Giordano Brunos Aschermittwochsmahl. Die naturphilosophische Durchdringung eines unendlichen Universums


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

38 Seiten, Note: 1,0

Lucius Müller (Autor)


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Giordano Brunos Vorwort zum Aschermittwochsmahl
2.1 Giordano Bruno iiber die Intension seines Werkes
2.2 Giordano Bruno iiber die Themen der einzelnen Dialoge

3. Giordano Brunos Kritik am Habitus des zeitgenossischen Ge1ehrtentums
3.1 Giordano Bruno als Gegner des iiberheblichen Pedatentums
3.2 Giordano Bruno als Erretter aus der geistigen Misere seiner Zeit

4. Giordano Brunos Position zu der aristotelischen Lehre
4.1 Kritik an der zeitgenossischen aristotelisch-scholastischen Praktik
4.2 Giordano Brunos Ablehnung des aristotelischen des Stufenkosmos
4.3 Auseinandersetzung mit der aristotelischen Elementenlehre

5. Giordano Brunos Position zu den kopernikanischen Erkenntnissen
5.1 Fortfiihrung und Weiterentwicklung von Kopemikus' Kosmologie
5.2 Verteidigung und Auswertung von Kopernikus' Denkleistung

6. We1tseele und Organismusprinzip in der brunianischen Kosmo1ogie

7. Fazit

8. Abbildungsverzeichnis

9. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Vorstellung eines unendlichen Raums in der unsere Welt als verwindet kleiner Punktuntergeht, in dem es kein Anfang und kein Ende gibt, keinen festen Platz fiir den Himmel, keine Holle in der Unterwelt, und die Menschheit bei weitem nicht die einzige intelligente Lebensform darstellt, mag noch heute fiir die meisten Menschen eine Vorstellung sein, die sich nur schwer realisieren Uisst. Doch bereits 1584, erhob der italienische Philosoph Giordano Bruno aus Nola in seinen Dialog La cena de le ceneri diesen bahnbrechenden Gedanken, mit einer unerschiitterlichen Gewissheit im Dienste der wahren alten Philosophie zu stehen und dem Willen der menschlichen Vemunft Fliigel zu verleihen.

Im Rahmen dieser Hausarbeit mochte ich daher der Leitfrage nachgehen, wie sich Giordano Brunos Konzeption des unendlichen Universums, bereits in seinem friihen, italienischen Dialog La cena de le ceneri darstellt und inwiefem Bruno seine Unendlichkeitsthese auf unterschiedlichen Ebenen stark macht. Hierzu habe ich eingehen mit der 1981 erschienenen, deutschen Obersetzung Das Aschermittwochsmahl von Ferdinand Fellmann, gearbeitet. Daneben habe ich das tiefere Verstiindnis von Schliisselaussagen auch in den italienischen Orginaltext Einsicht genommen, in einer digitalisierten Version von 1955 herrausgegeben von Giovanni Aquilecchia, Des Weiteren habe ich auch an einigen Stellen auf die englische Ubersetzung von Stanley L. Jaki aus dem Jahre 1975 zuriickgegriffen.

Zur Verfolgung meiner Leitfrage habe ich eine intensive werkimmanente Analyse verfolgt, wobei ich stets auch den Forschungstand und signifikante werkiibergreifenden Infonnationen zu meinen einzelnen Kapiteln miteinzubeziehen. Ich bin bei meinen Nachforschungen weitgehend systematisch Vorgegangen, habe der Argumentationsstruktur des Werkes soweit es fiir das Verstiindnis notwendig ist gefolgt.

Den Einstieg in die Betrachtung dieser Arbeit bildet eine Analyse von Giordano Brunos Vorwort zum Aschermittwochsmahl. Hierin werden zunachst die Aussagen untersucht, die Aufschluss iiber die Intension des Werkes geben, welches m semer Darstellungsweise eine immense Vielschichtigkeit an den Tag legt. Danach folgt eine kurze Rekonstruktion der einzelnen Dialoge und deren Haupthesen.

Nach diesem Einstieg soil Giordano Brunos kritische Haltung gegeniiber dem Habitus des zeitgenossischen Gelehrtentums werkimmanent beleuchtet werden. Hierbei wird einerseits dargelegt, wie Bruno mit rhetorischen Mitteln dem Pedatentum und dem ungebiihrlichen Verhalten seiner Umgebung dem Kampf ansagt. Andererseits soil aber auch aufgezeigt werden, inwiefem er an die menschliche Vemunft appelliert, in der Hoffnung die Misere seiner Zeit, mittels seiner revolutioniiren Erkenntnisse, zu beenden und die allgemeine Umnachtung entgiiltig aufzuklaren.

