Italien und Spanien; Osteuropa und Russland spielten allenfalls eine Nebenrolle. Nur wenige Prozesse fanden in Amerika statt, der bekannteste Fall – Salemer Ereignisse, dauerte zwei Jahre (1692-1693). Der große Hexenwahn endete 1775 mit der Verbrennung der letzten „Hexe“ Deutschlands in Kempten.1

Was die Ursachen der Hexenverfolgung anbetrifft, gibt es einige Versionen, von denen keine das Phänomen erschöpfend beschreibt. In der Literatur kann man viele Theorien und Ansätze finden, die sich zum Teil wiedersprechen.

Nach einer der wissenschaftlich fundiertesten Erklärungen trug das Erscheinen der „Hexenbulle“ (1484) und später des „Malleus Maleficarum“, des „Hexenhammers“ (1486/87) deutlich zur Verbreitung der Hexenhysterie bei. Durch diese Texte, die durch Anfragen zweier Inquisitoren, Sprenger und Institoris erschienen, erhielt die Kirche weltliche Macht. Sie sollte alle Menschen hart bestrafen, die den beiden Inquisitoren und ihrer Hexenverfolgung Widerstand entgegensetzten. Aussagen von Denunzianten ohne geringsten Beweis waren dabei keine Seltenheit. Treffend resumieren Gloger und Zöllner: „Damit war dem furchtbarsten Mißbrauch geistlicher und weltlicher Gerichtsbarkeit Tür und Tor geöffnet.“2 Die Erfindung des Buchdrucks (1450) trug erheblich der Ausweitung der Hexenjagd bei. Später verursachte Martin Luther und mit ihm die Reformation (1517) eine neue Prozesswelle.

Einer anderen Version zufolge war die Hexenjagd Fortsetzung der Verfolgung von Ketzern. Die Anhänger dieser Meinung3 bestätigten, dass die Inquisition Hexen als Mitglieder einer organisierten Dämonensekte betrachtete und der Anfang der Hexenverfolgung auf das 12. Jahrhundert zurückzuführen sei. Im Jahr 1215 hatte die katholische Kirche ein spezielles Organ – die päpstliche Inquisition – zur Verfolgung und Bestrafung von Ketzern gegründet.4 Das Ziel der Inquisition war aber nicht die Vernichtung von Hexen. Oft verfuhr man jedoch nach dem Prinzip: „wo das Christentum zur Staatsreligion geworden war, konnten Kritiker des religiösen Dogmas leicht zu Gegnern des Staates erklärt werden.“5

Es existiert auch eine psychoanalytische Interpretation der Hexenprozesse, der zufolge sie eine Massenmisogynie darstellten – Krieg von Männern gegen Frauen. Diesen Gesichtspunkt vertrat der französische Revolutionshistoriker Jules de Michelet, der 1929 sein Buch „Hexe und Frau“ veröffentlicht hat. Diese Interpretation regt auch heutzutage Ideologen der feministischen Bewegung an. Michelet betrachtete Hexen als „Ärztinnen des Volkes“, Opfer der feudalen Unterdrückung und Vorläufer der sozialen Revolution.6 Der Bestätigung der Hexenprozesse als „Frauenholocaust“ widersprechen jedoch zwei historische Fakten – unter den Verurteilen waren etwa ein Drittel Männer und als Ankläger traten sehr oft Frauen auf. Papst Innozenz VIII. sprach von Personen beiderlei Geschlechts, die sich mit dem Teufel vermischten und Schadenzauber ausübten. In Gloger und Zöllner bestätigt sich: „Der Teufel kann sowohl in Mannesgestalt (Incubus = oben liegend) als auch in Gestalt einer Frau (Succubus = unten liegend) auftreten.“7 Gleichzeitig findet man Widerspruch dazu, wenn man den „Hexenhammer“ liest, „der die ‚schadenstiftenden Frauen’ (von Männern ist plötzlich kaum noch die Rede) ‚zermalmen’ sollte.“8 Die Autoren gingen davon aus, dass es fast ausschließlich Frauen waren, die sich dem Teufel hingaben und ihre Untaten ausführten. Das entsprang allgemein üblichen Klischeevorstellungen, dass Frauen für Sünden und Laster anfälliger waren und daher ein Teufelsbündnis leichter schließen könnten. Beispiel: Eva pflückte den Apfel im Paradies. Gloger und Zöllner fügen Auslegungen der Bibel und antiken Literatur dem Frauenbild bei: „Leichtfertigkeit, mangelnder Verstand, Bosheit und Rachgier, sexuelle Begehrlichkeit und ähnliche Untugenden zeichnen das Weib allgemein aus und machen es gegenüber den Versuchungen des Teufels anfälliger als den Mann.“9

