Die Frage nach der „Seinsvalenz des Bildes“ in Hans-Georg Gadamers "Wahrheit und Methode"

Die inhärente Kraft von Bild und Sprache


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
30 Seiten, Note: 1,0
Lucius Müller (Autor)

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung
1.1 Einführende Verortung der „Seinsvalenz des Bildes“ innerhalb des inhaltlichen Aufbaus von Wahrheit und Methode

2. Das ontologische „Sich-Zeigen“ des Bildes
2.1 Gemeinsame Seinsverfassung im Erlebnis von Kunst und Spiel
2.2 Ontologischer Charakter des Bildes, Emanation des Urbildes
2.3 Selbstdarstellung, „Energeia“ und „Zur-Anwesenheit-Kommen“

3. Das Wesen des Bildes als dialektische Bewegung S. 11
3.1 Das mimische Urverhältnis bezüglich des Werks und seiner Momente
3.2 Zur immanenten Dialektik des Bildes und Durchsichtigkeitscharakter
3.3 Das dialektische Verhältnis von Urbild, Bild und Ur-Bild
3.4 Exemplarischer Charakter des religiösen Bildes für die Bilddialektik

4. Der phänomenologische Zugang zur Bilderfahrung
4.1 Die „Dynamis“ des Bildes als Seinsweise und geheime Kraft
4.2 Die Anwesenheit des Bildes als Konfiguration des Seienden
4.3 Unterscheidung von Bild und Abbild, Zeigkraft des Bildes
4.4 Bildhafter Charakter der Sprache und Verstehenszugang

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Kunst und der Sprache wohnt eine gemeinsame Kraft inne, die es ihnen ermöglicht Dinge zum Ausdruck zu bringen, uns anzusprechen, abzustoßen und zuweilen auch ins Nachdenken zu stürzen. In dem Augenblick, in dem etwas Verbildlichtes oder Gesagtes in unser Leben tritt, stellt es für uns als Teilhabenden etwas dar und bekommt durch unser Verstehen eine Wertigkeit verliehen. Das Dargestellte offenbart seine eigene Bedeutung, die verstanden werden will und bietet einen Anreiz, sich dazu zu positionieren und sich selbst im Werk eines anderen gegebenenfalls wiederzufinden.

Beschriebene Fähigkeit des Bildes und Wortes, die Sinnzusammenhänge unserer Welt ins Bewusstsein zu rufen und in immer neuer Weise Synapsen und Interpretationen hervorzubringen, begegnet dem Menschen tagtäglich. So wäre ein Zusammenleben und Leben, wie wir es kennen, ohne das Denken und Kommunizieren mittels Bild- und Wortinhalte gar nicht vorstellbar, da diese Ausdrucksformen einen wesentlichen Teil des menschlichen Miteinanders und Selbstverständnisses überhaupt erst ermöglichen.

Der philosophischen Ergründung dieses gemeinsamen Charakters von Kunst und Sprache widmete sich seiner Zeit Hans Georg Gadamer.1 Neben zahlreichen Veröffentlichungen, die sich ebenfalls in diesem Themengebiet bewegen, führte er hierzu, in seinem 1960 erschienen Hauptwerk Wahrheit und Methode,2 den Schlüsselbegriff der „Seinsvalenz des Bildes“ ein. Die damit geschaffene Perspektive, auf das „Bild“ und dessen spezifische „Seinsweise“, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, bezüglich der Funktion, die der „Seinsvalenz des Bildes“ innerhalb der Bildkonzeption Gadamers zukommt. Hierbei soll insbesondere auch ein Aufschluss darüber erzielt werden, inwiefern sich diese Seinsvalenz in der Anwesenheit von Kunst und Sprache gleichermaßen äußert.

Auf der Textgrundlage der 2010 in Tübingen erschienenen 7. Auflage des Werkes soll hierbei zunächst der von Gadamer konzipierte Bildbegriff nachvollzogen werden, unter der Fragestellung: Was ist gemäß Gadamer überhaupt als „Bild“ zu verstehen? Es soll hierbei zudem erläutert werden, weshalb der Begriff „Bild“ in Gadamers Konzeption auch die Dimension der Sprache miteinbezieht.