Daneben bildet die Erorterung von Giordano Brunos Position zur aristotelischen Lehreeinen Schwerpunkt dieser Arbeit. Zunachst soU hierbei seine Kritik an der zeitgenossischen Praktik aristotelisch-scholastischer Gelehrter dargelegt werden, da er in ihr ein groBes intellektuelles Obel sieht. Im Weiteren soU Giordano Brunos Ablehnung des aristotelischen des Stufenkosmos thematisiert werden, wobei es das Ziel ist einzelne Gegenargument der brunianischen Kosmologie aus dem Aschermittwochsmahl heraus zu arbeiten. AnschlieBend kommt Brunos Auseinandersetzung mit der aristotelischen Elementenlehre zur Sprache, der die brunanische Konzeption der Einheit und Homogenitat des Weltalls entgegengesetzt wird.

Danach folgt das Krenthema der im Aschermittwochsmahl hitzig diskutierten kopernikanischen Erkenntnisse. Hierbei wird zunachst analysiert inwiefem Giordano Bruno sich selbst, als Fortfiihrer und Weiterentwickler von Kopernikus' Kosmologie ansieht, und inwiefern er sich von dieser abgrenzt. Zudem soli untersucht werden, ob in Brunos Dialog eine gezielte Verteidigung und Auswertung von Kopernikus' Denkleistung zustande kommt, und inwiefem diese als Basis fiir seine eigene naturphilosophische Durchdringung des Universums dient.

Den Abschluss bildet eine kurze Beleuchtung des bruniansichen Weltseele- und Organismusprinzips. Hierbei werden die revolutionaren Gedanken dieses Friihwerks zu Themen wie aufierirdischem Leben, Beseeltheit der Himmelskorper, Unsterblichkeit und Wandel als seienden und Ausblicke aufkommende Werke angeschnitten.

Das Fazit soli ein Resiimee dariiber ziehen, was diese behandelten Aspekte iiber Giordano Brunos kosmologische Unendlichkeitsthese offenbaren. Zudem soli es zur Reflektion dienen, inwiefem die Erkenntnisse aus Giordano Brunos Cena de le ceneri die Wissenscha:ft beeinflusst haben und vielleicht noch in Teilaspekten das heutige Denken beiflussen.

2.Giordano Brunos Vorwort zum Aschermittwochsmahl

2.1 Giordano Bruno iiber die Intension seines Werkes

Giordano Brunos Einleitungsschreiben zum Aschermittwochsmahlliefert einen ersten Zugang zu den komplexen Gedankengangen des Werks und ermoglicht es die argumentative Gliederung der darin enthaltenen Dialoge besser nachvollziehen zu konnen. Bruno eroffnet in einige signifikante Aspekte zur Intension seines Werkes und den thematisierten Inhalten. Er geht darin unter anderem auch auf die Umstande ein, unter welchen der Dialog zustande kam, sowie auch auf seine spezifische Vorgehensweise beim Verfassen des Werkes.

Dem eigentlichen Einleitungsschreiben wurde ein Gedicht vorangestellt mit dem Titel ,,ALMAL CONTENT0"1 zu Deutsch ,Dem Unzufriedenen". Besagtes Gedicht Uisst sich, wenn auch mit humorvollem Anklang, als Wamung Giordano Brunos auffassen, welche sich gegen diejenigen richtet, die den lrrtum verbreiten.2 Das Einleitungsschreiben selbst wurde Michel de Castelnau gewidmet, dem franzosischen Botschafter am koniglichen Hof von England.3 Dieser wird von Bruno achtungsvoll als ,1'unico refugio de le Muse"4 bezeichnet, zu Deutsch,die einzige Zuflucht der Musen".5

Der philosophische Dialog handelt von einem Gastmahl, welches zugleich Rahmen und Anlass der weiteren Diskussion bildet.6 Das mit seinem Dialog dargebotene Mahl wird von Bruno im Vorwort genauer speziflziert. Hierzu bedient er sich einer kontrastreichen Fiille von Vergleichen und literarischen Verweisen,7 wobei einem insbesondere Brunos Anspielungen auf Positionen verschiedener philosophischer Schu1en ins Augenmerk fallen.