Um die Ursachen der ideologischen Diskriminierung von Frauen seitens der meist kirchlichen männlichen Vertreter, der „Hexenwissenschaftler“ zu verstehen, muss man sich das klassische Bild einer Hexe vor Augen rufen.

In den Vorstellungen vieler Menschen ist eine Hexe entweder eine bildschöne Frau mit langen schwarzen Haaren und schwarzen Augen10 oder eine ganz alte einsame Frau, eine Greisin mit schrumpeliger Haut.

Im ersten Fall könnte man vermuten, dass die Schönheit solcher Frauen deren Unglück war und die Männer, die sie abgewiesen hatte oder Neid anderer, weniger schöner Frauen sie zu solchem Verhängnis geführt haben. Päpstliche Inquisitoren Sprenger und Institoris, die eine große Rolle bei der Hexenverfolgung spielten, behandelten besorgt die Frage, ob Hexen Impotenz herbeizaubern oder männliche Glieder weghexen könnten. Sie wollten die Gleichsetzung zwischen Frau und Hexe erstreben.11 Gloger und Zöllner unterstreichen den „religiös verbrämten Sadismus und die extreme Frauenfeindlichkeit der Hexenjäger aus dem Dominikanerorden.“12

Im zweiten Fall, wo eine alte Frau zum Prototyp der Hexe gestempelt wurde, trat sie als Sündenbock auf. Ihre soziale Rolle in der Gesellschaft war erfüllt. Krank, wehrlos und nutzlos war sie ein leichtes Opfer der Hexenjustiz, weil der Schutz der Familie fehlte. Nicht selten wurden alte weise Frauen und Hebammen, die mit volksmedizinischen Kenntnissen Krankheiten heilten, als Hexen bezeichnet, vor allem wenn die von ihnen betreute Person die Krankheit nicht überlebte. Nachdem die Prozesswelle richtig in Bewegung gekommen war, konnte sich keine Frau in Sicherheit wiegen, nicht Opfer eines solchen Wahns zu werden.

Nach einer anderen Version war die Hexenverfolgung Folge einer Massenpsychose, die durch Stress, Epidemien, Kriege, Hungersnöte hervorgerufen wurde. Das späte Mittelalter verbreitete bei den Menschen Angst und Schrecken. Sie glaubten an einen nahenden Weltuntergang, den der Halleysche Komet, der zu dieser Zeit in der Erdatmosphäre sichtbar war, ankündigte. Es gab Krankheiten wie Pest, Lepra und Syphilis, die den Menschen Tod brachten und die sie als Gottes Zorn betrachteten. Angst vor dem Teufel und seiner Macht beherrschte das Leben, nicht zuletzt aus Unwissenheit. Im 17. Jahrhundert, während des Dreißigjährigen Krieges, kann man ebenfalls ein verstärktes Aufflammen der Hexenprozesse beobachten. Der Krieg brachte großes Elend mit sich. K. Thomas, ein englischer Hexenforscher vertritt folgende Theorie:

„Die typische Hexe ist (...) eine Frau, die in einem Haus der Dorfgemeinschaft Nahrung erbittet oder Geld oder Gegenstände leihen will, jedoch abgewiesen wird und unzufrieden, vielleicht noch eine Verwünschung murmelnd, das Haus verlässt: Geschieht bald danach in dem Haus ein Missgeschick, wird die Familie eine Hexereianklage gegen die abgewiesene Frau erheben.“13