Der Bildbegriff Gadamers und die damit verbundene „Seinsvalenz des Bildes“ sind ein Teilaspekt, der von ihm konzipierten Theorie einer universalen Hermeneutik. 3 Im Rahmen dieses hermeneutischen Ansatzes kommen dem Bild gemäß Gadamer ontologische, dialektische und phänomenologische Gesichtspunkte zu, die gemeinsam das Wesen des Bildes konstituieren. Die Beleuchtung des Verhältnisses und Zusammenspiels besagter Aspekte soll zu einer Charakterisierung dessen führen, was im Rahmen der Hermeneutik Gadamers als „Bild“ zu verstehen ist und zugleich zur Ermittlung dessen beitragen, was die „Seinsvalenz des Bildes“ spezifisch ausmacht.

Einführend soll hierbei zunächst die Stellung der „Seinsvalenz des Bildes“ innerhalb des inhaltlichen Aufbaus von Wahrheit und Methode verortet werden. Als erster thematischer Schwerpunkt soll daraufhin das ontologische Moment des „Sich-Zeigens“ des Bildes untersucht werden. Als Erstes soll zu diesem Zweck hinterfragt werden, inwiefern dem Erlebnis von Kunst und Spiel eine gemeinsame Seinsverfassung zugrunde liegt. Daran anknüpfend soll als Zweites der ontologische Charakter des Bildes erörtert werden, in Bezug zu der Vorstellung einer Emanation des sogenannten „Urbildes“. Als Drittes folgt daraufhin die Beleuchtung der Fähigkeit des Bildes zur Selbstdarstellung, wobei insbesondere das Bild in seiner Eigenschaft als „Energeia“ und als „Zur-Anwesenheit-Kommen“ bei Gadamer analysiert werden.

Der zweite Schwerpunkt widmet sich dem Wesen des Bildes hinsichtlich seiner Ausprägung als dialektische Bewegung. Hierbei soll als Erstes das sogenannte „mimische Urverhältnis“ untersucht werden, welches Gadamer bezüglich dem Werk und seiner Momente vorliegen sieht. Als Zweites soll die Bildkonzeption Gadamers auf seine immanente hin beleuchtet werden, wobei insbesondere auch der dem Bild zuzuschreibende Durchsichtigkeitscharakter eine wichtige Rolle einnimmt. Im Anschluss daran soll als Drittes das dialektische Verhältnis von Urbild, Bild und Ur-Bild in die Betrachtung miteinbezogen werden. Als Viertes erfolgt eine Darlegung des exemplarischen Charakters, der das religiöse Bild Gadamer zufolge für die Bilddialektik einnimmt.

Als dritter Schwerpunkt rückt der phänomenologische Zugang in den Fokus, den Gadamer bezüglich der Bilderfahrung als gegeben ansieht. Als Erstes soll hierbei die Zuschreibung der „Dynamis“ als Seinsweise und geheime Kraft des Bildes erörtert werden. Als Zweites soll sodann die Anwesenheit des Bildes beleuchtet werden, insofern diese gemäß Gadamer als Konfiguration des Seienden anzusehen ist. Alls Drittes soll Gadamers Unterscheidung von Bild und Abbild nachvollzogen werden, unter besonderer Berücksichtigung der „Zeigkraft“, die ihm nach dem Bild zukommt. Abschließend soll als Viertes der Charakter der Sprache ins Augenmerk gerückt werden, insofern auch dem Wort gemäß Gadamer eine Bildhaftigkeit zuzusprechen ist und der phänomenologische Verstehenszugang zu Bild und Wort gesucht werden, welcher wie aufgezeigt werden soll erneut in der Seinsvalenz mündet.

1.1 Einführende Verortung der „Seinsvalenz des Bildes“ innerhalb des inhaltlichen Aufbaus von Wahrheit und Methode

Gadamers Hauptwerk Wahrheit und Methode trägt den Untertitel „Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik“ 4 und gilt als eine der wichtigsten Schriften in der Geschichte Hermeneutik-Konzeptionen. Das Werk ist in der zehnbändigen Reihe seiner gesammelten Werke als Band 1, Hermeneutik I, angeführt. Der daran anknüpfende Band 2 Wahrheit und Methode. Ergänzungen, Register, der als Hermeneutik II aufgeführt wird, kam erstmals 1986 hinzu. Dieser soll, laut Gadamers Ausführungen im Vorwort, „als Fortsetzung, Ausweitung und Eingrenzung gelesen werden.“5 Der erste Teil von Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik wird von Gadamer dazu verwendet, die „Freilegung der Wahrheitsfrage an der Erfahrung der Kunst“,6 zu untersuchen. Den ersten Hauptschwerpunkt bildet hierbei Kapitel I. „Die Transzendierung der ästhetischen Dimension“.7 Bereits Gadamers Wahl der Bezeichnung „Transzendierung“8 lässt dessen Intention klarwerden, bestimmte festgelegte Grenzen zu überschreiten. Was dies bezüglich des von ihm konzipierten Bildbegriffs bedeutet, soll im Zuge der vorliegenden Betrachtung herausgearbeitet werden.