So wird von Bruno unter anderem versprochen, dass es beim Mahl nicht an Gelegenheit mangeln soli, urn ,Sophist mit Aristoteles und Philosoph mit Pythagoras, lachend mit Demokrit und weinend mit Heraklit''8 zu werden. Des Weiteren in Aussicht gestellt: ,Wenn lhr mit dem Peripatetikern gerochen, mit dem Pythagoreem gegessen und mit den Stoikem getrunken habt, bliebt Euch immer noch etwas [...] zu saugen iibrig"9 und ,wenn lhr den Knochen zerschlagt und das Mark herauszieht, werdet lhr auf Dinge stoBen, die selbst [...] das Schweigen eines Kirchhofs brechen wiirden."10 Mit dieser Ausziihlung stellt sich Bruno selbst an das Ende einer Reihe von Denkleistungen anderer Philosophen, die er schlieBlich fiir sich beansprucht, zur Vollendung zu bringen. Neben der Betrachtung und Kritik von Gedankengut anderer philosophischer Schu1en, sind es schlieBlich erst die Erkenntnisse des ,Nolaners"11 sprich Giordano Brunos ureigene, welche die Essenz seines Werks ausmachen. Er erhebt bereits an dieser Stelle des Vorworts fiir sich als Philosoph den Anspruch, den Dingen als erster wahrhaft auf den Grund zu gehen, und sie gewisserma.Ben auf Mark und Bein zu durchdringen. Diese selbstbewusste Position zu den Erkenntnissen eigenen der philosophischen Lehre, sowie auch eine gewisser Hang zu ironisierender Polemik was seiner Gegner betrifft, sind fiir Giordano Brunos Schriften als charakteristisch anzusehen,12 und zeichnen auch seinen Schreibstil im Aschermittwochsmahl aus.

Wie im Weiteren genauer bestimmt wird, ist der Anlass fiir den vorliegenden Dialog ein Abendmahl, welches von dem Gastgeber Fulk Greville auf den Aschermittwoch gelegt wurde,13 urn Giordano Bruno eine Gelegenheit zu bieten, seine Argumente zur Erdbewegung vorzutragen. Der Aschermittwoch ist in der christlichen Tradition ein Tag des Gedenkens und der Bu.Be, der fiir den Beginn der Fastenzeit steht.14 Insbesondere in Verbindung mit dem einleitenden Gedicht, Uisst sich vor diesem Hintergrund erahnen, dass das Zusammentreffen auf gewisse Weise im Zeichen der Bu.Be stehen konnte.

Zu den Inhalten seines Dialogs halt Bruno fest, dass der Leser wahrend er dem historischen Sinn Beachtung schenkt, auf ,teils geographische, teils rationale und teils moralische Topographien"15 stoBen wird, ,sowie auf teils metaphysische, teils mathematische und teils naturphilosophische Spekulationen."16 Die von Bruno geschildert Vielschichtigkeit bei seiner spekulativen Auseinandersetzung mit der Beschaffenheit des Weltraums, zeichnen ibn in seiner philosophischen Vorgehensweise aus. Anders als nach ihm Galileo Galilei, der auf das neue optische Hilfsmittel eines Fernrohrs zuriickgreifen konnte, war Bruno seinerzeit noch gezwungen, sich allein auf das Auge seiner Vemunft zu verlassen, und seine These zur Unendlichkeit des Universums ausschlieBlich mit intellektuellen Mitteln zu verfechten.17

Zudem stellt Bruno sein Werk, durch das facettenreiche Zusammenspiel von Themen und Darbietungsweisen gezielt m Kontrast zur Traktatliteratur der zeitgenossischen Schulphilosophie ab.18 Bruno halt dazu gegen Ende seine Vorrede erganzend fest, dass auch wenn in dem vorliegenden Dialog sehr viele Dinge aneinandergereiht wurden, und .,es darin keine Wissenschaft gibt, die nicht darin vertreten ist"19 zu bedenken sei, dass es sich dabei urn einen historischen Dialog handele und darin nichts grundlos vorgetragen wiirde.20

Wie Giordano Bruno zu Beginn erlautert, enthlilt sein Werk fiinf Dialoge, fiir vier Gespriichspartner, mit drei Betrachtungen, iiber zwei Gegenstiinde.21 Die Gesprachspartner, tragen die Namen Smith, Teofilo, Prudenzio und Frulla.22 Smith Hisst sich als verstiindiger und wissenschaftlich interessierten Zuhorer charakterisieren, der mit seinen Fragen versucht das Gesprach voran zu treiben. Teofilo, der Philosoph, iibernimmt die leitende Rolle im Dialog, da er iiber Wissen verfiigt, das die anderen Gesprachspartner nicht besitzen.23