Die Verarmung der Bevölkerung, insbesondere der Bauern, brachte mit sich, dass viele Menschen auf Betteln angewiesen waren. Verhaftung aufgrund einer „in Erfüllung gegangenen“ Verwünschung mochte keine Seltenheit gewesen sein. Man muss in Betracht ziehen, dass an „Bewusstseinverwirrung“ nicht nur die vom Hunger und Stress erschöpften Bauern, sondern auch Dämonologen und Richter litten. Historiker haben bewiesen, dass Erzählungen über Hexenritte zum Hexensabbat, Gruppensex mit Teufeln, Schadenzauber und andere unglaubliche Dinge keine Phantasien der Angeklagten waren, sondern nur Antworten auf direkte Fragen von Untersuchungsführern, die durch Folter Bestätigung ihrer eigenen Vorstellungen von dem, was Hexen machen sollen, abgezwungen haben.14 Die Folter war dabei „die Seele des Hexenprozesses“, wie W. Behringer, einer der führenden Experten zur Geschichte der Hexenverfolgung bestätigt. „Die Folter sollte so lange, so oft und mit solchen Mitteln ausgeübt werden können, dass ein Geständnis unweigerlich erzielt werden konnte.“15 Die Torturen waren aus heutiger Sicht eine sichere Methode zur Sprachmanipulation des späten 15. Jahrhunderts.

W. Behringer entdeckt auch Gegenteiliges: Er schreibt, dass „Hexenverfolgungen primär von der Bevölkerung gewünscht und notfalls gegen den Willen der Obrigkeit durchgeführt worden sind.“ Dadurch entschuldigt er nicht die „Anteile der Kirche, der Justiz und des Staates an den Verfolgungen“16, aber er relativiert sie. Der Eifer beider Parteien bei der Hexenjagd erklärt sich durch viele Tatsache, hinzu kommt auch das Bedürfnis nach „Brot und Spielen“. Die Menschenmassen brauchten Unterhaltung und das bekamen sie in Form von Menschenverbrennungen, was natürlich einige herzenslose Personen anlockte und faszinierte. Später fügt Behringer auch hinzu: „eine generelle und langandauernde Verfolgung hat es nie gegeben, und den europäischen Hexenverfolgungen fielen weniger Menschen zum Opfer als allgemeinhin angenommen.“17

[...]


1 vgl. Wisselinck, Erika 1986: Hexen. Warum wir so wenig von ihrer Geschichte erfahren und was davon auch noch falsch ist. S. 8.

2, Gloger, Bruno; Zöllner, Walter 1999: Teufelsglaube und Hexenwahn. Wien; Köln; Weimar. S. 94.

3 In [3]

4 Gloger; Zöllner , S. 90-91.

5 ebenda, S. 87.

6 vgl. Behringer, Wolfgang 1998 : Hexen. S. 9.

7 Gloger; Zöllner; S.95.

8 ebenda, S. 94.

9 ebenda, S. 140.

10 vgl. Bulgakov, Michail 1994: Der Meister und Margarita. Berlin.

11 vgl. Gloger; Zollner, S. 102.

12 ebenda, S. 104.

13 Schormann, Gerhard 1985 : Hexenprozesse in Deutschland. Göttingen. S. 77.

14 vgl. Gloger; Zollner, S. 168-169, 173.

15 Behringer, Wolfgang 2000: Hexen und Hexenprozesse in Deutschland. München. S. 270.

16 Behringer, S. 8.

17 ebenda, S. 100.

Ende der Leseprobe aus 8 Seiten

Details

Titel
Hintergründe zur Verfolgung von Hexen als Feindbilder
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
8
Katalognummer
V458016
ISBN (eBook)
9783668891241
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hexen, Feindbild, Hexenjagd, Hexenverfolgung, Inquisition, Frauendiskriminerung
Arbeit zitieren
Ekaterina Klaer (Autor), 2007, Hintergründe zur Verfolgung von Hexen als Feindbilder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458016

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