Den zweiten Hauptschwerpunkt des besagten ersten Teils bildetet das Kapitel II. „Die Ontologie9 des Kunstwerks und ihre hermeneutische Bedeutung“.10 In diesem Kapitel widmet sich Gadamer der Seinsweise dessen, was ihm nach als „Bild“ zu verstehen ist und analysiert, inwiefern diesem eine hermeneutische11 Bedeutung innewohnt. In dem Unterkapitel 1. „Spiel als Leitfaden der ontologischen Explikation“,12 wendet sich Gadamer dem Begriff des Spiels zu. Seine Konzeption des Spiels ist auch für die Seinsweise des Bildes von zentraler Bedeutung, was sich bereits darin zeigt, dass Gadamer diesem die Funktion eines Leitfadens zuschreibt, was das Phänomen der „ontologischen Explikation“13 angeht.

Inwiefern dieses Phänomen entscheidend für das Verständnis des „Bildes“ ist, soll im Verlauf dieser Arbeit an einer späteren Stelle näher erläutert werden. In dem darauffolgenden Unterkapitel 2. „Ästhetische und hermeneutische Folgerungen“,14 ist es der Unterpunkt a) „Die Seinsvalenz des Bildes“,15 auf den der Fokus im Rahmen der hier vorliegenden Untersuchung gesetzt wurde, um einen Einblick in die dahinterstehende philosophische Konzeption zu gewinnen.

2. Das ontologische „Sich-Zeigen“ des Bildes

2.1 Gemeinsame Seinsverfassung im Erlebnis von Kunst und Spiel

Um demjenigen nachzugehen, was die Seinsvalenz des Bildes ausmacht, ist es laut Gadamer zunächst von Nöten, dass man sich vorab die Frage stellt, ob die „Seinsverfassung des Ästhetischen“,16 die dem Spiel zuzuschreiben ist, „auch für die Frage nach dem Sein des Bildes Geltung hat“.17 Durch die Miteinbeziehung Konzeption des Spiels wird der Begriff des „Bildes“ auf einer Verständnisebene betrachtet, die sich von der gewöhnlichen kunsttheoretischen Vorgehensweise bewusst lossagt und stattdessen eine ontologische Perspektive einnimmt.

Gadamer betont diesbezüglich, dass das Bild, ebenso wie auch das Spiel, „ein Seinsvorgang ist und darum als Gegenstand eines ästhetischen Bewusstseins nicht angemessen begriffen werden kann, sondern viel eher […] in seiner ontologischen Struktur erfaßbar wird.“18 Es geht ihm hierbei insbesondere um die inhärente Phänomenalität, welche dem „Sich-Zeigen“ des Spiels, im Spielerlebnis des Spielers ebenso zukommt, wie dem „Sich-Zeigen“19 des Kunstwerks, im Kunsterlebnis des Betrachtenden.

Dem Spielen eines Spiels ist kein Gehalt abzugewinnen, der vom subjektiven Bewusstwein des Spielers vom Spiel unterscheidbar zu erfassen ist. Diesen „unauflösbaren Bezug zu seiner Welt“20 und das damit verbundene Erscheinen aus sich selbst heraus beschreibt Gadamer als das gemeinsame phänomenologische21 Charakteristikum der Spiel- und Kunsterfahrung.22 „Im Spiel nämlich kann eine Zuordnung von Subjekt und Objekt nicht länger aufrechterhalten werden. Es existiert als ein Geschehen, in dem die Teilnehmer das Spiel genausosehr, ins Leben rufen, wie ihre eigene Existenz als Spielende konstituiert wird.“23