Prudenzio, der Pendant Teofilos, ist seinerseits ein Vertreter der aristotelischen-scholastischen Schule. Er ist als die von Art von pedantischem Humanisten zu charakterisieren, die sich hauptsachlich durch das gehaltlose AuBern von lateinischen Zitaten, etymologisch Betrachtung und grammatische Spitzfmdigk:eiten hervorzutun versucht.24 Frulla, der Schiller Prudenzios, spricht oftmals uniiberlegt und sehr direkt. Er ist von Wesen recht flatterhaft und wirkt insbesondere zu Beginn des Werks eher einfaltig in seinem Eifer Meister Prudenzio zu beindrucken.

2.2 Giordano Bruno iiber die Themen der einzelnen Dialoge

Wie von Bruno Anfangs angekiindigt soil in seiner Vorrede die vollstiindige Absicht der Dialoge dargelegt werden,25 hierbei geht er systematisch in der Reihenfolge der Dialoge vor, die Hauptthematik der einzelnen Dialoge zu schildern.

Im ersten Dialog werden zwei Manner vorgestellt, deren Namen sich fiir den Verstehenden selbst erklaren26 und es wird urn ihretwillen die Reihe der Zweizahl gefeiert. Diese Reihe der Zweizahl enthalt die Schliisselbegriffe der spater thematisierten Inhalte des Werks. Bruno behandelt in diesem Dialog der Zustand ,della ritrovata, et riparata filosofia"27 zu Deutsch ,der wiederentdeckten und wiederhergestellten Philosophie"28 AuJ3erdem dient der Dialog dazu, zu untersuchen wie viel Lob Kopernikus gebiihrt, und welche Friichte die Philosophie des Nolaners im Vergleich zu den anderen tragt.29

Im zweiten Dialog beschreibt Bruno den urspriinglichen Anlass des Zusammentreffens an besagtem Aschermittwoch. Es werden darin die Schritte und Wege dorthin auf eine Weise beschrieben, von der Bruno selbst sagt, dass man sie ,eher ffir poetisch oder gar allegorisch als ffir rein historisch halten wird".30 Er raumt hierzu ein, sich beim Verfassen dieses Dialogs in eine moralische Topagraphie verloren zu haben, dies macht den zweiten Dialog literarisch hochst interessant, ffir die konkreten Inhalte der burnanischen Kosmologie allerdings weniger ergiebig. Seine Vorgehensweise hierbei vergleicht Bruno mit der eines kunstfertigen Maiers. Er spricht in diese Zusammenhang iiber das Ausschmiicken mit Naturelementen, Flora und Fauna, beim Schaffungsprozess eines gelungenen Gesamtbilds. Die von ihm benutzen Ausdriicke wie ,Vogel", ,Esel", ,,Hirsch" und ,Schwein", scheinen aufniederes moralisches Verhalten von Menschen zu verweist, insbesondere da auch von individuellen Gesichtsausdriicken und Gebarden die Rede ist. Der Dialog endet mit der Ankunft bei Herrn Fulk Greville.31

Der dritte Dialog gliedert sich, gema.B der Abzahlt von Dr. Nundinios Behauptungen, in fiinf Teile. Der erste Teil handelt von der Notwendigkeit der einen oder anderen Sprache. Den zweiten Teil nutzt Bruno dazu zu erkHiren, was Kopernikus seiner Ansicht nach wirklich sagen wollte, und liefert damit ,die LOsung zu einem gewichtigen Zweifel iiber die Himmelsphanomene"32 Er soil zudem die Nichtigkeit aller bisherigen Bemiihungen aufzeigen, die Perspektiviker und Optiker unternommen haben urn, die GroBe leuchtender Himmelskorper zu bestimmen, und stattdessen eine neue und sichere Lehre anbieten. 33 Der dritte Teil enthlilt Feststellungen zur Konsistenz der Weltk:orper. Es soU darin aufgezeigt werden, dass das Universum unendlich ist, weshalb es laut Bruno als vergeblich ist im All, analog zu einem Einzelkorper, Mittelpunkt und Umfang zu suchen. 1m vierten Teil mochte Bruno aufzeigen, dass die Materie unserer Welt der Materie anderer Welten entspricht. Zudem geht er davon aus, dass es sich bei allen Gestimskorpem urn ,animali intellettuali"34 handelt, zu Deutsch urn ,vernunftbegabte Wesen", und dass dariiber hinaus jedem dieser Korper ebenso viele einfache und zusammengesetzte Einzelwesen Ieben wie auf der Erde.35

Der fiinfte Teil soil schlieBlich die Nichtigkeit zweier Uberzeugungen offenlegen, die Aristoteles und andere blind fiir die Erdbewegung gemacht haben. Die Erdbewegung ist Bruno zufolge eine Notwendigkeit, da er in ihr die Grundlage zur ErschlieBung vieler Geheimnisse der Natur verborgen sieht.36

Der vierte Dialog soil darlegen, wte aile Theologischen Griinde und Einwande beantwortet werden konnen, die man versuchen konnte, gegen die burnanische Philosophie zu erheben. 1m Zuge dieses Dialogs versucht Bruno zu beweisen, dass seine Philosophie ,der wahren Theologie entspricht, und es wert ist, von den wahren Religionen gutgehei.Ben zu werden."37 Hierbei ist der verwendete Plural ,le vere religioni"38 auffa.Ilig, zu Deutsch ,die wahren Religionen", da dieser nahelegt, dass Bruno die Koexistenz mehrerer wahrer Religionen in Erwagung zieht. Der restliche Dialog berichtet iiber das Gesprach mit Dr. Torquato, welches von Bruno als ganzlich fruchtlos beschrieben wird. Dr. Torquato wird im Vergleich zu Dr. Nundinio als noch weitaus unfahiger, unverschamter und arroganter kritl.SI'ert. 39

1m fiinften Dialog soil laut Bruno bewiesen werden, dass die Himmelskorper ihren Bediirfuissen entsprechend frei in der Atherregion verteilt sind, und nicht in der sogenannten achten Sphare, dem Fixsternhimmel, mit immer gleicher Entfernung zum Mittelpunkt gefangen sind. Es wird in diesem Dialog ausgefiihrt, dass es nicht nur ,sette erranti corpi"40 gibt, zu Deutsch ,sieben Wandelsterne"41, sondern noch unziihlige andere. Bruno stimmt den ,wahren alten Philosophen"42 zu, die besagten Himmelskorpem die Bezeichnung ,aethera" gaben, was zu Deutsch gleichbedeutend mit Laufer ist, da er die Uberzeugung vertritt, dass es wirklich die Korper an sich sind, die sich bewegen, und keinesfalls irgendwelche erdichteten Himmelsspharen.43 Zudem geht Bruno davon aus, dass diese Bewegungen notwendigerweise einem inneren Prinzip entspringen, was aus der ,eigenen Natur und Seele der Korper'44 hervorgeht. Er setzt voraus, dass ,jede natiirliche Bewegung sich der kreisformigen urn den eigenen oder einen anderen Mittelpunkt nahert."45 Dariiber hinaus versucht er die Notwendigkeit von vier verschiedenen Arten der Erdbewegung aufzuzeigen, die sich alle in einer zusammengesetzten Bewegung vereinen, und fiir alle der Erde ahnlichen Korper zutreffen.

Es scheint Bruno, neben der Zusammenfassung der einzelnen Dialoginhalte, zudem wichtig anzumerken, class man ihn nicht fiir tadelnswert halten soU, weil er einen solch gewichtigen und wiirdigen Gegenstand auf ,solchen K.leinigkeiten und solch unwiirdigem Grund"46 aufbaut, wie er ihm von den betreffenden Doktoren geliefert wurde. Er sieht darin,wie er deutlich unterscheidet, nur den Anlass, nicht aber clas Fundament seiner Betrachtung. 47

3.Giordano Brunos Kritik am Habitus des zeitgenossischen Gelehrtentums

3.1 Giordano Bruno als Gegner des iiberheblichen Pedatentums

Mitunter aufgrund der unerfreulichen Erfahrungen die Giordano Bruno in England machen musste, spart er in seinem Aschermittwochsmahl nicht an Kritik, sowohl was den Habitus der zeitgenossischen Gelehrten betrifft, als auch beziiglich des allgemeinen Geisteszustands seiner Zeit.