Die Seinsweise des Spiels, wie auch des Kunstwerks, liegt somit ontologischer Struktur der unauflösbaren Selbstdarstellung begründet.24 Der Spieler bzw. Betrachter ist selbst ein unabtrennbarer Bestandteil dieses Phänomens des „Sich-Zeigens“ des Spieles bzw. des Kunstwerks, insofern unterliegt die Selbstdarstellung stets einer Pluralität von Darstellungsmöglichkeiten. Das Sein des Spieles, wie auch des Bildes zeigt sich somit als von Grund auf prozesshaft, als fortlaufend geführter bildnerischer Gedanke, der immer neuen Ausdruck findet.25

2.2 Ontologischer Charakter des Bildes, Emanation des Urbildes

Das Bild ist dem Spiel in der Art seiner ontologischen Selbstdarstellung wesensverwandt und verschmelzt mit dem Sein des Betrachters in dem Moment des „Sich-Zeigens“. Was man nun aber unter „Bild“ versteht, beschränkt sich Gadamer zufolge nicht allein auf Gemälde und ähnliche Formen, sondern gilt auch für die gesamten plastischen Künste, sowie auch für sprachliche Bilder. Hierbei handelt es sich ihm zufolge jedoch nicht um eine willkürliche Verallgemeinerung, sondern er nutzt den Terminus „Bild“ bewusst, um die Seinsart des Bildes zu erfassen und evident zu machen.26 Er hinterfragt hierbei insbesondere, „wie der Sinn von Darstellung an dem verifizierbar wird, was wir Bild nennen.“27

Der Bildbegriff Gadamers zielt einerseits auf eine wesentliche Bestimmung des Kunstwerks ab und fungiert andererseits als der Träger einer „Seinsvalenz“, die ihrerseits alles Bildhafte miteinbezieht und somit über die Regionalität des Seienden hinausgeht. Zur Bestimmung der Seinsart des Bildes hält Gadamer fest: „Der Eigengehalt des Bildes ist ontologisch als Emanation des Urbildes bestimmt.“28 Besagte Charakteristik der Emanation29 spezifiziert er insofern, dass es im „Wesen der Emanation liegt, daß das Emanierte ein Überfluss ist.“30 Durch die Zuschreibung dieses Emanationscharakters beinhaltet die Frage nach der Seinsart Bildes in sich, immer auch die Überschreitung des Rahmens einer regionalen Befragung des Kunstwerks.31

Ausgehend von der Seinsweise des Bildes, lässt sich in diesem Zusammenhang auch die hermeneutische Grundannahme Gadamers „ Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache32 auf eine bestimmte Weise für die vorliegende Untersuchung ausdeuten: Aufgrund dessen, dass das Sein sich in der Sprache äußert und sich mittels des Verstehens in der Art eines Bildes reflektiert, ist es demjenigen als wesenhaft zuzuschreiben, was Gadamer als „logos“33 versteht. Im Rahmen seiner Betrachtung der Sprache, als Horizont einer hermeneutischen Ontologie, bekräftigt Gadamer diesbezüglich: „die sprachliche Verständigung durch den Logos [legt] das Seiende selbst offen.“34

Hierbei ist jedoch auseinanderzuhalten, dass die Sprache, trotz der Übereinstimmung mit der Dialektik des Bildes, mit dessen Sein nicht als ein und dasselbe gleichzusetzen ist. Vielmehr lässt sich das Bild als dasjenige Element auffassen, dass in einer „spekulativen Einheit“35 Sprache und Sein miteinander verbindet. Sprache und Sein bilden in diesem Verhältnis hingegen den Entfaltungsraum für die Emanation dessen, was das Bild als solches ausmacht.36 Der Mensch ist durch den „Logos“ stets Erzeuger von Bildern, indem er den Spielraum hervorbringt, indem die „Anwesenheit“ sich zu konfigurieren vermag. Durch das Bild hindurch nimmt der Mensch somit an der Anwesenheit dessen teil, was in seiner Teilhabe zum Durchscheinen gelangt.37 Von Gadamers Verständnis des Bildes ausgehend, als ein Ort in dem sich die „Anwesenheit“, als Anwesenheit von etwas für jemanden konfiguriert, ist besagte Anwesenheit immer auch immer als ein „Außersichsein“ zu verstehen. Die Voraussetzung hierfür ist stets die Seinsweise des Bildes, in seinem dialektischen Wesen, als Ausdruck seiner Ekstase oder auch Negativität.38

[...]