So gUinzen die, Oxforder Doktoren Nundinio und Torquato, die zu Beginn des ersten Dialoges zur Sprache gebracht werden, nicht durch ihre Gelehrsamkeit und guten Sitten, sondem nur durch prunkvolle Aufmachung. Der humorvolle Verweis, class besagte Doktoren sowohl Geschmack am Griechischen hlitten, wie auch am Bier,48 nimmt Bezug auf clas zeitgenossische Pedantentum. Bruno kritisiert die seinerzeit gangige Praktik, Reden mit griechischen und lateinischen Aussprii.chen auszuschmiicken, wo es an eigentlichem Sinngehalt mangelt, und sich stattdessen mit sprachlichen Haarspaltereien aufzuhalten. Als Musterbeispiel fiir ebenjene Vorgehensweise dienen zahlreiche Aussagen Prudenzios.

Pedantische Selbstdarstellung, anstelle wahrer Wissenschaftlichkeit, ist aber nicht das Schlimmste, was Giordano Bruno dem zeitgenossischen Gelehrtentum vorwirft. Wie viel Torheit, Rohheit und Lasterhaftigkeit er insbesondere bei Englands Gelehrten erleben musste, geht deutlich aus den Ausfiihrungen fiber die Disputation bei Herrn Fulk Greville hervor. Trotz der Bitte des Nolaners, ihn nicht mit unwiirdigen, ungesitteten Leuten zusammenzubringen, die ,,nichts von solchen philosophischen Erorterungen verstehen"49 50

Grevilles Versprechen nur die gesittetsten und gelehrtesten Manner Englands aussuchen,51 Bruno zufolge, tiel die Disputation des Aschermittwochsmahls, jedoch mehr als enttiiuschend aus.

Den dritten Dialog Uisst Bruno mit der Frage beginnen, ob der Nolaner Englisch spreehe. Dies habe er verneint, da sein Verstiindnis, trotz einjiihrigem Aufenthalt in England, nicht iiber einige alltiigliche Worte und BegriiBungsformeln hinausgehe. 52 Warum er nicht viel Wert auf die englische Sprache legt, wird von Bruno, zum einen damit begriindet, dass Englisch auf dieser Insel gesprochen wiirde, und die meisten Adligen, mit denen er sich zu unterhalten pflegt, noch eine weitere Sprache, wie Franzosisch, Spanisch und Italienisch, beherrschen. Zum anderen gabe es, wie Bruno anmerkt, auch viele Edelleute, die nur durch Geburt adlig sind, und bei denen es nur von Vorteil sei, wenn man sie nicht verstehe, und dariiber hinaus am besten auch gar nicht sehe.53 Ganz in diesem Sinne verfasst Giordano Bruno seine Londoner Dialoge54 fast ausschlieBlich auf ltalienisch und nicht in der Landessprache Englisch. 55

1m vierten Dialog wird die Unterredung mit Dr. Torquato geschildert. Als diesem die Gegenargumente ausgingen, auBerte er den lateinischen Ausspruch ,,Ad rem, ad rem, ad rem", darauf antwortete der Nolaner korrigierend, es miisste heiBen ,ista sunt res, res, res" heiBen

under habe etwas ,ad rem" zu erwidem. Davon emport entgegnete Torquato beleidigend ,Anticiram navigat"56 eine Redensart die den Adagia57 des Erasmus von Rotterdam entspringt, zu Deutsch ,Er segle nach Antikyra", was so viel bedeutet, wie der betreffende miisse von seinem Wahnsinn kuriert werden.58 Bruno kritisiert dieses Verhaltensmuster als verstockteste pedantische Unwissenheit, gepaart mit baurischer Unhoflichkeit, bei der selbst Jupiter seine Geduld einbiiBen wiirde.59

[...]


1 Giordano Bruno: La cena dele ceneri. Edizione eli riferimento. A cura di Giovanni Aquilecchia, Torino 1955, S. 2. (http://www.letteraturaitaliana.net/pdf7Volume_5/t109.pdf; Stand: 04.10.2014, 20:25 Uhr.)

2 Vgl. Giordano Bruno: Das Aschermittwochsmahl. Ubersetzt von Ferdinand Fellmann. Mit einer Einleitung von Hans Blumenberg, 1981 Frankfurt a.M., S.65.