1 Hans-Georg Gadamer, wurde am 11. Februar 1900 in Marburg geboren und ist am 13. März 2002 in Heidelberg verstorben. Er promovierte 1922 im Bereich Philosophie mit der Dissertationsschrift Das Wesen der Lust nach den platonischen Dialogen. Zu internationaler Bekanntheit kam Gadamer schließlich im Jahre 1960 mit seinem Werk Wahrheit und Methode und der ihm zugrunde liegenden Konzeption der universalen Hermeneutik. Vgl. Donatella Di Cesare: Gadamer. Ein philosophisches Porträt, Tübingen 2009, S. 5-6.

2 Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen 1960.

3 Die Hermeneutik (altgr. „hermēneúein“ dt. „erklären“, „auslegen“, „übersetzen‘“) ist eine Theorie der Interpretation von Texten und des Verstehens und ist insbesondere in den Geistes- bzw. Kulturwissenschaften als angewandte methodologische Disziplin vertreten. Auch die Reflexion der Bedingungen des Auslegens, Deutens und Verstehens nicht -textgebundener Werke der Musik und ihrer Interpretation oder der Werke der Bildenden Kunst wird Hermeneutik genannt. Vgl. Frank Günter u. Stephan Meier-Oeser: Hermeneutik, Methodenlehre, Exegese. Zur Theorie der Interpretation in der frühen Neuzeit, Stuttgart 2011, S. 12.

4 Es ist zu der Entwicklung von Gadamers „philosophischer Hermeneutik“ zu beachten, dass es mitunter Immanuel Kant Untersuchung der Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit war, die die Hermeneutik in Richtung des Problems der geschichtlichen Gebundenheit des menschlichen Denkens und Verstehens prägte. Diese Vorprägung durch Kant und der starke Bezug zu den Geisteswissenschaften diente Wilhelm Dilthey zu dessen methodologischer Begründung der Hermeneutik. Hans-Georg Gadamers universale Hermeneutik, die von ihm bewusst den Titel „philosophische Hermeneutik“ bekam, wurde in der Nachfolge Heideggers (und dessen Theorie) als Kritik am Methodologismus der traditionellen Hermeneutik von Wilhelm Dilthey (und auch Friedrich Schleiermacher) entwickelt. Gadamer wendete diese Beschränkung ins Positive, insofern er das Verstehen in den Zusammenhang eines prinzipiell nicht zu beendenden Gesprächs stellte, welches über den Methodologismus hinaus zu gehen hat. Vgl. Donatella Di Cesare: Gadamer. Ein philosophisches Porträt, Tübingen 2009, S. 93

5 Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen 2010, S. V.

6 Ebd., S. VII.

7 Ebd.

8 Die Transzendenz (lat. „transcendentia“, dt. „das Übersteigen“), bezeichnet ein jenseits der Erfahrung des Gegenständlichen liegendes Moment. Dieses steht für ein Überschreiten der Grenzen des Diesseits, die mittels Erfahrung und Bewusstsein festgelegt sind. Als transzendent gilt daher, was außerhalb oder jenseits eines Bereiches möglicher Erfahrung, insbesondere des Bereiches der normalen Sinneswahrnehmung liegt und nicht von ihm abhängig ist. Etwas zu transzendieren bedeutet in diesem Sinne es zu überschreiten bzw. zu übersteigen. Der von Gadamer verwendete Terminus „Transzendierung“ ist somit als ein Akt des Überschreitens zu verstehen, der Auf eine Ebene anzielt die außerhalb des weltlich Erfahrbaren liegt. Vgl.Alicja Sakaguchi: Sprechakte der mystischen Erfahrung. Eine komparative Studie zum sprachlichen Ausdruck von Offenbarung und Prophetie, Freiburg 2016, S. 215.

9 Die Ontologie (altgr. „ón“ dt. „seiend“, altgr. „lógos“ dt. „Lehre“, „Wissenschaft") befasst sich mit einer Einteilung des Seienden und den Grundstrukturen der Wirklichkeit und der Möglichkeit. Im Rahmen der deutschen Schulmetaphysik durch den Einfluss von Christian Wolff zu einem allgemeinen Disziplinenbegriff in der Philosophie ausgearbeitet, deren Objekt das „Sein als solches“ ist. Die Lehre vom Seienden als solchem bzw. vom Sein tritt historisch meist mit dem Anspruch auf, „erste Philosophie“ zu sein. Dieser Gegenstandsbereich ist weitgehend deckungsgleich mit dem, was nach traditioneller Terminologie „allgemeine Metaphysik“ genannt wird. Vgl. Christian Wolff: Erste Philosophie oder Ontologie (§§ 1-78). Lateinisch-Deutsch, Hamburg 2008, S XII.