3 Michel de Castelnau, 1520-1592, war Botschafter von Konig Heinrichs III. in England am Hof der Konigin Elisabeth von England. Bruno wohnte im Hause Castelnaus wiihrend seines Aufenthaltes in England vom Friihjahr 1583 his zum Oktober 1585, worauf auch diese Bezeichnwtg als ,die einzige Zuflucht der Musen" anspielt. Vgl. Giordano Bruno, Thomas Leinkauf: De la causa, principio et uno, Hamburg 2007, S. 269.

4 Giordano Bruno: La cena dele ceneri, Torino 1955, S. 1. (Stand: 04.10.2014, 20:30 Uhr.)

5 Giordano Bruno:Das Aschermittwochsmahl, 1981 Frankfurt a.M., S. 63.

6 Giordano Bruno verpackt seine Einschatzung der Londoner Gesellschaft auf satirische Weise in einem zu London stattfindenden Gastmahl, das genau genommen nicht wirklich zustande kommt, Wld deswegen in anderer Gestalt im ersten Dialog von De Ia causa, principia et uno nochmals abgehalten wird. Vgl. Giordano Bruno, Thomas Leinkauf: De la causa, principio et wto, Hamburg 2007, S. LXIV.

7 Vgl. Giordano Bruno: Das Aschermittwochsmahl, 1981 Frankfurt a. M, S. 69.

8 Ebd., S. 69.

9 Ebd., 8.69.

10 Ebd., 8.69-70.

11 Bruno bezeichnet sich selbst an zahlreichen Stellen des Aschermittwochsmahls als den Nolaner, womit er auf seinen Geburtsort Nola in Neapel anspielt. Zugleich venneidet damit sich selbst direkt zu benennen, was ibm erm()glicht rhetorisch einen gewissen Abstand zur eigenen Person einzunehmen.

12 Vgl. Angelika Bonker-Vallon:Metaphysik und Mathematik bei Giordano Bruno, Berlin 1995.S. 1.

13 Giordano Bruno: Das Aschennittwochsmahl, 1981 Frankfurt a.M., S.70.

14 Vgl. Dietz-Riidiger Moser: Briiuche und Feste im christlichen Jahreslauf. Brauchfonnen der Gegenwart in kulturgeschichtlichen Zusammenhiingen. Graz 1993. S.156

15 Giordano Bruno: Das Aschennittwochsmahl, 1981 Frankfurt a.M., S. 70.

16 Ebd., S. 70.

17 Angelika Bonker-Vallon: Giordano Bruno lesen. Hinweise von Angelika Bonker-Vallon,. (http://www.information-philosophie.dena=1&t=7205&n=2&y=1&c=49; Stand: 18.02.2015, 15:1OUhr)

18 Vgl., Giordano Bruno: Das Aschermittwochsmahl, 1981 Frankfurt a. M., S. 224.

19 Ebd., S.75.

20 Vgl., Ebd., S.75.

21 Vgl. Ebd., S. 63.

22 Zur Namensbedeutung der einzelnen Dialogpartner, Vgl. Giordano Bruno, Edward A. Gosselin, Lawrence S. Lerner: The Ash Wednesday Supper, Toronto 1977. S. 100-103.

23 Wie im Laufe des Dialogs ersichtlich wird, handelt es sich bei Teofilo und dem Nolaner um dieselbe Person. Giordano Bruno tritt somit in seinem Werk in dreifacher Form zu Tage, einmal als aktiv beteiligter Gespriichspartner, einmal als Gespriichsgegenstand, und als der Verfasser der Werks.

24 Vgl. Giordano Bruno: Das Aschermittwocbsmahl, 1981 Frankfurt a. M., S. 224.

25 Ebd., S.63.

26 Die zwei Manner treten im spateren Verlauf des Dialogs mit den Namen ,,Dr. Nundinio" und ,,Dr. Torquato" auf. Der Name ''Nundinio" ist moglicherweise eine Anspielung auf John Underhill (c.1545-1592), Kaplan von Konigin Elizabeth I., ab 1589 Bischof von Oxford. Der Name "Torquato" verweist moglicherweise auf George Turner (1569-1610), der mit dem Royal College ofPhysicians in Verbindung stand. Vgl. Giordano Bruno: The Ash Wednesday Supper. La Cena de Le Ceneri. Translated with an Introduction and Notes by Stanley L. Jaki. Paris 1975.S.44.

27 Giordano Bruno: La cena dele ceneri, Torino 1955, S.4. (Stand: 05.10.2014,18:15Uhr.)

28 Giordano Bruno: Das Aschermittwochsmahl, 1981 Frankfurt a.M., S.71.

29 Vgl. Ebd., S. 71.

30 Ebd., S.71.

31 Vgl. Ebd., S.71-72.

32 Ebd., S. 72.

33 Vgl. Ebd., S.72.

34 Giordano Bruno: La cena dele ceneri, Torino 1955, S.4. (Stand: 12.10.2014,19:20Uhr.)

35 Vgl. Giordano Bruno: Das Aschermittwochsmahl, 1981Frankfurt a.M., S.72.

36 Vgl. Ebd., S.72-73.

37 Ebd., S. 73.

38 Giordano Bruno: La cena dele ceneri, Torino 1955, S.4. (Stand: 12.10.2014,19:25Uhr.)

39 Vgl. Giordano Bruno: Das Aschermittwochsmahl, 1981Frankfurt a.M., S.73.

40 Giordano Bruno: La cena dele ceneri, Torino 1955, S.7. (Stand: 12.10.2014,20:30Uhr.)

41 Giordano Bruno: Das Aschermittwochsmahl, 1981 Frankfurt a.M., S.74.

42 Ebd., S.74.

43 Vgl. Ebd., S.73.

44 Ebd., S.74.

45 Ebd., S.74.

46 Ebd., S.76.

47 Vgl. Ebd., S.76.

48 Vgl. Giordano Bruno: Das Aschermittwochsmahl, 1981Frankfurt a. M, S. 81.

49 Ebd., S. 110.

50 1m Italienischen Originaltext lautet die Formulierung ,poco intendenti in simile speculazioni"; GiordanoBruno: La cena dele ceneri, Torino 1955, S.l. (Stand: 19.10.2014, 22:22 Uhr.). Dies heil3t wortlich iibersetzt ,wenig verstiindig in derartigen Spekulationen", womit zum einem das Element des Spekulativen starker hervorgehoben wird, und zum anderen offen gelassen wird, ob es sich urn rein philosophische Spekulationen handelt.

51 Vgl. Giordano Bruno: Das Aschermittwochsmahl, 1981Frankfurt a.M., S.110.

52 Ebd., S.llO.

53 Vgl. Ebd., S.135-136.

54 AuBer Brunos Schrift iiber die DreiBig Sigel veroffentlichte Bruno in London ausschlieBlich ,,Dialoge in italienischer Sprache: Das Aschermittwochsmahl, Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen, Vom Unendlichen, Universum und den Welten, Vertreibung der triumphierenden Bestie, Kabale des Pegasischen P ( erdes , Heroische Leidenschaften." Paul Richard Blum:Giordano Bruno, Miinchen 1999. S. 42.

55 Als Mark.etingtrick des Druckers, wurde als falscher Erscheinungsort fiir Brunos Werken Venedig angegeben, da ltalien Mode am Hofwar und der gebildete Adel vomehmlich ltalienisch sprach und las. Vgl. Ebd. S. 42.

56 Giordano Bruno: Das Aschermittwochsmahl, 1981 Frankfurt a.M., S. 182.

57 Bei den Adagia des Erasmus von Rotterdam handelt es sich um eine Sammlung und Kommentierung antiker Sf,richw<>rter, Redewendungen und Redensarten

58 Die ehemalige Stadt Antikyra im Golf von Korinth war beriihmt fiir ihren schwarzen Nieswurz, ein Kraut, mit dem man angeblich Wahnsinn kurieren konnte. Diese Redewendung wurde hiiufig als Anspielung aufjemandes Geisteszustand benutzt. Auch in der Ars poetica nennt Horaz diese Arznei. Vgl. Horaz:Ars poetica, Vers 300 ,tribus Anticyris caput insanabile", zu Deutsch ,der auch durch dreifache Nieswurzanwendung unheilbare Kopf''.

59 Vgl. Giordano Bruno: Das Aschermittwochsmahl,1981Frankfurt a. M., S. 183.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Giordano Brunos Aschermittwochsmahl. Die naturphilosophische Durchdringung eines unendlichen Universums
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
38
Katalognummer
V458090
ISBN (eBook)
9783668877382
ISBN (Buch)
9783668877399
Sprache
Deutsch
Schlagworte
giordano, brunos, aschermittwochsmahl, durchdringung, universums
Arbeit zitieren
Lucius Müller (Autor), 2016, Giordano Brunos Aschermittwochsmahl. Die naturphilosophische Durchdringung eines unendlichen Universums, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/458090

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