10 Gadamer: Wahrheit und Methode, Tübingen 2010, S. VIII.

11 Besagte Bedeutung wird von Gadamer als „hermeneutisch“ (altgr. „hermēneúein“ dt. „deuten, auslegen“) bezeichnet, womit er auf deren „erklärend“, „auslegend“ Charakter verweist, die diese in Bezug auf die Fra ge nach Funktion, Sinn und Wesen des Bildes einnimmt. Er differenziert hierbei, so ist die „philosophische Hermeneutik nicht selbst die Kunst des Verstehens, sondern die Theorie derselben.“ Hans-Georg Gadamer: Hermeneutik II. Wahrheit und Methode. Ergänzungen, Register, Tübingen 1993, S. 23.

12 Gadamer: Wahrheit und Methode, Tübingen 2010, S. VIII.

13 Die Explikation (lat. „explicatio“ dt. ‚Auseinandersetzung“, „Entwirrung“, „Entfaltung“, „Erläuterung“, „zum Ausdruck bringen“) bezeichnet allgemein die Erklärung/Erläuterung eines Begriffes durch Darstellung seiner Merkmale. In der Philosophie der Spätantike und des Mittelalters wurde die „explicatio“ als eine Auseinanderlegung, Entfaltung oder Auffächerung der Einheit eines Begriffs in die Vielheit seiner inneren Bestandteile verstanden. So werden bei Plotin die Dinge als entfaltete Zahl bezeichnet. Ausgehend von Rudolf Carnap in der Philosophie, insbesondere im Bereich der Logik, steht die Explikation für die Präzisierung eines unscharfen Begriffs. Vgl. Manfred Geier; Manfred Kohrt, Christoph Küper u. Franz Marschallek(Hg.): Sprache als Struktur. Eine kritische Einführung in Aspekte und Probleme der generativen Transformationsgrammatik, Berlin 1976, S. 77.

14 Gadamer: Wahrheit und Methode, Tübingen 2010, S. VIII.

15 Ebd.

16 Gadamer: Wahrheit und Methode, Tübingen 2010, S. 140.

17 Ebd.

18 Ebd. S. 148-149.

19 Ebd. S. 147.

20 Ebd. S. 149.

21 Als „phänomenologisch“ bezeichnet man Erkenntnisse und Aspekte, die das Gebiet der Phänomenologie betreffen Die Phänomenologie (altgr. „phainómenon“ dt. „Sichtbares“, „Erscheinung“; altgr. „lógos“ dt. „Rede“, „Lehre“) ist eine philosophische Strömung, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Edmund Husserl geprägt wurde und den Ursprung der Erkenntnisgewinnung in unmittelbar gegebenen Erscheinungen d.h. Phänomenen verortet. Traditionell dient Phänomen als Begriff zur Bezeichnung der Erscheinung in Raum und Zeit, der eine transzendente Wirklichkeit zugrunde liegt, die selbst keine zeitliche und räumliche Formung aufweist. Erscheinungen sind Erscheinungen von etwas und verweisen somit auf einen Gegenstand, der seinen Ort jenseits der Erscheinungen hat. Anknüpfend an diese Bedeutung diente der Begriff der Phänomenologie ursprünglich zur Bezeichnung einer Theorie des Scheins, des Scheinbaren, gegen über der es eine Theorie des Wahren und Wirklichen zu unterscheiden galt. Martin Heideggers Vorwurf an Husserl, dass der Mensch selbst nicht in der phänomenologischen Epoche beschrieben werden könne, da gerade dann von dessen Existenz abgesehen werde, welche den Menschen als solchen erst ausmache. Durch die von Heidegger vollzogene Wende der Phänomenologie wurden schließlich die ontologischen Voraussetzungen für Gadamers Weiterführende Betrachtungen geliefert, wie dieser in Wahrheit und Methode festhält. Vgl. Gisbert Hoffmann: Heideggers Phänomenologie. Bewusstsein - Reflexion - Selbst (Ich) und Zeit im Frühwerk, Würzburg 2005. S. 147-148; Vgl. Donatella Di Cesare: Gadamer. Ein philosophisches Porträt, Tübingen 2009, S. 99.

22 Vgl. Gadamer: Wahrheit und Methode, Tübingen 2010, S. 148.

23 Vgl. Kai Hammermeister: Hans-Georg Gadamer, München 20062, S. 42.

24 Vgl. Gadamer: Wahrheit und Methode, Tübingen 2010, S. 113-114.

25 Vgl. Thomas Lange: Das bildnerische Denken Philipp Otto Runges, München 2010, S. 28.

26 Vgl. Gadamer: Wahrheit und Methode, Tübingen 2010, S. 141.

27 Vgl. Ebd. S. 145.

28 Ebd.

29 Die Emanation (lat.“ emanare“ / „emanatio“, dt. „ausfließen“, „ausströmen“ / „Ausfließen“, „Hervorgehen“) bezeichnet in metaphysischen und kosmologischen Modellen das „Hervorgehen“ von etwas aus seinem Ursprung, der es aus sich selbst hervorbringt. Der Begriff bezeichnet zudem in der Gnosis und im Neuplatonismus das Verhältnis von Gott bzw. dem Einen zum übrigen Seienden. Bei der Vostellung der „Emanation“ wird metaphorisch an die Vorstellung des Ausfließens von Wasser aus einer Quelle oder der Lichtausstrahlung aus einer Lichtquelle angeknüpft. Bei Plotin steht an der Spitze eines hierarchisch gestaffelten Alls, als das so genannte Eine. Ihm nachgeordnet auf der Leiter der Hypostasen steht als die zweite Stufe das Denken (nous ). Dem Denken folgt als nächste Hypostase die Weltseele, ihr nachgeordnet sind die Einzelseelen. Am entgegengesetzten Ende liegt die Materie, das absolut Nichtseiende und Qualitätslose. Vgl. Arthur Richter: Über Leben und Geistesentwicklung des Plotin. Neu-platonische Studien, Mainz 1867, S. 47.

30 Gadamer: Wahrheit und Methode, Tübingen 2010, S. 145.

31 Vgl. Thomas Bettendorf: Hermeneutik und Dialog. Eine Auseinandersetzung mit dem Denken Hans -Georg Gadamers, Frankfurt a. M. 1984, S. 187.

32 Gadamer: Wahrheit und Methode, Tübingen 2010, S. 448.

33 Der Begriff „Logos“ (altgr. „lógos“ dt. „Rede“, „Sprache“, „Gedanke“, „Sinn“, „Rechenschaft“) wird oftmals im Sinne von Wort und Rede, sowie auch deren Sinngehalt verwendet. Er bezeichnet aber auch das geistige Vermögen des Ausdrucks bzw. des „Sich-Zeigens“. wie auch ferner ein allgemeineres Prinzip einer Weltvernunft oder eines Gesamtsinns der Wirklichkeit. So kommt es, dass der „Logos“ bei Aristoteles auch zur spezifischen Differenz der Definition des Menschen wird altgr. „zoon logon echon“ = dt. „das den „Logos“ habende Lebewesen.“ Vgl. Friederike Rese: Praxis und Logos bei Aristoteles. Handlung, Vernunft und Rede in Nikomachischer Ethik, Rhetorik und Politik, Tübingen 2003, S. 33-34.

34 Gadamer: Wahrheit und Methode, Tübingen 2010, S. 449.

35 Ebd. S. 477.

36 Vgl. Ebd. S. 477.

37 Vgl. Donatella Di Cesare: Gadamer. Ein philosophisches Porträt, Tübingen 2009, S. 60.

38 Vgl. Gadamer: Wahrheit und Methode, Tübingen 2010, S. 130-131.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Frage nach der „Seinsvalenz des Bildes“ in Hans-Georg Gadamers "Wahrheit und Methode"
Untertitel
Die inhärente Kraft von Bild und Sprache
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
30
Katalognummer
V458087
ISBN (eBook)
9783668898813
ISBN (Buch)
9783668898820
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frage, seinsvalenz, bildes, hans-georg, gadamers, wahrheit, methode, kraft, bild, sprache
Arbeit zitieren
Lucius Müller (Autor), 2015, Die Frage nach der „Seinsvalenz des Bildes“ in Hans-Georg Gadamers "Wahrheit und Methode", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458087

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